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Krimi-Dauerfeuer oder Demokratieauftrag? Was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirklich fehlt

Bei #9vor9 haben Lars Basche und ich uns einmal mehr einem unserer „Lieblingsthemen“ gewidmet: dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Initialzündung für die Folge war ein „Rant“ von Florian Harms, Chefredakteur von t-online, der ARD und ZDF scharf kritisiert. Unter anderem lesen wir da: „Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich in eine Verbrecherfabrik verwandelt, in der mehr Leichen produziert werden als Nachrichten.“

Und da macht Harms einen Punkt. Wenn ich mir das Fernsehprogramm einer Woche anschaue, dann könnte man wirklich meinen, ARD und ZDF produzieren 24 Stunden am Tag nichts anderes als Krimis. Abends läuft auf dem einen Sender dieser Krimi, auf dem anderen jener. So stolpern wir von Verbrechen zu Verbrechen. Tatort hier, Wilsberg und Helen Dorn dort, zwischendrin noch ein bisschen Küstenkrimi für Fortgeschrittene. Gewürzt wird das ab und an durch die heile Schlagerwelt von Herrn Silbereisen und dem Traumschiff. Programm für alte Leute. Ist das „Great Television“?

Was der öffentlich-rechtliche Rundfunk außer Krimis leistet

Lars hat im Podcast einen Satz gesagt, den ich unterschreibe: Wenn mir ein Format nicht gefällt, schalte ich es halt ab. Aber das journalistische Angebot bleibt unverzichtbar. Und ja, auch ich verlasse mich immer noch oft auf ARD und ZDF, wenn ich mich informiere. Tagesschau oder heute journal sind gesetzt. Mit den Berichten und Nachrichten des Morgenmagazins beginnt für mich jeder Wochentag.

Und ja, es gibt die Politmagazine wie Monitor oder Report Mainz, die genau das tun. Da ist noch richtig journalistische Arbeit zu spüren. Wenn man nach links und rechts zu RTL, Sat.1 oder ProSieben schaut, dann ist die Luft dort erheblich dünner, auch wenn die Privaten mit dem Scheckbuch immer mal wieder die ein oder andere Anchorwoman oder einen Anchorman anheuern. Aber das darf man nicht einfach so gegeneinander setzen – denn ich zahle für RTL nicht, ich zahle aber für ARD und ZDF. Das ist der Unterschied.

Die Öffentlich-Rechtlichen schaffen tatsächlich noch Qualität in der Berichterstattung, in der Recherche und in der Einordnung von komplexen Zusammenhängen. Schaut man sich die Mediatheken an – die von ARD, ZDF, Arte – dann finde ich persönlich dort immer noch mehr Substanz als auf Netflix.

Die unbequemen Wahrheiten

Damit will ich aber nicht sagen, dass man ARD und ZDF nicht kritisieren darf. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil wir alle Rundfunkgebühren – derzeit 18,36 Euro monatlich – zahlen, haben wir auch das Recht, kritisch zu sein. Immerhin verfügen die öffentlich-rechtlichen über ein Budget von rund 10 Milliarden Euro in diesem Jahr. Wir leisten uns – wie es auch Harms schreibt – das teuerste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt.

Es gibt tatsächlich einen administrativen Wasserkopf, der nicht sein muss. Und ja, es gibt Programmsparten, die sich fragen müssen, ob sie wirklich notwendig sind. Öffentlich-rechtliche Quellen sind für mich weiterhin vertrauenswürdig, doch erscheint mir heutzutage manches „Wording“ zu glatt gebügelt. Ein Beispiel gefällig? Trump hat keine Gebietsansprüche auf Grönland; er will das Land annektieren und gegen den Widerstand der Bevölkerung besetzen. Die Journalistinnen und Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen müssen hier wieder Klartext reden und nicht wie Politiker sprechen.

