Homeoffice-Allerlei: Die Weber von heute sind die besser verdienenden Wissensarbeiter, die Heimarbeit verrichten, und kein Privatleben mehr haben?

Es wird mal wieder Zeit für ein Homeofiice-Allerlei, denn natürlich sind wieder viele neue Studien und Berichte erschienen. Der Digitalverband Bitkom, Interessenvertretung von mehr als 2.700 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, hat eine repräsentativen Befragung von mehr als 1.000 Personen in Deutschland durchführen lassen und titelt plakativ, dass 56 Prozent der Befragten dem von Hubertus Heil angestrebte Recht auf Homeoffice kritisch gegenüber stünden. Jedoch gibt es wohl einen Altersunterschied:

Während die Gruppe der 16- bis 29-Jährigen das Vorhaben mit 51 Prozent mehrheitlich begrüßt, überwiegt in den Altersgruppen ab 30 Jahren die Ablehnung mit 58 Prozent. …
… Viele befürchten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Arbeitnehmern: Für jeden zweiten Befragten (48 Prozent) spricht gegen ein Recht auf Homeoffice die Ungerechtigkeit gegenüber Kollegen, deren Tätigkeit nicht für Homeoffice geeignet ist. Unter den Gegnern des Rechts auf Homeoffice sagen dies sogar 63 Prozent.

Mehrheit gegen Recht auf Homeoffice | Bitkom e.V.

Neue Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Zwei-Klassen-Gesellschaft? Das klingt ja schon fast nach einer Neiddebatte, die hier bewusst geschürt wird. Und natürlich wird der Bitkom-Vorsitzende Achim Berg zitiert, dass die Entscheidung über Homeoffice beim Arbeitgeber liegen müsse. Als Interessenverband digitaler Arbeitgeber wundert mich das einerseits nicht, andererseits hätte ich gerade von einem Digitalverband mehr Offenheit und fortschrittliches Denken erwartet. Apropos Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die gibt es sicherlich nicht erst seitdem mehr im Homeoffice gearbeitet wird. Die Diskussion darum wird offensichtlich jetzt bewusst geschürt.

Daheim wird weniger gearbeitet?

Ach ja, noch eine entsprechend Aussage, die in der Pressemitteilung zitiert werden muss: „Jeder Dritte (32 Prozent) meint, Kollegen im Homeoffice würden weniger arbeiten, …“ Da gibt es Studien – und nicht nur Meinungsäußerungen -, die das genau das Gegenteil belegen. Eine Analyse von Atlassian, Anbieter von Kollaborationslösungen, unter Anwender:innen dieser Werkzeuge zeigt, dass quer über alle Länder die Mitarbeiter:innen mehr arbeiten. In Deutschland – so die Analyse – wird demnach im Schnitt 30 Minuten länger gearbeitet. Man fängt 15 Minuten früher an und hört demnach 14 Minuten später auf.

Deutschen gelingt es besser, die Grenze von Arbeit und Privatleben zu ziehen

Mut macht, dass die Deutschen es wohl im Vergleich zu anderen Ländern besser schaffen Arbeits- und Privatleben voneinander zu trennen:

In Deutschland fällt es den Berufstätigen weniger schwer, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen, als in den anderen untersuchten europäischen Ländern.

Studie: Homeoffice bedroht Work-Life-Balance, ist aber gut für Frauen | heise online

Frauen seien im und durch Homeoffice selbstbewusster und … wer Karriere machen wolle, sei mehr im Büro, wer sich eher auf die Familie konzentriere, mehr daheim. Meine 2 Cents: Gesichtsmassage und Flurfunk hat wohl noch keiner Karriere geschadet.

Der klassische Büroangestellte ist ein Auslaufmodell

Das Handelsblatt wiederum formuliert sehr pointiert …

Der klassische Büroangestellte, der Tag für Tag zur Arbeit pendelt, ist ein Auslaufmodell; ein Relikt des 20. Jahrhunderts, als noch Kontrolle vor Vertrauen ging und Einzelleistungen vor Kollaboration standen.

Die Pandemie zerstört dieses anachronistische Bild gerade heftiger, als es jede technische Innovation der vergangenen Jahre geschafft hat.

Homeoffice und Corona: Büroangestellte werden zum Auslaufmodell

… weist aber auch auf die Risiken im Bereich Unternehmenskultur und -führung hin. Auch hier wieder Hinweis auf die malochenden Mitarbeiter in der Produktion und die besser verdienenden Wissensarbeiter, die sich dort vielleicht einen faulen Lenz machen? Letztere Bemerkung stammt von mir, nicht vom Handelsblatt.

