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Nach der Übernahme durch Musk: Should I stay or should I go? Time to say goodbye? The final countdown? – Wochenrückblick #54

Dieser Wochenrückblick ist auch ein Blick in die Glaskugel, ein Ausblick, ein Blick in eine vielleicht noch düstere Social Media-Zukunft. Elon Musk hat jetzt für 44 Milliarden Dollar Twitter übernommen.. Na und, werden viele sagen, denen. Twitter eh suspekt war oder die es für eine Plattform von Hate Speech hielten und halten. Und was soll das überhaupt? Auf Twitter tummelt sich neben der Hater und braunen Spinner eh nur die Journalisten- und Influencer-Blase.

Nun hatte ich gerade dieser Tage vierzehnjährigen „Geburtstag“ auf Twitter und meine Erfahrungen waren über all die Jahre weitgehend positiv. Das ist sicher auch so, weil ich meiner Blase folge, einer Liste von Personen, die ich interessant finde und die ich händisch zusammengestellt habe – und die Liste heißt wirklich so. Der allgemeinen Timeline von Twitter folge ich überhaupt nicht, so dass mancher Shit und unerträgliche Hate Speech bei mir gar nicht erst ankommt.

Aus den Tweets meiner Blase speist sich auch mein Wochenrückblick. Die dort eintreffenden Meinungen und Nachrichten sind für mich oft relevant und über Re-Tweets komme ich natürlich auch an Informationen jenseits der Vertreter, die sich in meiner Liste befinden. Und ja, es ist ganz bewusst ein Filter, denn ich will mich nicht über Trolle, Bots, Spinner und radikale, spinnerte Ansichten ärgern. Wer mir blöd kommt oder wen ich blöd finde, den blockiere und ignoriere ich ganz schnell.

Nun mag es den oder die Eine oder den Anderen geben, die sagen, dann mach doch weiter so. Wenn du das so spielst, macht es doch auch nichts, wenn Elon Musk Twitter besitzt. Genau an dieser Stelle bin ich mir nicht sicher, denn ich glaube, dass es durchaus wichtig ist, dass auf Twitter moderier, Hate Speech auf Twitter kontrolliert und gelöscht wird, und einem Donald Trump und seinen Konsorten die Plattform nicht wieder geöffnet wird.

Twitter spielt in der politischen Meinungsbildung eine wichtige Rolle, hat sie bei den US-Wahlen und Brexit gespielt und wurde dort auch massiv genutzt, um zu manipulieren. Deshalb muss auf der Plattform ge-monitor-t, kontrolliert, moderiert, gegebenenfalls gelöscht und blockiert werden – auf der Basis unserer Grundwerte. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird es zappenduster. Und hier habe ich meine Zweifel: Musks Vorstellung von Meinungsfreiheit ist nicht nur naiv, wie Christopher Lauer auf Faz.Net, schreibt, seine Vorstellung ist gefährlich, seine Sprunghaftigkeit und seine Eskapaden sind es ebenso.

An dieser Stelle möchte ich auf den Podcast von Richard Gutjahr mit Renatre Künast über Manipulation der Gesellschaft und Hate verweisen, Hörenswert. Künasts Buch nehme ich jetzt mit in den Urlaub.

Sicher nicht die typische Strandlektüre, aber mir scheint, wir befinden uns an einem Wendepunkt, wo wir alle, besonders auch Gerichte und Politiker die Meinungsmacht und Manipulationsgefahr der sozialen Netzwerke verstehen müssen.

  • Zuckerberg besitzt Facebook, Instagram und WhatsApp. Dort bin ich vor Jahren raus.
  • TikTok ist ein chinesischer Konzern mit allen potentiellen Risiken.
  • Und der Egoman Elon Musk besitzt nun Twitter.

Eine insgesamt mehr als bedenkliche Gemengelage.

Musk wird auf Twitter nicht die Nutzer ermächtigen, sondern sich selbst. So gewinnt er mit seinem Twitter-Kauf weiter an Bedeutung und Deutungshoheit über die weltweite Politik. Musk stellt die Klassenfrage – und auf welcher Seite er steht, ist klar.

Übernahme von Twitter: Musk stellt die Klassenfrage – Lennart Mühlenmeiet auf Golem.de

Was nun, fragt Zeus. Oder um es mit The Clash zu rocken

Should I stay or should I go.

Kevin Kühnert, Saskia Esken, vor langem schon Robert Habeck sind raus aus Twitter. Die Motive scheinen dabei eher die Angriffe und Hasstiraden gewesen zu sein, denen sie latent ausgesetzt waren. Wenn Twitter – oder jene andere soziale Plattform – schlechte Stimmung oder gar krank macht, ist eine solche Entscheidung nachzuvollziehen.

Lediglich (wohlgemerkt, nicht „nur“) ihre Vorbildfunktion verbietet es meiner Meinung nach, zu gehen. Aber gut, wer bin ich schon?

