Ein grünes Haus mit Solardach, Speicher und E-Auto steht in einem großen Dreieck und kommt nicht heraus. Die drei Seiten des Dreiecks sind aus den drei Hindernissen gebaut: unten ein Wall aus Formularen, links ein Strang aus verknoteten Kabeln, rechts eine Gasleitung mit rotem Hahn, den die BMWE-Figur zudreht. Das Bild versteht man sofort: Die Energiewende sitzt fest.

Bürokratie, Fachkräftemangel, Reiche: Das verhängnisvolle Dreieck der Energiewende

9vor9 breit

Im September 2026 war mehr als jeder dritte neu zugelassene Pkw in Deutschland ein reines Elektroauto: 34,5 Prozent, so viele wie nie zuvor. Wärmepumpen haben die Hersteller im ersten Halbjahr 195.000 Stück verkauft, 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Laut KfW-Energiewendebarometer wollen inzwischen 66 Prozent der Haushalte selbst etwas für die Energiewende tun. Ein Jahr zuvor waren es 59 Prozent.

Das Zuhause elektrifizieren: Was bei Solaranlage, Speicher und Wallbox wichtig ist – #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche

Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, ein Speicher im Keller, die Wallbox in der Garage: Wer sein Zuhause elektrifiziert, kann einen großen Teil seiner Energie selbst erzeugen und nutzen. Doch wie bringt man die einzelnen Bausteine zusammen und was passiert, wenn Zähler, Netzbetreiber oder Installationsbetriebe den Plan ausbremsen? In dieser Ausgabe sprechen Stefan und Lars mit Thomas Wetterer, PV-Berater und Gründer von Watt machen, über ihre Erfahrungen mit Photovoltaik, Stromspeichern, E-Autos, Wallboxen und Wärmepumpen. Es geht um die Frage, worauf man bei der Planung achten sollte, warum die Einrichtung und Abstimmung der Systeme oft komplizierter ist als der Einbau und weshalb es hilfreich sein kann, sich kompetente Unterstützung zu holen. Auch Mieterstrom, gemeinschaftliche Gebäudeversorgung und Energiemanagementsysteme kommen zur Sprache. Trotz bürokratischer Hürden und mancher Verzögerung sind sich alle einig: Die Elektrifizierung des eigenen Zuhauses kann sich lohnen – und macht im Alltag Spaß. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, ein Speicher im Keller, die Wallbox in der Garage: Wer sein Zuhause elektrifiziert, kann einen großen Teil seiner Energie selbst erzeugen und nutzen. Doch wie bringt man die einzelnen Bausteine zusammen und was passiert, wenn Zähler, Netzbetreiber oder Installationsbetriebe den Plan ausbremsen?

Seit 2024 warte ich aufs Einspeisen

Bei mir steht die PV-Anlage auf dem Dach, Wechselrichter und Speicher sind im Keller, das Auto lädt an der Wallbox. Strom ins Netz einspeisen darf ich noch nicht. Den Antrag beim Netzbetreiber haben wir 2024 gestellt, genehmigt ist er bis heute nicht, auch weil unser damaliger Elektriker nicht hinterher war. Für mich ist das eine Never-Ending-Story, die seit zwei Jahren läuft. Jetzt warte ich seit vier Wochen auf einen Techniker des Netzbetreibers, der sich meine Anlage anschauen soll. Seit 2024 gilt eine Vorschrift, nach der Netzbetreiber Wallboxen und Wärmepumpen bei Engpässen drosseln dürfen. Dafür kommen seit diesem Jahr ein Smart Meter und eine Steuerbox in den Zählerschrank. Das Smart Meter ist schon geraume Zeit gesetzt, jetzt warte ich auf den nächsten Schritt. „Also man hat immer den Eindruck, es geht immer weiter mit den Vorschriften, es wird nicht weniger“, habe ich im Gespräch gesagt.