Mehr oder weniger produktiv?

Die im Homeoffice Arbeitenden selbst sind laut einer vom Handelsblatt in Auftrag gegebenen Befragung gespalten, ob sie dort produktiver oder weniger produktiv sind:

Demnach glauben 39 Prozent, sie seien produktiver, 4 Prozent, sie seien weniger produktiv. Wichtig der Hinweis am Ende des Beitrags, dass Büros nicht verschwinden würden, sondern sich (hoffentlich) mehr zu Begegnungs- und Dialogstätten entwickeln würden.

Sind die im Homeoffice arbeitenden besser Verdienenden nun die Weber des 19. Jahrhunderts?

Historische Vergleich sind beliebt. Auch ich ziehe hier und da solche Vergleiche, Weimarer Republik und Bundesrepublik und was auch immer. Als jemand, der Geschichte studiert hat, greife ich natürlich gerne auf historische Erfahrungen zurück. Doch manchmal hinken diese Vergleiche auch. So im Beitrag von Ralph Bollmann in der FAZ, der die Geschichte(n) erzählt, wie die Weber und andere das Recht erkämpft hätten, eben nicht daheim zu arbeiten.

Auch er schürt wieder die Sozialneid-Debatte von den sozial abgesicherten Wissensarbeitern und davon, dass an Errungenschaften der Moderne aufs Spiele setze:

Die Geschichtsvergessenheit, mit der die Homeoffice-Befürworter von heute entscheidende Errungenschaften der Moderne aufs Spiel setzen, ist bemerkenswert. Die Vorstellung von Freizeit und Privatheit etwa ist durch die Trennung von Wohnen und Arbeiten überhaupt erst entstanden. Dasselbe gilt für den geregelten Achtstundentag und die gewerkschaftliche Organisation, die in den meisten historischen Fällen an eine gemeinsame Betriebsstätte gebunden war.

Als das Ende der Heimarbeit erkämpft wurde

Hier wird einfach mal so über eine Kamm geschert, die Zeit der Industrialisierung mit dem heutigen digitalen Zeitalter gleichgesetzt, die soziale Unsicherheit vor den Reformen des 19. Jahrhunderts mit einem Sozialstaat von heute in einen Topf geworfen. Folgt man dem Artikel, so sieht man uns alle in das Elend und die Armut der damaligen Zeit zurückfallen. Das Ende des Privatlebens wird quasi postuliert.

Lebensumstände und Gesetzgebung von heute sind nicht mit dem 19. Jahrhundert vergleichbar

Und natürlich werden geschätzte Historiker von Wehler bis Kocka herangezogen. Aber nochmals: Heimarbeit im 19. Jahrhundert, die Weber von damals sind nicht mit den Heimarbeitern von heute vergleichbar. Das sind ja eh – folgt man andererseits Bollmann – die Besserverdiener. Lebensumstände und Gesetzgebung von heute sind nicht mit dem 19. Jahrhundert vergleichbar. Für mich ist dieser Beitrag ein Zeichen, wie man historische Vergleiche nicht durchführen sollte. Und natürlich kein Wort über Pendlerzeiten, Umweltschutz, Chancen und Risiken in der Kinderbetreuung. Differenziert betrachten geht anders.

Und von den Gegnern des Homeoffice wird natürlich auch die Rückkehr der Stechuhr, der Arbeitszeiterfassung postuliert. Es werde zu einer verschärfte Pflicht zur Aufzeichnung der täglichen Arbeitszeit kommen, nicht nur während der Arbeit daheim, sondern auch im Büro. Genau dazu führe der Heil’sche Gesetzentwurf.

Freies Wirtschaften, freie Unternehmen, aber keine freie Wahl des Arbeitsortes

Es ist schon sehr auffallend, wie diejenigen, die für sich unternehmerische Freiheiten und liberales Wirtschaften postulieren, genau diese Rechte denjenigen, die Homeoffice machen wollen, den eigenen Arbeitsort selbst bestimmen möchten, nicht zugestehen. Es geht hier auch um Freiheit und es gibt meiner Wahrnehmung genug Arbeitende, die weiter im Büro arbeiten wollen. Es gibt aber auch sehr viele Arbeitnehmer:innen, die mehr ins Homeoffice wollen. Und mir scheint, die Mehrheit will mehr Flexibilität, ein hybrides Modell von Büro und Homeoffice, das eben genau dem 21. Jahrhundert, dem digitalen Zeitalter entspräche. Genau dieses Modell gilt es konstruktiv zu entwickeln, statt mit falschen Vergleichen zu arbeiten und Futterneiddebatten zu schüren.

(Stefan Pfeiffer)

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