Das Bild zeigt sechs expressive Musikerinnen und Musiker in einer stilisierten, kantigen Low-Poly-Ästhetik aus Schwarz, Weiß, Grau und markantem Grün. Bonnie Tyler, Tim Curry, Joe Cocker, Tina Turner, Meat Loaf , Jim Steinman

Never too old to rock’n’roll — zu viele waren too young to die

Unsere Wohnzimmerlampe hat damals in unserer Einliegerwohnung den Time Warp nicht überlebt. „It’s just a jump to the left, and then a step to the ri-i-i-ight“ — bei dem Sprung nach rechts stand sie meinem Kopf oder Arm im Weg. Scherben, Gelächter, weitertanzen. Das war während des Studiums eine Fete mit meiner besten Freundin Sabine und ihrem damaligen Freund Andras. Die Rocky Horror Picture Show, Reis im Kino, der Albtraum jeder Reinigungsfachkraft. Seit dem 25. August ist Tim Curry tot, gestorben mit 80 in seinem Haus in Los Angeles. Und mir fällt auf, wie viel meiner Lieblingsmusiker diese Welt schon verlassen haben.

Frank-N-Furter: „witty and erotic at the same time“

Richard O’Brien schrieb die Rocky Horror Show zwischen zwei Schauspieljobs. Am 19. Juni 1973 hob sich der Vorhang im Theatre Upstairs des Londoner Royal Court — vor 63 Plätzen. Curry traf dort die Entscheidung, die alles änderte: Frank-N-Furter sollte keine Drag Queen sein, sondern sprechen wie die englische Queen. Der Kritiker des Guardian schrieb nach der Premiere, das Stück sei „witty and erotic at the same time“. Es folgten 2.960 Vorstellungen in London, 1975 der Film mit der längsten ununterbrochenen Kinoauswertung der Filmgeschichte, zum 50. Jubiläum 20 Sprachen und 30 Millionen Zuschauer.

Widerstand gab es von Anfang an. In Madrid strich die Franco-Zensur 1974 die Obszönitäten. In Buenos Aires warfen Unbekannte 1975 wenige Tage nach der Premiere einen Molotowcocktail ins Theater. Kritiker in Oslo sahen 1977 den Sittenverfall kommen. Singapur verbot den Film bis 2003. Wer heute behauptet, Rocky Horror sei harmloser Klamauk, hat das Stück nie ernst genommen. Seine Gegner haben es immer ernst genommen.

Heute sehen wir nicht nur in den USA, wie Rechtsextreme daran arbeiten, queere Menschen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Sie nennen es Kinderschutz, Normalität, gesunden Menschenverstand. Sie meinen: verschwindet. Curry stand in Korsett und Strapsen vor 63 Leuten und machte daraus eine Figur, die Millionen erlaubt hat, sich auszuprobieren. Für unzählige Jugendliche war die Mitternachtsvorstellung der erste Ort, an dem sie sein durften, wer sie waren. Das ist mehr als nur Popgeschichte.

Meat Loaf und die Fledermaus, die keiner haben wollte

Und wer hatte noch seinen Auftritt in der Rocky Horror Picture Show? Meat Loaf brauste auf dem Motorrad aus der Kühltruhe und sang „Hot Patootie“. Ein texanischer Schauspieler mit einer Stimme wie ein Presslufthammer, damals noch ein Nebendarsteller. Und Meat Loaf prägte meinen Musikgeschmack. Besser, meine erste Jugendfreundin aus Hattingen prägte ihn. Sie schenkte mir Bat Out of Hell. Das muss kurz nach dem Erscheinen des Albums am 21. Oktober 1977 gewesen sein.

Jim Steinman schrieb die Songs, Todd Rundgren produzierte. Zuerst warfen ihnen die Plattenfirmen vor, die Musik sei zu theatralisch, zu pathetisch, kein Rock. Dutzende von Absagen. Erst als das Video zum Titelsong in der BBC-Sendung Old Grey Whistle Test lief und die Redaktion es eine Woche später wiederholte, kippte die Sache.

Heute stehen etwa 43 Millionen verkaufte Exemplare zu Buche. Für mich bleibt es eines der besten Rockalben, das je gemacht wurde. „Paradise by the Dashboard Light“ dauert über acht Minuten und enthält eine Baseball-Reportage als Metapher fürs Rummachen auf dem Rücksitz. Bombastischer Rock und ein Sänger mit einer Wahnsinnsstimme, der abdriftete. Ich erinnere mich an seinen Auftritt im Rockpalast: sturzbetrunken. Dann war seine Stimme weg. Doch 1993 legten Meat Loaf und Steinman mit Bat Out of Hell II nach und landeten mit „I’d Do Anything for Love“ noch einmal einen Welthit. Meat Loaf starb am 20. Januar 2022 mit 74, Steinman war neun Monate zuvor gegangen.