Der rechte Lärm und die berechtigte Kritik trennen

Auch in den Talkshows merkt man das häufig, meint Lars. Immer die gleichen Sicherheitsexperten, immer die gleichen CDU-Außenpolitiker – Armin Laschet oder Norbert Röttgen. Man weiß vorher schon, was sie sagen werden. Der Erkenntnisgewinn? Gering.

Es gibt die traditionell konservative Kritik – die gab es immer, seit Jahrzehnten. Die CDU und CSU haben sich immer daran gestört, dass die Öffentlich-Rechtlichen angeblich „linkslastig“ sind. Kritik an Strukturen, Programmen und Qualität ist notwendig, aber die Forderung nach Zerstörung des Systems als Ganzes gefährdet unsere demokratische Basis.

Durch die AfD und Rechtsextreme ist das eskaliert: Die Anstalten seien „links-grün versifft“, ein „zwangsgebühren-parasitäres System“, ein „Indoktrinationsinstrument“ oder einfach „Lügenpresse“. Und natürlich wird man – also die Rechtsextremen – in der Berichterstattung benachteiligt und kommt viel zu wenig zu Wort.

All diese rechte Kritik ist zu allergrößten Teilen unberechtigt. Wenn ich mir anschaue, wie oft ein Chrupalla oder eine Weidel in den Öffentlichkeiten auftreten, wird mir übel. Ich brauche diese Talkshow-Gäste und Interviewpartner nicht, aber wir sind ja so ausgewogen in den Öffentlich-Rechtlichen, selbst gegenüber denen, die unsere Demokratie vernichten wollen. Für mich viel zu selten werden sie richtig bloßgestellt und auseinandergenommen.

Junge Menschen erreichen – das ist die echte Aufgabe

Zu einer anderen, vielleicht wichtigeren Herausforderung der Öffentlich-Rechtlichen. Lars bringt es auf den Punkt: „Lineares Fernsehen ist für meine Tochter gestorben. Das begreift sie nicht mehr.“ Um die U30-Generation zu erreichen, muss der ÖRR dorthin, wo die jungen Leute sind: TikTok, Instagram und YouTube.

Und es scheint bei den Jungen ein Bedürfnis danach zu geben, wie Umfragen zeigen: ARD und ZDF haben bei den Jungen eine hohe Glaubwürdigkeit, wenn es um Fakten und Einordnung geht. Aber sie finden die Inhalte zu formal, zu langsam, nicht für sie gemacht. Das ist die Herausforderung. Die BBC hat das verstanden und hat eine komplette Redaktion gegründet, die speziell für Instagram, TikTok und YouTube produziert. Mit Kurzformat-Videos, mit einem anderen Schnitt, mit anderer Sprache. Und ja, ARD hat sein Netzwerk Funk – das gibt es schon eine Weile. Aber offensichtlich reicht das nicht aus.

Hier steckt die echte Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: die junge Generation erreichen und ihnen Qualität in einem Format geben, das sie wirklich konsumieren. Und ja, das ist schwierig. In 60 Sekunden einiges über ein komplexes politisches Thema zu erzählen, das ist eine Herausforderung. Aber es geht. Und ja, es muss qualitativ sein. Es darf nicht in sensationalistisches Clickbait-Denken ausarten. Aber die Aufgabe ist klar.

Warum nicht „Dialoganstalt“?

Ein anderer Punkt, der in der Debatte oft untergeht: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht nur ein Sender, sondern auch ein potenzieller Gesprächspartner. Warum nicht beispielsweise das Fediverse nutzen, um echten Dialog zu ermöglichen, wie wir es mit Leonhard Dobusch diskutiert haben? Warum nicht Formate schaffen, in denen nicht nur gesendet, sondern auch diskutiert wird? In Zeiten, in denen Social Media oft nur noch ein Echo-Kammer-Karussell ist, könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Plattform bieten, auf der unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen – ohne Shitstorms, ohne Algorithmen, die nur die lautesten Stimmen verstärken.

