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Jenseits von Corona: Er hat noch weitaus mehr Aufgaben als Gesundheitsminister vor sich

Nikolaustag. Karl Lauterbach wird jetzt doch Gesundheitsminister. Ich musste heute Zahn-OP überstehen beziehungsweise ich bin dabei. Und am Wochenende hatte ich mal wieder eine Krankenhauserfahrung. Was für eine Einleitung. Doch zur Sache: Vor rund 10 Tagen habe ich mich in die linke Hand geschnitten, in eine Scherbe gefasst. Die Wunde wollte nicht so recht heilen und meinen Hausarzt hat sich die Wunde zweimal angesehen. Aber es wurde nicht besser und die Wunde war sehr sensibel, so dass ich am Samstag überlegte, ob denn die Ärztliche Notdienst nochmals die Wunde säubern und auf einen verbliebenen Splitter untersuchen könnte.

Also ab nach Darmstadt. Müsste ja schnell gehen. Denkste. Die dortige Ärztin überwies mich in die Notaufnahme des Klinikums. Man habe nicht die Ausrüstung. Für mich schon ein Witz. Ich war und bin es gewohnt, dass ein Arzt eine solche Wunde anschauen und auch säubern kann. Also ab in die Notaufnahme und ein sechsstündiges Drama nahm seinen Lauf. So lange brauchte es, bis ich mit behandelter Hand wieder daheim war. (Und ich war nicht der einzige Patient, der so lange dort verbrachte).

Ich will hier gar nicht auf Details eingehen. Die Notaufnahme war offensichtlich überlastet. Zwei Ärzte kümmerten sich um Patienten wie mich. Einer davon war im OP. Kein Wunder, dass der andere Arzt nicht hinterher kam, denn er hatte genug Fälle zu behandeln, die sicherlich auch ernster waren. Ich bin dann an die Reihe gekommen und er hat sich – so habe ich es empfunden – sehr gut um mich gekümmert. Dafür habe ich ihm gedankt. (Seinen Kommentar zum Ärztlichen Notdienst veröffentliche ich besser nicht.) Bedanken möchte ich mich auch bei einer Pflegekraft, glaube eher es war eine Kraft, die sauber machte, Rollstühle besorgte, Patienten zum Empfang fuhr und für alle ein freundliches, mitfühlendes Wort hatte. Dieses Mitgefühl in der ganzen Hektik der Notaufnahme hat mich sehr berührt. Eine gute Seele der Station.

Doch welch ein Bild, welche Zustände in der Notaufnahme. Und wir haben in Deutschland angeblich noch ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem. Daran habe ich nicht nur wegen der beschriebenen Erfahrung meine Zweifel. Ich sehe bei Behandlungen von Familienmitgliedern und mir selbst große Mängel, manchmal sogar lebensbedrohend. Da wird der Arztbrief mal nicht gelesen und einfach daneben her experimentiert und therapiert. Da wird man nicht ernst genommen – ihre Werte sind doch noch im Normbereich -, bis man abgemagert und kraftlos auf der Station landet und aufgepäppelt, ja gerettet werden muss. Und ähnliche Beschwerden und Geschichten hört man allenthalben. Welche Klinik, welche Station wird denn noch gut bewertet? Solche sind unterdessen – scheint es – eher die Ausnahme.

Es krankt im deutschen Gesundheitssystem und das seit geraumer Zeit. Rationalisierungs- und wirtschaftlicher Druck sind allenthalben zu spüren. Wer als Patient nicht im SAP Abrechnungssystem auftaucht, der wird erst einmal links liegen gelassen. Das Personal ist in der Regel überlastet, schlecht bezahlt*. Und da schließt sich für mich der Kreis zu Karl Lauterbach, der auch in der Vergangenheit durchaus positiv zu Themen wie Krankenhausprivatisierung und Bettenabbau Stellung genommen hat.

Die Corona-Krise muss überwunden, das Virus besiegt werden gerade durch Impfen. Das wird noch eine Aufgabe sein, für die man angesichts der Unvernunft vieler sogenannter Mitbürgerinnen und Mitbürger, der „Entscheidungsfreudigkeit“ und dem Rückgrat mancher Politikerinnen und Politiker sowie der in diesem Falle mal wieder kontraproduktiv wirkenden föderalen Struktur viel Kraft kosten wird. Aber damit ist es nicht getan. Karl Lauterbach muss danach auch ans Eingemachte gehen. Dafür wünsche ich ihm viel Kraft und Glück.



* Und hier auch nochmals herzlichsten Dank an all die Pflegerinnen und Pfleger, die Ärztinnen und Ärzte, die mit Herz, Engagement und Kompetenz für ihre Patientinnen und Patienten da sind. Nicht nur, aber gerade in Corona-Zeiten. Dafür gehört Euch Respekt, Hochachtung und Bewunderung.

Filed under: Digitalisierung & Wirtschaft, Netzpolitik & die große Politik

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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