Am vergangenen Samstag, dem Weltkatzentag (8. August), waren wir unterwegs. Dann lese ich eine Nachricht meiner Frau an unsere Freunde und den Blogbeitrag von Horst zu Maya, also eigentlich Frieda. Da habe ich uns in meinem Kommentar geoutet: Wir sind Katzenmenschen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch gleich einen huldigenden Beitrag als devoter Untertan verfassen.
Ich habe uns mal als „Katzenmenschen“ bezeichnet. Das klingt aber viel zu selbstbewusst, denn eigentlich sind wir Dosenöffner. Mit Wohnung, Kühlschrank und gelegentlich etwas Personalverantwortung. Bei uns regierten lange Zeit unsere grauen Kartäuserkater Pünktchen gemeinsam mit seinem Brüderchen Toni. Vor knapp einem Jahr ist Pünktchen auf leisen Pfoten gegangen. Wir vermissen ihn noch immer, auch wenn unser verbliebener Herr im Haus wenig Interesse daran zeigt, sich mit sentimentalen Rückblicken aufzuhalten.
Denn Toni regiert jetzt allein. Ein bildschöner, lieber Kater, ein Herzchen – und selbstverständlich völlig davon überzeugt, dass wir genau dafür angeschafft wurden, seine Wünsche zu erfüllen. Futter, Streicheleinheiten, Türen öffnen, Türen wieder schließen, Fenster beobachten, Schlafplätze bereitstellen. Die üblichen Dienstleistungen eines gut geführten Katzenhaushalts. Und natürlich bekommt er auch mitten in der Nacht oder früh morgens seine Streicheleinheiten, wenn er sie laut und deutlich miauend einfordert.
Man könnte sagen: Wir haben ein Haustier. Stimmt aber so nicht. Man könnte aber auch sagen: Toni hat Personal.
Katze oder Hund? Falsche Frage.
Immer wieder wird ja die Frage gestellt: Katze oder Hund? Ich halte das für eine unnötige Konkurrenzveranstaltung. Katzen sind nicht bessere Hunde und Hunde sind nicht bessere Katzen. Sie sind einfach anders.
Ein Hund freut sich meistens ziemlich unmissverständlich, wenn sein Mensch nach Hause kommt. Kann bei unserem Toni auch passieren. Muss aber nicht. Manchmal bleibt er einfach desinteressiert liegen oder schaut vielleicht kurz auf. Und genau das reicht dann auch.
Hunde haben den Ruf, ihrem Menschen gefallen zu wollen. Katzen vermitteln eher den Eindruck, dass sie darüber nachdenken, ob der Mensch ihren Ansprüchen genügt. Ein Hund kommt, wenn man ihn ruft. Eine Katze hat verstanden, dass sie gerufen wurde, und entscheidet anschließend, ob das Anliegen relevant ist.
Ein Hund bringt einem vielleicht den Ball zurück. Eine Katze bringt einem eine tote Maus und erwartet dafür Anerkennung. Okay, unser Toni ist eine Hauskatze. Da passiert das eher selten, aber bei unseren Freunden Sandra und Frank ist es Alltag.
Natürlich ist das alles zugespitzt und übertrieben. Katzen können ausgesprochen anhänglich sein, Hunde ausgesprochen eigenwillig. Aber Katzen haben eine besondere Art, Nähe und Distanz miteinander zu verbinden. Sie sind bei uns, ohne ständig bei uns sein zu müssen. Sie schenken Aufmerksamkeit, ohne sie als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil ihrer Faszination.
Die Katze als Kunstobjekt
Dass Menschen Katzen faszinierend finden, ist übrigens nicht nur unsere Meinung und auch nicht erst eine Erfindung von Facebook oder Instagram, wo es unzählige, teilweise sehr lustige Katzenvideos gibt. Katzen begleiten die Kunstgeschichte schon lange. Sie waren Symbol, Begleiter, Statusobjekt, Dämon, Muse und schlicht: Katze.
