Wir liberalen Demokraten dürfen den Radikalen nicht den wichtigsten Debattenort unserer Zeit überlassen: das Social Web (frei nach Thomas Knüwer)

Als es bei mir im Dezember innerlich brodelte und ich scheinbar vor Robert Habeck darüber nachdachte, ob ich denn WhatsApp, Instagram und Facebook weiter nutzen sollte, hatte es andere Gründe: Die Datenschutzpraktiken von Facebook erscheinen mir unakzeptabel. Trotz Anhörungen vor diversen Institutionen wurde an den Praktiken offensichtlich nicht wirklich viel geändert. Nach den Enthüllungen der New York Times habe ich dann den Stecker gezogen.

Also ehrlich gesagt, einen Stecker könnte ich wieder einstecken, denn mein Facebook-Konto ist deaktiviert und nicht final gelöscht. Der oft unterbrochene Kontakt mit Freunden und Bekannten weltweit, die vermutete Bedeutung von Facebook als Multiplikator in sozialen Medien und die wenn auch kleine Hoffnung, dass sich was ändern könnte, sind der Grund dafür. Kartellamtschef Andreas Mundt scheint ja auch entschlossen und überzeugt zu sein, Datenschutzforderungen gegen Facebook durchsetzen zu können.

Jetzt bewegt der „Hackerangriff“ auf Politiker und Prominente die Medien. Wie bemerkt der Spiegel korrekt: „Der treffendere Begriff, für das was geschehen ist, lautet „Doxing“. Doxing steht für das Öffentlichmachen von Daten über Personen – meist mit dem Ziel, ihnen zu schaden oder sie angreifbar zu machen.“ Und heute morgen wurde dann auch ein Tatverdächtiger verhaftet. Warten wir ab, was dabei herauskommt, ob es wirklich nur ein Einzeltäter war und viele der Säue, die durch das Dorf getrieben wurden, ebensolche waren.

Bedenklich ist das Geschehen auf jeden Fall und der einzig positive Seiteneffekt könnte sein, dass sich viele Politker/innen, Prominente und Bürger/innen mit dem Thema Datenschutz beschäftigen und über Passwörter, 2-Faktor-Authentifizierung, regelmässige Updates und gesundes Misstrauen beim Öffnen verdächtiger E-Mails nachdenken. Hier nochmals zwei Links zum Thema:

Das Geschehen hat übrigens auch bei mir gewirkt. Auch ich war hier und das zu lax. un habe ich meine Passwörter fast überall geändert und wo möglich besagte 2-Faktor-Authentifizierung eingerichtet.

Anyway. Twitter stand bei mir übrigens nie zur Disposition. Meine Erfahrungen sind im Gegensatz zu denen von Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck positiv.

Twitter ist, wie kein anderes digitales Medium so aggressiv und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze. Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein — und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen. Offenbar bin ich nicht immun dagegen.

Und ich gebe zu, dass ich froh war, meine Erfahrungen und Beobachtungen immerhin einiger Jahre – ich bin seit Oktober 2008 auf Twitter – von Klaus Eck und auch Thomas Knüwer bestätigt zu bekommen.

Über 90 Prozent der Kommunikation im Social Web sind neutral bis positiv, es gibt so viel häufiger Flauschstürme als Shitstorms. Twitter ist kein Hort der Aggression, sondern ein Ort des Lachens, Liebens, der Kreativität und der Bürgerrechte.

über Robert Habecks Twitter-Rückzug: ein Abbild des Fehlers deutscher Eliten – Indiskretion Ehrensache – Thomas Knüwer

Auch ich habe Twtter nicht als agressives Umfeld erlebt, aber bin – wie ich bei Klaus kommentiert habe – sicherlich nicht in der exponierten Situation eines Robert Habeck, einer Dunya Hayali, aktuell von Nicole Diekmann und anderer Prominenter, die Hasskommentare ertragen müssen. Nun schreiben beide, Klaus und Thomas, die ja auch Unternehmen im Bereich Social Media beraten, der Ausstieg von Robert Habeck sei falsch. Als Politiker in dieser Position habe man ein Team, das einem schütze und die sozialen Konten betreue. Es sein ein Trugschluss, dass man das noch nebenbei machen könnte.

[Bleibt für uns Emma und Otto Normalsurfer/in die Herausforderung, in Fällen von Hasskommentaren ruhig und besonnen zu reagieren. Ich glaube, dass dies die einzig richtige Reaktion ist und kenne von mir selbst, dass mein Blut zu leicht in Wallung gerät. Also „calm down“, nicht gleich antworten (gilt generell, nicht für Twitter, sondern auch „old-fashioned“ E-Mail) und zur Not Trolle und Deppen blocken. Da haben wir ja das Recht dazu, wie es Sascha Lobo so schön schreibt.]

Kann sich ein Politiker wie Habeck den Ausstieg eigentlich leisten? Er selbst hat geschrieben:

Kann sein, dass das ein politischer Fehler ist, weil ich mich der Reichweite und der direkten Kommunikation mit doch ziemlich vielen Menschen beraube. Aber ich weiß, dass es ein größerer Fehler wäre, diesen Schritt nicht zu gehen.

Zumindest finde ich es mutig, seine Zweifel und “Fehler” öffentlich zu machen. Trotzdem scheint mir der Schritt etwas zu spontan und ich glaube auch, dass wir „Sympathieträger“ wie Habeck, generell die gewählten oder gerne gewählt werden wollenden Politiker in den sozialen Medien brauchen. Gerade weil wir derzeit nicht wissen, wie es mit den sozialen Medien als Bestandteil der politischen Diskussion weiter geht.

Thomas stellt den Austritt von Habeck in seinem Beitrag in einen größeren, meiner Ansicht nach noch wichtigeren Zusammenhang: Das deutsche Bildungsbürgertum drücke sich seit 20 Jahren vor dem Social Web, da es dort anstrengend sei und man seine eigene Filterblase verlassen müsse:

Mit dieser Einstellung haben die liberalen Demokraten in Deutschland der AFD den wichtigsten Debattenort unserer Zeit überlassen: das Social Web

über Robert Habecks Twitter-Rückzug: ein Abbild des Fehlers deutscher Eliten – Indiskretion Ehrensache – Thomas Knüwer

Da ist sicher was dran.

Und jetzt mache ich die Rolle rückwärts zu meiner Stilllegung von Facebook. Wir haben hier zwei Motive, Facebook als einen der führenden Kanäle (und Datenkraken) zu verlassen. Robert Habeck ist wohl eher wegen der Umgangsformen, auch seiner eigenen, in sozialen Medien gegangen. Ich habe Facebook verlassen, weil ich mit den Datenschutzpraktiken nicht einverstanden bin und für mich und mein Umfeld ein entsprechendes Zeichen setzen will. Dabei respektiere ich natürlich die Haltung anderer – wie eines Gunnar Sohns -, der nach dem Stinkbombenprinzip Facebook ausräuchern will.

Ich hoffe immer noch als alter Idealist und Befürworter eines freien Netzes an eine konstruktive Rolle im aktuellen Strukturwandel der Öffentlichkeit.  Zumindest versuche ich meinen Teil beizutragen, auch wenn es derzeit nicht auf Facebook ist.

(Stefan Pfeiffer)

2 Kommentare zu „Wir liberalen Demokraten dürfen den Radikalen nicht den wichtigsten Debattenort unserer Zeit überlassen: das Social Web (frei nach Thomas Knüwer)

  1. Ausräuchern klingt mir etwas zu martialisch. Ich will als Parasit das System ein wenig ärgern. Bin ja nicht größenwahnsinnig.

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