Satirisches Gesamtkunstwerk: Ein Journalist arbeitet konzentriert in seinem Liegestuhl auf dem Heck eines deutlich schräg liegenden Schiffes. Aus dem Bug zieht ein roter Strom schlechter Nachrichten — geometrische Schlagzeilen-Balken, Ausrufezeichen, Bruch-Symbole — das Schiff aktiv ins Wasser. Der Journalist sieht es nicht, weil er an seinem Notebook tippt, aus dessen Bildschirm ein kleiner grüner Lösungs-Würfel aufsteigt.

Konstruktiver Journalismus: Marketing oder Antwort auf 71 Prozent News Avoidance?

Lars hat das Thema schon mehrfach in Nebensätzen erwähnt. Darüber sollten wir mal reden, sagte er. Und ich, der über solche Begriffe gerne spöttisch hinweggeht, habe mich bei #9vor9 nun darauf eingelassen. Konstruktiver Journalismus. Ein Begriff, bei dem mein erster Reflex immer ist: weichgespülter Wellness-Journalismus, der den Leuten Honig ums Maul schmiert. Heribert Prantl, lange Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und für mich ein Vorbild im Klartext schreiben, hat es nicht anders genannt — Werbung für Lobbys, Journalisten als Wellness-Trainer und Entertainer. Aber Lars hat nicht aufgegeben und argumentiert mit Zahlen.

Konstruktiver Journalismus – Neue Wege im Umgang mit komplexen Themen? Ein Streitgespräch #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche

Die Nachrichtenlage überfordert viele Menschen und deswegen schalten sie bewusst ab: 70 Prozent der Deutschen sagen, dass sie ab und zu abschalten müssen, weil ihnen die Berichterstattung zu viel oder zu negativ wird. Und über ein Drittel geben an, dass die vielen negativen Nachrichten eine Belastung für ihr Wohlbefinden sind. Ist konstruktiver Journalismus die Antwort darauf? In dieser Folge diskutieren wir, was hinter dem Konzept steckt: Lösungen anbieten statt reiner Problemfokus, Perspektivenreichtum statt nur Schwarz oder Weiß und mehr Dialog mit dem Publikum. Während Lars konstruktiven Journalismus als sinnvoll und hiflreich erachtet, bleibt Stefan skeptisch: Braucht es wirklich ein neues Label oder einfach besseren Journalismus? Und lässt sich in Zeiten von Filterblasen, Polarisierung und Social Media überhaupt noch ein konstruktiver Dialog führen? Ein Streitgespräch über Medien, Verantwortung und die Frage, ob konstruktiver Journalismus eine Antwort sein kann.

Die Zahlen, die Lars dabei hatte

Rund 70 Prozent der Deutschen schalten zumindest gelegentlich beim Nachrichtenkonsum aktiv ab. Das ist Höchststand laut Reuters Digital News Report. Hauptgründe: schlechte Stimmung, Erschöpfung von der Menge der schlechten Nachrichten, zu viel über Kriege, Leid und Elend. Die Problematik lässt sich nicht wegdiskutieren. Wenn sich aber ein erheblicher Teil des Publikums abwendet, hat der Journalismus ein Existenzproblem — nicht nur ökonomisch, sondern demokratisch.

Lars lieferte dann auch zügig die Definition zu konstruktivem Journalismus: Er baut drei Säulen auf, Lösungsorientierung, Perspektivenreichtum, konstruktiver Dialog. Klingt für ihn überzeugend. Für mich klingt es sehr floskelhaft. Mein Problem mit dem Konzept ist nicht, dass ich es ablehne. Mein Problem ist, dass ich nicht erkenne, was es eigentlich Neues bringt.

Ich habe im Geschichtsstudium gelernt, dass man bei der wissenschaftlichen Arbeit immer alle relevanten Positionen berücksichtigen und dokumentieren muss — das ganze Spektrum, bevor man dann die eigene These entwickelt. Genau das nennt der konstruktive Journalismus heute Perspektivenreichtum. Das gilt genauso für sorgfältige journalistische Arbeit. Muss man also dafür einen neuen Begriff aufmachen? Oder sollte das nicht ohnehin Bestandteil dessen sein, was wir Qualitätsjournalismus nennen — und was es bei Süddeutscher, FAZ, ARD, ZDF und anderen Medien durchaus noch gibt, nur wird es eben von immer weniger Leuten konsumiert?

Mein Punkt: An den Filterblasen scheitert der gute Vorsatz

Damit bin ich beim eigentlichen Punkt, an dem Lars und ich uns über zwanzig Minuten festgebissen haben. Die Ablehnung derer, die in ihren Filterblasen verharren. In der AfD-Blase mit Perspektivenreichtum landen? Versucht mal trotz heftigster Benzinpreise beim Thema Geschwindigkeitsbegrenzung mit rationalen Argumenten und konstruktiver Berichterstattung jemanden zu erreichen, der „freie Fahrt für freie Bürger“ als Grundrecht versteht. Da läuft man wie die berühmte Wutz gegen das Scheunentor und holt sich eine blutige Nase. Bei heißen Themen — Klima, Migration, Energiewende, Corona — ist die Dialogbereitschaft meistens nicht da. Fakten werden meist als Lügenpresse abgetan. Und in dieser Lage soll ein Konzept der „guten Stimmung“ helfen? Ich bekomme den Punkt einfach nicht.

