Der Spiegel wollte vor Ulrich Siegmund warnen. Jetzt signiert der AfD-Spitzenkandidat sein eigenes Spiegel-Titelblatt im Dutzend, unterlegt mit Musik von Dr. Dre und Snoop Dogg. Das Cover zeigt ihn im Stil eines Fahndungsfotos, dazu die Zeile vom „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verteidigt die Wahl: Das Magazin zeige nur, was ist. Niemand bestreitet, dass Medien über Siegmund berichten müssen. Die Frage ist, wie.
Wer hält wem das Stöckchen hin
Die Journalistin Annika Leister erinnert bei t-online an eine alte Regel aus der Gründungszeit der AfD: Nicht über die Stöckchen springen, die ein Populist einem hinhält. Springt man doch, zählt die Art des Sprungs. Beim Spiegel-Cover springt gleich die halbe Medienlandschaft mit — und manche Redaktion, schreibt Leister, „hält sich das Stöckchen auch gleich selbst hin“.
Siegmund teilt das Titelbild in seinen Kanälen, Parteifreunde montieren ihre Gesichter auf das Layout, und laut dem Altpapier des MDR fährt ausgerechnet Springers Welt eine eigene Empörungsschiene dazu, mit mehreren Video-Interviews, die dem Spiegel Vorwürfe machen, ohne den Kern der Kritik zu berühren. Auch Julia Encke warnt in der FAZ: Das Cover stilisiere Siegmund zum Posterboy mit dem Ruch des Gefährlichen, und wer die eigentliche Geschichte gar nicht lese, könnte das Fahndungsplakat für Werbung halten.
Dieselbe Sorglosigkeit zeigt sich in die andere Richtung: Der MDR-Podcast Deep Talk befragt Siegmund lieber zu Alltäglichem als zu seiner Politik, ein Interview, das die Süddeutsche treffend als Etikettenschwindel beschreibt. Der Wirtschaftspublizist Gunnar Sohn nennt das Prinzip beim Namen: Jeder Verriss wiederholt Bild, Namen und Superlativ, der Angriff wird zur Auszeichnung.
Warum das der AfD so nützt, erklärt der Politologe Johannes Hillje bei der Frankfurter Rundschau: Die Partei halte den Angstpegel bewusst hoch und verspreche mit ihrer Simson-Moped-Nostalgie eine sichere Vergangenheit, die es so nie gab. Wirtschaftlich hat sie ihren Wählern kaum etwas zu bieten, marktliberal bis in die Fingerspitzen, doch das spielt keine Rolle, solange die Emotionen stimmen. Jede hysterische Schlagzeile bedient genau dieses Klima.
Die Angst vor Weimar
Ich kenne den Reflex, sofort zu reagieren, sehr gut und neige selbst dazu. Wenn Werner Deck die Aufstiegsmuster der AfD mit dem Niedergang der Weimarer Republik vergleicht — Legalitätstaktik, Feindbild-Konstruktion, Zermürbung des Gegners —, lese ich viel von dem, vor dem auch ich hier im Blog oder auf Mastodon und anderen Plattformen immer wieder gewarnt habe. Immer wieder habe ich die Parallelen zu Weimar hervorgehoben.
Ich verfolge die Correctiv-Recherchen zum Potsdamer Treffen, ich lese die Verbindungen von Siegmunds Umfeld zur verbotenen Neonazi-Organisation HDJ, die textrebell.de sauber aufgelistet hat. Doch die FAZ-Redakteurin Mina Marschall zeigt die Kehrseite dieser Angst: Die Rhetorik des Ausnahmezustands — Bürgerkriegssorgen, Aufrufe zur Gegenwehr — ist längst keine Domäne der Ränder mehr, sie ist in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.
Wer bei jeder Krise den Untergang beschwört, streitet nicht mehr für das bessere Argument, sondern erklärt Andersdenkende automatisch zum Feind. Das trifft AfD-Rhetorik genauso wie German Angst bei ihren Gegnern. Gunnar Sohn formuliert die praktische Konsequenz: Wer Populisten klein halten will, darf ihnen nicht den eigenen Redaktionsplan schreiben lassen. Ein Wahlkampf, der fast nur aus Ablehnung besteht, leiht dem Gegner die Bühne.
Wenn jedes Format polarisiert
Das Muster reicht über einzelne Titelblätter hinaus. Der MDR beschreibt in seiner Altpapier-Kolumne, wie selbst die TV-Formate vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf Zuspitzung setzen. RTL und NDR laden bevorzugt nur die zwei stärksten Kandidaten zum Duell, kleinere Parteien bleiben draußen. Der Medienkritiker Martin Andree bringt den Mechanismus auf den Punkt: Wer nicht polarisiert, wer keine vermeintlich einfachen Antworten bietet, wird auf den Plattformen kaum noch gesehen. Zwei Gegner, ein Duell, maximale Reichweite — das Format erzeugt den Konflikt, den es eigentlich nur abbilden soll.