Thomas Wetterer kennt das von seiner eigenen Anlage. Er musste sie innerhalb von 14 Tagen im Marktstammdatenregister eintragen, dem amtlichen Verzeichnis aller Stromerzeuger. Danach stand der Eintrag wochenlang auf „Überprüfung“. Als er nachfragte, kam heraus, dass nur kontrolliert wurde, ob eine bestimmte Nummer richtig eingetragen war. Für den Tausch seines alten Zählers hat er 160 Euro bezahlt. Dabei muss der Messstellenbetreiber nach seiner Darstellung einen passenden Zähler kostenlos stellen, wenn eine Solaranlage aufs Dach kommt. Er sagt dazu: „In Deutschland wird ja alles genehmigt. Bevor es genehmigt wird, muss man es antragen, dass es genehmigt wird.“ Den Grund sieht er bei den Menschen in den Behörden: „Manchmal kommt es auch so vor, dass kein Mensch was entscheiden will.“

Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen, wie langsam die neuen digitalen Stromzähler ankommen. Diese Zähler melden Verbrauch und Erzeugung alle 15 Minuten an den Netzbetreiber. Ende Juni 2026 hatten erst 5,9 Prozent der gut 54 Millionen Zählerplätze in Deutschland einen Smart Meter. Gegen 434 Messstellenbetreiber hat die Behörde Verfahren eröffnet, weil sie ihre Pflichtquote von 20 Prozent nicht geschafft haben. Bei 77 von ihnen lag die Quote bei null.

Der Elektriker schließt an, einstellen muss man selbst

Ein zweiter Engpass sind die Handwerker. Mein Elektriker hat die Wallbox angeschlossen, gesagt, dass sie jetzt läuft, und ist wieder gefahren. Wer sie so einstellt, dass sie mit Sonnenstrom lädt oder nachts zum günstigen Tarif, wusste weder er noch der Lieferant meiner PV-Anlage. Also habe ich mich mit ChatGPT und ähnlichen Werkzeugen selbst eingearbeitet. Mein Eindruck: Solarteure und Elektriker kennen sich in ihrem Bereich aus. „Die haben nicht das Gesamtbild.“ Sollen Wallbox, Speicher und Wärmepumpe zusammenarbeiten, fehlt jemand, der für das Ganze geradesteht.

Thomas Wetterer nimmt die Handwerker in Schutz. Sie hätten zu viel zu tun und hätten gelernt, Kabel zu verlegen und Geräte anzuschließen. „Also die Elektriker, die ich kenne, die wollen das anschließen.“ Ob die Wallbox dann abends den Hausspeicher leer lädt, weil keine Sonne mehr scheint, sei nicht mehr ihr Thema. Er rechnet damit, dass ein eigener Beruf entsteht. Diese Leute kämen nach dem Elektriker, würden die Anlage zusammen mit den Kunden einrichten und so lange nachstellen, bis sie wie gewünscht läuft. Das koste Geld, lohne sich aber. Wie groß die Lücke ist, zeigt das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft: 2024 fehlten in der Bauelektrik im Jahresschnitt mehr als 18.300 Fachkräfte.

Lars ist den anderen Weg gegangen. Ein E-Auto fährt er seit drei Jahren, in diesem Jahr kamen über einen Komplettanbieter PV-Anlage, Wärmepumpe und eine neue Wallbox dazu. Die alte konnte (angeblich) nicht mit überschüssigem Sonnenstrom laden. Es ging schnell, und Lars ist zufrieden. Die Einweisung in die Wärmepumpe war aber auch bei ihm kurz, den Rest hat er sich beibringen müssen. Ein Mitarbeiter des Anbieters habe ihm offen gesagt, dass Neukunden besser betreut würden als Bestandskunden, weil sich an ihnen mehr verdienen lasse. Über sich sagt Lars: „ich kenne mich halt nicht so gut aus und vertraue dann auf die Unternehmen oder Berater“.

