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Haben Mastodon und das Fediverse eine reelle Chance? Einige Gedanken und Hintergrundinformationen

Elon Musk wird wohl – so sich nicht die Propheten bestätigen, die vermuten, dass er noch einen Rückzieher macht – Twitter kaufen und es zu einer Plattform der totalen Meinungsfreiheit machen. Totale Meinungsfreiheit könnte auch bedeuten, dass jede Meinung, jede Lüge und Hassrede veröffentlicht würde. Natürlich stünden einem solchen hemmungslosen Gezwitschere gerade in der EU entsprechende Gesetze entgegen. Doch das soll nicht Thema dieses Beitrags sein. Hier möchte ich eine technische und vor allem inhaltliche Alternative zu Twitter vorstellen. Ob es mehr als nur eine technische Lösung ist oder wird, ist leider durchaus zweifelhaft.

Ich spreche von Mastodon, einem dezentralen sozialen Netzwerk, das Teil des sogenannten Fediversum ist. Mastodon wurde 2016 vom Thüringer Software-Entwickler Eugen Rochko entwickelt. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht eine zentrale Instanz gibt, sondern viele kleine Mastodons, sprich Instanzen und Server. Die Instanzen werden von Privatpersonen, aber auch Behörden und Interessengruppen verschiedenster Couleur, oft regional, betrieben. Doch all über diese Instanzen hinweg kann miteinander „tröten“, kommunizieren. Finanziert werden die Instanzen durch Spenden oder auch überschaubare Mitgliedsbeiträge. Werbung soll es nicht geben.

Das ganze Konzept erinnert an die guten alten Zeiten, an die Zeiten, als auch ich noch dachte, soziale Netzwerke würden vor allem positiven Einfluss gerade auch auf Meinungsbildung und Demokratisierung ausüben. Doch es gab eben nicht nur den arabischen Frühling, wir haben auch die negativen Aspekte erlebt und erleben sie weiter.

Mastodon ist dabei Teil eines umfassenderen Konzepts, eben des Fediverse oder Fediversums. Unendliche Weiten, Planetensysteme, Galaxien, die sich austauschen können. Mastodon ist ein Teil, eine Galaxie, die sehr stark in ihrer Form an Twitter erinnert. Doch es gibt es auch andere Galaxien, die Facebook oder Instagram ähnlicher sind. Doch alle können eben miteinander kommunizieren. Das Fediverse basiert auf freier Software und offenen Schnittstellen.

Wie dieses Fediverse, wie die verschiedenen Instanzen und Administratoren mit Radikalen und Hate Speech umgehen würden, wenn diese auch in diesem sozialen Universum, muss sich erst zeigen. Aufgrund der föderalen, dezentralen Struktur sind viele optimistisch, dass man resistenter als die herkömmlichen Netze sein werde. Es steckt viel Idealismus drinnen und das auch durchaus gut so.

Doch die Kernfrage bleibt: Wie bekommt Mastodon oder das Fediversum eine kritische Masse an aktiven Nutzerinnen und Nutzern auf die Plattform? Klar ist es positiv, wenn europäische – siehe Tweet oben – und deutsche Behörden auf Mastodon gehen, gar eigene Instanzen betreiben. Doch da muss deutlich mehr passieren. Übrigens vermisse ich da im Moment die Grünen, die doch gerade … Da könnten und müssten nicht nur sie ein Zeichen setzen und die Plattform stärken. Doch scheinen viele im Moment mit anderen Dingen beschäftigt zu sein oder ihnen ist die Nutzerzahl des Engagements nicht wert. Auch eine Saskia Esken – sozialen Medien und Open Source gegenüber positiv eingestellt – oder ein Lars Klingbeil scheinen (noch) keinen Bock zu haben (oder ich habe sie nicht gefunden, die Grünen, die Roten und anderen – die AfD brauche ich dort nicht).

Ich schaue mir nun seit wenigen Tage Mastodon genauer an. Zwar habe ich seit 2019 ein Konto, da aber so wenig passierte, hat es mehr oder weniger geruht. Nun also ein neuer Versuch. Mastodon erinnert in der Tat an Twitter. Statt „tweeten“ „tröte“ ich mit bis zu 500 Zeichen. Der normale Klient gleicht dem konventionellen Twitter-Interface, die sogenannte fortgeschrittene Oberfläche erinnert stark an Tweetdeck. Don Dahlmann hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: Es fühlt sich an wie zu den Anfangszeiten von Twitter, von der Nutzung, aber auch vom Fokus vieler Inhalte.

Alles erscheint (noch) persönlich, freundlich und authentisch, aber so etwas kann sich auch schnell ändern, wie wir erfahren mussten. Mastodon ist noch weit, weit weg von den Nutzerzahlen von Twitter oder gar Facebook. Laut Wikipedia sind es zum 22.4.2022 über 5 Millionen Nutzer. In den letzten Tagen sind durch die Twitter-Gerüchte laut Eugen Rochko über 85.000 neue Anwenderinnen und Anwender hinzu gekommen. Um es noch etwas plastischer zu machen: Jan Böhmermann hat auf Twitter laut Süddeutscher 2,5 Millionen Follower, auf Mastodon derzeit 7.000. Laut ARD/ZDF Online Studie nutzen 1,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger oder 2 Prozent der Deutschen Twitter täglich. Ist das die Messlatte für Mastodon und das Fediverse?

Twitter sei in Deutschland – im Vergleich zu anderen Ländern – vergleichsweise unpopulär, so Statista, aber demnach lesen doch einige Millionen Tweets, auch weil die in anderen Medien eingebunden werden. Kommt nun wirklcoch der große Run auf Mastodon? Einige (wenige) Bekannte wie Sascha Pallenberg oder Thomas Cloer wollen komplett „rüber machen“, andere – wie ich – schauen sich Mastodon erst einmal an, ob Leben in die Bude kommt. Andere schreiben und reden die Bewegung schon jetzt wieder tot und vergleichen es mit dem Hype rund um Clubhouse.

Schlaglicht vom 28.4.2022, 18:42: Umfrage auf FAZ.NET

Hier nun in Stichpunkten eine Liste, was mir derzeit positiv oder auch negativ in Mastodon und im Fediversum auffällt. Ich werde einige Tage weiter an der Liste arbeiten, Änderungen und Ergänzungen immer mit Datum kennzeichnen.

Quellen

Einige lesenswerte Quellen und Hintergrundartikel. Wird ebenfalls ergänzt:

Image by Sasin Tipchai from Pixabay

Filed under: Soziale Medien & "das Netz"

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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