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Nach Selbstüberschätzung der Fohlenelf: Der Klassenerhalt muss absolute Priorität haben

In den letzten Wochen, ja Monaten hat mir Bundesliga-Fußball kaum noch Spaß gemacht. Das lag teilweise sicher an Corona und den Geisterspielen, aber auch an den Geschehnissen rund um meinen Lieblingsclub Borussia Mönchengladbach. Das Theater um Marco Rose ging mir sehr auf entlassen, wohl wissentlich, dass es schwer gefallen wäre, Ersatz für einige wenige Monate zu finden. Das Verhalten von Rose zeigt aber auch nochmals, dass die Zeiten von Fußballnostalgikern wohl einfach vorbei sind. Damit muss ich mich wohl abfinden und genau das führt zur besagten Fußballmüdigkeit.

Und jetzt kommen sicher noch die vergangenen Wochen mit grottenschlechten Auftritten einer kopf-, saft-, kraft- und willenslos erscheinenden Mannschaft. Mir ist immer noch schwer erklärlich, wie man Bayern München im Pokal dominieren und vom Platz fegen konnte, um dann einen solchen Leistungseinbruch zu erleben. Festhalten muss man leider auch, dass Adi Hütter die Mannschaft bisher nicht in den Griff bekommen hat und er natürlich jetzt in Frage gestellt wird. Ich glaube weiterhin, dass er ein guter Trainer ist und hoffe auch für ihn und natürlich für die Fohlenelf, dass es zu einer einigermaßen versöhnlichen Rückrunde kommt.

Doch die Aussichten sind nicht gut: 3 Punkte entfernt von den Abstiegsplätzen und ein Hammerrückrundenstart gegen Bayern, Leverkusen und Union. Die Bayern wollen sich sicher revanchieren. Gegen Leverkusen hat man nicht gut ausgesehen und Union ist für eine Kruse-raschung gut. Es könnte also sehr bitter und hart werden. Die Spieler, jeder einzelne, muss Charakter zeigen, laufen und kämpfen.

Und da sind wir beim Punkt. Viele der sogenannten Leistungsträger konnten nicht wirklich überzeugen. Lars Stindl, der Capitano, war in der Krise nicht in der Lage, das Spiel mal zu beruhigen oder den tödlichen Pass zu spielen, den er eigentlich kann. Zu Florian Neuhaus ist schon vieles geschrieben worden. Ein so junger Spieler kann mal einen Leistungseinbruch erleben, aber dann sollte er sich leise und bescheiden mit Hilfe des Trainers aus der Krise heraus kämpfen und allzu forsche Bemerkungen in der Öffentlichkeit vermeiden. Seine immer wieder auftretenden Ballverluste sind mir auf jeden Fall extrem unangenehm aufgefallen. Schaue wir mal, ob er sich der Rückrunde bewährt – und ob er bei der angesichts potentiell zerschlagenen Porzellans bleibt.

Nicht bleiben werden Matthias Ginter und Denis Zakaria. Das ist jetzt klar. Mit Matthias Ginter geht eine Abwehrsäule, leider aber auch kein wirklicher Lautsprecher und Führungsspieler, dem mal der Kragen à la Martin Stranzl platzt und der eine Ansage an die Mitspieler macht. Unvergessen eingeprägt hat sich mir, die Elvedi und Ginter nahezu regungslos, ja lethargisch die ein oder andere Niederlage über sich haben ergehen lassen. Unfassbar. Marc Basten fasst es auf Torfabrik treffend zusammen. Sportlich habe er das gehalten, was man erwarten durfte. Den ganz großen Schritt zur unersetzlichen Führungsfigur habe er nicht gemacht. Er war halt (weitgehend) zuverlässig – und nicht mehr. Er war kein Leitwolf, wie es die Aachener Zeitung schreibt.

Zakaria und Ginter gehen beide wohl ablösefrei, außer es käme noch ein Winterwechsel von Zakaria zustande. Das tut der Borussia finanziell enorm weh und könnte zu einem herben Rückschlag werden. Hat man in den Jahren zuvor durch intelligente Transfers immer wieder Einnahmen generiert und so den Einkauf neuer Talente ermöglicht, so wird man wohl jetzt kleinere Brötchen backen müssen. Ein Umbruch ist unausweichlich und wir wissen heute noch nicht, wer potentiell noch den Verein verlassen wird.

Zur Causa Max Eberl oder Streberl, wie er in einem Beitrag der Süddeutschen von Christof Kneer genannt wird. Für ihn und Borussia ist die Transferpolitik bedingt vor allem durch Corona maximal schlecht gelaufen. Ich persönlich werfe ihm das nicht vor, wie es von einigen Seiten heftig getan wird. Zu beobachten wird aber sein – wie es auch Christian Spoo auf Seitenwahl schreibt -, ob der angestrebte Aufbruch nach der Abschiebung von Dieter Hecking, der Verpflichtung von Marco Rose und nun Adi Hütter doch noch gelingt. Bisher sieht es nicht so aus. Wenn es nicht klappt, muss sich das Eberl ins Stammbuch schreiben und das weiß er auch. Dazu ist er ein zu geerdeter Manager mit der notwendigen Expertise. Und auf die sollte man – wenn er weiter will – auch weiter setzen.

In den vergangenen Monaten haben Hütter, Eberl und viele Beobachter immer wieder von der Qualität der Mannschaft gesprochen und sich und die Spieler auch ein wenig in Sicherheit in der Wohlfühloase Borussia-Park gewogen. Bei manchem Spieler schien mir auch Selbstüberschätzung und Arroganz damit einher zu gehen. Ich habe nur wenige kämpfen, spucken, beißen gesehen und das wird jetzt nötig sein, um aus den Tabellenkeller zu kommen. Und das muss Adi Hütter den Spielern jetzt einimpfen. Nur über Kampf, Laufbereitschaft und eine verlässliche Defensive wird man wieder in die Spur kommen und die Fans halbwegs versöhnen, wie es auch bei In den Winkel von Michael Agricola steht.

Angesichts der Leistungen der vergangenen Wochen zeigen sich bei mir und vielen anderen Fans leider jedoch zweifelnde Sorgenfalten. Ungerne möchte ich einen neuerlichen Abstieg erleben mit allem, was damit einher gehen würde. Dazu hat man in den vergangenen Jahren zu viel aufgebaut. Beyer, Koné, Netz, Scally – es gibt durchaus junge Hoffnungsträger, aber die Rückrunde wird knüppelhart. Und die Alten wie Stindl, Sommer und Kramer, aber auch Ginter und Hofmann müssen diesen jungen Spielern Halt geben. Ich bin gespannt – und besorgt. Ach ja, da ist ja noch der Pokal. Klar sollte um ein Weiterkommen kämpfen, aber der Klassenerhalt muss absolute Priorität haben.

P.S. Und wenn ich einen Wunsch frei hätte: Überall dürfen die Spieler hingehen, aber bitte nicht wieder zur falschen Borussia.

Filed under: Buntes & Vermischtes

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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