
Lange, lange haben Lars und ich nicht mehr über das Thema Coworking gesprochen. Das Thema ist einfach nach Corona so ein wenig von unserem Radar verschwunden. Dabei gibt es sie natürlich weiter, die Coworking-Spaces verschiedenster Ausprägung. Genau darüber sprechen wir mit Carsten Buchholz in unserer #9vor9-Folge, im Coworking-Space CoWo21 aufgenommen, dort, wo Carsten seit fünf Jahren mit seiner Firma sitzt und sich so seine Gedanken macht.
Coworking ist nämlich längst fester Teil der Arbeitswelt – doch der Weg dahin war nicht geradlinig. Was um 2010 als Pionierprojekt weniger Idealistinnen und Idealisten begann, professionalisierte sich ab etwa 2017 zu geförderten Innovationszentren und wurde nach Corona zum selbstverständlichen Baustein hybrider Arbeit. Am 26. Juli 2010 gründete Frank Rein in der Darmstädter Holzhofallee das CoWo21 – der erste Coworking-Space der Stadt und einer der ersten 20 bundesweit, zu einer Zeit, in der man den Begriff „Coworking“ im Rhein-Main-Gebiet erst einmal erklären musste. Fünfzehn Jahre später steht das Projekt vor dem Ende seines angestammten Standorts.
Mehr als ein Arbeitsplatz: Co-Working in Darmstadt im CoWo 21/42 | mit Carsten Buchholz – #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche
„Hier ist das Gegenteil“ – Community statt Tischvermietung
Was das CoWo21 von den großen Ketten unterscheidet, erklärt Carsten. „Da entsteht normalerweise keine Community, kein Zusammenwachsen“, sagt er über Anbieter wie WeWork, Regus oder Design Offices, bei denen es primär ums Vermieten von Tischen geht. „Hier ist das Gegenteil. Die Leute kennen sich, zumindest die Kernmannschaft kennt sich. Neue Leute werden auch schnell integriert. Man tauscht sich aus, man geht zusammen essen, man trinkt einen Kaffee zusammen, man spielt Kicker miteinander.“
Und wer sitzt im CoWo21? „Wir sind primär Einzelunternehmer, Einzelkämpfer auch, die tatsächlich sonst zu Hause in ihrer Wohnung sitzen würden.“ Rund 250 Quadratmeter, vier Arbeitsräume, 20 Arbeitsplätze, eine bewusst generationenübergreifende, bunt gemischte Truppe: Freelancer, Angestellte im Hybrid-Modell, Promovierende und Studierende aus Programmierung, Elektrotechnik, Architektur, Soziologie, Kulturwissenschaft, Buchhaltung, Übersetzung.
Schon 2014 baute die Community die Räume nach einer eigenen Befragung um – mehr Platz für Begegnung, eine Coaching-Ecke entstand. Keine hippe Start-up-Schmiede also, sondern ein gewachsener, offener Ort, der Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfern genau das gibt, was ihnen zu Hause fehlt. Jetzt soll der Standort in der Holzhofallee 21 abgerissen und durch Wohnflächen ersetzt werden.
Doch es geht weiter. Carsten hat gerade eine eigene GmbH gegründet, notariell besiegelt, mit neuem Namen, aber mit dem Ziel, den gewachsenen Charakter beizubehalten und neue Angebote zu machen. Firma und Coworking-Space heißen dann CoWo42 – denn die Antwort auf alles ist 42, wie wir aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen. Carsten sucht gerade den richtigen Standort. Im Dezember 2026 will er – wenn alles gut geht – starten.
Vom Einzelbüro zum Desksharing per App – meine eigene Bürogeschichte
Bei #9vor9 haben wir mit ihm auch über unsere Erfahrungen an den verschiedenen Arbeitsplätzen und mit Coworking gesprochen. So kenne ich die ganz verschiedenen Seiten der Arbeitswelt. Bei FileNet hatte ich ein eigenes Büro, mein Team saß eine Tür weiter. Logisch, dass man jeden Tag miteinander geredet hat oder zusammen zum Mittagessen ging. Dann kaufte IBM das Unternehmen, und dort lernte ich das Großraumbüro kennen, große, offene Flächen, aus fester Sitzordnung wurde Desksharing.
Traf man sich zu Beginn noch regelmäßig im Büro, so zerbröselte das nach und nach. Einerseits, weil im Großkonzern die Teams verstreut über ganz Deutschland oder die ganze Welt arbeiteten. Andererseits, weil IBM ein Pionier beim Thema Homeoffice war – und dieses Angebot nahm ich nur zu gerne an, weil eben an meinem Standort in Frankfurt kaum jemand aus meinen damaligen Teams anwesend war. Und ich lernte auch kennen, wie exzessiv man Telefonkonferenzen oder später dann Videokonferenzen per Zoom oder Teams nutzen kann. Zwar hatten wir bei FileNet auch die eine oder andere Telco, doch nicht in diesem Maße.
