Nach einiger Zeit schaue ich mal wieder auf die USA und habe einige Texte für Euch kuratiert. Warum bereichert sich Trump in seiner zweiten Amtszeit ungeniert. Er erklärt es uns selbst: „Weil es niemanden interessiert“. Das Prinzip trägt: Musk sammelt kräftig Wahlkampfgeld ein, der Kushner-Clan verdient jetzt an der Fifa mit, und während sich das Geld in der Familie anhäuft, lässt er parallel einen Kontrollapparat aufbauen – gegen Wissenschaft, gegen Justiz, gegen Kritiker in sozialen Netzwerken. Sein williger Zulieferer: Palantir, das längst auch auf europäische Daten zugreifen will. Wer glaubt, die Midterms würden Trumps Autokratie beenden, sollte vorsichtig sein und sich besser an den Ausgang der Präsidentschaftswahlen von 2016 und 2024 erinnern.
Wie aus Politik persönlicher Reichtum wird
„Ich habe gemerkt, dass das eh niemanden interessiert.“ Ehrlicher und dreister kann man es nicht sagen. In seiner ersten Amtszeit spendete Trump noch sein Gehalt, verzichtete offiziell auf Auslandsgeschäfte. Jetzt verdienen seine Söhne mit Kryptowährungen mehr als früher die gesamte Baubranche der Familie – allein 2025 über eine Milliarde Dollar für den Präsidenten persönlich, wie seine eigene Einkommenserklärung zeigt. Sein Vermögen ist seit der Wiederwahl um rund vier Milliarden Dollar gewachsen. Das ist kein beiläufiger Nebeneffekt der Präsidentschaft, das ist sein Geschäftsmodell.
Besonders entlarvend: Während der Staat unter Trump Kritiker in sozialen Netzwerken observiert (dazu weiter unten mehr), inszeniert sich die eigene Familie bei Bedarf selbst als Opfer der Meinungsfreiheit. Capital One hatte 2021 Hunderte Konten der Trump Organization wegen Geldwäscheverdachts geschlossen, JPMorgan Chase über fünfzig weitere nach dem Sturm aufs Kapitol. Die Trumps klagen jetzt gegen beide Banken – bei JPMorgan fordern sie fünf Milliarden Dollar Schadenersatz – und sprechen von politisch motiviertem „Debanking“. Per Dekret hat Trump Banken inzwischen untersagt, Kunden aus politischen Gründen abzulehnen. Nützt der eigenen Familie. Nützt der Kryptobranche, in der die Söhne aktiv sind. Meinungsfreiheit, so scheint es, gilt vor allem dann, wenn sie dem eigenen Kontostand hilft.
Pack verträgt sich: Musk und Trump vereint im Wahlkampfgeld
Vor einem Jahr warfen sich Musk und Trump öffentlich Vorwürfe an den Kopf. Jetzt öffnet Musk für die Kongresswahl im November wieder den Geldbeutel, seine Organisation America PAC fokussiert sich erneut auf Werbung in umkämpften Wahlbezirken. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – solange der Dollar rollt. Und Musk ist nicht allein: Laut Fortune-Zahlen sind bereits 433 Millionen Dollar in die Midterms geflossen, 80 Cent von jedem Dollar an die Republikaner – ein Ungleichgewicht mit System, kein Zufall. Auch deshalb steht eben noch nicht fest, dass Trump bei den Wahlen im November einen Denkzettel erhält.
Infantino verkauft die WM: Wie Kushner am Fußball mitverdient
Mit welcher Unverfrorenheit und Dreistigkeit sich Trump inszeniert, haben wir ja gerade erst erlebt. Bei der WM-Siegerehrung im Juli lässt Trump erst Spanier und Argentinier fast zehn Minuten auf dem Rasen warten, drängt sich dann aufs Siegerfoto und bleibt stur auf dem Podest stehen – selbst als ein Infantino ihn wegzuziehen versucht. Trump grinst nur und schüttelt weiter Hände, bis er im Bild ist.
Doch gerade läuft es nicht nach Plan zwischen den beiden unzertrennlichen Freunden. Infantinos Vorhaben, rund 20 Prozent der Anteile am neuen Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise für geschätzte 20 Milliarden Dollar an Investoren wie Kushners Thrive Capital zu verkaufen, liegt vorerst auf Eis. Doch kein Verkauf der Fußball-Weltmeisterschaft an private Geldmacher?
Jetzt wird an Infantinos Stuhl gesägt. Jetzt erst, nachdem auch der DFB monatelang mit dem FIFA-Präsidenten gekuschelt hat. Laut „Telegraph“ weiß Trump um die Lage seines Freundes und werde „alles Mögliche tun, um ihm zu helfen“. Nach jenem Bild vom Siegerpodest überrascht das wenig. Sollte Infantino am Ende doch stürzen, muss sich trotzdem niemand Sorgen um ihn machen. Wer sich mit den richtigen Milliardären umgibt, fällt selten hart – Katar hat schließlich schon andere gestrandete Funktionäre gut aufgenommen.
Trumps Griff nach Wissenschaft, Justiz und Verwaltung
Während sich seine Familie bereichert, lässt er parallel die Kontrolle über die Institutionen absichern, die genau das aufdecken könnten. Der neue Wissenschaftsplan „Ein neues goldenes Zeitalter für die Wissenschaft“ entzieht die Förderentscheidungen dem wissenschaftlichen Gutachterprozess und unterstellt sie politischen Kontrollbeamten – Robotik und KI werden bevorzugt, alles mit Bezug zu Klima, Gender oder Diversität landet im Papierkorb.
