Die Illustration zeigt eine gesichtslose Ministerin im Geschäftskostüm, die in einer roten Drehtür zwischen einem staatlichen Gebäude und einem fossilen Kraftwerkskomplex rotiert, während sie Dokumente mit „BMWE“ und „Eon“ in den Händen hält. Unter ihren Füßen liegen verstreute und beschädigte Symbole für Windkraft und Solarenergie, auf denen sie achtlos herumtritt. Links verstärken Kühltürme und Schornsteine mit Rauch die Dominanz der fossilen Industrie, während die rote Drehtür als zentrales Symbol für den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft fungiert.

Die Lobby-Ministerin rechnet schön – Katherina Reiches dreister Angriff auf die Energiewende

Katherina Reiche hat am Osterwochenende in der FAZ einen Gastbeitrag veröffentlicht, der es in sich hat. „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik“ lautet die Überschrift: Selten hat ein Titel so gut zum Inhalt gepasst. Nur anders, als die werte Frau Ministerin es meint. Denn wer hier täuscht, ist nicht „die Energiewende“. Es ist Reiche selbst. Sie nutzt die Iran-Krise und die Sperrung der Straße von Hormus, um gegen Erneuerbare Stimmung zu machen – und verbiegt dabei Zahlen, verschweigt Gegenrechnungen und bedient sich Wort für Wort bei den Lobbykonzernen, die sie jahrelang beschäftigt haben.

„Explodierende“ Strompreise? Die Zahlen sagen das Gegenteil

Reiches dramatischste Behauptung: Die Strompreise in Deutschland explodierten. Malte Kreutzfeldt von Table Media hat das nachgerechnet, der Volksverpetzer hat es aufbereitet – die Ergebnisse sind ernüchternd für Reiche. Ja, 37 Cent pro Kilowattstunde stimmt als BDEW-Haushaltspreis. Aber von Explosion keine Spur: Der Strompreis stieg in zehn Jahren um 25 Prozent – weniger als die allgemeinen Verbraucherpreise, die laut Statistischem Bundesamt im selben Zeitraum um 28 Prozent zulegten. Bei Verivox liegt der Durchschnittspreis sogar bei nur 32 Cent. Und der Industriestrompreis für kleine und mittlere Betriebe? Der ist so günstig wie seit zehn Jahren nicht mehr. „Unsere Industrie blutet aus“, schreibt Reiche. Mit den niedrigsten Preisen seit einer Dekade? Das passt nicht zusammen – es sei denn, man rechnet mit System.

Das Perfideste daran: Die echten Preistreiber waren nicht Windräder und Solaranlagen, sondern der Gaspreis. Fraunhofer ISE hat berechnet, dass Erneuerbare den Strom 2024 um 1,5 Cent pro Kilowattstunde verbilligt haben. Reiche nimmt also die Kosten fossiler Abhängigkeit und präsentiert sie als Argument gegen den Ausstieg aus genau dieser Abhängigkeit. Das ist intellektuell unredlich – und angesichts der aktuellen Ölkrise geradezu zynisch.

Drei Milliarden für „weggeworfenen Strom“? Eine Ministerin recycelt Fake News

Reiche behauptet, „fast drei Milliarden Euro“ würden dafür gezahlt, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden. Diese Formulierung ist eine von Correctiv bereits widerlegte Irreführung. Die tatsächlichen Entschädigungen an Betreiber abgeregelter Erneuerbarer-Anlagen lagen 2024 bei rund 554 Millionen Euro. Der Rest der sogenannten Redispatch-Kosten entfällt auf fossile Kraftwerke, die an anderer Stelle hochgefahren werden, auf Reservekraftwerke und grenzüberschreitenden Ausgleich. Laut Bundesnetzagentur entfielen 2025 sogar 40 Prozent der Abregelungen auf fossile Kraftwerke – es ist also nicht einmal ein rein „erneuerbares“ Problem.