Bei den KI-Chatbots waren wir uns nicht ganz einig. Mir haben sie bei der Wallbox geholfen, schneller als die klassische Suche bei Google. Thomas Wetterer hat die Erfahrung gemacht, dass man von ChatGPT und Co. oft recht bekommt, auch wenn man falschliegt. „Also wenn man da nicht wirklich selbst schon weiß, wo hingeht, dann kann man mit der KI ziemlich falsch abbiegen.“

Mieter und Eigentümergemeinschaften kommen kaum mit

Laut KfW nutzen 34 Prozent der Haushalte mindestens eine Energiewende-Technik, also etwa eine Solaranlage, eine Wärmepumpe oder ein E-Auto. Bei Eigentümern von Ein- und Zweifamilienhäusern sind es 59 Prozent, bei Mietern nur 15 Prozent. Ich wohne in einer Eigentümergemeinschaft mit acht Parteien in einem alten, runderneuerten Haus. Als das Dach neu gemacht wurde, habe ich als einziger der acht Eigentümer eine PV-Anlage draufsetzen lassen. Unsere Gasheizung wird zum Jahresende 27 Jahre alt. Ob danach eine Wärmepumpe kommt oder wieder Gas, kann ich nicht allein entscheiden. Lars hält das für die eigentliche Hürde: Der große Schritt komme erst, wenn in den Städten die großen Mietshäuser auf Strom umgestellt werden.

Thomas Wetterer nennt dafür zwei Modelle: Mieterstrom und die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung. In beiden Fällen nutzen die Bewohner den Strom aus der Anlage auf ihrem eigenen Dach. „Das Gute daran ist, der Strom verlässt nie das Haus.“ Deshalb fallen keine Netzentgelte an. Ein Projekt, das er gerade begleitet, kommt trotzdem nicht voran: Jede Wohnung braucht einen digitalen Zähler, und den Antrag dafür hat bisher niemand gestellt.

Die Politik streicht Förderung und baut neue Hürden

Gleichzeitig ändert die Bundesregierung die Regeln. Am 29. Juli 2026 hat das Kabinett die EEG-Novelle beschlossen. Neue Solaranlagen sollen ab 2027 keine feste Einspeisevergütung mehr bekommen, sondern nur noch 36 Monate lang einen Übergangssatz, der einen Cent unter dem bisherigen liegt. Danach müssen die Betreiber ihren Strom selbst am Markt verkaufen. Außerdem sollen neue Anlagen höchstens die Hälfte ihrer Leistung ins Netz einspeisen dürfen. Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen, die EU muss die Regeln genehmigen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche begründet die Kürzung mit den Kosten. Der Zubau geht schon jetzt zurück: Im ersten Halbjahr 2026 kamen nach Daten des Großhändlers EWS rund 388.000 neue Solaranlagen dazu, 18 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Ich habe den Eindruck, dass hier bewusst gebremst wird. Ich glaube nicht, dass die Ministerin es den Leuten leichter machen will. Thomas Wetterer sagt es noch deutlicher: „Ja, die kommt ja aus der Gaslobby.“ Vor ihrem Wechsel ins Ministerium war Reiche Vorstandschefin von Westenergie, einer E.ON-Tochter, die Strom- und Gasnetze betreibt. Digitalminister Karsten Wildberger soll laut seinem Auftrag Bürokratie abbauen. Im Zählerschrank merke ich davon bisher nichts.

Wir würden es alle wieder tun

Trotz allem würden wir drei es wieder machen. Meine Frau fährt jeden Tag mit dem E-Auto nach Frankfurt und musste den ganzen Sommer über kein einziges Mal an eine öffentliche Ladesäule. Mich freut auch, dass wir weniger abhängig sind von Energiekonzernen und von Politikerinnen und Politikern. Lars sagt, er fühle sich schlicht besser, weil er Geld spart und etwas Sinnvolles tut. Dass Strom und vor allem Gas und Öl auf Dauer billiger werden, glaubt keiner von uns. Thomas Wetterer hat im Januar 2025 einen Tarif bei Octopus Energy abgeschlossen: 30,9 Cent tagsüber, 20,9 Cent nachts zwischen 0 und 5 Uhr. Heute kostet derselbe Tarif 36,9 und 26,9 Cent.

