Die Illustration zeigt eine gesichtslose Ministerin im Geschäftskostüm, die in einer roten Drehtür zwischen einem staatlichen Gebäude und einem fossilen Kraftwerkskomplex rotiert, während sie Dokumente mit „BMWE“ und „Eon“ in den Händen hält. Unter ihren Füßen liegen verstreute und beschädigte Symbole für Windkraft und Solarenergie, auf denen sie achtlos herumtritt. Links verstärken Kühltürme und Schornsteine mit Rauch die Dominanz der fossilen Industrie, während die rote Drehtür als zentrales Symbol für den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft fungiert.

Die Lobby-Ministerin rechnet schön – Katherina Reiches dreister Angriff auf die Energiewende

Katherina Reiche hat am Osterwochenende in der FAZ einen Gastbeitrag veröffentlicht, der es in sich hat. „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik“ lautet die Überschrift: Selten hat ein Titel so gut zum Inhalt gepasst. Nur anders, als die werte Frau Ministerin es meint. Denn wer hier täuscht, ist nicht „die Energiewende“. Es ist Reiche selbst. Sie nutzt die Iran-Krise und die Sperrung der Straße von Hormus, um gegen Erneuerbare Stimmung zu machen – und verbiegt dabei Zahlen, verschweigt Gegenrechnungen und bedient sich Wort für Wort bei den Lobbykonzernen, die sie jahrelang beschäftigt haben.

„Explodierende“ Strompreise? Die Zahlen sagen das Gegenteil

Reiches dramatischste Behauptung: Die Strompreise in Deutschland explodierten. Malte Kreutzfeldt von Table Media hat das nachgerechnet, der Volksverpetzer hat es aufbereitet – die Ergebnisse sind ernüchternd für Reiche. Ja, 37 Cent pro Kilowattstunde stimmt als BDEW-Haushaltspreis. Aber von Explosion keine Spur: Der Strompreis stieg in zehn Jahren um 25 Prozent – weniger als die allgemeinen Verbraucherpreise, die laut Statistischem Bundesamt im selben Zeitraum um 28 Prozent zulegten. Bei Verivox liegt der Durchschnittspreis sogar bei nur 32 Cent. Und der Industriestrompreis für kleine und mittlere Betriebe? Der ist so günstig wie seit zehn Jahren nicht mehr. „Unsere Industrie blutet aus“, schreibt Reiche. Mit den niedrigsten Preisen seit einer Dekade? Das passt nicht zusammen – es sei denn, man rechnet mit System.

Das Perfideste daran: Die echten Preistreiber waren nicht Windräder und Solaranlagen, sondern der Gaspreis. Fraunhofer ISE hat berechnet, dass Erneuerbare den Strom 2024 um 1,5 Cent pro Kilowattstunde verbilligt haben. Reiche nimmt also die Kosten fossiler Abhängigkeit und präsentiert sie als Argument gegen den Ausstieg aus genau dieser Abhängigkeit. Das ist intellektuell unredlich – und angesichts der aktuellen Ölkrise geradezu zynisch.

Drei Milliarden für „weggeworfenen Strom“? Eine Ministerin recycelt Fake News

Reiche behauptet, „fast drei Milliarden Euro“ würden dafür gezahlt, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden. Diese Formulierung ist eine von Correctiv bereits widerlegte Irreführung. Die tatsächlichen Entschädigungen an Betreiber abgeregelter Erneuerbarer-Anlagen lagen 2024 bei rund 554 Millionen Euro. Der Rest der sogenannten Redispatch-Kosten entfällt auf fossile Kraftwerke, die an anderer Stelle hochgefahren werden, auf Reservekraftwerke und grenzüberschreitenden Ausgleich. Laut Bundesnetzagentur entfielen 2025 sogar 40 Prozent der Abregelungen auf fossile Kraftwerke – es ist also nicht einmal ein rein „erneuerbares“ Problem.