Aylin Yavuz hat im Schirn Magazin einen sehr lesenswerten Beitrag darüber geschrieben: Katzen in der Kunst, ein Streifzug durch mehr als 3.000 Jahre Kunstgeschichte – anhand von 15 Werken, von ägyptischen Grabmalereien bis zu Leonor Fini und Vladimir Dunjic. Und dabei zeigt sich: Die Katze war in der Kunst so ziemlich alles. Im Alten Ägypten wurde sie verehrt und mit der Göttin Bastet verbunden. Im europäischen Mittelalter wurde sie dagegen zum Sinnbild für List, Täuschung und später sogar für Hexerei und Dämonisches.
Bei Leonardo da Vinci ist sie eigensinnig und kaum festzuhalten, bei Manet steht sie für Freiheit und bei Renoir ist sie längst selbstverständliche Gefährtin im Alltag. Franz Marc versucht, die Katze aus ihrer menschlichen Perspektive zu befreien, während Balthus sie zum Alter Ego macht. Bei Andy Warhol gibt es natürlich gleich 25 Katzen.
Schließlich Leonor Fini. Ihre Katzen sind keine dekorativen Haustiere, sondern selbstbewusste Gegenüber des Menschen. Fini lebte zeitweise mit mehr als 20 Katzen und sah in ihnen Eigenschaften und Kräfte, die wir Menschen verloren haben. Vielleicht ist das überhaupt der rote Faden: Wir Menschen versuchen immer wieder, die Katze zu deuten – als Göttin, Dämon, Gefährtin, Symbol oder Muse. Die Katze selbst macht bei diesem Interpretationsversuch offenbar nicht mit.
Mehr als 3.000 Jahre später bleibt sie deshalb, wie Aylin Yavuz am Ende ihres Streifzugs schreibt: ein Rätsel auf vier Pfoten. Zurück zu Leonor Fini: Sie malte Katzen und lebte zeitweise mit nicht weniger als 20 von ihnen zusammen. Da bekommt der Begriff „Katzenhaushalt“ eine völlig neue Bedeutung. Und die Frage, wer dort eigentlich wen besaß, dürfte ziemlich schnell beantwortet gewesen sein.
Im Herbst eröffnet die Schirn die Ausstellung zu Leonor Fini. Meine Frau ist die Kuratorin der Ausstellung – weshalb ich an dieser Stelle natürlich völlig uneigennützig Werbung dafür mache. Darin geht es natürlich nicht nur um Katzen. Rund 100 Werke – Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Objekte – geben einen Einblick in das ungewöhnliche Werk der Künstlerin. Fini ließ sich von Renaissance, Symbolismus, Romantik und Surrealismus inspirieren und entwickelte daraus ihre ganz eigene Bildwelt zwischen Traum, Mythos und Fantasie. Einfach anschauen und die Schirn unterstützen.
Und zurück zu Toni
Doch zurück zu unserem Toni. Der interessiert sich vermutlich herzlich wenig für Kunstgeschichte. Leonor Fini dürfte ihm unbekannt sein. Die Schirn ebenfalls. Er hat andere Prioritäten. Futter. Schlafen. Streicheln. Schmusen. Und schwätzen. Wie sein Brüderchen ist er ein sehr gesprächiges Kerlchen, was unsere Besucher immer wieder überrascht. Er kommuniziert regelmäßig mit uns.
Und er überprüft gelegentlich, ob wir Menschen noch ordnungsgemäß funktionieren und ihm die ihm gebührende Aufmerksamkeit schenken. Wir tun natürlich unser Bestes. Schließlich sind wir seine Dosenöffner, und da haben wir einen Ruf zu verlieren.
Nachträglich alles Gute zum Weltkatzentag. Für die Katzen, ein Faszinosum und Rätsel auf vier Beinen. Und natürlich auch für ihr Personal.


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