Darf man als Journalistin, als Journalist, als Bloggerin, als Blogger KI nutzen, um Texte erstellen zu lassen? Die Diskussion ist nicht neu — aber sie brandet gerade gewaltig auf, ausgelöst durch gleich drei Fälle: Mario Voigt in der FAZ, Stephan-Andreas Casdorff beim Tagesspiegel — und Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales. Ich habe mich früh dazu positioniert und transparent in meinem Blog hinterlegt, dass ich Künstliche Intelligenz nutze. Aber der Reihe nach.
Voigt, Casdorff, Wildberger: Das Muster hinter den Fällen
Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, hat einen Gastbeitrag in der FAZ veröffentlicht, den offenbar eine KI generiert hat. Das Erkennungsprogramm Pangram, das das Portal FragDenStaat eingesetzt hat, meldete 100 Prozent KI-Anteil. Die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen hat den Beitrag von der FAZ-Webseite genommen.
Was in Voigts Beitrag problematisch ist, sind drei Expertenzitate — von Jonathan Haidt, Gerald Hüther und Manfred Spitzer — die sich nicht verifizieren lassen. Die Antwort der Thüringer Staatskanzlei? Ziemlich mau Digitalisierungsprosa, die der eigentlichen Frage ausweicht. Inzwischen steht auch eine Rede Voigts in der Gedenkstätte Buchenwald im Verdacht KI-generiert zu sein.
Der zweite Fall ist noch klarer: Beim Tagesspiegel hat Stephan-Andreas Casdorff, langjähriger Herausgeber und Chefredakteur, mehrere Meinungstexte von einer KI schreiben lassen. Als das herauskam, stellte die Chefredaktion ihn frei. Casdorff räumte es selbst ein: Er habe KI genutzt, hätte es kenntlich machen müssen und die Texte deshalb nicht publizieren dürfen.
Über einen weiteren Fall berichtet jetzt gerade die ZEIT (€). Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, hat offenbar mehrere Reden und Gastbeiträge weitgehend von einer KI schreiben lassen. Laut Pangram ist Gastbeitrag im Handelsblatt zu 99,3 Prozent KI-generiert. Ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: zu 78 Prozent. Von 30 geprüften Reden hat die KI bei mindestens acht Passagen verfasst — darunter vier vor dem Deutschen Bundestag.
Etwas pikant: Eine Rede, in der Wildberger vor KI-Risiken warnte und Kinder mahnte, ihr Denken nicht an Chatbots auszulagern. Das Ministerium bestätigt den KI-Einsatz, sieht ihn als normales Arbeitsmittel — und hat die Redaktionen nicht informiert.
Zu Pangram, dem Tool, das unter anderem auch die ZEIT eingesetzt hat, sei noch gesagt: Die Redaktion hat jeden Treffer händisch geprüft. Die Falsch-positiv-Rate des Tools liegt Studien zufolge zwischen nahezu null und zwei Prozent. Horst Schulte hat seinen eigenen KI-unterstützten Text damit geprüft und einen Wert von 75 Prozent bekommen. Das Werkzeug liefert keine absolute Wahrheit, aber ernst zu nehmende Hinweise.
Wer KI schreiben lässt, verlernt sein Handwerk
Die Debatte ist nicht neu, wird aber gerade wieder angesichts der aktuellen Fälle lauter. Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg, bemerkt im Podcast mit Marc-Uwe Kling, dass diejenigen, die alles von der KI schreiben lassen, ihr Handwerk verlernen. Der ehemalge Ressortleiter Netzwelt beim Spiegel bildet Journalistinnen und Journalisten aus und die sollten ihr Handwerk – recherchieren, prüfen, schreiben – beherrschen. Die Problematik ist klar. Texte, die ungeprüft durchgehen, fragwürdig, vielleicht gefährlich.
Heinrich Kümmerle hat eine klare Haltung: Er liest keine Blogs mehr, bei denen die KI den Text schreibt. Die Gründe, die auch andere nennen: Ein Blog lebt von der Stimme seiner Autorin, seines Autors. Übernimmt die KI diese Stimme, liest man keine Meinung mehr — man liest künstlich generierten Durchschnitt. Das kann man so sehen, aber ganz so einfach ist es meiner Meinung nach nicht. Doch zuerst einmal zu den Befürwortern.
Mein Blogger-Kollege Horst Schulte bloggt seit 2004 und hat knapp 4.000 Beiträge veröffentlicht. Er steht offen zu seinem KI-Einsatz. Er bekennt, ChatGPT beim Schreiben zu nutzen. Seiner Ansicht nach, werden seine Texte werden besser, seine Haltung bleibe aber seine. Wer so viele Text wie Horst publiziert, kann diese ohne KI-Unterstützung kaum stemmen. Ähnliches gilt vermutlich für Jörg Schieb, der in einem Publikationstempo arbeitet, das ohne KI nicht erklärbar ist — auch wenn ich darüber auf seiner Webseite nichts gefunden habe.