Und selbst das eigentliche Problem – Netzengpässe – ist kein Argument gegen die Energiewende, sondern gegen den jahrelang verschleppten Netzausbau. Die Redispatch-Kosten sinken bereits, die Übertragungsnetzbetreiber haben ihre Prognosen für 2026 bis 2028 um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert. Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD, kontert in der FAZ direkt: Wer drei Milliarden Redispatch-Kosten benennt, sollte auch die rund 80 Milliarden Euro erwähnen, die Deutschland jährlich weniger für fossile Importe ausgibt – dank des heutigen Anteils erneuerbaren Stroms.

Spanien macht es vor – Deutschland macht das Gegenteil

Christian Stöcker rechnet in seiner Spiegel-Kolumne noch schärfer nach als Correctiv: 2025 entfielen auf die Entschädigung für abgeregelte Erneuerbare nicht drei Milliarden, sondern gerade einmal 435 Millionen Euro – noch einmal 120 Millionen weniger als im Vorjahr. Der größte Brocken der von Reiche beklagten Redispatch-Kosten fließt in fossile Kraftwerke, die als Ersatz hochgefahren werden. „Entweder die Energieministerin weiß das nicht“, schreibt Stöcker. „Oder sie lügt in die Kamera, um ihre Politik zu verkaufen.“

Stöcker liefert auch den internationalen Kontext, den Reiche konsequent ausblendet. In Spanien bestimmt Gas nur noch in 15 Prozent der Zeit den Strompreis – dort sind Erneuerbare so dominant, dass der aktuelle Ölpreisschock den Verbrauchern kaum schadet. In Italien dagegen gibt Gas in 89 Prozent der Zeit den Preis vor – mit entsprechend höheren Kosten. „Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit iranischen Ölschocks umgeht“, titelte die Financial Times. Und was will Reiche? Nicht den Netzausbau beschleunigen, nicht die Erneuerbaren stärken – sondern deren Ausbau bremsen und stattdessen Gaskraftwerke bauen. Also mehr Italien, weniger Spanien.

20 Prozent Erneuerbare? Der Taschenspielertrick mit der falschen Bezugsgröße

Reiche schreibt, der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch liege bei „knapp einem Fünftel“. Das ist, wie Kreutzfeldt zeigt, ein Taschenspielertrick. Erstens sind es laut AG Energiebilanzen 20,8 Prozent, also mehr als ein Fünftel. Zweitens – und das wiegt viel schwerer – ist der Primärenergieverbrauch als Bezugsgröße bewusst irreführend. Denn bei fossilen Energien geht ein gewaltiger Anteil als Abwärme verloren: in Kohle- und Gaskraftwerken, in Verbrennungsmotoren. Bei Erneuerbaren entfällt dieser Verlust fast komplett.

Der Volksverpetzer fasst das so zusammen: Reiche rechnet mit einer Zahl, die den größten Nachteil der Fossilen – ihre massive Energieverschwendung – einfach versteckt. Ihr eigenes Ministerium rechnet übrigens damit, dass sich der Primärenergiebedarf durch Elektrifizierung um fast ein Drittel verringern wird.

Schauen wir auf die relevante Größe – den Stromsektor –, sieht die Welt ganz anders aus. 2025 deckten Erneuerbare fast 60 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Solar überholte erstmals die Braunkohle. Dass der Gesamtanteil niedrig bleibt, liegt an Verkehr und Wärme – genau den Sektoren, in denen Reiche die Elektrifizierung aktiv bremst, indem sie das Heizungsgesetz aufweicht und Gasheizungen empfiehlt.