Raider heißt jetzt Twix – Twitter gehört jetzt Musk. – Nicole Diekmann

Oder sind gar die wichtigsten Zwitscherer eh schon lange weg?

Aber man muss sich auch darüber klar sein, wem man das Beeinflussungsinstrument Twitter überlässt. Überlässt man Twitter den Trollen oder sollte man Twitter verteidigen? Ich erinnere mich an meine Diskussion mit Gunnar Sohn, als ich damals die Facebook-Plattformen verlassen haben.

Marina Weissband will erst einmal bleiben:

Einige sind „damals“ nach der ursprünglichen Ankündigung von Musk, Twitter zu übernehmen, ins Fediverse zu Mastodon gewechselt. Beispielsweise Frank, Thomas oder Gerd sind seitdem nur noch im Fediverse und nicht auf Twitter. Doch vergleichsweise schnell ist damals die Welle abgeebbt und auf Mastodon zog wieder die heimelige und freakige Stimmung der Nerds ein. Da sind ja auch noch alle nett zueinander und es ist kuschelig. Wirklich? Doch wer ist wirklich (noch) dort und aktiv? Und wie viele lesen und diskutieren auf und rum um Mastodon (bisher)? Sascha Pallenberg will wieder zurück nach Mastodon, wo er im Frühjahr dieses Jahres sehr aktiv war, bevor er dann wieder mehr zwitscherte.

Ist jetzt also endgültig Time to say goodbye?

Insbesondere die schon erwähnte Journalisten-Blase ist meistens auf Twitter geblieben. Außerdem haben EU, Bundestag und Bundesregierung nicht wirklich so reagiert, dass man das Fediverse und Mastodon wirklich gestärkt und als Kommunikations-, Diskussions- und Partizipationsplattform genutzt hat. Da nutzt es auch wenig, dass Jan Böhmermann zum Wechsel aufruft. Wird es diesmal wieder eine kurze Wechselblase geben, die dann schnell wieder platzt, oder passiert (endlich) mehr?

Und Mastodon ist halt auch technisch schwieriger, eben dezentraler. Von der notwendigen Moderation in dieser Architektur will ich hier gar nicht beginnen.

Wie geht es nun weiter auf und mit Twitter. Schwierig zu prognostizieren:

Eine seriöse Aussage darüber, was als Nächstes passieren wird, ist kaum zu machen. Vieles ist denkbar: eine Massenflucht der User auf andere Plattformen oder das Entstehen neuer. Vielleicht auch nur große Empörung – und dann, wie so oft, gar nichts.

Elon Musks Twitter-Kauf ist eine Katastrophe – kommentiert Christopher Lauer auf FAZ.NET

Und was werde ich machen? Seit einiger Zeit habe ich ein Konto auf Mastodon und habe dort insbesondere nach der ursprünglichen Ankündigung der Übernahme durch Musk auch getrötet und diskutiert. Das ist dann eingeschlafen, auch weil ich nicht das Gefühl hatte, Antworten und Anregungen zu bekommen, die mich berühren, inspirieren und weiter bringen. Ich werde wahrscheinlich jetzt wieder aktiver werden, aber ansonsten die Strategie von Marina Weisband verfolgen: Schau’n wir mal, was passiert. Ein gutes Gefühl habe ich nicht. Mir scheint, der liebe Elon hat halt einen Vogel – und das ist gefährlich.

Es fühlt sich mehr nach The Final Countdown an.

Auch über eine Neugestaltung meines Wochenrückblicks werde ich nachdenken. Er entsteht ja dadurch, dass ich die mir gefühlt wichtigsten Themen der Woche, Tweets der Woche, hier kuratiere und kommeniere. Mit Mastodon geht das leider thematisch und technisch nicht so komfortabel.

Klar ist für mich jedoch, dass dieser Platz hier, mein Blog, meine Heimat ist.

Mein Sweet Home Alabama ist mein Blog.

Ich begebe mich mit meinen Beiträgen und meiner Meinung nicht in die Hände anderer Plattformen. Die sind für mich Verstärker und Diskussionsplattformen. Nicht mehr und nicht weniger. Mein geistiges Eigentum gehört auf mein/en Blog. Punkt.

Eher ein Randnotiz, aber auch interessant wird sein, was Elon Musk mit Revue, dem Newsletter-Dienst, macht, den Twitter vor geraumer Zeit übernommen hat. Ich habe Revue ja auch für den Wochenrückblick genutzt, bin aber eben hierher zurückgekehrt, weil es keinen für mich technisch funktionierenden Weg gab, meine Newsletter hier auf WordPress in meinem Blog zu speichern. Here is my home, here is my castle. Im Job nutze ich übrigens bisher weiter Revue, weil es gefühlt keine andere Plattform gibt, in der ich schnell mit Links einen Newsletter zusammenbauen kann.

Bild von SpaceX-Imagery auf Pixabay

Filed under: Digitaler Arbeitsplatz, Kommunikation & Zusammenarbeit

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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