Die Illustration zeigt eine offene, modulare Geburtstagstorte mit 17 Kerzen, deren Oberfläche dicht mit handschriftlichen Blognotizen bedeckt ist. Im Kontrast dazu steht ein starrer, monolithischer Block mit dem halbtransparenten Schriftzug „BLOG“. Der Schatten der Torte und Kerzen formt subtil die Zahl „17“ und verweist so auf die Dauer und Entwicklung des Blogs.

(Mindestens) 17 Jahre Bloggen – was hat es gebracht?

Heute Morgen habe ich per Zufall im Blog nachgeschaut. Hier auf WordPress.com ist mein erster Blogartikel am 22. März 2009 erschienen. Na ja, „erschienen“ stimmt nicht ganz – erschienen ist er eigentlich vorher, auf Posterous. Ich habe ihn damals nach WordPress importiert. Posterous wurde eingestellt und einige Texte sind wohl im Nirvana des Netzes verschwunden. Das Netz vergisst doch. Manchmal.

Eine Zwischenbilanz mit Augenzwinkern – und einem Blick auf die große Blogosphären-Midlife-Crisis

Also genau siebzehn Jahre dieser Blog hier. Nein, ich werde mich nicht die Debatte einmischen, ob Bloggen tot ist. Die Debatte ist gefühlt so alt wie das Bloggen selbst – ungefähr alle drei Jahre fragt irgendjemand, ob das Medium noch lebt, und ungefähr alle drei Jahre antworten Bloggerinnen und Blogger darauf mit langen Blogposts. Über die Schärfe, die in die aktuelle Debatte hinein gekommen ist, kann ich nur den Kopf schütteln. Bloggen als Hobby weißer Männer über 50, die ihre Meinungen für wichtiger halten, als sie sind – während jüngere, diversere Stimmen auf anderen Kanälen längst interessantere Dinge sagen. Mein Gott, lasst uns doch einfach, wenn es uns Spaß macht.

Ich hab mir mal einige Artikel von „damals“ angesehen, die noch online sind. Zum Beispiel dieser hier vom 22. März 2009: „‚Gezwitschere‘ – Kann man das ernst nehmen?“ Meine erste Auseinandersetzung mit Twitter. Ich saß damals auf einem IBM-Sofa auf der Web 2.0 Expo in Berlin, neben mir ein junger Typ, der Videos drehte, und er fragte mich: „Du bist neu auf Twitter? Stimmt’s?“ Ja, ich musste mich outen. Wenn ich mir heute anschauen, was aus Twitter und dem Web 2.0 geworden ist …

In dieser Zeit erschien auch mein Artikel über Apple als valide Unternehmensplattform – oder doch noch Avantgarde-Spielzeug? Und einer über E-Mail-Management und Compliance, ein Thema, das mich sehr lange beruflich beschäftigte. Ich habe über die Dokumentensuche im digitalen Müllhaufen ebenso geschrieben wie über die digitalen Störenfriede, die mich immer wieder unterbrechen.

Vom Schreiberling zum Blogger

Warum habe ich überhaupt mit dem Bloggen angefangen? Die Leidenschaft fürs Schreiben war schon immer da. In der Schülerzeitung. Dann in der Lokalredaktion der Wetzlarer Neuen Zeitung. Später für Computerzeitschriften wie die PC Praxis. Bei FileNet – meinem damaligen Arbeitgeber – habe ich ein Unternehmensmagazin herausgegeben.

Das Blog war also kein Neubeginn, sondern eine Fortsetzung meiner Leidenschaft fürs Schreiben mit anderen Mitteln – ohne Redakteur, ohne Drucktermin, ohne jemanden, der den Text noch einmal gegenliest. Was natürlich auch bedeutete: ohne jemanden, der einen aufhält. Ich glaube, dass mich damals mein Kollege Thorsten inspiriert hat, ein eigenes Blog aufzumachen.

Also schrieb ich nun auf meiner eigenen Plattform über Technologie, über digitale Transformation, über die Frage, warum deutsche Unternehmen so tun, als wäre das Internet ein vorübergehender Trend. Über Social Media, als es noch hieß, es würde die Welt demokratisieren. Spoiler: Es hat die Welt verändert, aber nicht ganz so, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Von DigitalNaiv zum Namens.Blog

Das Blog hieß zuerst „DigitalNaiv“. Fand ich witzig, weil ich mich damals à la Raumschiff Enterprise in die neuen Welten des Web 2.0 begeben habe. Mit einer gewissen Naivität. Einfach mal eintauchen. Nicht im Sinne von Ahnungslosigkeit, sondern im Sinne von ausprobieren, kennenlernen und bewerten.