Die einseitige Buchführung: 36 Milliarden Klage, 145 Milliarden Schweigen

Reiche addiert EEG-Kosten, Kapazitätsreserven, Redispatch und Subventionen zu „über 36 Milliarden Euro pro Jahr“ und rechnet das auf 430 Euro pro Kopf hoch. Klingt erdrückend. Aber die Ministerin unterschlägt konsequent die Gegenseite: Fossile Energieimporte kosten Deutschland 76 bis 80 Milliarden Euro jährlich – das wären über 1.000 Euro pro Kopf. Umweltschädliche Subventionen für fossile Energien beziffert das Umweltbundesamt auf mindestens 65,4 Milliarden Euro. Zusammen also etwa 145 Milliarden Euro – fast das Vierfache der von Reiche beklagten Systemkosten. In ihrem gesamten Gastbeitrag kommt keine einzige dieser Zahlen vor. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist Methode.

Von Eon abgeschrieben: Gaskraftwerke statt Speicher, Subventionen statt Markt

Reiche will Gaskraftwerke bauen, bis zu 20 oder sogar 36 Gigawatt, subventioniert mit Steuergeldern und finanziert über eine neue Umlage auf den Strompreis. Gleichzeitig tut sie nichts, um den marktgetriebenen Boom der Batteriespeicher zu beschleunigen, obwohl bei den Netzbetreibern Anträge für über 500 Gigawatt Großspeicher liegen – die sich heute schon ohne Subventionen refinanzieren.

Die Genehmigungen? Stecken fest. Die politische Beschleunigung? Fehlt. Stattdessen plant Reiche in ihrem eigenen Modell bis 2035 nicht mehr Großspeicher als heute, wie Christian Stöcker im Spiegel dokumentiert. Gaskraftwerke brauchen Subventionen und Gas-Importe. Speicher nicht. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich zu fragen, wem das nützt.

Die Antwort liefert Table Media: Reiches Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende enthält Passagen, die sprachlich und inhaltlich nahezu identisch mit einem Positionspapier von RWE und Eon sind. Die Fachabteilungen im Ministerium waren kaum eingebunden. Der eigene Monitoring-Bericht widerspricht den Schlussfolgerungen. Selbst die Formulierungen über „15.000 Rechtsnormen“ wurden praktisch eins zu eins übernommen. Als Vorstandsvorsitzende von Westenergie hatte Reiche im November 2024 auf LinkedIn einen Artikel mit ihren Forderungen veröffentlicht – anderthalb Jahre später hat sie fast jeden dieser Vorschläge in Gesetzesentwürfe umgesetzt. Der LinkedIn-Artikel ist inzwischen gelöscht.

Denken auslagern, Mitarbeiter ausspionieren, PR-Agenturen einkaufen

Die Drehtür dreht sich nicht nur personell, sondern auch operativ. Laut Handelsblatt hat Reiche eine Ausschreibung für externe Managementberater gestartet: 9.000 Stunden jährlich, Schwerpunkt strategische Steuerung, Analysen und Diskussionspapiere. Insider im Ministerium sprechen davon, dass hier „Denken ausgelagert“ werde – originäre Kernaufgaben der Verwaltung also, wie t-online berichtet. Gleichzeitig misstraut Reiche ihren eigenen Fachabteilungen so sehr, dass sie laut Spiegel deren E-Mail-Konten durchsuchen ließ, um Leaks aufzuspüren. Die Betroffenen wurden erst nachträglich informiert.

Dazu kommt der PR-Apparat: Seit Februar lässt sich Reiche von gleich zwei Kommunikationsagenturen beraten – Scholz & Friends und FGS Global. Der Höchstwert der Vereinbarung liegt laut Ausschreibung bei zwölf Millionen Euro. FGS Global ist dabei besonders interessant: Die Agentur gilt als CDU-nah, und der Finanzinvestor KKR hält dort eine Mehrheitsbeteiligung. KKR wiederum ist einer der größten globalen Investoren in der Fossilindustrie. Die Ministerin, die Erneuerbare als zu teuer kritisiert, lässt sich also ihre Öffentlichkeitsarbeit von einer Agentur organisieren, die einem fossilen Finanzinvestor gehört – und zahlt dafür mit Steuergeld. Man muss schon hart gesotten sein, um das nicht „ironisch „komisch“ zu finden.

