Blick in ein stilisiertes Stadion. Auf dem Rasen wachsen sechs kleine Keimlinge wie auf einer Bühne. Auf den Rängen heben piktogrammhafte Figuren die Hand zur Abstimmung. Ein Scheinwerferkegel fällt auf einen Keimling, dessen Blatt die Form eines Schutzschilds hat und rot umrandet ist. Die Aussage: Hier entscheidet das Publikum, nicht eine Jury. Das ist gelebte Mitbestimmung.

Cherrypicks 2026: Den Pitch gewinnt keine App, sondern eine Geschichte

Wissenschaftsstadt, Digitalstadt, Hochburg der hessischen Gründerszene: Darmstadt war und ist ein bedeutender Technologiestandort, was vielen außerhalb und auch innerhalb der Stadt gar nicht bewusst ist. Vor mehr als 30 Jahren bin ich auch deshalb nach Darmstadt gekommen. Wie innovativ Darmstadt heute ist und wo die Start-up-Szene steht, will ich herausfinden. Deshalb schaue ich mich um, wer hier an Technologie baut, wer gründet und wo sich die Szene trifft.

Als Roland Ohnacker mich zu Cherrypicks 2026 einlud, musste ich nicht lange überlegen. Cherrypicks ist ein Pitch-Abend für junge Unternehmen aus Hessen. Der Name spielt aufs Rosinenpicken an: Auf die Bühne kommen die Start-ups, die sich unter den Bewerbern durchgesetzt haben. Erfunden haben das Format HUB31, das Technologie- und Gründerzentrum Darmstadt, und der Marketing Club Südhessen, heute Marketing Community Südhessen.

Am vergangenen Mittwochabend (16. September) ließ ich also meine Tennisgruppe sausen und saß mit rund 350 Gästen im VIP-Bereich des Merck-Stadions am Böllenfalltor. Sechs Start-ups pitchten, der Saal stimmte über den „besten“ Pitch ab. Gewonnen hat eine Gründerin, die weder eine App gebaut noch ein Sprachmodell trainiert hat. Sie hat fast alle im Publikum emotional berührt, auch mich. Pia Wagner bringt Frauen und Kindern bei, sich zu wehren. Ihr Start-up heißt SchutzLicht.

Eine Generalprobe, keine Hochglanzshow

Cherrypicks fand zum fünften Mal statt. Heiko Depner, der mit HUB31-Geschäftsführerin Laura Abascal moderierte, nennt das Format im Gespräch mit FRIZZ eine Generalprobe. Bevor die Gründer zu Banken und Investoren gehen, proben sie bei Cherrypicks. Das ist keine Hochglanzveranstaltung: Die Gründerinnen und Gründer pitchen und bekommen direkt Rückmeldung aus dem Publikum.

Die Siegerin kommt nicht aus dem Labor

Zurück zur Gewinnerin: SchutzLicht. entstand aus einer persönlichen Geschichte. Pia Wagner hat selbst eine gewaltvolle Beziehung erlebt und sich über den Kampfsport daraus befreit. So beschreibt es der Hessische Gründerpreis, bei dem sie in diesem Jahr im Halbfinale steht. Die Sportwissenschaftlerin verbindet in ihren Kursen Selbstverteidigung, mentales Training und Kickboxen. Der Grundsatz lautet: Flucht statt Kampf. Sie geht in Kitas, Schulen, Frauenhäuser und Unternehmen. Ihr Ziel ist ein bundesweites Netzwerk zur Gewaltprävention. Das hat den Saal genauso überzeugt wie mich.

Würde statt Überwachung

Es gab weitere sehr interessante Pitches. Bei mir besonders hängen geblieben sind … Schuhsohlen. Das Team von nearby entwickelt eine Einlegesohle mit GPS- und Sturzsensor für Menschen mit Demenz. Wer Angehörige betreut, kennt die Angst, dass sie weglaufen oder stürzen. Verlässt jemand einen vorher festgelegten Bereich oder stürzt, schlägt das System Alarm. Die Idee ist simpel: Die Jacke vergessen Betroffene oft, die Schuhe ziehen sie fast immer an.

Die drei Gründer von der Technischen Hochschule Mittelhessen gewannen noch unter dem Namen Clever Sole 2024 den Hessischen Gründerpreis. Jetzt haben sie ihren Namen in nearby geändert. Laut CEO Emily Schmidt will man ausdrücklich keine Tracking-Lösung bieten. Die Sohle soll ein unauffälliger Begleiter sein, der Standorte nur zeigt, wenn es nötig ist. Ich bin gespannt, wie sich nearby entwickelt. Werden die Krankenkassen die Sohle im bürokratischen Deutschland bald als Hilfsmittel anerkennen? Und wie geht das Team mit dem Datenschutz um?