Das unbequeme Thema: KI und Journalismus

Und da sind wir auch gleich bei einem neuen Problem: KI. RTL hat gerade 420 Journalistinnen und Journalisten rausgeschmissen, und viele der Aufgaben soll künstliche Intelligenz übernehmen. Das darf bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht passieren.

Die ARD, Deutschlandradio Deutsche Welle und das ZDF haben dafür einen Kodex entwickelt: KI unterstützt, ersetzt aber nicht. Und vor allem – der Mensch kontrolliert. Das finden wir richtig. Denn genau da liegt die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender. Sie sind nicht dazu da, um mit KI schneller und günstiger „Zeug“ zu produzieren. Sie sind dazu da, um Qualität, um Faktenchecks, um demokratische Teilhabe zu sichern.

Reformen ja, Abschaffung nein

Es gibt berechtigte Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es gibt tatsächlich Sparten, die man überdenken muss. Es gibt administrative Strukturen, die verschlankt werden könnten. Und es gibt Formate, bei denen man fragen darf, ob es die sein müssen.

Aber die Pauschalkritik, die sagt „das Ganze muss weg“, ist zu einfach. Zu populistisch. Wenn wir uns ansehen, was in anderen Ländern passiert, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgebaut wird – in den USA, in Großbritannien, in Frankreich – dann sehen wir, dass die Konsequenzen erheblich sind. Der unabhängige Journalismus wird weniger, die kommerziellen Interessen nehmen zu, und die Demokratie hat einen Schutzschild weniger.

Deswegen müssen Reformen sein, nicht Abschaffung. Modernisierung der Formate, nicht Abbau der Strukturen. Mehr Präsenz auf den Plattformen, wo die Zielgruppe ist. Und ja, vielleicht auch weniger Unterhaltungsbrei, mehr Bildungs- und Informationsfokus. Die Frage lautet nicht: Wollen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch? Die Frage lautet: Wie machen wir ihn fit für die Zukunft?

Und das ist eine Frage, die sich auch andere Medien, auch Wikipedia, auch alle Institutionen stellen müssen. Denn die Sehgewohnheiten, die Informationsquellen, die Vertrauensfragen – die ändern sich. Und darauf müssen wir reagieren. Mit Intelligenz, mit Respekt vor der Qualität und mit dem Blick nach vorn.

Aber nicht mit Polemik. Nicht mit „das muss weg“. Sondern mit echter Reform.

Zu teuer, zu viele Krimis, zu links, zu alt? – Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk in Deutschland #9vor9 – Die Digitalthemen der Woche

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht in Deutschland schon sehr lange in der Kritik. Je nachdem, woher diese Kritik kommt, geht es um unterschiedliche Dinge: er sei zu teuer, zu behäbig, zeige zu viele Krimis, zu wenig Relevanz. Während die inhaltliche Kritik manchmal so wirkt, als ob jemand in einen Buchladen rennt und sich beschwert, dass es dort so viele uninteressanten Mist gibt, ist Kritik grundsätzlich natürlich sehr angebracht. Doch genau so wichtig ist, zu prüfen, was wirklich hinter der Kritik an ARD, ZDF und Deutschlandradio steckt. In dieser Ausgabe von 9vor9 diskutieren Stefan und Lars über den Zustand des öffentlich-rechtlichen Systems: über Gebühren und „Wasserköpfe“, journalistische Qualität, politische Talkshows, Meinungsvielfalt und den wachsenden Druck von rechts. Ausgangspunkt ist unter anderem der viel diskutierte Rundumschlag von T-Online-Chefredakteur Florian Harms – aber der Blick geht weiter: nach Großbritannien zur BBC, in die USA und auf die Frage, was passiert, wenn unabhängiger Journalismus verschwindet. Und auch um die Zukunft geht es: Wie erreicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk junge Menschen in einer Welt der Hochkantvideos, oftmals von KI generiert oder verfälscht? Reichen Mediatheken, Funk und Kurzvideos oder braucht es einen grundlegenden mentalen und strukturellen Wandel?

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