SMR-Fantasien: 585 Gigawatt Erneuerbare gegen acht Gigawatt Atom

Reiche beschwört in ihrem Gastbeitrag auch die Kernkraft als Teil der Lösung und behauptet: „16 EU-Mitgliedstaaten investieren hier bereits gemeinsam“ in kleine modulare Reaktoren. Kreutzfeldt hält trocken dagegen: SMR, Small Modular Reactors – kleine modulare Kernreaktoren, gibt es kommerziell bisher schlicht nicht. Auf die Frage, welche Staaten welche Summen wohin investieren, konnte Reiches Ministerium keine Antwort geben.

Was bekannt ist: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat vor der „Nuclear Alliance“ – der tatsächlich 16 Staaten angehören – 200 Millionen Euro für mögliche Erforschung der Technik angekündigt. Das ist keine „gemeinsame Investition“ in Reaktoren, das ist ein Forschungstopf. Reiche macht daraus eine Beinahe-Renaissance.

Die globalen Verhältnisse sind dabei eindeutig: 2024 wurden laut IRENA weltweit 585 Gigawatt erneuerbare Kapazität gebaut – gegenüber gerade einmal acht Gigawatt Atomkraft. Nina Scheer rechnet in ihrer FAZ-Replik vor: Zuletzt wurden weltweit 400 Mal mehr Erneuerbare ausgebaut als Atomenergie. Wer wie Reiche erkläre, die Erneuerbaren seien nun „erwachsen geworden“, sollte auch die Unwirtschaftlichkeit und Subventionsabhängigkeit von Atomenergie benennen.

Kein einziges AKW der letzten Jahrzehnte wurde ohne massive staatliche Hilfe gebaut – weder Flamanville noch Hinkley Point C noch Olkiluoto, allesamt milliardenschwere Kostendesaster mit jahrelanger Verspätung. Dass Reiche ausgerechnet in diesem Kontext Erneuerbare als zu teuer kritisiert, hat eine gewisse Ironie, die ihr vermutlich nicht auffällt.

71 Prozent wollen Klimaneutralität – ihre Ministerin arbeitet dagegen

Während Reiche die Energiewende schlechtredet, zeigt eine am selben Tag in der FAZ veröffentlichte RWI-Umfrage, dass 71 Prozent der Deutschen Klimaneutralität für richtig oder weitgehend richtig halten. Nur 13 Prozent lehnen das Ziel ab. Das Problem ist nicht mangelnde Akzeptanz – sondern mangelndes Vertrauen in die Politik: 96 Prozent glauben nicht, dass das Ziel erreicht wird. Kein Wunder, wenn die zuständige Ministerin die eigenen Ziele „ins Lächerliche“ zieht, wie Nina Scheer es in ihrer Replik formuliert.

Ich halte Reiches FAZ-Beitrag für einen der dreistesten politischen Texte der letzten Monate. Nicht weil er kontroverse Thesen vertritt – sondern weil er systematisch mit falschen oder irreführenden Zahlen arbeitet, die Gegenargumente vollständig ausblendet und dabei so tut, als sei das eine nüchterne Bestandsaufnahme. Es ist das genaue Gegenteil. Es ist ein Gas(t)beitrag einer Gaslobbyistin, die zufällig Wirtschaftsministerin geworden ist. Oder vielleicht nicht ganz so zufällig.