Sein Rat an alle, die anfangen wollen: zuerst ausrechnen, wie viel Strom man braucht. Am besten das Dach trotzdem voll belegen, auch wenn es für eingespeisten Strom bald nur noch wenige Cent gibt. Nach seiner ersten Woche mit 19,3 Kilowatt Spitzenleistung auf dem Dach dachte er noch, die Anlage sei viel zu groß. Heute fahren zwei E-Autos mit dem Strom. Eine eigene Anlage hält er für besser als eine gemietete, weil man nur so an die eigenen Daten kommt: „lieber noch mal einen Kredit aufnehmen und die eigene Anlage aufs Dach setzen.“ Einen Speicher könne man auch an jede ältere Anlage anschließen, egal was der Elektriker sagt. Mein Rat: Wer sich nicht selbst einarbeiten will, sollte sich jemanden holen, der sich auskennt und dem er vertraut. Und die Energieberatung nutzen, etwa bei der Verbraucherzentrale Hessen.

Mein Fazit: Die Elektrifizierung im Eigenheim scheitert nicht an der Technik. Sie scheitert an einem Dreieck, das für die Energiewende tödlich ist. Die erste Seite ist die Bürokratie: Anträge, Register, Zählertausch und Steuerboxen, die bei Netzbetreibern und Messstellenbetreibern monatelang liegen bleiben. Die zweite Seite ist fehlendes Fachwissen: Kaum jemand plant Solaranlage, Speicher, Wallbox und Wärmepumpe als Ganzes, baut alles ein und stellt es so ein, dass es zusammenarbeitet. Am Ende stehen Hausbesitzer mit Formularen und einem Chatbot im Keller.

Die dritte Seite ist eine Bundeswirtschaftsministerin, die den Ausbau der Erneuerbaren aus meiner Sicht bewusst behindert. Die feste Vergütung streichen und die Einspeisung auf die Hälfte begrenzen, und das in einem Jahr, in dem der Zubau ohnehin zurückgeht: Ein Versehen ist das für mich nicht. Katherina Reiche begründet es mit den Kosten. Ich halte es für Politik, die stattdessen die Lobby von Öl und Gas schützt und fördert, aus deren Welt sie kommt.

Dabei sind Strom vom eigenen Dach, ein Speicher im Keller und ein Auto, das damit fährt, derzeit der einzige Weg, der wirtschaftlich und politisch Sinn ergibt. Jede Kilowattstunde vom Dach ist eine, für die wir kein Gas und kein Öl kaufen müssen: nicht bei Wladimir Putin, nicht bei den Ölstaaten am Golf und nicht als Flüssiggas aus dem Amerika von Donald Trump. Wie teuer diese Abhängigkeit ist, sehen wir gerade an jeder Tankstelle. Wer unabhängiger werden will, macht den Leuten den Einstieg leicht. Manche Politikerinnen und Politiker wollen das offenbar nicht. Eine ganz besonders.

Jede Seite dieses Dreiecks lässt sich aufbrechen: mit Netzbetreibern, die Anträge digital und fristgerecht bearbeiten, mit einer Anlaufstelle von der Planung bis zur fertig eingestellten Anlage und mit einer Wirtschaftsministerin, die das Mitmachen nicht teurer macht. Erst dann geben die zwei Drittel der Haushalte, die etwas tun wollen, nicht entmutigt auf. Bis dahin gilt, was Thomas Wetterer zum Schluss gesagt hat: „Es gibt alles Mögliche. Einfach mal was machen.“

Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikels wurde KI eingesetzt.

Quellen & Leseempfehlungen

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