Entscheidend ist aber ein Detail, das über die Wissenschaft hinausweist: Der zugrundeliegende Erlass verpflichtet nicht nur die Forschungsförderung, sondern jede einzelne Bundesbehörde zur Ernennung eines politischen Kontrollbeamten. Das ist keine Wissenschaftspolitik, das ist der Versuch, die gesamte Verwaltung – und mit ihr auch die Justiz – auf Regierungslinie zu bringen. Die demokratische Abgeordnete Zoe Lofgren nennt das eine Dystopie. Sie dürfte damit nicht falschliegen.
ICE gegen Kritiker: Wie Überwachung Meinungsfreiheit einschüchtert
Wie diese Kontrolle in der Praxis aussieht, zeigt der Fall der Wahlhelferin Paigelynne Gonyea. Sie postete einmal kritisch über einen ICE-Beamten – zwei Beamte erschienen daraufhin persönlich in ihrem Wahlbüro, hielten ihr Screenshots ihres Instagram-Profils vor die Nase und verlangten eine Unterschrift, sie habe „möglicherweise“ gegen Bundesrecht verstoßen.
Offiziell geht es um Doxing-Abwehr. Tatsächlich hat ICE sein Überwachungsbudget seit Trumps Amtsantritt um mehr als fünfzig Prozent erhöht, auf mittlerweile rund 250 Milliarden Dollar jährlich, und überwacht knapp zwanzig soziale Netzwerke. Die Anfragen an die Plattformen laufen ohne jede richterliche Prüfung. Das Muster ist immer dasselbe: Kritik wird zum Sicherheitsrisiko erklärt. Meinungsfreiheit wird ganz offensichtlich sehr selektiv verteidigt.
Palantir und ICE: Wie der größte Fahndungsapparat der Welt entsteht
Am Ende dieser Kette steht die Infrastruktur, die all das erst skalierbar macht. 230 Millionen biometrische Identitäten, Milliarden Kennzeichenscans, Standortdaten aus Wetter-Apps und Datenbrokern – Manuel Atug zeichnet bei Golem minutiös nach, wie Palantir zum Betriebssystem der amerikanischen Überwachung geworden ist.
Über 200 Millionen Dollar hat allein ICE für maßgeschneiderte Palantir-Werkzeuge ausgegeben, mit Tools wie „Elite“ lassen sich Abschiebungsziele auf einer Karte anzeigen, samt persönlichem „Vertrauenswert“. Und das bleibt nicht in den USA: Im Rahmen der Enhanced Border Security Partnership fordern die USA jetzt direkten Zugriff auf europäische Polizeidatenbanken mit Fingerabdrücken und Gesichtsbildern von Millionen Europäern – inklusive „besonderer Kategorien“ wie politischer Meinung oder Sexualleben.
Und in Deutschland? Der zurückgetretene CDU-Fraktionschef Jens Spahn sucht den Austausch mit Palantir-Mitgründer Peter Thiel, die AfD fordert offen eine deutsche ICE-Behörde. Rasterfahndung war schon vor Jahrzehnten mit analogen Mitteln verfassungswidrig. Mit den heutigen Möglichkeiten ist sie es erst recht – und die Frage, wer über den Einsatz entscheidet, stellt sich längst nicht mehr nur in Washington.
Was bleibt
Sechs Geschichten, ein Muster: Wo Trump hinschaut, verschwimmt die Grenze zwischen Amt und Geschäft. Wo Geld fließt, folgt Kontrolle auf dem Fuß. Kein Sammelsurium einzelner Skandale, sondern ein System, das sich selbst absichert – Bereicherung durch Schwächung genau jener Institutionen, die sie prüfen müssten. Und Europa sitzt nicht im Kino, sondern im Saal nebenan. Ob die Midterms daran wirklich etwas ändern werden?
Quellen
- Bank schloss Hunderte Trump-Konten – Jetzt steht der Vorwurf der Geldwäsche im Raum, David Schafbuch, t-online, 04.08.2026
- Korruptionsvorwürfe: So schamlos bereichert sich Donald Trump, Marc Pitzke & Sandra Sperber, Der Spiegel (Podcast „Firewall“), 30.07.2026
- Musk hilft bei Kongresswahl wieder Trumps Republikanern, dpa, Handelsblatt, 30.07.2026
- Billionaire donors: Republicans, Elon Musk, George Soros – money wins, Fortune, 27.07.2026
- Die ganze Welt weiß es (Newsletter „Tagesanbruch“), David Schafbuch, t-online, 31.07.2026
- Trump wird ausgebuht und sorgt für nächsten WM-Eklat, David Bedürftig, n-tv, 20.07.2026
- Nächstes Land kündigt Nicht-Wahl von Gianni Infantino an, t-online
- Infantino sucht wohl Hilfe bei US-Regierung, t-online
- Die Regierung will die totale Kontrolle, Thomas Thiel, FAZ, 30.07.2026
- Wie ICE Kritiker in den sozialen Netzwerken verfolgt, Sofia Dreisbach, FAZ
- Palantir, Big Tech & ICE: Wie in den USA der größte Fahndungsapparat der Welt entsteht, Manuel Atug, Golem, 04.08.2026


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