Persönliche Bemerkung

Wenn wir gerade sehen, wie abhängig wir von Öl- und Gaslieferanten, vom Iran, den arabischen Ländern, Putin und auch den USA sind, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, wie jemand in dieser Situation auf Gas setzen kann. Jedes Solarpanel, jedes Windrad, das wir in Deutschland aufstellen, jedes E-Auto, das wir fahren, macht uns ein Stückchen unabhängiger und weniger erpressbar. Die deutschen Autofahrer scheinen das im März 2026 verstanden zu haben. Es wurden mehr E-Autos als Verbrenner zugelassen. Weiter so Ja, es gibt noch einiges zu tun im Netzausbau, in der Preisgestaltung von E-Autos und so weiter. Das müsste, muss angepackt werden, statt in eine Zeit zurück rudern zu wollen, die vorbei ist.

Quellen & Leseempfehlungen

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11 Antworten zu „Die Lobby-Ministerin rechnet schön – Katherina Reiches dreister Angriff auf die Energiewende“

  1. Hervorragende Zusammenfassung, danke.

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    1. Die Firma dankt.

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  2. „Doch was auf den ersten Blick irre erscheint, hat einen tieferen Sinn: Katherina Reiche bereitet ihren Ausstieg vor. Wenn schon gehen, dann nicht als unfähige Behördenleiterin und erfolglose Krisenmanagerin, sondern als Jeanne d´Arc der freien Marktwirtschaft“ – Ernst-Christoph Stolper auf Facebook

    #Reiche #Energiewende

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  3. Holger

    Schon der gewählte Titel ist eine Provokation.

    Die Ministerin greift die Energiewende nicht an, sondern lenkt sie in geordnete Bahnen. – Sobventionen werden gestrichen, wo sie nicht mehr nötig sind, – Wildwuchs wird eingegrenzt und die Disruption in geordnete Bahnen gelenkt. Bisher durfte jeder Möchtegern-Profiteur seine Anlage in die Pampa stellen (völig egal, ob dort Energie gebraucht wird), durfte die Energie nach Herzenslust ins Netz einspeisen (völlig egal, ob es sich um werthaltige Energie oder Abfall handelt) und durfte dafür eine feste Vergütung erwarten – das Risiko trug die Allgemeinheit.

    Für die Verteilung an die Orte des Verbrauches und für die Anpassung zwischen Angebot und Nachfrage machten sie die Netzbetreiber verantwortlich, also die Allgemeinheit. Damit ist jetzt Schluss und das ist auch gut so!

    Zitat: Der Strompreis stieg in zehn Jahren um 25 Prozent – weniger als die allgemeinen Verbraucherpreise, die laut Statistischem Bundesamt im selben Zeitraum um 28 Prozent zulegten. Zitat-Ende

    Ja, viele von uns erinnern sich noch an die Versprechungen: Erneuerbare machen den Strom billiger. Hier wird die unvermeidbare Erhöhung der Preise verniedlicht und schön gerechnet. Billiger Strom wird gar nicht mehr erwartet. Womöglich erinnert sich das Wahlvolk noch an solche Versprechungen?

    Zitat: Das Perfideste daran: Die echten Preistreiber waren nicht Windräder und Solaranlagen, sondern der Gaspreis. Wie konnte das sein, dass die angeblich billigen Erneuerbaren nicht gegen die Gaskraftwerke gesiegt haben, wenn sie im Viertelstundentakt mit Merit-Order verglichen werden? Zitat-Ende

    Eben durch ihre Zappelei machen sie es erforderlich, dass die Erzeuger-Infrastruktur dreimal aufgebaut werden muss, wenn man sich auf die Erneuerbaren verlassen will. Eben weil die Profiteure der Energiewende lange Zeit nicht dazu gezwungen worden sind, neben den blanken Erzeugern auch noch die angemessenen Speicher zu bauen und zu finanzieren. Wäre das passiert, bräuchten wir die Gaskraftwerke viel seltener, dank Merit-Order. Und dann hätten sie auch kaum Einfluss auf die Strompreise.

