circular knowledge flow diagram. Left: open, modular Wikipedia book structure with the Wikipedia logo. Right: abstract AI brain composed of layers and nodes. Above the AI: an abstract tech-power silhouette hovering, minimal and shadow-like. Arrows flow from Wikipedia to AI (clean, green). Return arrows flow back to Wikipedia fragmented and distorted (red markers). Visible imbalance in arrow thickness. White background, anthracite structure friendly green. No faces, no narrative scene.

Warum Wikipedia kein Selbstläufer mehr ist #9vor9

Vor vier Tagen und 25 Jahren wurde Wikipedia gegründet oder ging Wikipedia online. Darüber wollen wir heute sprechen.“ Mit diesem Satz eröffnet Lars Basche am 19. Januar um 8:51 Uhr die erste Folge von #9vor9 im Jahr 2026. Dass wir ausgerechnet Wikipedia als erstes Thema des Jahres gewählt haben, war kein Zufall. Und auch kein nostalgischer Geburtstagsgruß.

Wir wollten über Macht sprechen. Über Wissen. Über das, was gerade leise, aber fundamental kippt. Wikipedia ist dafür das perfekte Beispiel.

Zuerst Misstrauen, dann Infrastruktur

Nach der Gründungszeit galt Wikipedia längere Zeit als unsichere Quelle. Lars erinnert sich im Podcast: „Da wurde gesagt: Wikipedia bitte nicht nutzen.“ Heute ist Wikipedia genau das Gegenteil: die Referenz, auf die sich fast alle verlassen – Menschen wie Maschinen. Wikipedia ist heute das Rückgrat des Internets. 66 Millionen Artikel, über 300 Sprachen, Top-10-Website weltweit – und die einzige dort, die nicht kommerziell ist.

Was fehlt denn da hinter mir?“, frage ich Stefan mit Blick auf seine Bücherwand.
Die Antwort: „Da fehlt der Brockhaus.“ Wikipedia hat Lexika wie Brockhaus faktisch ersetzt. Wikipedia ist das Lexikon unserer Zeit. Aber sie ist ein Lexikon, das nicht verkauft wird – sondern angezapft wird.

KI: größter Nutzer, kein Partner

Ein zentraler Punkt unserer #9vor9-Folge ist die Rolle generativer KI. Lars formuliert es nüchtern: „Wikipedia ist die Grundlage für die KI-Suchmaschinen dieser Welt.“ Oder wie ich es formuliere: „Die ganzen Suchmaschinen werden mit Wikipedia trainiert – und dafür zahlten die Konzerne erst mal nix.Erst kürzlich wurden endlich Vereinbarungen mit verschiedenen Anbietern getroffen, durch die die Wikimedia Foundation entschädigt wird. Das ist sicher auch eine moralische Frage und endlich laufen Gespräche, wie Wikipedia bzw. Wikimedia für die Nutzung entschädigt werden kann und soll.

Fast noch wichtiger ist das strukturelle Problem. KI-Systeme liefern Antworten, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer noch zur Quelle gehen. Quellen prüfen gehört aber nicht nur zur wissenschaftlichen und journalistischen Arbeit. Eigentlich sollte es jede und jeder tun. Wikipedia verliert daneben Sichtbarkeit, Traffic – und langfristig Autorinnen und Autoren sowie Spenden. „Die Leute bekommen ihre Informationen auf ChatGPT direkt und gehen nicht mehr zu Wikipedia.

Die stille Gefahr: KI kommt zurück

Die zweite, weniger sichtbare Bedrohung ist ebenso gravierend: „KI nutzt nicht nur Wikipedia – KI-generierte Texte landen auch wieder in Wikipedia.“ KI halluziniert. Sie erfindet Quellen und Fakten. Sie verzerrt Zusammenhänge. Wenn solche Inhalte wieder als Belege in Wikipedia auftauchen, entsteht ein gefährlicher Kreislauf. „Eine beidseitige Challenge: KI saugt Wissen ab – und spült Halluzinationen zurück.“ Das ist keine theoretische Debatte. Das ist ein Qualitätsproblem im Entstehen.

Grokipedia: Der Angriff auf die Deutungshoheit

Neben der technologischen Bedrohung sprechen wir im Podcast sehr klar über die ideologische: „Elon Musk ist ein Gegner von Wikipedia.“ Zu Woke, zu links und überhaupt. Mit Grokipedia entsteht kein harmloses Konkurrenzprojekt, sondern ein KI-basiertes Gegenmodell mit klarer politischer Agenda, „ein Nachschlagewerk für Rechte.

Besonders problematisch ist die Quellenbasis: „Unabhängige Quellen sind für Herrn Musk nicht unbedingt von Bedeutung.“ Stattdessen erfindet Grok oder man nutzt Unternehmensquellen, Pressemitteilungen und Webseiten statt seriöse Medien. Hier geht es nicht um Geschmack oder politische Präferenz, sondern um Macht über Begriffe. Wer definiert, was „Gender“, „Feminismus“ oder „Demokratie“ bedeutet, setzt den Rahmen dessen, was sagbar ist.

Der Kampf nach innen

Wikipedia steht nicht nur unter Druck von KI und ideologischen Angriffen von außen, sondern auch durch eigene strukturelle Schwächen. Es gibt immer weniger Autorinnen und Autoren, und die Autoren werden älter und werden weniger. Nachwuchs fehlt – nicht, weil Menschen kein Wissen beitragen wollen, sondern weil Einstiegshürden hoch sind und die interne Kultur abschreckend wirkt.