Zurück zu Horst, dessen Texte ich übrigens sehr schätze: In seiner Reaktion auf den Casdorff-Fall macht er einen wichtigen Punkt: Journalisten (und vielleicht auch Politikerinnen und Politiker), die KI verwenden und das nicht kenntlich machen, verletzen die Standesehre. Sie werden geoutet.
KI oder Mensch? Die Frage ist falsch gestellt
Meiner Ansicht wird die Debatte mit falschen Prämissen geführt. Entweder generiert die KI den Text komplett — oder der Mensch schreibt ihn komplett. Das stimmt so zumindest bei mir und vielen anderen nicht. KI kann Teile liefern, Formulierungen vorschlagen, eine Struktur schaffen. Genau so nutze ich die Tools, baue danach alles zusammen, entscheide, was bleibt, was gelöscht wird, was ich umschreibe. Sind deshalb meine Texte hier im Blog „KI-generiert“ und sollte man sie so abstempeln?
Seit 2023 weise ich hier in meinem Blog darauf hin, dass ich KI nutze, um Texte zusammenzufassen, Audiodaten zu transkribieren, Gesprächsleitfäden für unseren Podcast zu entwickeln oder Titelbilder für meine Beiträge zu erstellen. Für Texte nutze ich derzeit vor allem Claude und die WSKI — die Wolf-Schneider-KI der Reporterfabrik, die auf ChatGPT basiert und Texte nach über 50 Kriterien prüft.
Doch wer glaubt, dass ein Blogbeitrag quasi automatisch erstellt wird, ist falsch gewickelt. Ich füttere die KI mit meinen Quellen, gebe klare Anweisungen: Was ist die These? Wie soll der Artikel argumentieren? Daraus entsteht meist ein langer Dialog, ein Ping-Pong zwischen der KI und mir. Keiner meiner Text geht unredigiert online. Ich prüfe Fakten, bevor sie in den Text kommen. Dass manchmal trotzdem Phrasen durchrutschen, merke ich selbst — Claude neigt beispielsweise dazu. Das versuche ich durch bessere Prompts und einen schärfer trainierten Blogskill zu minimieren.
KI nutze ich übrigens auch für meinen Tennisverein, den TCB 2000 Bessungen, und unser 50. Tennis International Turnier in Darmstadt — vom 13. bis 19. Juli. Ergebnismeldungen, Ankündigungen, Standardtexte. Nicht jeder Text ist ein Kunstwerk. Muss er nicht sein. Für Routineinhalte ist KI schnell, brauchbar, meiner Ansicht nach gut genug.
Die Diskussion wird sich erübrigen
KI als Hilfsmittel, als Assistent, der Entwürfe liefert: das ist meiner Meinung nach absolut legitim. KI als Ghostwriter, dessen Output ohne Prüfung unter eigenem Namen erscheint: das ist etwas anderes. Was fehlt, ist Ehrlichkeit. „Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung erstellt“ oder „Auf diesem Blog wird KI eingesetzt, um bessere Texte und Grafiken zu erstellen“. Für mich ist das kein Makel, solange man es transparent macht. Und es muss klar sein: Die Endprodukte stammen von mir. Dafür trage ich die Verantwortung.
Meine Prognose für die nicht so ferne Zukunft ist ohnehin, dass sich die Diskussion erübrigen wird. KI entwickelt sich zu einem allgemein akzeptierten Werkzeug. Daran führt kein Weg vorbei. Jedoch bleibt die menschliche Verantwortung, deren Ergebnisse immer wieder kritisch zu hinterfragen und zu prüfen.
Und mich ganz ehrlich zu machen: Ja, auch mir passieren Fehler, rutschen KI-Phrasen durch oder ich prüfe Fakten nicht noch einmal. Natürlich versuche ich, das zu vermeiden. Aber Halluzinieren ist KI-isch, Fehler sind menschlich.
Quellen & Leseempfehlungen
- F.A.Z.: Zum KI-Verdacht bei Gastbeitrag von Mario Voigt
- Tagesspiegel: In eigener Sache — Editor at-Large muss publizistische Aufgaben vorerst ruhen lassen
- ZEIT: Karsten Wildberger — »Das komfortable Gefühl einer in sich stimmigen Erzählung«
- Reporterfabrik: Wolf-Schneider-KI (WSKI)
- Horst Schulte: Der volle Durchblick — oder: Wie man den Ruf von Menschen unterminiert
- Horst Schulte: Mein Name ist Horst — und ich blogge mit KI
- Horst Schulte: Mehr Bloggen mit Hilfe von KI. Womöglich ist weniger mehr?
- Horst Schulte: Wer KI-generierte Texte bloggt, muss auch mit KI-generierten Kommentaren umgehen
- Horst Schulte: Wehe, dir kommen sie drauf, dass du KI verwendest


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