    Zitat: Laut Bundesnetzagentur entfielen 2025 sogar 40 Prozent der Abregelungen auf fossile Kraftwerke – es ist also nicht einmal ein rein „erneuerbares“ Problem. … Der größte Brocken der von Reiche beklagten Redispatch-Kosten fließt in fossile Kraftwerke, die als Ersatz hochgefahren werden. Zitat-Ende

    Doch, das ist ein erneuerbares Problem. Denn es geht hier zum Beispiel um ein fiktives Kohlekraftwerk in Süddeutschland. Dieses hat zum Beispiel preiswert Strom angeboten und kommt dank Merit-Order als eins der preiswertesten Anlagen zum Zuge. Wenn allerdings in Süddeutschland schönes Wetter ist, dann kippen die vielen kleinen Anlagen auf den Dächern in Süddeutschland Strom und sogar Abfallstrom ins Netz. Die können von den Netzbetreibern nicht abgeregelt werden. Eben weil diese ungezügelten Erneuerbaren die Netze in Süddeutschland verstopfen, muss unser Kohlekraftwerk entschädigt werden. Und deshalb ist es ein erneuerbares Problem. Wären noch die alten Grundlastkraftwerke da, dann gäbe es dieses Problem auch nicht. Dann könnten die Solarparks tagsüber den Strom für die Industrie und die Büros liefern, die tagsüber arbeiten. Aber ein Übermaß an Erneuerbaren erfordert eben einen Redispatch, solange sich die Erzeuger nicht endlich selbst an den Bedarf anpassen.

    Zitat: Wer drei Milliarden Redispatch-Kosten benennt, sollte auch die rund 80 Milliarden Euro erwähnen, die Deutschland jährlich weniger für fossile Importe ausgibt – dank des heutigen Anteils erneuerbaren Stroms. Zitat-Ende

    Also wer ehrlich ist, betrachtet beide Zahlen. Machen wir es doch mal: Was bekommen wir für die 80 Milliarden Euro, die für fossile Energie ausgegeben werden? Wir bekommen dafür einen großen Teil der Energie, mit der wir versorgt werden können und mit der man Schwankungen durch die Erneuerbaren ausgleichen können. Was bekommen wir für die drei Milliarden Euro, die für Redispatche ausgegeben werden? Nichts!

    Zitat: In Spanien bestimmt Gas nur noch in 15 Prozent der Zeit den Strompreis – dort sind Erneuerbare so dominant, dass der aktuelle Ölpreisschock den Verbrauchern kaum schadet. Zitat-Ende

    Spanien ist doch wenig mit Deutschland vergleichbar! Die Spanier brauchen ihren Strom vor allem im Sommer für die Klimaanlagen, wenn es dort zu heiß wird. Im Winter müssen sie weniger heizen. Lohnen sich dort überhaupt Wärmepumpen? Ja, da unten lohnt sich PV-Strom. Wenn der in der Nacht fehlt – kein Problem! Nachts können die Klimaanlagen aus bleiben.

    Zitat: In Spanien bestimmt Gas nur noch in 15 Prozent der Zeit den Strompreis – dort sind Erneuerbare so dominant, dass der aktuelle Ölpreisschock den Verbrauchern kaum schadet. Zitat-Ende

    Aber damit haben sie sich im vergangenen Jahr einen Blackout eingehandelt. Weil sie zu wenige netzbildende Kraftwerke am Netz hatten. Die Erneuerbaren mit ihren größtenteils passiven Wechselrichtern haben das Netz zum Aufschaukeln gebracht. Als die Schwingungen zu stark waren, flogen der Reihe nach die Sicherungen. (11 Tote)

    Zitat: Zweitens – und das wiegt viel schwerer – ist der Primärenergieverbrauch als Bezugsgröße bewusst irreführend. Denn bei fossilen Energien geht ein gewaltiger Anteil als Abwärme verloren: in Kohle- und Gaskraftwerken, in Verbrennungsmotoren. Bei Erneuerbaren entfällt dieser Verlust fast komplett. Zitat-Ende

    Es ist eine Lüge, dass die Verluste bei der Gewinnung von Elektroenergie komplett entfallen würden. Windräder haben einen Wirkungsgrad von allerhöchstens 59%, praktisch meist zwischen 40 und 50%! Solarzellen arbeiten mit ca. 20% Wirkungsgrad. Der Rest der Primärenergie geht als Abwärme an der Solarzelle verloren.