Und selbst das eigentliche Problem – Netzengpässe – ist kein Argument gegen die Energiewende, sondern gegen den jahrelang verschleppten Netzausbau. Die Redispatch-Kosten sinken bereits, die Übertragungsnetzbetreiber haben ihre Prognosen für 2026 bis 2028 um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert. Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD, kontert in der FAZ direkt: Wer drei Milliarden Redispatch-Kosten benennt, sollte auch die rund 80 Milliarden Euro erwähnen, die Deutschland jährlich weniger für fossile Importe ausgibt – dank des heutigen Anteils erneuerbaren Stroms.

Spanien macht es vor – Deutschland macht das Gegenteil

Christian Stöcker rechnet in seiner Spiegel-Kolumne noch schärfer nach als Correctiv: 2025 entfielen auf die Entschädigung für abgeregelte Erneuerbare nicht drei Milliarden, sondern gerade einmal 435 Millionen Euro – noch einmal 120 Millionen weniger als im Vorjahr. Der größte Brocken der von Reiche beklagten Redispatch-Kosten fließt in fossile Kraftwerke, die als Ersatz hochgefahren werden. „Entweder die Energieministerin weiß das nicht“, schreibt Stöcker. „Oder sie lügt in die Kamera, um ihre Politik zu verkaufen.“

Stöcker liefert auch den internationalen Kontext, den Reiche konsequent ausblendet. In Spanien bestimmt Gas nur noch in 15 Prozent der Zeit den Strompreis – dort sind Erneuerbare so dominant, dass der aktuelle Ölpreisschock den Verbrauchern kaum schadet. In Italien dagegen gibt Gas in 89 Prozent der Zeit den Preis vor – mit entsprechend höheren Kosten. „Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit iranischen Ölschocks umgeht“, titelte die Financial Times. Und was will Reiche? Nicht den Netzausbau beschleunigen, nicht die Erneuerbaren stärken – sondern deren Ausbau bremsen und stattdessen Gaskraftwerke bauen. Also mehr Italien, weniger Spanien.

20 Prozent Erneuerbare? Der Taschenspielertrick mit der falschen Bezugsgröße

Reiche schreibt, der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch liege bei „knapp einem Fünftel“. Das ist, wie Kreutzfeldt zeigt, ein Taschenspielertrick. Erstens sind es laut AG Energiebilanzen 20,8 Prozent, also mehr als ein Fünftel. Zweitens – und das wiegt viel schwerer – ist der Primärenergieverbrauch als Bezugsgröße bewusst irreführend. Denn bei fossilen Energien geht ein gewaltiger Anteil als Abwärme verloren: in Kohle- und Gaskraftwerken, in Verbrennungsmotoren. Bei Erneuerbaren entfällt dieser Verlust fast komplett.

Der Volksverpetzer fasst das so zusammen: Reiche rechnet mit einer Zahl, die den größten Nachteil der Fossilen – ihre massive Energieverschwendung – einfach versteckt. Ihr eigenes Ministerium rechnet übrigens damit, dass sich der Primärenergiebedarf durch Elektrifizierung um fast ein Drittel verringern wird.

Schauen wir auf die relevante Größe – den Stromsektor –, sieht die Welt ganz anders aus. 2025 deckten Erneuerbare fast 60 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Solar überholte erstmals die Braunkohle. Dass der Gesamtanteil niedrig bleibt, liegt an Verkehr und Wärme – genau den Sektoren, in denen Reiche die Elektrifizierung aktiv bremst, indem sie das Heizungsgesetz aufweicht und Gasheizungen empfiehlt.

Die einseitige Buchführung: 36 Milliarden Klage, 145 Milliarden Schweigen

Reiche addiert EEG-Kosten, Kapazitätsreserven, Redispatch und Subventionen zu „über 36 Milliarden Euro pro Jahr“ und rechnet das auf 430 Euro pro Kopf hoch. Klingt erdrückend. Aber die Ministerin unterschlägt konsequent die Gegenseite: Fossile Energieimporte kosten Deutschland 76 bis 80 Milliarden Euro jährlich – das wären über 1.000 Euro pro Kopf. Umweltschädliche Subventionen für fossile Energien beziffert das Umweltbundesamt auf mindestens 65,4 Milliarden Euro. Zusammen also etwa 145 Milliarden Euro – fast das Vierfache der von Reiche beklagten Systemkosten. In ihrem gesamten Gastbeitrag kommt keine einzige dieser Zahlen vor. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist Methode.

