Eine stilisierte grüne Figur kommuniziert über mehrere Sprechblasen mit einem Laptop und stellt damit eine Anfrage in natürlicher Sprache an eine KI. Im Bildschirm werden die eingehenden Informationen an einem roten Knotenpunkt verarbeitet und in strukturierte Antworten umgewandelt, die durch ein minimalistisches Chat-Interface angedeutet werden. Aus dem Laptop entsteht schließlich eine geordnete Auswahl von Weinflaschen, die den Übergang von unstrukturierten Fragen zu kuratierten Empfehlungen symbolisiert.

KI & Wein: 24 Stunden, eine Webanwendung, null Zeilen Code selbst geschrieben

Ich bin kein Programmierer. Ich war es nie, und ich werde es nie sein. Trotzdem habe ich mir gerade in knapp 24 Stunden eine eigene Weinkeller-Software gebaut — mit rund tausend Einträgen, dem automatischen Abgleich mit eintreffenden E-Mails und der eingebauten Möglichkeit, auf Knopfdruck Informationen zu Weingütern und Weinen online zu recherchieren und in die Lösung zu übernehmen. Möglich gemacht hat das Claude Code von Anthropic.

Ich habe nicht geglaubt, dass ich so etwas mit Hilfe von Claude umsetzen kann und habe deshalb ewig gezögert, einen Versuch zu starten. Doch der Prozess war so beeindruckend und ungewöhnlich, dass ich ihn hier aufschreiben. Mir ist auf jeden Fall deutlicher geworden, was es bedeutet, dass KI nun Programme schreibt.

Drei Apps. Zwei gescheitert. Eine KI als Ausweg.

Wer sich für Wein interessiert und einige Flaschen im Keller sammelt, kennt die Herausforderung: Man hat gerne eine Übersicht, was im Keller liegt, was man wann wo gekauft hat und was man für eine Flasche bezahlt hat. Zwar sind bei mir meist nur so rund 100 Flaschen im Keller. Trotzdem habe ich dafür über die Jahre verschiedene Apps ausprobiert. Gut gefallen hat mir Vinoteka, eine Mac- und iOS-Lösung, die aber dann eingestellt wurde. Es hat sich für den Entwickler wohl einfach nicht gelohnt.

Mit TAP Forms hatte ich dann eine macOS-basierte Formularsoftware gefunden, die ihren Job gut machte. Bis ein anstehender Release-Wechsel für Apple-M-Chips die Frage aufwarf, wie lange das noch funktioniert. Und ehrlich gesagt hatte ich den manuellen Aufwand ohnehin satt: Jede neue Weinlieferung einzeln eintippen, Weingut nachschlagen, Jahrgang eintragen, Preis ergänzen. Dazu hatte und habe ich einfach keine Lust mehr.

Also habe ich Claude Code auf meinem Mac einfach gefragt, ob es mir dabei helfen kann, eine Weinkeller-Lösung für meinen privaten Bedarf zu entwickeln. Ich war sehr skeptisch, da ich wie erwähnt vom Programmieren gar keine Ahnung habe. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Ich habe Claude in natürlicher Sprache angewiesen, was mir vorschwebt. Im Frage- und Antwortverfahren haben wir dann gemeinsam die Idee weiter entwickelt. Kein Programmieren meinerseits. Nur beschreiben, kommentieren, korrigieren. Die KI kann bei Bedarf das Terminal auf Mac steuern, Code schreiben und ausführen, Dateien anlegen und überarbeiten — und ich sage in normaler Sprache, was ich will.

Was dabei entstanden ist — in 24 Stunden

Was Claude Code in mehreren iterativen Sitzungen gebaut hat, übersteigt alles, was ich erwartet hätte. Die Anwendung läuft lokal auf meinem Mac als kleine Webanwendung — ich rufe sie im Browser auf, nichts geht in eine Cloud, meine Daten bleiben bei mir.