KI für alle, die keine Zeit zum Tippen haben

Natürlich dürfen heutzutage KI-basierte Lösungen bei einem Start-up-Pitch nicht fehlen. Zwei der Start-ups setzen KI dort ein, wo niemand Zeit zum Tippen hat. StepSafer aus Darmstadt lässt Pflegekräfte am Bett sprechen. Das System schreibt daraus Pflegebericht, Vitalwerte und Wunddoku. Wer auf Polnisch oder Rumänisch diktiert, bekommt einen deutschen Eintrag. Ins System geht aber nur, was die Pflegekraft freigibt. Die Daten liegen auf Servern in der EU.

Ähnlich angelegt ist die Workcraft App für kleine Handwerksbetriebe mit mehrsprachigen Teams. Sprach- und Bildeingaben in 48 Sprachen werden zu Materiallisten, Kalkulationen und Arbeitszeiten. Am Ende stehen GoBD-konforme Angebote und E-Rechnungen, direkt auf der Baustelle.

Zwei Ansätze, die die „neuen“ Möglichkeiten von KI im Alltag nutzen. Auch hier bin ich neugierig, ob die Gründer das nötige Geld bekommen, um ihre Produkte weiterzuentwickeln und vor allem erfolgreich zu vermarkten.

Außerdem präsentierten avakis und Crewzy ihre Ideen. Crewzy trat mit dem Satz an, dass Reisen gemeinsam schöner ist, und baut eine App dafür, die bald zum Testen bereitstehen soll. Das Team von avakis kommt aus der Lichtforschung der TU Darmstadt und wird vom ESA-Inkubator in Hessen gefördert. Es entwickelt eine Maske, die das ganze Blickfeld mit simuliertem Himmel füllt, gegen fehlendes Tageslicht im Winter. Das Produkt ist als Wellness-Gerät ausgewiesen, nicht als Medizinprodukt.

Mein Rundgang hat gerade erst begonnen

Seit über 25 Jahren arbeite ich für US-amerikanische IT-Unternehmen, vom US-Mittelständler bis zum Großkonzern, und habe deren Lösungen vermarktet. Diese Zeit nähert sich ihrem Ende. Nun bin ich ins Stadion zu Cherrypicks gegangen, um einen ersten Eindruck zu bekommen, was heute in und um Darmstadt im Bereich Informationstechnologie, Künstliche Intelligenz und Start-ups passiert.

Drei von sechs Pitches drehten sich um Pflege, Schutz und Würde. Hier gründen Menschen, die ein konkretes Problem gesehen haben: in der Altenpflege, im Frauenhaus, auf der Baustelle. Die Gespräche am Rand, unter anderem mit Michael Mattis, Christian Görtz, Ulrich Diehl mit der neuen Ausgabe seines M Magazins, Iryna und Alexander Schienbein oder Rainer Lotis, zeigten mir eine offene lokale Szene, die ich erforschen werde. Mein Rundgang durch das Darmstädter Start-up-Leben hat gerade erst begonnen. Nochmals danke, lieber Roland Ohnacker und liebe Petra, auch für unsere anregenden Gespräche an diesem Abend.

Übrigens: Think Big – von Darmstadt nach Biblis

Was aus einer Darmstädter Gründung werden kann, zeigte kurz vor der Pause der Kurzvortrag von Günter Kraft, Chief Communication & Government Affairs Officer bei Focused Energy. Das Unternehmen entstand 2021 im Umfeld der TU Darmstadt und will Strom per Laserfusion erzeugen. Im Mai hat es 240 Millionen US-Dollar eingesammelt, nach eigenen Angaben die größte Serie-A-Finanzierung der Fusionsbranche weltweit. Zu den Geldgebern gehören RWE, die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND und der Fonds des European Innovation Council.

Das Geld fließt fast vollständig nach Biblis. Auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks soll bis Mitte der 2030er-Jahre das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Mir gefällt auch, dass sich das Unternehmen dafür neu aufgestellt hat: Aus der amerikanisch-deutschen Firma ist eine deutsch-amerikanische geworden, mit Dachgesellschaft in Deutschland. Ob der Zeitplan hält, weiß heute niemand. Krafts Botschaft an die jungen Gründer im Saal war trotzdem klar: Think Big. Nach diesem Beispiel klang das nicht wie ein Kalenderspruch.

Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikels wurde KI eingesetzt.

Quellen & Leseempfehlungen

Der Hochzeitsturm mit seinen erkennbaren Merkmalen: schlanker Ziegelturm, fünf abgerundete Zinnen, die in der Mitte am höchsten sind, das Fensterband, das um die Ecke läuft, und die große Uhr. Die fünf Zinnen sind leicht zur Hand gekrümmt und umschließen den Stiel einer roten Kirsche, die an einem Zweig vom oberen Bildrand hängt. Der Zweig biegt sich unter dem Zug. Am Fuß des Turms wachsen grüne Keimlinge.
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