Von Eon abgeschrieben: Gaskraftwerke statt Speicher, Subventionen statt Markt

Reiche will Gaskraftwerke bauen, bis zu 20 oder sogar 36 Gigawatt, subventioniert mit Steuergeldern und finanziert über eine neue Umlage auf den Strompreis. Gleichzeitig tut sie nichts, um den marktgetriebenen Boom der Batteriespeicher zu beschleunigen, obwohl bei den Netzbetreibern Anträge für über 500 Gigawatt Großspeicher liegen – die sich heute schon ohne Subventionen refinanzieren.

Die Genehmigungen? Stecken fest. Die politische Beschleunigung? Fehlt. Stattdessen plant Reiche in ihrem eigenen Modell bis 2035 nicht mehr Großspeicher als heute, wie Christian Stöcker im Spiegel dokumentiert. Gaskraftwerke brauchen Subventionen und Gas-Importe. Speicher nicht. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich zu fragen, wem das nützt.

Die Antwort liefert Table Media: Reiches Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende enthält Passagen, die sprachlich und inhaltlich nahezu identisch mit einem Positionspapier von RWE und Eon sind. Die Fachabteilungen im Ministerium waren kaum eingebunden. Der eigene Monitoring-Bericht widerspricht den Schlussfolgerungen. Selbst die Formulierungen über „15.000 Rechtsnormen“ wurden praktisch eins zu eins übernommen. Als Vorstandsvorsitzende von Westenergie hatte Reiche im November 2024 auf LinkedIn einen Artikel mit ihren Forderungen veröffentlicht – anderthalb Jahre später hat sie fast jeden dieser Vorschläge in Gesetzesentwürfe umgesetzt. Der LinkedIn-Artikel ist inzwischen gelöscht.

Denken auslagern, Mitarbeiter ausspionieren, PR-Agenturen einkaufen

Die Drehtür dreht sich nicht nur personell, sondern auch operativ. Laut Handelsblatt hat Reiche eine Ausschreibung für externe Managementberater gestartet: 9.000 Stunden jährlich, Schwerpunkt strategische Steuerung, Analysen und Diskussionspapiere. Insider im Ministerium sprechen davon, dass hier „Denken ausgelagert“ werde – originäre Kernaufgaben der Verwaltung also, wie t-online berichtet. Gleichzeitig misstraut Reiche ihren eigenen Fachabteilungen so sehr, dass sie laut Spiegel deren E-Mail-Konten durchsuchen ließ, um Leaks aufzuspüren. Die Betroffenen wurden erst nachträglich informiert.

Dazu kommt der PR-Apparat: Seit Februar lässt sich Reiche von gleich zwei Kommunikationsagenturen beraten – Scholz & Friends und FGS Global. Der Höchstwert der Vereinbarung liegt laut Ausschreibung bei zwölf Millionen Euro. FGS Global ist dabei besonders interessant: Die Agentur gilt als CDU-nah, und der Finanzinvestor KKR hält dort eine Mehrheitsbeteiligung. KKR wiederum ist einer der größten globalen Investoren in der Fossilindustrie. Die Ministerin, die Erneuerbare als zu teuer kritisiert, lässt sich also ihre Öffentlichkeitsarbeit von einer Agentur organisieren, die einem fossilen Finanzinvestor gehört – und zahlt dafür mit Steuergeld. Man muss schon hart gesotten sein, um das nicht „ironisch „komisch“ zu finden.

