Ein großer, intakt brüllender Lautsprecher in der Bildmitte stößt einen Schwall aus scharfkantigen roten Hass-Symbolen aus — Wortsplitter, Blitze, Flammen, Kreuzungszeichen, Totenkopf-Piktogramm, aggressive Ausrufezeichen. Diese rote Welle breitet sich wie eine Schockfront nach rechts und links aus. Kleine grüne Silhouettenfiguren drehen sich weg und laufen aus dem Bild heraus — einige halten sich die Ohren zu, einige senken den Kopf. Die Kernaussage: Wer so angebrüllt wird, geht und schweigt.

Die schweigende Mehrheit und die Aufregungsökonomie: Warum unsere Debattenkultur verkommt

Eigentlich wollten Lars und ich uns bei #9vor9 anschreien. Daraus wurde wieder nichts. Dabei gibt es das Thema her. Wir sprechen über Debattenkultur in Sozialen Medien und in Online-Kommentarbereichen. Wir sprechen über die neue Studie der Medienanstalten.

Viel Anschreien, wenig Austausch: Debattenkultur in Social Media am Limit #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche

Social Media war gedacht für Austausch, Meinungen und Diskussion – doch die Realität sieht oft anders aus: rauer Ton, Polarisierung, Rückzug. Eine aktuelle Studie der Medienanstalten zeigt, dass viele Menschen in Deutschland Debatten in sozialen Netzwerken kaum noch als konstruktiv wahrnehmen und sich deshalb immer seltener beteiligen. In dieser Episode sprechen wir darüber, warum Diskussionen online so schnell eskalieren, welche Rolle Plattformen, Medien und Community Management dabei spielen und warum sich trotzdem eine Mehrheit genau das Gegenteil wünscht: mehr Sachlichkeit, mehr Respekt, mehr echte Debatte. Zwischen Aufregungsökonomie, Filterblasen und der großen Frage nach Meinungsfreiheit geht es auch um die zentrale Herausforderung: Wie schaffen wir wieder Räume, in denen man streiten kann, ohne sich anzuschreien? Und was muss sich ändern, damit aus Kommentarspalten wieder Diskussionsräume werden?

Draußen, in den sozialem Medien, ist die Debattenklultur eigentlich keine mehr. Eine aktuelle Erfahrung mit Kommentarspalten hat mich ziemlich geerdet.

Auf Threads, dem X-Pendant von Mark Zuckerberg, habe ich eine Artikel der taz geteilt und promotet, der sich kritisch mit der AFD und deren Umverteilungsplänen beschäftigt.

Die Reaktionen kamen prompt: „😂😂😂😂 noch so n linksversiffter nullchecker……“, „Typisch Taz🤣, hetzte propagande medium. Eure dreckigen lügen glauben nur noch die indoktriniert sind oder Gebooster“ und so weiter. So viel zum Thema Debattenkultur von AfD-Anhängern.

Die AfD macht Politik für andere — nur die Beschäftigten, Arbeiterinnen und Arbeiter merken es nicht oder wollen es nicht merken. Entlastung oben, weniger Schutz unten: Der Widerspruch ist sichtbar, wie die taz zeigt, politisch aber erstaunlich wirkungslos. AfD #Deutschland #Politik #Sozialstaat  Quelle: Politologe über AfD-Wähler: „Die AfD will Umverteilung von unten nach oben“ #taz

Und es ist genau das, was die Studie der Medienanstalten wissenschaftlich belegt: Die Qualität des Diskurses ist miserabel, Bellen und Keifen dominieren. Demzufolge beteiligen sich viele gar nicht mehr an Diskussionen. Die Meinungsfreiheit steht unter Druck — und all das gefährdet ein Fundament der Demokratie.

Wegen Hass und Hetze: Die Mehrheit schweigt

Die Medienanstalten haben sich rund 6.500 Kommentare unter Beiträgen von Bild, Spiegel, SZ und Zeit angesehen, dazu Community-Managerinnen interviewt und 3.000 Internetnutzende befragt. Das Ergebnis ist so eindeutig wie bedrückend. X und Facebook werden als besonders toxisch wahrgenommen — was sich mit den Erfahrungen vin Lars im Arbeitskontext von Lars deckt. Threads reiht sich nahtlos ein, weil dort schlicht nicht moderiert wird. Und deshalb schweigt die Mehrheit.

Doch nicht nur der Ton schreckt ab: 57 Prozent der Nutzenden glauben, kaum noch mit echten Menschen zu diskutieren; die wissenschaftliche Auswertung findet nur rund 4 Prozent Bots in den Kommentaren. Lars sieht darin eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität. Ich sehe es differenzierter. Bei Larifari-Themen springen Bots gar nicht erst an — warum auch. Bei Klima, Ukraine, Migration aber, also dort, wo emotionalisiert werden kann, sieht die Welt anders aus.