Wikipedia ist formal offen, faktisch aber geprägt von einer kleinen, eingeschworenen Gruppe aus Admins und Power-Editoren, die Regeln, Tonfall und Deutungshoheit bestimmen. Lars beschreibt eine „bis zu einem gewissen Grad aggressive Kerncommunity“, ich ziehe Parallelen zu „fast religiösen Kämpfen“ auf Plattformen wie Mastodon. Was Qualität sichern soll, wird so selbst zum Risiko.

Genau hier liegt ein Kernproblem: Ein Projekt, das auf Offenheit basiert, kann sich keine informellen Machteliten und eine intolerante Diskussionskultur leisten. Reuters nennt Wikipedia ein „professionell verwaltetes Ehrenamtssystem mit Überlastungssymptomen“ – und trifft damit ins Schwarze. Wenn das menschliche Immunsystem der Enzyklopädie überaltert, überlastet und abschottend wird, ist Wikipedia langfristig nicht resilient. Offenes Wissen funktioniert nur, wenn es offen bleibt – auch für neue Stimmen.

Wikipedia verteidigt sich nicht von selbst

Wikipedia ist derzeit noch nicht in der Krise. Noch bricht das System nicht zusammen. Noch funktioniert es. Aber genau darin liegt die Gefahr. Wikipedia ist so stabil, so selbstverständlich, so „immer da“, dass wir vergessen, wie fragil ihr Modell ist. Ein Modell, das auf Transparenz, Ehrenamt, Nachvollziehbarkeit und öffentlicher Aufmerksamkeit basiert.

Wikipedia lässt sich nicht einfach „laufen lassen“. Sie ist kein Naturzustand des Internets. Sie ist ein Kulturgut – und Kulturgüter müssen aktiv geschützt werden.
Als Gemeingut mit klaren Regeln, fairer Beteiligung, politischer Aufmerksamkeit und gesellschaftlichem Bewusstsein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Brauchen wir Wikipedia noch? Sondern: Sind wir bereit, öffentliches Wissen aktiv zu verteidigen – gegen Kommerzialisierung, ideologische Vereinnahmung und die Bequemlichkeit der KI-Zusammenfassung?

Oder, wie wir es am Ende des Podcasts sagen: „Wikipedia ist ein Leuchtturmprojekt. Wir hoffen, dass dieser Leuchtturm noch lange durch den Nebel von Fake News, Hass und Hetze scheint.


Die Grafik zum Thema (basierend auf unserer Recherche und Unterstützung durch NotebookLM)


Die Präsentation zum Thema: (basierend auf unserer Recherche und Unterstützung durch NotebookLM)

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Comments

2 Antworten zu „Warum Wikipedia kein Selbstläufer mehr ist #9vor9“

  1. ruppsel

    Schöner Artikel und die Kernbotschaft (alles nicht selbstverständlich) mag ich groß unterschreiben. Ich nickte auch sonst größtenteils zustimmend beim Lesen, aber bei der „eingeschworenen Gruppe von Admins und Power-Usern“ muss ich deutlich widersprechen. Zwei ergänzende Anmerkungen aus meiner Perspektive:
    – die kurze: je nachdem, wo man editiert, hat man es mit vollkommen unterschiedlichen Leuten zu tun. Konfliktreich ist alles, was mit Eingangskontrolle/Löschdiskussion zu tun hat, und dort mag man auf immergleiche Leute treffen, was wiederum damit zu tun hat, dass der Job ein sehr anstrengender und undankbarer ist, aber wie man singt: jemand muss ihn tun.
    – die längere: bei „eingeschworen“ müssten sehr viele aktive Leute in der Wiki in schallendes Gelächter ausbrechen. Da ist mitnichten was eingeschworen, da sind erheblichst verschiedenste Leute unterwegs und geraten permanent aneinander. Was tatsächlich dennoch ein Miteinander ermöglicht, sind Regeln, auf die man sich (oft genug unter Schmerzen) geeinigt hat. Die sind, wie es bei lange gepflegten Projekten so ist, umfangreich und nicht immer wirklich intuitiv verständlich. An die hält man sich aber, weil das die Existenz der Wiki überhaupt möglich macht. Nach außen hin mag das „eingeschworen“ aussehen, aber letzten Endes ist es ein Minimalkonsens, den man aus Notwendigkeit befolgt. Das machts Einsteigern natürlich trotzdem schwer, ich ahne aber, es erleichtert das Verständnis für so manches, wenn man sich bewusst macht, dass da nichts aus persönlicher Aversion, Feindschaft gegenüber Neulingen oder elitären Ausgrenzungsinteressen passiert.

    Ich seh da regelmäßig auch mehr Spitzen als wahrscheinlich notwendig wären. Nur sind da eine Latte Leute, die seit Jahren, ich zitiere, öffentliches Wissen gegen „Kommerzialisierung, ideologische Vereinnahmung und die Bequemlichkeit der KI-Zusammenfassung“ verteidigen, tagaus, tagein, und bei allem überzeugten Inklusionismus meinerseits: oh boy, da hat man viel zu tun und das hinterlässt Spuren.

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  2. Ich bin alles andere als dankbar für die KI-generierte Antwort auf eine Suchanfrage, die stets an oberster Stelle erscheint. Wenn ich sie überhaupt beachte, gehe ich IMMER zur Quelle. Sehr oft ist das tatsächlich Wikipedia. Oft gebe ich Textstellen als Suchanfrage ein, um eine zuverlässige Quelle zu finden, und dann liefert KI gleich eine Interpretation mit, die meistens oberflächlich ist und manchmal sowas von daneben liegt…
    Dennoch beunruhigt die menschliche Dummheit mich mehr als die künstliche Intelligenz.

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