SMR-Fantasien: 585 Gigawatt Erneuerbare gegen acht Gigawatt Atom

Reiche beschwört in ihrem Gastbeitrag auch die Kernkraft als Teil der Lösung und behauptet: „16 EU-Mitgliedstaaten investieren hier bereits gemeinsam“ in kleine modulare Reaktoren. Kreutzfeldt hält trocken dagegen: SMR, Small Modular Reactors – kleine modulare Kernreaktoren, gibt es kommerziell bisher schlicht nicht. Auf die Frage, welche Staaten welche Summen wohin investieren, konnte Reiches Ministerium keine Antwort geben.

Was bekannt ist: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat vor der „Nuclear Alliance“ – der tatsächlich 16 Staaten angehören – 200 Millionen Euro für mögliche Erforschung der Technik angekündigt. Das ist keine „gemeinsame Investition“ in Reaktoren, das ist ein Forschungstopf. Reiche macht daraus eine Beinahe-Renaissance.

Die globalen Verhältnisse sind dabei eindeutig: 2024 wurden laut IRENA weltweit 585 Gigawatt erneuerbare Kapazität gebaut – gegenüber gerade einmal acht Gigawatt Atomkraft. Nina Scheer rechnet in ihrer FAZ-Replik vor: Zuletzt wurden weltweit 400 Mal mehr Erneuerbare ausgebaut als Atomenergie. Wer wie Reiche erkläre, die Erneuerbaren seien nun „erwachsen geworden“, sollte auch die Unwirtschaftlichkeit und Subventionsabhängigkeit von Atomenergie benennen.

Kein einziges AKW der letzten Jahrzehnte wurde ohne massive staatliche Hilfe gebaut – weder Flamanville noch Hinkley Point C noch Olkiluoto, allesamt milliardenschwere Kostendesaster mit jahrelanger Verspätung. Dass Reiche ausgerechnet in diesem Kontext Erneuerbare als zu teuer kritisiert, hat eine gewisse Ironie, die ihr vermutlich nicht auffällt.

71 Prozent wollen Klimaneutralität – ihre Ministerin arbeitet dagegen

Während Reiche die Energiewende schlechtredet, zeigt eine am selben Tag in der FAZ veröffentlichte RWI-Umfrage, dass 71 Prozent der Deutschen Klimaneutralität für richtig oder weitgehend richtig halten. Nur 13 Prozent lehnen das Ziel ab. Das Problem ist nicht mangelnde Akzeptanz – sondern mangelndes Vertrauen in die Politik: 96 Prozent glauben nicht, dass das Ziel erreicht wird. Kein Wunder, wenn die zuständige Ministerin die eigenen Ziele „ins Lächerliche“ zieht, wie Nina Scheer es in ihrer Replik formuliert.

Ich halte Reiches FAZ-Beitrag für einen der dreistesten politischen Texte der letzten Monate. Nicht weil er kontroverse Thesen vertritt – sondern weil er systematisch mit falschen oder irreführenden Zahlen arbeitet, die Gegenargumente vollständig ausblendet und dabei so tut, als sei das eine nüchterne Bestandsaufnahme. Es ist das genaue Gegenteil. Es ist ein Gas(t)beitrag einer Gaslobbyistin, die zufällig Wirtschaftsministerin geworden ist. Oder vielleicht nicht ganz so zufällig.

Persönliche Bemerkung

Wenn wir gerade sehen, wie abhängig wir von Öl- und Gaslieferanten, vom Iran, den arabischen Ländern, Putin und auch den USA sind, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, wie jemand in dieser Situation auf Gas setzen kann. Jedes Solarpanel, jedes Windrad, das wir in Deutschland aufstellen, jedes E-Auto, das wir fahren, macht uns ein Stückchen unabhängiger und weniger erpressbar. Die deutschen Autofahrer scheinen das im März 2026 verstanden zu haben. Es wurden mehr E-Autos als Verbrenner zugelassen. Weiter so Ja, es gibt noch einiges zu tun im Netzausbau, in der Preisgestaltung von E-Autos und so weiter. Das müsste, muss angepackt werden, statt in eine Zeit zurück rudern zu wollen, die vorbei ist.

Quellen & Leseempfehlungen

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