Talkshows: Bühne für Populisten oder Raum für Aufklärung? #9vor9

9vor9 breit

Der eine kann sie nicht mehr hören und sehen, zumindest mal die Politik-Talkshows. Der andere hört sich regelmäßig die Talkshows von Anne Will, Maischberger, Maybrit Illner oder Caren Miosga nach der Liveausstrahlung als Podcast an. Auch Hart aber fair gehört in sein Repertoire, obwohl er diese schwieriger findet, nur zu hören, da viele Einspieler enthalten sind. Nur Herrn Lanz ignoriert der liebe Lars unerklärlicherweise, obwohl dieser laut Antwort der Künstlichen Intelligenz perplexity.ai bekannt für die tiefgründigen Gespräche ist. Hüstel.

Ach ja, ich habe mich auch geoutet und zugegeben, dass ich öfters 3nach9, die Mutter aller Talkshows und vor allem die NDR Talkshow schaue, natürlich nur, um die Promotion der neuesten Bücher oder Filme diverser Prominenter anzuhören. Im Ernst: Ich finde die Gäste dort oft ergiebiger und kann einfach die gebetsmühlenartigen Statements vieler Politikerinnen und Politiker nicht mehr hören. Bei den Vertreterinnen und Vertretern der AfD und bei der lieben Sahra steigt mein Blutdruck eh sofort an.

Rechtsextreme in Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen

Im Video-/Podcast haben wir einige Eckpfeiler von Talkshows besprochen und uns dabei besonders auf den Lage der Nation-Podcast mit der Politologin Julia Reuschenbach bezogen. Seit Monaten wird sehr kontrovers diskutiert, ob man Vertreterinnen und Vertretern rechtsextremer Positionen in den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen eine Bühne geben soll. Befürworter betonen die journalistische Pflicht, auch extreme Positionen abzubilden und kritisch zu hinterfragen, um Meinungsvielfalt in einer Demokratie zu gewährleisten.

Kritiker hingegen warnen, dass solche Politiker die Bühne nutzen, um ihre Propaganda zu verbreiten. Oft ist es schwierig, populistische Aussagen sofort zu entlarven. Eine mögliche Lösung könnte Live-Fact-Checking oder eine zeitversetzte Ausstrahlung der Talkshows sein.

Talkshows zeitversetzt senden – mit Faktencheck

Auch wir haben diskutiert, ob es nicht besser ist, gerade mit rechtsextremen Politikerinnen und Politikern keine Livesendungen mehr zu senden. Live sind Moderatoren oft nicht in der Lage, komplexe oder manipulative Aussagen sofort zu kontern und den oft geforderten Faktencheck zu liefern. Das kann dazu führen, dass die Gäste ungehindert ihre Narrative verbreiten. Den Faktencheck könnte man bei einer zeitversetzten Ausstrahlung notfalls noch nachträglich einbauen. Ob das allerdings manche Gäste mögen?

Natürlich geht ein Faktencheck auch live, wie gerade das TV-Duell zwischen Trump und Harris gezeigt hat. Das erfordert aber eine noch bessere Vorbereitung und Kompetenz der Moderatorin oder des Moderators, die sofort eingreifen muss, wenn fragwürdige oder falsche Aussagen getroffen werden.

Livesendungen sind sicherlich authentischer, spontaner, emotionaler, besonders dann, wenn auch noch Publikum im Studio ist oder gar wie bei Hart aber fair Fragen stellen kann oder eingebunden wird. Applaus oder Buhrufe können aber auch bestimmte Aussagen verstärken und die Diskussion verfälschen. Talkshows ohne Publikum ermöglichen dagegen oft eine sachlichere und ruhigere Diskussion. Dies kann besonders in politisch aufgeladenen Diskussionen hilfreich sein, da ohne die ständige Erwartung einer Publikumsreaktion mehr Raum für Argumente und weniger für Krawall besteht.

