Wir, der Lars und ich, haben das Orakel auf, hinter und in der Mauer befragt. Thorsten Zoerner, Geschäftsführer und Gründer von StromDAO, war endlich mal wieder bei #9vor9 zu Gast. Natürlich wollten wir seine Vorhersagen zu seinem Spezialgebiet Energiewende für 2025 und darüber hinaus hören. Und Thorsten hat einmal mehr nicht enttäuscht. Die Energiewende in Deutschland hat einen wichtigen Wendepunkt erreicht – sie ist nicht mehr rückgängig zu machen. Das ist seine zentrale Botschaft.
„Wir sind an einem wichtigen Punkt, den wir überschritten haben. … Es kostet uns jetzt deutlich mehr Kraft, die Energiewende rückgängig zu machen“, so Thorsten in unserem Gespräch.
Wirtschaftliche Realitäten statt ideologischer Debatten
Er plädiert für einen nüchternen, wirtschaftlich orientierten Blick auf die Energiewende. Die oft emotional geführte Debatte um Atomkraft versus Erneuerbare sei überholt – der Markt habe längst entschieden. „Warum lassen wir uns einfach nicht mal die Wirtschaft entscheiden?“, fragt Zoerner und verweist auf die ökonomischen Realitäten: Die Kosten für einen Wiedereinstieg in die Atomkraft wären heute exorbitant höher als die Fortsetzung der erneuerbaren Strategie.
Herrn Söder und andere Populisten interessieren solche Fakten leider nicht, und ihnen gehen nach einer neuen Umfrage noch immer 43 Prozent der Deutschen auf den Leim, auch wenn nachgewiesenermaßen auch in den Nachbarländern Atomkraft hochsubventioniert und nicht wirtschaftlich ist. Immerhin stehen 60 Prozent der Menschen in Deutschland laut dieser Umfrage hinter der Energiewende.
Die Dunkelflautendebatte als Ablenkungsmanöver
Die Diskussion um die sogenannte „Dunkelflaute“ Ende 2024 war größtenteils künstlich aufgebauscht und zeigt deutliche Anzeichen von Marktmanipulation. Das ist ihre zentrale Aussage. Die viel diskutierten Ereignisse vom 12. Dezember 2024 offenbaren bei genauer Betrachtung ein interessantes Muster. Trotz steigender Strompreise kamen keine zusätzlichen Erzeugungskapazitäten auf den Markt. Besonders bemerkenswert: Es wurde kein einziges Reservekraftwerk aktiviert, und nur etwa die Hälfte der verfügbaren Gaskraftwerke war überhaupt in Betrieb.
Marktspekulation statt Versorgungsengpass
Zoerner vermutet gezielte Spekulation durch wenige große Akteure: „Es könnte auch gut sein, dass Marktplayer sich ganz bewusst zurückgehalten haben, weil sich auch nur zwei Player unterhalten mussten.“ Die Preissprünge über 250 Euro pro Megawattstunde führten zu einer Situation, in der bestehende Marktteilnehmer von der künstlichen Verknappung profitierten.
Die Dunkelflauten-Diskussion zeigt laut Zoerner exemplarisch, wie die Diskussion um Versorgungssicherheit politisch instrumentalisiert wird. Während die Medien von drohenden Blackouts berichteten, zahlten damals Endverbraucher unveränderte Preise – die künstlich erzeugten Preisspitzen trafen hauptsächlich Großabnehmer mit kurzfristigen Beschaffungsstrategien. Alle anderen Abnehmer hatten mittelfristige Verträge mit garantierten Preisen.
Industriestrom – wirklich zu teuer?
Auch zur aktuellen Debatte um Industriestrompreise bezieht Thorsten eine klare Gegenposition zum vorherrschenden Narrativ der „zu teuren“ Energiekosten in Deutschland. Das deutsche Stromsystem stelle ein „All-Inclusive-Paket“ dar, dessen Wert oft unterschätzt werde. Die öffentlichen Klagen über hohe Strompreise kämen häufig von Unternehmen, die in der Vergangenheit eine riskante Beschaffungsstrategie verfolgt und gegen die Interessen des Stromnetzes gewirtschaftet hätten.
Große Industrieunternehmen, die professionelles Energiemanagement betreiben, seien durch langfristige Lieferverträge von den aktuellen Preisschwankungen am Spotmarkt kaum betroffen. Zoerner kritisiert besonders die Praxis einiger Unternehmen, das Stromnetz als Allgemeingut zu belasten, ohne die Konsequenzen zu tragen. Die aktuelle Diskussion um Industriestrompreise bezeichnet er daher als teilweise künstlich erzeugt, da sie die tatsächlichen Zusammenhänge im Energiesystem außer Acht lasse.
Fraunhofer ISE-Analyse (Januar 2025)
Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut widerlegt die These von Deutschlands „höchsten Strompreisen weltweit“:
- Der Börsenstrompreis lag 2024 bei 7,8 Cent/kWh und damit im europäischen Mittelfeld.
- Erst durch Steuern, Umlagen und Netzentgelte steigt der Endpreis für Industrie auf durchschnittlich 17 Cent/kWh (2024). Energieintensive Betriebe zahlen dank Entlastungen jedoch ähnlich viel wie 2021
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Die Herausforderungen der Netzbetreiber
Auch über das Thema Netzbetreiber haben wir mit Thorsten bei #Ladelust gesprochen. Er verteidigt die Netzbetreiber und zeichnet ein differenziertes Bild ihrer aktuellen Situation: Die Netzbetreiber stünden vor einem massiven Rückstau an ungelösten Problemen. Statistisch kommen auf jeden Netzanschluss etwa 1,2 ungelöste Tickets bzw. Problemfälle. Diese Situation wird durch ständig neue regulatorische Änderungen noch verschärft, da die Betreiber kaum Zeit haben, bestehende Probleme zu lösen, bevor neue hinzukommen.
„Ich habe dort noch nie jemanden gesagt, der bewusst seine Kunden, quasi seine Netzkunden, ärgern möchte oder denen irgendwas verbieten möchte“. Das Problem liegt laut Thorsten vielmehr darin, dass den Netzbetreibern schlicht die Kapazitäten fehlen und die Infrastruktur über Jahre kaputtgespart wurde. Die zunehmende Dämonisierung der Netzbetreiber, auch durch einige Influencer, verhindert eine konstruktive Zusammenarbeit. Er plädiert für mehr Verständnis für die komplexe Situation der Netzbetreiber und deren wichtige Rolle bei der Energiewende.
Infrastruktur als Schlüssel zum Erfolg
Womit wir beim Thema Netzinfrastruktur waren, einer ganz besonderen Herausforderung. Die Modernisierung und Digitalisierung der Netze sind zwar kostspielig, aber unverzichtbar: „Infrastruktur ist immer eine Investition in die Zukunft, ist immer mit einer Investition mit einem Ziel und das Ziel sollte auch eigentlich einfach nur Versorgungssicherheit sein“.
Der Podcast macht deutlich: Die Energiewende ist nicht mehr die Frage des „Ob“, sondern des „Wie“. Die wahren Herausforderungen liegen in der praktischen Umsetzung und der Modernisierung der Infrastruktur – nicht in ideologischen Grabenkämpfen.
Wir freuen uns auf den nächsten Besuch von Thorsten bei #9vor9 #Ladelust, bei dem wir über das Thema digitalen Infrastruktur im Energiesektor sprechen werden. Außerdem möchten wir natürlich Thorstens Blog Stromhaltig.de empfehlen.


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