Bonnie Tyler: Die Stimme kam aus einem Schrei

Und schon sind wir bei Gaynor Hopkins. Sie wuchs als eines von sechs Kindern eines Bergmanns in Skewen bei Neath auf. Mit 16 verließ sie die Schule ohne Abschluss und arbeitete im Lebensmittelladen. Den Künstlernamen Bonnie Tyler suchte sie sich aus einer Zeitung zusammen. Ihre berühmte raue Stimme war ein medizinischer Unfall. 1977 ließ sie sich Knötchen von den Stimmbändern operieren, der Arzt verordnete sechs Wochen Schweigen. Aus Wut schrie sie eines Tages los. Der Ton blieb — für den Rest ihres Lebens. Die Zeit hat dafür das passende deutsche Wort: Rockröhre.

Noch im selben Jahr kam „It’s a Heartache“, Platz vier in Großbritannien, Platz drei in den USA. Sechs Jahre später wollte sie für ihr Comeback den besten Produzenten, den sie sich vorstellen konnte, und das war … Jim Steinman. Er sagte erst ab. Dann schrieb er ihr „Total Eclipse of the Heart“ — über 13 Millionen verkaufte Singles — und „Holding Out for a Hero“. Steinman nannte den Song einen Wagner-artigen Ansturm aus Klang und Gefühl. Meat Loaf, Bonnie Tyler und Jim Steinman als Komponist …

Sie starb am 8. Juli in Faro, nach Wochen im künstlichen Koma. Am 15. August säumten Tausende die Straßen von Mumbles in Wales, als ihr Sarg vorbeizog. Bei der Trauerfeier in Swansea Minster sang der walisische Männerchor Only Men Aloud! „Total Eclipse of the Heart“. Sehr emotionale Bilder.

Tina Turner im Kettenhemd unter der Donnerkuppel

Bonnie Tyler hat ihre Vorbilder aufgezählt: Janis Joplin, Aretha Franklin, Meat Loaf, Joe Cocker — und Tina Turner. Ihr Lieblingssong war „River Deep – Mountain High“ und den sang sie auch selbst als Tribut an Tina. Nach ihrem Tod war er wieder häufig auf Facebook und YouTube zu sehen.

Ausgerechnet „River Deep – Mountain High“. 1966 sang sich Tina Turner die Seele aus dem Leib — und in den USA floppte die Platte. In Europa wurde sie ein Hit. Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennessee, verlies 1976 ihren gewalttätigen Ehemann Ike und fing bei null wieder an. Acht Jahre später stand sie mit Private Dancer an der Weltspitze. Und dann Mad Max Beyond Thunderdome, 1985. Sie spielt Aunty Entity, die Herrscherin von Bartertown, in einem Kleid aus Kettengeflecht, mit einer Mähne wie eine Löwin. Sie sagt „Two men enter, one man leaves“. Für den Film sang sie „We Don’t Need Another Hero“. Tina Turner starb am 24. Mai 2023 mit 83 in Küsnacht bei Zürich.

Joe Cocker: Von Woodstock bis „Neun ½ Wochen“

Auch ihn hat Bonnie Tyler in ihre Ahnenreihe aufgenommen: Joe Cocker, den gelernten Gasinstallateur aus Sheffield. 1968 machte er aus „With a Little Help from My Friends“ etwas, das mit dem Beatles-Original nur noch den Text gemeinsam hatte, und landete damit auf Platz eins. Ein Jahr später stand er in Woodstock, zuckend, mit geschlossenen Augen, an einer unsichtbaren Gitarre. „What would you do if I sang out of tune?“ Bei Ringo war das eine nette Frage. Bei Cocker klingt sie wie ein Hilferuf. Kaum ist er fertig, reißt der Himmel auf. Böen von über 60 Stundenkilometern, fast zwei Stunden Regen, das Festival steht still. Als hätte jemand die Regie geführt.

Siebzehn Jahre später dieselbe Stimme, völlig andere Wirkung. Kim Basinger zieht sich in „Neun ½ Wochen“ zu „You Can Leave Your Hat On“ aus, und Cockers Röcheln macht aus einem Randy-Newman-Song die bekannteste Striptease-Nummer der Filmgeschichte. Er singt nicht verführerisch. Er singt gierig, rau, authentisch. Genau deshalb funktioniert die Szene.

Dazwischen und danach: „You Are So Beautiful“, der Oscar für „Up Where We Belong“, „Unchain My Heart“ und noch viele legendäre Lieder. Dazu war Joe Cocker ein absoluter Live Performer. Cocker starb am 22. Dezember 2014 mit 70 an Lungenkrebs in Colorado.

Never too old to rock’n’roll

Was ist die eigentliche Verbindung zwischen ihnen allen? Keine sauberen Stimmen. Heisere, laute, manchmal ungeschliffen klingende — Stimmen, Röhren, denen man anhört, dass sie etwas hinter sich haben. Alle sind unterdessen verstorben: Cocker 2014, Steinman 2021, Meat Loaf 2022, Tina Turner 2023. Bonnie Tyler und Tim Curry sind gerade gestorben. Die Gazetten und sozialen Medien sind voll und das hat mich zu diesem Text inspiriert.

Die Platten stehen im Keller, die Lieder sind in meinen Lieblings-Playlists auf meinem iPhone und Mac und ich höre sie immer wieder. Never too old to rock’n’roll. Zu viele von ihnen waren too young to die. Ich bleibe Rockfan. Zeit, mal wieder den Time Warp zu tanzen. Nur bitte diesmal ohne kaputte Lampe.

Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikels wurde KI eingesetzt.

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