Die Frage der Selbstkontrolle
Gunnar Sohn schlägt ein bewussteres Vorgehen mit Selbstkontrolle vor: Klärt eine Schlagzeile einen Sachverhalt auf, oder nutzt sie der Figur, bildet und verstärkt ein Markenbild? Ich werde versuchen, mir diese künftig auch selbst zu stellen, bevor ich auf Trump oder die AfD reagiere. Schweigen ist keine Option — die Recherchen zu Siegmunds Umfeld und den HDJ-Verbindungen gehören in die Öffentlichkeit. Aber zwischen Decks und meiner berechtigten Weimar-Sorge und Marschalls Mahnung zur rhetorischen Abrüstung liegt die eigentliche Arbeit: Ordnet meine Reaktion ein, oder liefert sie nur den nächsten Klick, den nächsten Angstpegel? Wer Populisten die eigene Agenda schreiben lässt, hat wahrscheinlich schon verloren, bevor die Wahl entschieden ist.
Eine Mauer löst keine Probleme
In der Auseinandersetzung mit der AfD oder auch anderen Rechtspopulisten wie Trump beschäftigt mich eine weitere Frage. Sie liefern den Wählerinnen und Wählern einfache Antworten. Das fast klassische Beispiel: Wir bauen eine Mauer, und Drogen, Klimawandel, Einwanderung sind gelöst. So „argumentieren“ Trump und die AfD, an der mexikanischen Grenze oder an der EU-Außengrenze.
Genau über dieses Muster habe ich mit Lars Basche und unserem Gast Harald Schirmer in der aktuellen #9vor9-Folge gesprochen (erscheint am kommenden Montag). Eigentlich ging es um ein anderes Thema, die Entwicklung der Zusammenarbeit und Arbeit in den vergangenen 20 Jahren, aber wir sind dann zum Ende unseres Gesprächs auf Haralds bevorzugtes Thema Komplexität gekommen.
Haralds Bild mit der Mauer trifft den Kern: Die AfD ist gewachsen, weil Menschen nach einfachen Antworten und „Lösungen“ suchen — bei Trump, bei Erdogan, überall dasselbe Muster. „Eine Mauer kann sich jeder vorstellen“, sagt Harald im Gespräch. Bei der AfD heißt die Mauer: niemanden mehr reinlassen, alle rausschmeißen — und eigentlich sollte jeder wissen, dass es nicht funktioniert. Aber solche Vereinfachungen ziehen ganz offensichtlich.
Diese Suche nach einfachen Antworten, das Suggerieren, dass diese einfachen Rezepte funktionieren, nenne ich das wichtigste Thema unserer Zeit — in der Politik, in der Umwelt und in der Wirtschaft. Doch wer mit Rezepten von gestern eine immer komplexere Welt erklären will, verspricht, an Rädern zu drehen, die sich nicht zurückdrehen lassen.
Globalisierung, Klimawandel und viele politische Themen sind komplex und werden komplex bleiben, gerade wenn „Vereinfacher“ an die Macht kommen oder an der Macht sind — siehe das Beispiel Iran, USA und der Nahe und Mittlere Osten. Wie bringen wir also das Bewusstsein für Komplexität in die Bevölkerung, ins Management, in die Politik — konstruktiv, nicht destruktiv? Was können wir als Publizisten, Blogger, Bürger dazu beitragen — erklären, gemeinsam arbeiten, die überzeugen, die es einfach wollen, obwohl es komplex ist? Eine fertige Antwort habe ich nicht. Lars, Harald und ich wollen genau diese Frage in einer der nächsten Folgen weiter diskutieren.
Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikel wurde KI eingesetzt.
Quellen & Leseempfehlungen
- AfD und die Medien: Die gefährliche Gier nach Aufmerksamkeit (t-online, Annika Leister)
- Die Gegner bezahlen den Wahlkampf (Gunnar Sohn)
- Werbung für die AfD? (textrebell.de)
- Das alte Drehbuch: AfD und Weimar (Werner Deck)
- Das Altpapier: Wer bestimmt, „was ist“? (MDR, Antonia Groß)
- Das Altpapier: Duell-Debatten (MDR, Christian Bartels)
- Siegmund als Posterboy? (FAZ, Julia Encke)
- Rhetorik des Ausnahmezustands: Macht mal alle halblang! (FAZ, Mina Marschall)
- „AfD hält Angstpegel hoch“: Was hinter dem Arbeiterkurs in Sachsen-Anhalt steckt (FR, Peter Sieben)


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