Irgendwann – ich glaube im Oktober 2018 – habe ich dann DigitalNaiv.com in stefanpfeiffer.blog umbenannt. Die Idee dahinter: persönlicher werden, klarer machen, dass hier ein Mensch schreibt und keine Marke. Aber „DigitalNaiv“ hatte einen Charakter, den kein Name ersetzt, der einfach aus Vor- und Nachname besteht. Heute würde ich das wahrscheinlich nicht mehr tun. Aber wer so lange Jahre bloggt, hat immer wieder Jahre Entscheidungen getroffen, die man später anders sieht. Das gehört dazu.

Corporate Blogging: Zwischen Haltung und Unternehmenslinie

Was ich in dieser Phase auch war: ein Corporate Blogger. Ich habe für die IBM gebloggt – offiziell, mit eigenem IBM-Blog, mit Twitter-Handle Stefan63atIBM, damit von Anfang an klar war, wo ich arbeite. Das war damals eine echte Debatte: Wie weit darf ein Corporate Blogger gehen? Was ist noch persönliche Meinung, was schon Unternehmenssprechertum?

Ich habe damals 2009, kurz vor der re:publica, einen Artikel darüber geschrieben, der den herrlichen Titel trug: „Einfach mal Fresse halten?„. Es ging um die Frage, wann man als Mitarbeiter eines Konzerns besser schweigt – und wann man trotzdem schreibt. Die IBM hatte damals immerhin schon Social Computing Guidelines. Das war fortschrittlich. Und es war nötig, denn die Versuchung, als Corporate Blogger auf dünnem Eis zu tanzen, war real.

Corporate Blogger. Das klingt heute so zeitgemäß wie ein Faxgerät im Homeoffice. Das Konzept ist nicht gestorben, es hat sich nur aufgelöst – in Content Marketing, in Employee Advocacy, in unselige LinkedIn-Posts mit Hashtags, die der Social-Media-Manager vorher freigegeben hat. Der authentische Mitarbeiterblog, der Firma und Person gleichzeitig repräsentiert ist unterdessen eine Illusion. Ich habe sie trotzdem eine Weile gepflegt. Und ich bereue es nicht – auch wenn die damaligen IBM-Blogs längst offline sind und das Internet diesen Teil meiner Geschichte vielleicht gnädig vergessen hat. Da war schon viel Werbung und Promotion für unsere damaligen Produkte dabei.

Was ich dabei gelernt habe – über Technologie und mich

Siebzehn Jahre Bloggen sind eine erstaunlich gute Dokumentation eigener Irrtümer. Immerhin habe ich nur Second Life nur für die Zukunft gehalten. Doch habe ich Twitter mal als Bereicherung für den demokratischen Diskurs bezeichnet – und mich später dabei ertappt, wie ich auf Elon Musks Plattform nur noch Empörung und Werbung für Selbstbräuner vorfand. Ich habe über „das Ende der E-Mail“ geschrieben. Die E-Mail lebt. Sie ist unsterblich. Sie wird uns alle überleben.

Das Gute daran: Wer über 17 Jahre lang öffentlich schreibt, wird bescheiden. Nicht weil man weniger Meinungen hat, sondern weil man weiß, wie schnell Meinungen veralten. Heute tippe ich mit etwas mehr Vorsicht. Nicht weniger Überzeugung – aber mehr Bewusstsein dafür, dass ich in fünf Jahren vielleicht wieder in alten Posts wühle und den Kopf schüttle.

Die Reichweite: bescheiden, aber real

Die Zahl meiner Leserinnen und Leser ist bescheiden. Heutige Influencer auf TikTok oder Instagram würden darüber lachen. Ist aber nicht der Punkt. Die richtige Frage ist nicht: „Wie viele Menschen lesen das?“ Sondern: „Wer liest das – und was passiert danach?“

Und das ist ok. Ein Kommentar, der eine Debatte losgetreten hat. Eine E-Mail von jemandem, der sagt: „Das habe ich meinem Chef geschickt.“ Ein Gespräch auf einer Konferenz, das mit den Worten beginnt: „Ich lese deinen Blog, und…“ Mein Blog, vielleicht Bloggen generell ist kein Massenmedium.

Was sich verändert hat – und was gleich geblieben ist

Die Werkzeuge haben sich verändert. Blogger, WordPress, dann WordPress.com, Mastodon als Verlängerung. Die Art, wie ich Artikel teile, hat sich fünfmal gewandelt. Facebook war mal wichtig. Dann nicht mehr. Jetzt wieder, um meinen Freundes- und Bekanntenkreis zu erreichen. LinkedIn wurde als wichtig dargestellt – und nervt mich unterdessen nur noch.

Was gleich geblieben ist: der Impuls, sich zu etwas zu äußeren, auch Informationen, Artikel zu teilen, zu kuratieren. Und der Prozess des Schreibens selbst. Der Moment, in dem ich einen Gedanken aufschreibe und er sich dann weiter heraus kristallisiert. Wer schreibt, denkt anders. Wer öffentlich schreibt, denkt noch einmal anders, weil irgendwo immer jemand mitliest, der einen beim Widerspruch ertappen könnte.

