Das Titelbild zeigt Günter Netzer und Udo Lindenberg als reduzierte, geometrische Figuren im SPF-Editorialstil: Netzer im ikonischen weißen Gladbach-Trikot, Udo mit Hut und Sonnenbrille. Beide stoßen mit Eierlikörchen an und machen gleichzeitig ein Selfie im Borussia-Park — lässig, selbstironisch und sofort erkennbar. Links im Bild ich deutlich zurückhaltender und fragmentierter dargestellt, halb im Hintergrund, als schüchterner Beobachter des Moments.

Eine Doku, Selfie-Träume, zwei Namen

Neulich habe ich mir mit meiner Frau die ARD-Doku über Udo Lindenberg angeschaut — „Udo. Rebell. Rockstar. Ikone.“ In einer Szene wird erklärt, wie Udo funktioniert: Er scannt seine Umgebung. Merkt genau, wer sich ein Selfie mit ihm wünscht und sich nicht traut. Und geht dann einfach von sich aus hin. Da hat es bei mir Klick gemacht. Ich bin ein zurückhaltender Mensch, der Promis grundsätzlich in Ruhe lässt, auch generell immer meist zurückhaltend ist. Ich komme eigentlich nie auf die Idee, ein Selfie mit einem Promienten zu machen. Aber mir ist klar geworden, bei zwei Menschen würde ich eine Ausnahme machen, wenn sich die Gelegenheit ergäbe.

Udo: coole Socke, bunte Republik, Eierlikör

Der eine ist natürlich Udo selbst. Zu seinem 80. Geburtstag am 17. Mai sagt er: „Das Alter hat eher ein Problem mit mir.“ Das glaube ich ihm sofort. Ich als Altherrenblogger fühle mich solidarisch, so von wegen kommender Unruhestand und überhaupt.

Richtig warm geworden bin ich mit Udo durch das Live-Album Livehaftig von 1979 — Mitschnitt der „Wanderzirkustournee“ der Jahre 78 und 79, von Peter Zadek inszeniert, mit dem Panik-Orchester, mit Eric Burdon und Ulla Meinecke live auf der Bühne dabei. Nicht nur ein Konzert, sondern ein von Zadek inszeniertes Gesamtkunstwerk. Auf den beiden Platten sind unzählige Klassiker: „Na und“ zum Beispiel, wo sich Udo mit dem Schwulsein auseinandersetzt — damals schon, Mitte der Siebziger. Keine Predigt, keine Kampagne. Einfach: Na und? Das war Haltung, bevor Haltung ein aufgeblasenes Social Media-Feature wurde.

Mag ich alle seine Songs? Nein, natürlich nicht. Macht das irgendeinen Unterschied? Keinen. Ich stehe auf den Typen Udo. Auf jemanden, der seit Jahrzehnten für eine bunte Republik Deutschland einsteht — für Vielfalt, für Toleranz, gegen Nazis — nicht weil das gerade opportun ist, sondern weil er es seit eh so meint. Udo ist nicht nur eine grüne Socke. Er ist eine coole Socke. Chapeau, Hut ab, und ein Eierlikörschen dazu. Vielleicht an der Bar im Atlantik.

Netzer: Fußball-Gott und Beweis, dass Intelligenz ins Stadion gehört

Der zweite Selfie-Kandidat ist Günter Netzer. Mein Fußball-Idol. Wann das angefangen hat, kann ich nicht einmal mehr genau sagen — es ist einfach so entstanden, irgendwann in den frühen Siebzigern, als ich Fan der Gladbacher in ihren weißen Trikots wurde, meine Antipathie gegen die roten bayern begann. Das legendäre Pokalfinale 1973, das ich in meinem Blog mal beschrieben habe, ist heute mein Ankererlebnis: die Selbsteinwechslung, das Tor, sein letztes Spiel für die Fohlen. Ich war zehn Jahre alt und saß damals livehaftig vor dem Fernseher.

Netzer hat mich immer auch deshalb fasziniert, weil er das Klischee des tumben Fußballers so gründlich konterkariert hat. Ein intelligenter, eloquenter Mann mit klarer Meinung — auf dem Platz, daneben und danach. Die Schlagabtausche mit Gerhard Delling in der ARD sind legendär. Da saßen zwei, die sich gegenseitig nichts geschenkt haben, und das war herrlich anzusehen. Nicht Schmus, sondern Substanz. Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund hat ihm eine ganze Sonderausstellung gewidmet: „Netzer – Die siebziger Jahre“. Manager beim HSV, TV-Experte, Grimme-Preisträger, erfolgreicher Geschäftsmann.

Das Selfie werde ich wohl nie bekommen. Die Tragik: Nicht ich, meine Frau, die mit Fußball rein gar nichts am Hut hat, ihn auf der Art Basel getroffen.

Kante zeigen — das verbindet die beiden

Was Udo und Netzer verbindet: Beide haben nie versucht, es allen recht zu machen. Udo hat seine Meinung gesungen, Jahrzehnte lang, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Klare Kante. Ebenso Günter Netzer. Ihre Selbstsicherheit ohne Arroganz ist selten. Das Selfie wäre für mich kein Fan-Moment im peinlichen Sinne — sondern ein kurzes Nicken an zwei Typen, die gezeigt haben, wie das geht: Haltung zeigen, sich selbst treu bleiben, dabei Mensch bleiben. Stößchen.

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