Während meiner Zeit bei IBM startete ich dann eine Kooperation mit einem Coworking-Anbieter: 2016 habe ich mir bei Design Offices in Stuttgart mit dem damaligen Geschäftsführer Michael Schmutzer die Projekträume angeschaut, 2017 haben wir gemeinsam die „Cognitive Ways To Work“-Fläche auf dem IBM-Stand zur CeBIT gebaut. Beeindruckend durchgestaltet und auf der CeBIT durchweg positiv aufgenommen. Lars lernte Design Offices in dieser Kooperation auch kennen und hat sich danach zeitweise in deren Kölner Büro eingemietet.
Back-to-Office per Order von oben ist kein Zusammenarbeitskonzept
Nun, ich bin seit Jahren überzeugter Homeoffice-Nutzer und habe das Konzept immer wieder hier im Blog vorgestellt und vehement gegen Widerstände verteidigt. Zwei, vier Stunden Videokonferenz am Tag, Kolleginnen und Kollegen über den ganzen Globus verteilt – wofür sollte ich da noch ins Büro fahren? Das Soziale, der persönliche Austausch fehlt, keine Frage. Den musste und muss ich mir anderswo holen.
Gerade erleben wir in den USA, aber auch in Deutschland eine massive Back-to-Office-Bewegung. In Amerika werden die Mitarbeitenden per Order di Mufti ins Büro zurückbeordert, weil man dort „natürlich“ produktiver ist. Doch steckt gerade bei US-Techkonzernen oft ein ganz anderes Motiv dahinter: Stellenabbau, denn eine nennenswerte Zahl von Mitarbeitenden kündigt wegen der Rückkehrpflicht. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass oft der Wunsch nach Kontrolle das Motiv ist, die Leute in die Büros zurückzubeordern. Wen ich vor Ort sehe, den habe ich im Griff.
Lars, Carsten und ich waren einhellig der Meinung, dass diejenigen, die selbst entscheiden, was gerade Sinn ergibt, besser arbeiten als jemand, der drei Tage die Woche ins Büro muss, weil es eine Konzernanweisung so will. Lars hat das Konzept bei seinem Arbeitgeber Archetype vorgestellt. Ein Ankertag, den ein Team sich selbst gibt – bei Lars in der Agentur ist das der Mittwoch –, ist etwas anderes als eine Verordnung. Und wenn dieser Ankertag auch entsprechend vor Ort in den Büros gestaltet wird, macht das durchaus Sinn.
Shared Services und ein Rechner für alle, die mit KI noch fremdeln
Unterdessen denkt Carsten weit über das Vermieten von Schreibtischen hinaus. Die Offenheit, die im CoWo21 gelebt wird, will er auf sein neues Konzept übertragen und das Angebot erweitern. Wer ein eigenes Unternehmen aufbaut, kennt das: Zeiterfassung, DSGVO-konformes Scannen von Bewerbungsunterlagen, dazu beispielsweise die Verpackungsverordnung, „die ein Bürokratiemonster ist“, wie er es nennt – Aufgaben, die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben und trotzdem Zeit fressen.
Genau solches Know-how will er künftig als Shared Service anbieten, per Klick buchbar, ohne Jahresverträge – zugänglich für alle, nicht nur für die eigene Kernmannschaft. Dazu ein Rechner für alle, die mit Künstlicher Intelligenz noch fremdeln – Einzelunternehmerinnen und Einzelunternehmer ohne IT-Hintergrund, die ChatGPT & Co. einfach mal ausprobieren wollen, im Austausch mit anderen. Das sind innovative, interessante Ideen.
Digitalstadt Darmstadt – und dann scheitert es an der Schließanlage
Wie weit die Kluft zwischen dem Anspruch eines offenen Coworkings und der Praxis reicht, zeigt sich ausgerechnet dort, wo sich Darmstadt „Digitalstadt“ nennt – ein Titel aus einem lange zurückliegenden Bitkom-Wettbewerb. Bei der Suche nach neuen Räumen für CoWo42 stößt Carsten ausgerechnet bei der Gebäudetechnik auf digitales Mittelalter: „Die haben alle Schlüssel. Die haben keine Zugriffskarten oder FOB-Systeme, nichts, was man elektronisch konfigurieren kann, wo man mal schnell jemandem Zugriff geben kann. Man muss einen Schlüssel weitergeben physisch.“ Drei Hochschulen, Fraunhofer-Institute, eine gewachsene Gründerszene – und dann eine Schließanlage von anno dazumal.
CoWo42 sucht Räume – und neue Gesichter
Lars und ich wünschen Carsten und seinem Team viel Erfolg bei der Standortsuche und werden die Geschichte weiterverfolgen. Das könnt auch ihr tun: Hier bloggen Carsten und sein Team über Hürden und Fortschritte. Wenn CoWo42 ab Dezember in neue Räume zieht, wird sicher auch die neue Webseite mit Inhalten und Angeboten zu Community, Shared Services und dem Ausprobieren von KI gefüllt sein. Neue Leute werden schnell integriert, versichert Carsten, den ihr auch per E-Mail unter guude@cowo42.de erreichen könnt.


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