Fünfzig Jahre Spitzentennis beim Tennis International Turnier in Darmstadt, und das Darmstädter Echo ignorierte die Veranstaltung einfach. Kein Vorbericht, keine begleitende Berichterstattung während der Turnierwoche, um Zuschauer auch zum Besuch des Turniers zu animieren und so den lokalen Veranstalter und Verein zu unterstützen. Nur nach lautem Protest ein Nachbericht, hinter der Bezahlschranke. Davon der veranstaltende TCB 2000 Bessungen wenig. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Offenbarungseid für das Blatt, die Redaktion und Lokaljournalismus generell.
Eine Woche, die keine Zeile wert war
Vom 13. bis 19. Juli spielten internationale Spielerinnen bei „Tennis International“ in Bessungen um ITF-Weltranglistenpunkte. Kein anderes Damenturnier in Deutschland blickt auf eine so lange Geschichte zurück. Auf den Sandplätzen in Bessungen starteten in fünf Jahrzehnten Karrieren Richtung Weltspitze, Namen wie Steffi Graf, Laura Siegemund oder Andrea Petkovic spielten hier. Ein Verein stemmt das seit 50 Jahren ehrenamtlich: Mitglieder opfern ihren Urlaub, pflegen die Plätze, betreuen Spielerinnen, gewinnen Sponsoren. Das Echo fand dafür keine Zeile. Erst ein Beschwerdebrief des Turnierdirektors Roland Ohnacker und der 2. Vorsitzenden Sandra Russo brachte einen Nachbericht.

Rahmenprogramm zum Anfassen, Redaktion im Blindflug
Dabei servierte der Verein der Redaktion sein Jubiläumsprogramm auf dem Silbertablett: ein Promidoppel mit Barbara Rittner und Mischa Zverev, ein Jubiläumsabend, ein episches Finale mit Nastasja Schunk vor 700 Zuschauern. Zwei deutsche Spielerinnen im Halbfinale, viel lokale Prominenz. Bilder, Geschichten, Anlässe, alles wenige Straßen von der Redaktion entfernt. Stattdessen band das Echo Ressourcen anderswo, laut unserer Informationen für einen „WM-Dienst in Mainz“. Ehrenamt verliert gegen Fußball, Breitensport gegen Infantino und Trump.
Wenn die Lokalzeitung ihre Stadt nicht mehr sieht
Eine Lokalzeitung sollte mehr als ein Anzeigenblatt oder eine Onlinepräsenz mit redaktionellem Beiwerk. Sie trägt einen publizistischen Auftrag, gerade weil sie vielerorts faktisch Monopolist der örtlichen Berichterstattung ist. Vereinsleben und ehrenamtliches Engagement halten eine Stadtgesellschaft zusammen. Übersieht ausgerechnet das Leitmedium diesen Bereich, entzieht es dem Ehrenamt die öffentliche Anerkennung, von der es lebt. Und es untergräbt die eigene Existenzberechtigung. Als ehemaliger Lokaljournalist empfinde ich das nicht nur als bedauerlich. Ich halte es für tragisch.
Was Lokaljournalismus jetzt leisten muss
Eine Demokratie braucht Journalismus, der nah an den Bürgerinnen und Bürgern arbeitet. Fehlt der, hat nicht nur ein Tennisverein ein Problem, sondern die Demokratie selbst. Lokalzeitungen müssen sich neu erfinden: nah dran am Geschehen vor Ort, nah an den Communities in ihrer Umgebung, präsent auch dort, wo kein Bundesligaverein spielt. Ein überregionaler Mantel mit ein bisschen Lilien-Berichterstattung reicht nicht zum Überleben, das ist Dahinsiechen auf Raten. Die großen Nachrichten dieser Welt bekommen Leserinnen und Leser auch anderswo. Dafür braucht es keine Lokalzeitung.
Gerade hat das Echo die Preise erhöht. Wer aber die Menschen vor Ort nicht mehr abbildet, verliert sie an die (un)sozialen Medien, und niemand zahlt mehr für Berichterstattung, die am eigenen Umfeld vorbeigeht. Das ist ein systemisches Problem nicht nur in Darmstadt. Auch in meiner Heimat taucht es auf. Dort habe ich mit meiner Tante und meiner Mutter darüber gesprochen, beide seit Jahrzehnten treue Leserinnen der Lokalzeitung, der Wetzlarer Neuen Zeitung.
Auch die ist immer dünner geworden, immer irrelevanter in ihren Inhalten. Und nicht nur die beiden fragen sich, wofür sie immer mehr Geld zahlen sollen. Der Verlag kassiert bei Rentnerinnen und Rentnern ab, liefert denen aber nicht die lokalen Informationen, die sie lesen wollen. Die Jungen erreichen die Redaktionen derzeit eh nicht mehr.
Wacht endlich auf, bevor es zu spät ist!
Lokaljournalismus überlebt nur, wenn er wieder tut, wofür er da ist: hinsehen, wo etwas passiert. Mehrwert vor Ort bieten. Lokale Themen begleiten und moderieren. Die Menschen in der Stadt oder im Dorf wieder ernst nehmen. Kein Wunder, wenn die in lokale Communities in Facebook oder anderswo abwandern. Mit dem beschrieben Verhalten befeuern die Redaktionen ihren eigenen Tod – und den Tod des ach so wertvollen und wichtigen Lokaljournalismus für unsere Demokratie. Wohin das führt sehen wir in den neuen Bundesländern und in den USA. Wacht endlich auf, bevor es zu spät ist!


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