Claude erklärt wie folgt, was unter der Haube steckt: „Claude Code hat eine Flask-Webanwendung in Python gebaut, die lokal auf Port 8080 läuft — Port 5000 war auf meinem Mac belegt, weil AirPlay ihn für sich beansprucht. Die Daten liegen in einer SQLite-Datenbank direkt auf meiner Festplatte, kein externer Server. Das Frontend läuft mit Tailwind CSS, das direkt aus dem Netz eingebunden wird — kein Build-Prozess, keine Entwicklungsumgebung, die ich verstehen müsste. Für die KI-Funktionen kommen zwei verschiedene Claude-Modelle zum Einsatz: das schnellere und günstigere Haiku für die Mail-Analyse, das leistungsstärkere Sonnet für PDF-Auswertungen und Online-Recherchen. Die Automatisierung übernimmt macOS selbst — zwei sogenannte LaunchAgents sorgen dafür, dass der Mail-Scanner freitags um 10 Uhr läuft und das wöchentliche Backup sonntags um 10 Uhr.“ Soweit Claude. Verstehe ich das alles technisch? Ehrlicherweise nicht, aber es hat irgendwie funktioniert. Beeindruckend und auch irgendwie beängstigend.

Um einen kleinen Eindruck der Lösung zu verschaffen …

Die Kernfunktion ist die Weinverwaltung selbst: ein dreistufiges Datenmodell aus Wein, Jahrgang und Kauf — weil ein Côtes du Rhône 2020 und ein Côtes du Rhône 2022 vom selben Weingut nun einmal unterschiedliche Weine sind, mit unterschiedlicher Bewertung und unterschiedlicher Trinkreife. Dazu kommen Weingüter und Lieferanten, die ich separat pflegen kann, mit einem Kennzeichen für Weingüter, bei denen ich direkt bestelle. Insgesamt sind rund 1.000 Weine in der Datenbank, dazu all meine Lieferanten und schon viele Weingüter. Bescheiden eher der Bestand: Rund 90 Flaschen liegen derzeit auf Lager. Meine Top-Lieferanten wie GuteWeine.de, Vipino und Pinard de Picard sind mit ihrer Kaufhistorie hinterlegt.

Im ersten Schritt habe ich die Altdaten aus TAP Forms exportiert und mit Claude in meine neue Lösung importiert. — das war ein Skript, das Claude Code auf meine Exportstruktur hin geschrieben hat. Kein manuelles Übertragen, keine verlorene Historie. Netter Nebeneffekt: So wurden automatisch die wichtigsten Datenfelder erstellt.

All das ist vergleichsweise normales Arbeiten. Der bahnbrechende Schritt war nicht dieser Import der Daten: Ich habe Claude Code gebeten, eine Lösung zu bauen, die meinen Posteingang scannt und neue Weinlieferungen automatisch erkennt und übernimmt. Das System durchsucht manuell oder automatisch jeden Freitagmorgen meine Mail, erkennt anhand von Absender und Betreff, ob eine Mail weinrelevant ist, und lässt dann Claude die Mail analysieren. Die gefundenen Weine landen automatisch in der Datenbank, ich bekomme eine macOS-Benachrichtigung, fertig. Kein manuelles Eintippen mehr, alles automatisiert. Schon ein Wahnsinn.

Die KI recherchiert, ich bewerte

Damit ist es nicht genug. Ich habe von Claude direkt eine integrierte KI-Recherche einbauen lassen. Wenn ein neuer Wein im Keller landet, den ich noch nicht kenne, reicht ein Klick: Claude sucht online nach Weingut, Rebsorte, Herkunftsregion, Trinkreife-Fenster, Alkoholgehalt und Geschmacksprofil — und bietet mir an, diese Informationen in die Datenbank zu übernehmen. Das funktioniert ebenso für Infos rund um Lieferanten und Weingüter: Adresse, Profil, Kontaktdaten, alles auf Knopfdruck recherchiert.

Was mache ich derzeit? Ich überprüfe meine Einträge, „normalisiere“/standardisiere sie. Falsch. Nicht ich mache das. Ich sage Claude in natürlicher Sprache, es zu tun. So sollte die Weinkeller-Lösung in einigen Tagen auf einem qualitativen Stand sein, den ich so nie hatte.

Der Gaumen bleibt menschlich

Doch einige Dinge muss ich gottseidank noch selbst erledigen: ob ich den Wein empfehlen würde, wie meine persönliche Verkostungsnotiz lautet, ob ich den Wein mag und erneut bestellen möchte. So viel Mensch soll und muss noch sein. Und eine Funktion muss ich nach wie vor selbst erledigen: Weine selbst trinken — und als getrunken markieren. Die Verbindung zwischen der App und unserem Gaumen ist noch nicht gebaut. Bis ein KI-getriebener Sensor eigenständig erkennt, dass wir gerade eine Flasche entkorken, werde ich das wohl weiterhin von Hand tun müssen.