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    1. Hallo Holger,
      vielen Dank für den ausführlichen Kommentar – ich schätze es, wenn jemand sich die Mühe macht, argumentativ zu widersprechen, statt nur pauschal zu schimpfen.

      Dass der Titel provokant ist, gebe ich gerne zu. Die Frage ist aber doch nicht, ob er provoziert, sondern ob er in der Sache trägt. Und da bleibe ich dabei: Eine Ministerin, deren Zehn-Punkte-Plan sprachlich kaum vom Positionspapier ihrer früheren Arbeitgeber Eon und RWE zu unterscheiden ist, die ihre eigenen Fachabteilungen per E-Mail-Durchsuchung kontrollieren lässt und sich ihre Öffentlichkeitsarbeit von einer Agentur eines fossilen Finanzinvestors organisieren lässt, muss sich die Frage nach Lobby-Nähe gefallen lassen. Das hat für mich wenig mit „geordneten Bahnen“ zu tun. Genau im Gegenteil.

      Zu den Strompreisen: Mir ging es nicht darum, Erhöhungen kleinzureden, sondern Reiches Wort von der „Explosion“ am Maßstab der Zahlen zu prüfen. 25 Prozent in zehn Jahren, unterhalb der allgemeinen Inflation – das ist spürbar, aber keine Explosion. Dass die ursprüngliche Hoffnung auf sinkende Preise ausgebremst wurde, liegt maßgeblich am Gaspreisschock 2022 und am jahrelang verschleppten Netzausbau – beides aber eben nicht an den Erneuerbaren.

      Beim Speicherargument sind wir näher beieinander, als es scheint. Ja, wir brauchen Speicher, und zwar dringend. Genau das ist ja mein Punkt: Bei den Netzbetreibern liegen Anträge für über 500 Gigawatt Batteriespeicher, die sich heute schon ohne Subventionen refinanzieren. Reiche treibt diesen Ausbau aber nicht voran, sondern setzt stattdessen auf steuerfinanzierte Gaskraftwerke. Wenn man die „Zappelei“ ernst nimmt, lautet die konsequente Antwort: Speicher bauen, nicht neue fossile Infrastruktur zementieren.

      Ihr Redispatch-Beispiel beschreibt aus meiner Sicht genau das Problem eines fehlenden Nord-Süd-Netzausbaus, nicht eines der Erneuerbaren an sich. Das süddeutsche Kohlekraftwerk springt doch nur deshalb ein, weil der günstige Windstrom aus dem Norden nicht durchkommt. Hätte man SuedLink vor zehn Jahren gebaut, statt ihn politisch zu verschleppen, sähe diese Rechnung heute deutlich freundlicher aus.

      Zu den 80 Milliarden für fossile Importe: Ja, wir bekommen dafür Energie – aber eben bezahlt an Staaten und Regime, die uns damit jederzeit unter Druck setzen können. Genau das ist die Lage rund um Hormus gerade. Ich finde es einen Unterschied, ob Geld nach Russland, Iran oder Katar fließt, oder in heimische Handwerker, Dachdecker und Stadtwerke. Und dass Redispatch „nichts bringt“, würde ich so nicht stehen lassen: Er hält das Netz stabil, solange die Leitungen noch fehlen. Das ist keine Verschwendung, das ist Übergangsmanagement – eines, das mit jedem fertiggestellten Netzkilometer billiger wird.

