Moro, moro. Ua penduka nawa? #FuerMiliana #Namibia

[Als brave Touristen haben wir beim Besuch eines Himba-Dorfes die Begrüßungsformel gelernt – und ich habe sie wieder vergessen. Kann also gut sein, dass ich mich mit dem Titel lächerlich mache, aber ich bin natürlich für eine Korrektur offen. Ich könnte es aber auch mit unserem Führer Dijongo sagen, der eine Weile in Schleswig-Holstein gelebt hat: Moin, moin, Namibia.]

Unser Freund Gunnar ist gerade in Erinnerung an seine Frau Miliana mit dem E-Bike in Europa unterwegs, um im Sinne von Miliana für Europa und gegen Radikalismus Zeichen zu setzen. Ihr könnt die Reise unter anderem auf seiner Webseite und den Hashtags #FürMiliana oder #FuerMiliana verfolgen. An Miliana und ihn musste ich jetzt in meinem Urlaub in Namibia denken, als wir uns mit unserem Führer Dijongo Zaire unterhielten. Dijongo ist Herero, ein wacher Geist, humorvoll, lebenslustig, immer mit einem Lachen im Gesicht, der eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat, nachdem er aus dem damals unter südafrikanischem Einfluss stehenden Namibia vor dem Wehrdienst geflohen war. Er wollte nach eigener Aussage nicht in die Situation kommen, in Zeiten des Apartheid-Regimes auf seine eigenen Leute schießen zu müssen. Nun ist er schon lange Zeit wieder in seiner Heimat und ist unter anderem als Führer tätig und unterwegs.

Während unserer Reise haben wir einige Namibier mit verschiedenster Wurzeln kennengelernt: Die Himbas oder die Buschbewohner, die San, in zwei Touristendörfern, einige Bedienstete in den Lodges und auch einige Namibier deutscher oder holländischer Herkunft. Wir wurden an die leidvolle Geschichte und dem Dahinschlachten der Hereros, Dijongos Volk, durch deutsche Truppen erinnert. In Katatura, dem „namibischen Soweto“, konnten wir einen kurzen Blick auf die Wellblechhütten und die durch den Staat geförderten und gemeinsam mit den Besitzern im Projekt Build Together gebauten neuen Häuser werfen. Hier sei auch auf entsprechende private Projekte verwiesen. Und wir haben in einem der Privilegiertenviertel, in Klein Windhoek, die komfortablen Häuser der Wohlhabenden gesehen oder sind an den Luxusvillen an der Swakopmunder Strandpromenade vorbeigefahren.

Auf den Knien

Es waren nur flüchtige Begegnungen mit den Menschen in Lodges und für Touristen gebauten Dörfern, an der Tankstelle oder im Supermarkt, aber sie gaben ein Gefühl einer bunten, vielfältigen Gesellschaft. Einer Gesellschaft und Einwohnern, die auch mit ihren Problemen zu kämpfen hat, wie Dijongo zu berichten wusste. Das Land, besser die Menschen in Namibia haben – trotz ständig wachsendem Tourismus und entsprechender Einnahmen, aber auch aller damit verbundenen Probleme – große Herausforderungen vor sich. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Landflucht, vor allem auch Korruption sind neuralgische Punkte. Die ungleiche Verteilung von Land ist eine andere Frage, die angegangen werden muss. Alls das führt derzeit dazu, dass „die normalen Menschen“ nicht mehr stehen, sondern knien. so Dijongo.

Es müsse gerade an den beiden unheilvollen Punkten Korruption und auch Landverteilung angesetzt werden. Dijongo führte das Beispiel Zimbabwe, Robert Mugabe und die dortigen Enteignungen mit den anschließenden Sanktionen durch den Westen an. Es sei in Zimbabwe zu keinem für die große Mehrheit akzeptablem Kompromiss in der Verteilung von Land und damit auch Eigentum gekommen. Der Westen, insbesondere die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien, habe hier nicht mäßigend im Sinne eines Kompromisses eingegriffen, sondern eher die Position der weißen Grundbesitzer verteidigt.