In den USA sind laut Berichten der New York Times Hunderte KI-generierte Pro-Trump-Influencer aktiv, über 350 pro-Trump-KI-Bots allein auf TikTok. Und Desinformationskampagnen aus Russland laufen ohnehin seltener in Kommentaren als in eigenständigen Beiträgen. Die 4 Prozent sind also keine Entwarnung.

Hinter all dem steht ein Schisma, das sich nicht länger ignorieren lässt. Auf der einen Seite stehen jene, die unter „Meinungsfreiheit“ das Recht verstehen, sich überall und jederzeit auszukotzen — und die laut rufen, sobald eine Plattform moderiert. US Vize JD Vance hat der EU vor wenigen Wochen unverhohlen mit Konsequenzen gedroht, sollte Brüssel auf Basis von DSA Strafen gegen US-Plattformen verhängen. Und siehe da: Die EU scheint einzuknicken, weil Trump parallel mit Zöllen winkt.

Auf der anderen Seite stehen Menschen wie Lars und ich, die Moderation für eine Selbstverständlichkeit halten und Regulierung für eine demokratische Notwendigkeit. Dazwischen — und das ist der entscheidende Punkt — steht die schweigende Mehrheit.

Die Studie zeigt das überdeutlich: Die meisten Menschen wünschen sich konstruktivere Debatten im Netz. Sie bekommen sie nicht, weil die Plattformen kein ökonomisches Interesse daran haben. Je lauter, je wütender, je polarisierender, desto länger bleiben die Nutzerinnen und Nutzer auf der Seite. Algorithmisch befeuerte Aufregungsökonomie — genau das ist das Geschäftsmodell.

Der Blick nach Amerika ist ein Blick in den Spiegel

Was mich ungemein beunruhigt, ist der Blick über den Atlantik. In den USA informieren sich inzwischen 70 Prozent der Menschen online, nur noch 55 Prozent schauen Fernsehnachrichten, Zeitungen erreichen gerade einmal ein Viertel. Influencer und Late-Night-Entertainer haben die Rolle der etablierten Medien in weiten Teilen übernommen.

Wenn man sich fragt, wie ein Land in die dort aktuelle Verfassung geraten konnte, ist das ein nicht kleiner Teil der Antwort. Und Entwicklungen, die in den USA beginnen, schwappen mit Verzögerung immer auch zu uns herüber. Schon heute sehen wir in Deutschland, wie sich rechte Echoräume verdichten, wie „Lügenpresse“-Rhetorik in Kommentaren selbstverständlich wird, wie die AfD und ihre Klientel systematisch Meinungsfreiheit für sich reklamieren — während sie abweichende Meinungen unter Kaskaden von Beleidigungen begraben.

Was also tun? Die Studie gibt eine konkrete Antwort: Sichtbare, aktive Moderation verbessert die Qualität des Diskurses messbar. Das ist übrigens keine Zensur, das ist Hausrecht. Und hier sind sowohl die Plattformen in der Pflicht als auch die Medien selbst. Manche Medienhäuser schließen unterdessen Kommentarspalten oder moderieren nach undurchsichtigen Kriterien. Teils aus Ratlosigkeit, teils um Geld zu sparen, denn Community-Management kostet nun einmal.

Sicherlich tragen auch wir selbst Verantwortung. Nicht über jedes Stöckchen springen. Nicht jede Provokation beantworten. Hater und Trolle konsequent blockieren. Und — das ist meine persönliche Meinung — die Plattformen wechseln, wenn das Geschäftsmodell einer von ihnen die Vergiftung des Diskurses ist.

Der freie Markt der Kräfte funktioniert nicht — also muss reguliert werden

Machen wir uns nichts vor: Der freie Markt der Kräfte funktioniert in den asozialen Medien und in den Kommentarspalten ganz offensichtlich nicht. Er produziert keine Debatte, er produziert Lärm und Hass. Deshalb müssen die klassischen Medien Hass und Hetze konsequent aus ihren Kommentarspalten verbannen — das ist keine Zensur, das ist verlegerische Verantwortung.

Und die algorithmischen Plattformen tragen eine noch größere Schuld, denn sie befeuern extreme Aussagen systematisch, um Klickraten, Verweildauer und damit Werbeerlöse zu steigern. Ihre Geschäftsgrundlage ist nicht Öffentlichkeit, sondern Eskalation. Deshalb muss reguliert werden. Deshalb müssen X, Meta und TikTok konsequent durch die EU auf Basis des DSA (Digital Services Act) sanktioniert werden — und zwar so, dass es weh tut.

Hier geht es nicht um ein paar Trump’sche Strafzölle, gegen die sich Brüssel mit buckelnder Ängstlichkeit stemmt. Hier geht es um die Grundlagen unserer Demokratie. Europa braucht digitale Räume, in denen demokratische Debatte nicht zuerst monetarisiert und dann verheizt wird. Die schweigende Mehrheit hat es verdient, wieder miteinander gesittet zu sprechen.

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