Künstliche Intelligenz hat die Angelegenheit inzwischen einfacher und gleichzeitig komplizierter gemacht. Ich nutze KI-Tools beim Schreiben. Für Recherche, für Titelbilder, manchmal als Sparringspartner für Argumente. Und gleichzeitig frage ich mich: Was ist noch meine Stimme? Wo endet der Assistent und fange ich an? Diese Frage habe ich noch nicht abschließend beantwortet. Was aber Bloggen in einer KI-Welt auf jeden Fall leisten kann: Reflexion, die nicht delegierbar ist.

Alte weiße Männer und ihre Blogs – ein Problem?

Ja, viele der aktiven Langzeit-Blogger in der deutschsprachigen Blogosphäre sind: männlich, weiß, über 50, beruflich etabliert. Ich erfülle drei von vier Kriterien ohne Mühe. Das ist kein Zufall und kein Anlass zur Selbstbeglückwünschung. Ein Trost: Es gibt Claudia und andere Bloggerinnen, die es immer wert sind gelesen zu werden. Aber auch sie sind in aller Regel Ü50. Vielleicht sind wir Bloggerinnen und Blogger ja eine aussterbende Rasse. Oder anders: Vielleicht publizieren die Jungen halt anders.

Ich blogge nicht, weil ich denke, dass meine Perspektive die wichtigste ist. Ich blogge, weil ich denke, dass öffentliches Schreiben – mit echtem Namen, mit nachvollziehbarer Haltung, mit der Bereitschaft, widersprochen zu werden – in einer Zeit algorithmisch optimierter Empörungsschleifen etwas wert ist. Unabhängig davon, wer es tut.

Hat es sich gelohnt?

Ja. Aber nicht aus den Gründen, die ich 2009 erwartet hätte. Nicht wegen der Reichweite. Nicht wegen des Einflusses. Nicht wegen der Karriere. Sondern wegen des Denkens. Wegen der Menschen, die ich dadurch kennengelernt habe. Ich freue mich auf die Beiträge von Claudia, Horst, Henning, Christian, Heinrich, Helmut, Thomas, Gunnar, Lars, Herrn Tommi und vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern. Vor allem freue ich mich auf Austausch. Und es gibt mir Hoffnung, dass es noch vernünftige, demokratische Stimmen gibt. Es gibt das Gefühl, in einer Welt voller Lärm trotzdem eine eigene Stimme zu haben – auch wenn die niemand außer zwanzig interessierte Leserinnen und Leser hört.

Was jetzt?

Weitermachen. Neue Formate probieren. Was sonst? Ja, es gibt berechtigte Fragen darüber, wer bloggt, warum, und ob das irgendwen außer dem Autor selbst interessiert. Ja, TikTok, Instagram, Substack und LinkedIn-Posts erreichen vermutlich mehr Menschen mit weniger Aufwand.

Die Plattformen werden sich weiter verändern. KI wird das Schreiben, Kuratieren und Publizieren weiter umkrempeln. Irgendwann wird wieder jemand fragen, ob Blogs noch zeitgemäß sind – und ich werde, wie seit zwanzig Jahren, die Frage mit einem Blogpost beantworten. In dem ich erkläre, warum die Frage falsch gestellt ist. Und dann den nächsten Post veröffentlichen.

Dieser Blog ist meine Heimat

Dieser Blog ist meine Heimat. Er gehört mir. Nicht Elon Musk, der X in eine Empörungsmaschine mit Bezahlschranke verwandelt hat. Nicht Mark Zuckerberg, der den Algorithmus nach Gusto dreht und Reichweite verteilt wie ein Feudalherr Ländereien. Wenn LinkedIn morgen entscheidet, dass meine Art zu schreiben nicht mehr in den Feed passt, oder Bluesky sich wieder irgendwie neu erfindet – der Blog steht noch. Meine Texte, meine Themen, meine Stimme. Das ist in einer Welt, in der wir fast alles nur noch mieten, mehr wert als es klingt. Gerade in diesen Zeiten, wo wir angesichts der Radikalisierung und der Autokraten Flagge zeigen müssen.



* Dieser Artikel ist Teil einer losen Reihe über digitales Publizieren, Bloggen und das Internet, das wir mal haben wollten. Feedback, Widerspruch und alte Anekdoten gerne in die Kommentare.*

Fediverse-Reaktionen

Comments

3 Antworten zu „(Mindestens) 17 Jahre Bloggen – was hat es gebracht?“

  1. Na dann: Frohes sSchaffen weiterhin!

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  2. Herzlichen Glückwunsch, sage ich mal und weiterhin viel Spaß am Bloggen. Themen gibts momentan eigentlich genug. 🙂

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  3. […] #17Jahre #Blog #Bloggen #Blogosphere #Journalismus #SocialMedia #Twitter #WordPress @stefanpfeiffer.blog 22. Mar 2026 18:51 […]

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