Augen auf: Abhängigkeit hat viele Gesichter

24 Stunden, eine funktionierende Webanwendung, keine einzige Zeile Code selbst geschrieben. Das ist beeindruckend. Das ist eine ziemlich grundlegende Verschiebung dessen, wer Software bauen kann. Doch sollte man nicht naiv sein. Anthropic, der Hersteller von Claude, hat unlängst selbst veröffentlicht, dass inzwischen über 80 Prozent des Codes, der intern in Produktion geht, von Claude selbst geschrieben wird. Vor anderthalb Jahren waren das noch wenige Prozent. Anthropic nennt das selbst den Sprung von „super hilfreich“ zu „übermenschlich“.

Ich nenne es beeindruckend und mache mir keine Illusionen: Ich bin abhängig von einem API-Schlüssel, von einem Anbieter, von einem Dienst, der morgen teurer, eingeschränkt oder eingestellt sein könnte. Vorsicht — auch bei solch beeindruckenden Werkzeugen. Und Augen auf, auf welche Daten und Dokumente man der KI Zugriff gibt.

Warnung: Es macht süchtig

Kaum war der Weinkeller fertig beziehungsweise parallel dazu habe ich schon überlegt, was es noch zu lösen gilt? Und keinen Tag später habe ich Claude Code eine weitere Aufgabe gegeben — meinen Mailbox.org-Posteingang aufräumen. Wer kennt diese Nachricht nicht: „Der Speicherplatz in Ihrem Postfach ist zu 85 % belegt.“ Ich kannte sie auch. Also habe ich Claude Code beschrieben, welche Kategorien von E-Mails weg können und welche ins Archiv sollen — Newsletter, alte Bestellbestätigungen, automatische Benachrichtigungen.

Gut. Dafür musste ich immer wieder Befehle ins Mac Terminal-Programm eingeben. Jedoch ist das Ergebnis beeindruckend. Alte E-Mails sind gelöscht oder archiviert, 73 Prozent Prozent der alten Mails sind weg, der Speicherbedarf ist von 1,35 GB auf 347 MB reduziert worden. All das binnen drei Stunden. Wie geschrieben: Hier nicht voll automatisiert, trotzdem in beeindruckender Weise.

Das ist die eigentliche Botschaft hinter diesem Erfahrungsbericht. Nicht die Weinkeller-App, nicht das Postfach-Skript. Sondern dass ein Nicht-Programmierer heute alltagstaugliche Softwarelösungen für seine eigenen Probleme bauen kann — in natürlicher Sprache, iterativ, in Stunden statt Monaten. Für diesen Ansatz gibt es inzwischen einen Namen: Vibe Coding. Der Begriff stammt vom KI-Forscher Andrej Karpathy und beschreibt genau das — Software entwickeln durch natürlichsprachliche Anweisungen, ohne selbst zu programmieren. Mit allen Vorbehalten, die ich weiter oben formuliert habe. Und mit offenen Augen für die Abhängigkeiten, die dabei entstehen. Aber die Möglichkeit selbst? Die ist real. Und ja — sie kann süchtig machen.

Fediverse-Reaktionen

Comments

2 Antworten zu „KI & Wein: 24 Stunden, eine Webanwendung, null Zeilen Code selbst geschrieben“

  1. jazzonbike

    Sehr beeindruckend in der Tat. Gut, dass man den Wein immer noch selber trinken muss/kann 😉 . Für das Aufräumen meines E-Mail Postfachs habe ich mir auch schon vor längerem von Python-Programm schreiben lassen, zusammen mit Anleitungen, wie dieses dann unter Windows und Linux zum Laufen gebracht werden werden kann. Hat mich auch sehr beeindruckt, wie gut das funktioniert hat, obwohl am Anfang doch ein paar Bugs drin waren, die Claude dann aber anhand der Fehlermeldungen schnell gegunden und repariert hat.

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    1. Klar sind auch in der Weinkeller-App noch Bugs und Usability-Probleme drinnen. Trotzdem ist es sehr beeindruckend. Und man kann ja sehr einfach latent verbessern.

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