
„Die letzte Party auf der Titanic“ – so überschreibt René Pfister seinen Spiegel-Artikel (€) zur re:publica 2026. Symbol für die geistige Erstarrung eines progressiven Milieus, unfähig zur echten Debatte, eine Art säkularer Kirchengemeinde, die Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“ mit der Inbrunst von „Großer Gott, wir loben dich“ mitsingt. Sehr überzogenes Bild. Deutlich over the top. Und natürlich nicht die ganze Geschichte. Ich interviewe Lars bei #9vor9, da ich es aus gesundheitlichen Gründen nicht geschafft habe. Leider. Habe die Gespräche mit vielen Bekannten und Freunden sehr vermisst.
re:publica 2026: Zwischen Hoffnung und Widerstand – #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche
Das Internet als Demokratiemaschine – und wer es heute wirklich nutzt
Was mich mehr beschäftigt als der Spiegel-Artikel, ist eine andere Frage. Wir haben einmal geglaubt – und ich schließe mich da ausdrücklich ein –, dass das Internet eine Demokratiemaschine ist. Dass offene Netze offene Gesellschaften stärken. Dass Bürgerinnen und Bürger unabhängig von klassischen Medien ihre Stimme erheben. Diese Utopie war auch die Message der re:publica.
Und heute? Tucker Carlson hat mit seinem Podcast in Maine ein Millionenpublikum aufgebaut und wird als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt. Maximilian Krah dominiert TikTok mit seinen kruden Männerphantasien bei Jungwählern. Die Rechten haben das Social-Media-Feld besetzt – während die Netzgemeinde sich im Fediverse gegenseitig auf die Schultern klopft.
Ok, ich formuliere es genauer: Die Demokratiefeinde dominieren die asozialen, algorithmischen Medien von Instagram über YouTube bis TikTok. Die Netzgemeinde tummelt sich auf Mastodon – oder postet wie Lars auf Zuckerbergs Threads, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Kleine Spitze und ich formuliere mich natürlich bei Lars. Hat er mir ja auch im Podcast nahe gelegt 😉
Lars kontert den Spiegel-Autor
Lars rückt bei #9vor9 das Bild zurecht, das Pfister sehr aufmerksamkeitsheischend im Spiegel zeichnet. Er war bei Panels, in denen es tatsächlich kontrovers wurde – mit Michel Friedman als Moderator, mit Markus Blume und Heidi Reichinnek auf der Bühne, mit Ricarda Lang und Philipp Amthor und einem Politik-YouTuber Vincent G. aus Sachsen, der pointiert erklärte, warum die etablierten Parteien junge Menschen im Osten nicht mehr erreichen. Markus Blume wurde nicht ausgebuht, Philipp Amthor nicht runtergebrüllt, Karsten Wildberger positiv aufgenommen.
Lars‘ Urteil: Der SPIEGEL-Reporter hat bei aller berechtigten Kritik eine sehr selektive Wahrnehmung. Und Markus Beckedahl – einer der prägenden Köpfe re:publica und der Netzszene – hat auf digitalpolitik.de darauf hingewiesen, dass 1243 Sprecherinnen und Sprecher auf 27 Bühnen standen – darunter Angela Merkel, Daniel Günther, Axel Voss, Philipp Amthor. Das passe nicht ins Bild der hermetisch abgeschlossenen Echokammer.
Wildberger: ein Darlehen, kein Blankoscheck
Natürlich haben wir uns bei #9vor9 mit dem Auftritt von Digitalminister Karsten Wildberger auf der rp26 befasst. Ich habe mir seinen Slot, Präsentation und Gespräch mit Markus Beckedahl, online angeschaut. Lars beschreibt ihn als wesentlich sattelfester als im Vorjahr, tief in den Themen, authentisch. Und ja, sein Bekenntnis zu Open Source kam an: Open Desk in der Bundesverwaltung, Public Money Public Code, Bevorzugung von Open-Source-Lösungen bei neuen Beschaffungen.
Das ist natürlich das, was die Netzgemeinde hören will. Gunnar Sohn hat es treffend formuliert: kein Blankoscheck für ihn, aber ein Darlehen. Er hat sein Image als Außenseiter des Politbetriebs gepflegt – jemand, dem das Ganze manchmal zu langsam und zu bräsig ist – und das ist authentisch rübergekommen. Prüfende Erwartung statt reflexartigem Misstrauen – für die deutsche Netzpolitik-Szene ist das tatsächlich ein neuer Ton.
Was mich etwas gestört hat: Wildberger hat die Netzgemeinde aktiv eingefordert – engagiert euch, ihr kennt euch aus. Gleichzeitig saß genau diese Community, die Zivilgesellschaft beim Deutschland-Stack nicht mit am Tisch. Industrie und Lobbyisten schon. Das ist ein Widerspruch, den Markus hätte ansprechen müssen. Wenn Wildberger besagtes Engagement einfordert, dann müssen die Vertreter der Community auch dort dabei sein, auch wenn sie manche Industrievertreter vielleicht nerven. Das müssen die aushalten.
Hoffnung und Widerstand – Lars‘ zwei Wörter
Ich habe Lars gegen Ends des Podcasts gefragt, wie er die re:publica 2026 auf den Punkt bringen würde. Er hat zwei Wörter gefunden: Hoffnung und Widerstand. Hoffnung, weil die re:publica bis zu einem gewissen Grad immer noch ein Hoffnungsort sei – der Glaube, dass ein besseres Internet möglich bleibt, werde dort nicht aufgegeben.
Widerstand – und zwar breit: in der Netzgemeinde, in der Wissenschaft, in der Politik, in Unternehmen. Widerstand gegen die Konzentration digitaler Macht bei wenigen US-Konzernen, gegen Palantir, gegen demokratiefeindliche Entwicklungen. Europa als mögliche Gegenkraft – wenn es denn wirklich geeint handelt, was Lars ausdrücklich als offene Frage stehen lässt. Die Stimmung war seiner Beobachtung nach schwerer als in früheren Jahren, ernster. Auch Andreas Gebhard klang bei der Eröffnung so. Aber hoffnungslos war es nicht.
Pfister fragt im Spiegel, ob die Netzgemeinde in die Wagenburg zieht, während die Rechten das Netz regieren. Das ist eine legitime Frage. Lars‘ Antwort ist keine triumphale Gegenerzählung – aber sie ist auch kein Eingeständnis des Scheiterns. Hoffnung und Widerstand als bewusste Haltung, nicht als Nostalgie. Das ist vielleicht das Realistischste, was man im Mai 2026 aus Berlin mitbringen kann.


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