Vertrauensarbeitszeit oder Abschied von mobilem Arbeiten und Homeoffice?

Hält die Stechuhr wieder Einzug in Unternehmen? In manchen Firmen sind sie ja nie wirklich verschwunden, doch es gab auch Firmen die auf Vertrauen setzten. Statt der Stechuhr wird es vielleicht nun die Zeitterfassungs-App werden, aber das Konzept der „Vertrauensarbeitszeit“ scheint ausgehebelt zu werden. Diese wird, so der Jurist Peter Schrader im Gespräch mit der Süddeutschen, nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Zeiterfassung gerade beerdigt. Unternehmen müssen demnach die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter lückenlos erfassen und dokumentieren. Das ganze soll dem Arbeitsschutz dienen.

Denn die Vertrauensarbeitszeit, mit der die Arbeitgeber die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften ihren Mitarbeitern anvertrauen, ist faktisch tot. Stattdessen werden jetzt reihenweise Zeiterfassungssysteme installiert, über die sich Mitarbeiter zur Arbeit an- und abmelden.

über „Die Vertrauensarbeitszeit ist faktisch tot“ – Karriere – Süddeutsche.de

Schrader geht im Gespräch auf mehr zu erwartende Verwaltungsarbeit, auf Kontrollen (und Controlettis) und auf mögliche Folgen bei langen Dienstreisen wie Interkontinentalflügen hin. Viele mögliche Stolpersteine und -steinchen sind zu erwarten. Und ich sehe mich schon, wann immer ich daheim etwas Berufliches machen könnte – abends auf dem Sofa mal kurz E-Mail oder einen Artikel mit beruflichen Bezug lesen – auf dem Smartphone die Zeit erfassen. Und natürlich schaltet jeder, wenn er mit Kollegen in der Firma einen Kaffee trinken geht, die Zeiterfassung aus. Oder doch nicht, weil man sich meist „übers Geschäft“ unterhält? Die Grenzen, was Arbeit und Weiterbildung ist, sind durchaus verschwommen, finde ich.

Und sind die Login- und Logouts im Firmennetzwerk wirklich die korrekte Zeiterfassung? Kann man denn die Zeiterfassung überhaupt den Mitarbeitern überlassen? Oder ist das Urteil des EuGH gar das Ende von Homeoffice oder mobilem Arbeiten, falls Eigenaufzeichnungen der Arbeitnehmer nicht für ausreichend beurteilt werden? Mancher Gewerkschafter sagt – wahrscheinlich sogar zu Recht -, dass sich die Arbeitgeber wundern würden, wie viel gearbeitet wird. Manche sprechen gar von Selbstausbeutung. „Vertrauensarbeitszeit“ kommt wahrscheinlich Unternehmen genau so zu Gute wie einem:er Heimarbeiter:in. Die Vermutung, dass im Homeoffice oder mobil vermutlich sogar mehr gearbeitet wird, kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr.

Dass Thema wird ganz sicher bleiben, Das Urteil des EuGH erscheint jemanden wie mir, der immer im Modell der „Vertrauensarbeitszeit“ gearbeitet hat, von vorgestern. Wenigstens die Juristin Barbara Reinhard findet etwas Gutes daran: Es wird mehr Klarheit geschafft werden müssen.  Zwar müssen ihrer Einschätzung nach alle erforderlichen Maßnahmen treffen, um jede Überschreitung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit durch ein System zur Messung der geleistete tägliche Arbeitszeit zu verhindern. Pikant aber ihre weitere Einschätzung:

Es obliegt den einzelnen Mitgliedsstaaten, im Rahmen des ihnen insoweit eröffneten Spielraums, die konkreten Modalitäten zur Umsetzung eines solchen Systems, insbesondere dessen Form, festzulegen, und zwar gegebenenfalls unter Berücksichtigung der Besonderheiten des jeweiligen Tätigkeitsbereichs, sogar der Eigenheiten bestimmter Unternehmen, namentlich ihrer Größe.

über EuGH zur Arbeitszeiterfassung: Das Ende der Vertrauensarbeitszeit? – Arbeitsrecht. Weltweit.

Spielraum, Form festlegen, Besonderheiten, das klingt dann schon nach sehr viel Klarheit, die noch geschaffen werden muss.

Und die Deutschen sind ganz offensichtlich in der Frage gespalten. Laut einer repräsentativen Befragung von 1.002 Berufstätigen in Deutschland zwischen 16 und 65 Jahren im Auftrag des Digitalverbands Bitkom bevorzugt eine Mehrheit (53 Prozent) lieber das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit. Immerhin 41 Prozent sind für die genaue Arbeitszeiterfassung. Laut Bitkom erfasst die große Mehrheit der abhängig Beschäftigten die Arbeitszeit, 77 Prozent, weil es der Arbeitgeber vorschreibt, und 13 Prozent aus eigenen Stücken.

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(Stefan Pfeiffer)

 

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