Rechtsextreme gefühlt zu oft in Talkshows

Mir persönlich sind die Vertreterinnen und Vertreter der AfD viel zu oft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Mal gelingt es, ihre Aussagen in den richtigen Kontext zu stellen. Oft habe ich allerdings den Eindruck, dass manche Moderatorin oder Moderator den Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern nicht gewachsen ist. Christian Stöcker kommentiert am 8. September 2024 im Spiegel sehr pointiert:

Warum dürfen Leute, die in Deutschland russische Propagandapositionen verbreiten und sich russischen Propagandamedien zur Verfügung stellen, noch in deutschen Talkshows auftreten?

Putins Propaganda-Offensive wirft vier Fragen auf – Christian Stöcker – Der Spiegel (€)

Doch natürlich ist die Wahrnehmung der Talkshows manchmal sehr verschieden. Ein Beispiel: Die FAZ (€) titelt Miosga präsentiert: Die große Wagenknecht-Show. Die Entlarvung von Wagenknechts Rhetorik sei dramatisch schiefgegangen**.** T-Online schreibt dagegen: Harte Fragen – Miosga treibt Wagenknecht in die Ecke. So unterschiedlich können Bewertungen sein, abhängig von eigener Position und eben Wahrnehmung. Auffallend ist, wie intensiv andere Medien wie z.B. die FAZ oder T-Online die Talkshows danach in der TV-Kritik aufgreifen.

Social Media: Aussagen werden ohne journalistische Einordnung verbreitet

Auch auf Social Media werden sie teilweise während der Sendung oder danach rezipiert. Das kann gehörig schiefgehen, wenn Aussagen aus dem Kontext gerissen werden. Lars nennt ein konkretes Beispiel, bei dem eine Aussage von Sahra Wagenknecht bei Caren Miosga in den sozialen Medien verbreitet wurde, ohne journalistische Einordnung oder Zitatmarkierung. In einem Beitrag unter Miosgas Account auf Threads sagte Wagenknecht: „Die Grünen haben in den letzten Jahren extrem Schaden angerichtet. Die Partei, die den meisten Anteil daran hat, dass Herr Höcke in Thüringen mehr als 30 % bekommen hat, sind die Grünen.“

Man beachte insbesondere korrekten Kommentar.

Dieser Beitrag wurde ohne Anführungszeichen oder Kontext verbreitet und erzielte über 11.000 Aufrufe auf Threads sowie deutlich mehr auf X (ehemals Twitter), wo er etwa 100.000 Menschen erreichte. Lars kritisiert zu Recht, dass solche Aussagen ohne journalistische Bearbeitung und kritische Hinterfragung verbreitet werden. Bestimmte Zitate oder kontroverse Aussagen erlangen schnell eine große Reichweite und entwickeln so ein Eigenleben, ohne dass der Kontext der ursprünglichen Diskussion beachtet wird.

Talkshows bleiben wichtig für die politische Bildung

Politische Talkshows erreichen noch immer ein großes Publikum, haben aber mit sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen. Und obwohl es wohl keine verlässlichen Zahlen gibt, ist davon auszugehen, dass der Anteil der jungen Zuschauer an klassischen Talkshows wie Anne Will oder Maischberger im linearen Fernsehen relativ gering im Vergleich zu älteren Zielgruppen ist. Studien, Umfragen und auch unsere Diskussion bei #9vor9 in der vergangenen Woche zeigen, dass jüngere Generationen bevorzugt auf On-Demand-Inhalte und Streaming-Dienste zurückgreifen.

Der Vorwurf, dass einige Talkshows mehr auf Quote und Krawall aus sind als auf inhaltliche Tiefe, steht im Raum. Dennoch sehen wir in gut gemachten Formaten, die auf journalistische Gründlichkeit setzen, eine wichtige Rolle für die politische Bildung. Jedoch muss auch hier intensiv daran gearbeitet werden, gerade die jüngere Generation anzusprechen und zu erreichen.

Über politische Talkshows im deutschen Fernsehen #9vor9 – Die Digitalthemen der Woche

Wir reden diese Woche schon wieder über das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Genauer gesagt: Wir reden über politische Talkshows und fragen uns: Welchen Sinn haben diese Talkshows? Welchen (journalistischen) Anspruch haben sie? Wie gehen sie mit Lügen und Propaganda von Politikerinnen und Politikern um? Wie könnte man sie verbessern?

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