      Zu Spanien: Die Ursachen des Blackouts vom April 2025 sind bis heute nicht abschließend geklärt. Die spanische Netzbetreiberin und mehrere unabhängige Analysen verweisen auf ein komplexes Zusammenspiel aus Spannungsschwankungen, Schutzabschaltungen und Kommunikationsproblemen – das pauschal „den Erneuerbaren“ anzulasten, greift zu kurz. Die Lehre daraus ist für mich eher: mehr netzbildende Wechselrichter, mehr Speicher, mehr Systemdienstleistungen. Nicht weniger Sonne und Wind.

      Zum Wirkungsgrad-Argument reden wir, glaube ich, aneinander vorbei. Die Primärenergiestatistik ist keine Ideologie, sondern internationale Konvention: Bei Wind und Sonne wird die tatsächlich erzeugte Elektrizität gezählt, weil die Rohquelle ohnehin frei vorhanden ist. Bei Kohle und Gas geht hingegen rund zwei Drittel als Abwärme verloren. Wenn wir Verbrenner und Kohlemeiler schrittweise ersetzen, sinkt der Primärenergiebedarf deutlich – das rechnet übrigens sogar Reiches eigenes Ministerium so.

      Am Ende bleibt ein zentraler Unterschied: Sie sehen die Energiewende als Wildwuchs, der eingefangen werden muss. Ich sehe sie als den einzigen realistischen Weg, uns aus der Abhängigkeit von Autokraten und fossilen Konzernen zu befreien – wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch.

      Bei aller Meinungsverschiedenheit: Danke, dass Sie hier mitdiskutieren.

      Herzliche Grüße
      Stefan

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  4. […] Stefan Pfeiffer Blog: Die Lobby-Ministerin rechnet schön – Katherina Reiches dreister Angriff auf die Energiewende […]

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  5. Super Analyse. Vielen Dank für die Arbeit. Reiche hat es verdient 🙂

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  6. Zum Thema „Lobby-Ministerin“:

    „Reiche-Ministerium bat Gaslobby um Argumente für Gaskraftwerke

    Das Wirtschaftsministerium hat beim EnBW-Konzern Vorschläge bestellt, die Batteriespeicher gegenüber Gaskraftwerken benachteiligen würden. Im Lobbyregister wurde das erst nach Anfrage des SPIEGEL vermerkt.“

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/katherina-reiches-ministerium-bat-enbw-um-argumente-fuer-gaskraftwerke-a-1ce69ada-8eff-444b-a7f9-4eaf4d6e5447

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  7. @stefanpfeiffer.blog Ob das Engagement mancher Kommunen, Rechenzentren (z.B. von M$) an Land zu ziehen, diese Bemühungen nicht konterkarriert?

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  8. Die Liste der fragwürdigen Handlungen von Fossilminsiterin Reiche gehen weiter: Eine vom Wirtschaftsministerium selbst beauftragte Studie zeigt: Erneuerbare könnten die regionale Wertschöpfung in Deutschland verdoppeln. Veröffentlicht? Versteckt auf einer Unterseite. Beworben? Kein Wort. Amy Walker bei @tonline arbeitet heraus, wie Reiche unliebsame Fakten zur Energiewende einfach verschwinden lässt.

    https://www.t-online.de/finanzen/energie/id_101226464/wirtschaftswachstum-durch-energiewende-reiche-laesst-studie-verschwinden.html?fbclid=IwY2xjawRdQJRleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEen5EpMpffU1dxwg9TmOFVB1hO4WjQj1YrwRclcOB9J312bZ36tDXoljH4Vc0_aem_VmsKV9M7yJgyZOicD3fMOw

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    1. @stefanpfeiffer.blog

      Kommt zu unserer Webinar-Studienpräsentation am Donnerstag, 18:30! Die beteiligten Wissenschaftler*innen zeigen, wie sehr Kommunen von Erneuerbaren profitieren.

      Die Studie hatte ich als Staatssekretär im BMWK beauftragt. Frau Reiche hat sie monatelang zurückgehalten.

      Seid dabei: https://shorturl.at/Dy4ja

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