„Wir müssen miteinander reden“

Interessant, diese Perspektive und Wahrnehmung aus einem einheimischen, afrikanischem Mund zu hören. Die westliche Berichterstattung malte mehr das Bild des Dikatators Mugabe, oft ohne auch auf die essentiellen Probleme der Bevölkerung und des Landes einzugehen. Dijongo mahnte gerade auch angesichts dieses Beispiels eine einvernehmliche Lösung für Namibia an, bevor die Mehrheit der Bevölkerung von den Knien mit dem Gesicht in den Sand falle. „Wir müssen miteinander reden“, so seine Aufforderung zu Veränderung und friedlichem Kompromiss.

Für mich klingt das wie eine Stimme der Vernunft. Eine Stimme der Vernunft, die oft viel zu wenig gehört wird. Namibia ist wie auch Deutschland und Europa ein Land mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen und jeweils länderspezifischen Problemen. Statt allenthalben nach radikalen Lösungen zu schreien, muss miteinander vernünftig geredet und nach gangbaren Wegen und Kompromissen gesucht werden. Das ist das, was Dijongo mir einmal mehr an diesem Abend mitgegeben hat. Und hier schließt sich der Kreis zu Miliana, ihren Ideen und der Tour von Gunnar. Derzeit hören wir viel zu sehr die Lautsprecher, die Parolen blöken, brüllen, radikalisieren und deren Weg zur physischen Gewalt nur kurz ist. Das darf, kann und sollte weder in Deutschland, in Europa noch in Namibia der Weg sein.

Zu denken gibt mir etwas, was Dijongo noch gesagt hat. Als wir ihn scherzhaft fragten, warum er nicht in die Politik gehe, antworte er, er sei zu ehrlich dafür. Schauen wir alle in den Spiegel, wie viele von uns auch diese oder ähnliche Aussagen treffen. Ich bekenne mich hier schuldig, denn das Geschachere in Politik und Parteien, der Politikbetrieb stößt mich ab. Doch werden wir alle nicht darum herum kommen, uns zu engagieren, wenn wir die demokratische und humane Art, wie wir leben, verteidigen wollen.

Gurkentruppe und so weiter

So, und nach diesem ernsten Teil eine Leseempfehlung: Wer was zum Lachen haben will, wer sich über Gruppenreisen, aber auch Namibia informieren will, dem sei das Buch von Tommy Jaud mit dem Titel Hummeldumm empfohlen. Dijongo hat – man verzeige mir die flapsige Bemerkung – seinen Senf zu dem Buch gegeben und dem Autor, der selbst eine Namibia-Gruppenreise mitgemacht hat, einige Anekdoten geflüstert. Viel Spaß mit der „Gurkentruppe“.

Dieser Namibia-Besuch war unsere erste Gruppenreise und es war natürlich lustig, unsere Truppe dann auf das Buch zu reflektieren. Und ja, es war interessant, wie sich Hessen und Leipziger, Chinesin und Herero, Teenager und Rentner, zwei Wienerinnen mit und ohne Schmäh, Bankangestellte, Tierarzt, Lehrerin, Kuratorin, Musiker und Marketing-Fuzzi zwei Wochen zusammen raufen und ja, auch Kompromisse schließen mussten und schlossen. Geht. Muss gehen bei gesundem Menschenverstand, gegenseitiger Rücksichtnahme und Bereitschaft zur Verständigung. Und das alles begleitet von einem tollen Reiseführer.

Dijongo, es war schön, Dich kennenzulernen, mit Dir Spaß zu machen und zu haben, das ein oder andere Glas Wein zu trinken und Dich „Dein Gemüse“ essen zu sehen! „Und so weiter.“

„… aber Ihr duft nix Negativs mal reinschreiben ins Internet, ne.“
Bahee, der Reiseführer zum Abschied von seiner Gurkentruppe, in: Hummeldumm

(Stefan Pfeiffer)

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