Liegestuhl auf der Titanic

Und das ist der eigentliche strukturelle Punkt, der mich an dem ganzen Konzept stört: Konstruktiver Journalismus tritt nicht nur gegen schlechte Berichterstattung an. Er tritt gegen eine ganze Aufregungsökonomie an. Asoziale, algorithmische Medien — Facebook, X, TikTok — belohnen das Empörendere, das Lautere, das Polarisierende. Differenzierung wird nicht ausgespielt, weil sie schlechter performt. Welt und FAZ haben das verstanden und ihre Social-Media-Auftritte entsprechend optimiert. In dieser Logik wirkt konstruktiver Journalismus wie ein Liegestuhl auf der Titanic. Er ist sympathisch, aber nicht systemrelevant.

Wo es funktionieren kann: Im Lokalen

Einen Bereich sehe ich, wo es durchaus funktionieren kann: Im Lokalen. Lars’ Beispiel war Siegburg — SPD und CDU haben sich vor der Kommunalwahl hart bekämpft, koalieren jetzt miteinander. Ich konnte aus Darmstadt prompt das Gegenbeispiel liefern: Grüne, SPD und CDU verfeinden sich derart, dass keine Koalition mehr zustande kommt. Ja, im Lokalen ist die Dialogbereitschaft tendenziell höher, weil die Probleme greifbar sind, weil es konkrete Akteure gibt, weil sich Lösungen messen lassen.

Konstruktiver bei den „großen“ Themen? Da sehe ich keine großen Erfolgschancen. Und ich gebe zu: Ich bin in dieser Frage frustriert, da viele einfach zumachen, Fakten wie erwähnt ignorieren und andere Meinungen oft nicht anhören wollen. Eine harte, aber gesittete Diskussion ist oft unmöglich. Auch hier gebe ich Lars recht: Wir dürfen nicht aufgeben und fangen dann halt von unten an. Er ist deutlich optimistischer als ich.

Was ich trotzdem ausprobieren werde

Doch ich nehme auch persönlich etwas mit: Das Bonn Institute hat einen Constructive Ideas Generator als eigenen GPT entwickelt — ein Werkzeug, mit dem sich Themen aus konstruktiver Perspektive durchdenken lassen. Ich werde das Tool in den kommenden Wochen ausprobieren und bin gespannt, welche Vorschläge die KI mir macht, lösungsorientierter, perspektivenreicher und konstruktiver im Dialog zu sein. Mein Verdacht — und Lars teilt ihn weitgehend — lautet, dass nichts grundlegend anderes herauskommt als das, was wir bei #9vor9 ohnehin tun. Aber ich lasse mich überraschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass mich ein Werkzeug widerlegt.

Was bleibt nach 35 Minuten Streitgespräch? Lars hat zum Schluss trocken festgestellt: „Wir haben Perspektiven gebracht.“ Nette Pointe — denn genau das ist es, was konstruktiver Journalismus angeblich anstrebt. Wir hatten ein echtes Streitgespräch, mit unterschiedlichen Positionen, ohne dass am Ende einer den anderen überzeugt hätte. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf das Konzept.

Es ist gut, dass das Bonn Institute, dass Aarhus, dass Perspective Daily gegen Doomscrolling und Aufmerksamkeitsökonomie ankämpfen. Es ist gut, dass jemand fragt, wie wir Journalismus machen, der die Leute nicht ins Abschalten treibt. Aber den Begriff brauche ich dafür nicht. Qualitätsjournalismus, der diesen Namen verdient, ist konstruktiv. Den Rest hat Lars am Ende selbst zugegeben: „Ja, dann nenne ich es von mir aus Qualitätsjournalismus oder was auch immer.“ Eben.

Hintergrundpräsentation

Comments

Eine Antwort zu „Konstruktiver Journalismus: Marketing oder Antwort auf 71 Prozent News Avoidance?“

  1. Diese dargestellten Umfragen verzerren das Bild doch erheblich. Nach meinem Kenntnisstand sind es nur 10 Prozent, die schlechte Nachrichten vermeiden. Viel gravierender ist das doppelte Meinungsklima, das immer häufiger vorkommt. Medien geben nicht mehr die Lebensrealität der Menschen wieder. Also das, was Menschen gut beurteilen können. Besonders deutlich wird die Verzerrung beim Blick auf die wirtschaftliche Stimmung. Die Langzeitgrafiken der Forschungsgruppe Wahlen im Politbarometer sind in ihrer Aussage fast schon vernichtend für den Krisenbetrieb vieler Medien. Eine große Mehrheit beurteilt die eigene Lage weiterhin als gut oder zumindest akzeptabel. Zugleich kippt die Einschätzung der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung stark ins Negative. Menschen kennen ihr Einkommen, ihre Auftragslage, ihren Arbeitsplatz, ihren Alltag, ihre unmittelbaren Lebensumstände. Die Fernsicht entsteht weit weniger aus eigener Anschauung. Sie wird vermittelt. Wer die allgemeine Wirtschaftslage beurteilt, orientiert sich stark an Schlagzeilen, Krisenframes und medial gesetzten Großthemen. Und dort dominieren seit Jahren Inflationsangst, Krieg, Terror, geopolitische Spannungen, Rezessionsszenarien, Standortpanik und Kontrollverlust. Es würde ja schon reichen, wenn wir in Deutschland sachlichen Journalismus praktizieren würden.

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