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Gladbach: Wenigstens ein Abschied mit Stil nach einer verkorksten Saison

Immerhin der Abschied war stilvoll. So kann man vielleicht die Saison 2021/22 der Fohlenelf zusammenfassen. Adi Hütter ist einer der größten Irrtümer und ja, Enttäuschungen auf der Trainerbank von Borussia Mönchengladbach. Zu Beginn der Saison waren nahezu alle – auch ich – positiv gestimmt. Wieder einmal schien Max Eberl ein Coup gelungen zu sein. Doch dann hat es eben nicht funktioniert, spielerisch nicht, aber offensichtlich auch auf der menschlichen Ebene zwischen Spielern und Trainer. Hat der ach so smart auftretende Hütter Defizite in der Menschenführung? Vor allem diese Frage steht auf jeden Fall weiter im Raum.

Die vergangene Saison

Es ist müßig darüber zu spekulieren, mit welchen Versprechungen und potentiellen Investitionen in neue Spieler Max Adi Hütter nach Mönchengladbach gelockt hat. Ganz offensichtlich hat es dann aber mit dem existierendem Kader nicht wirklich geklappt. Wenige Highlights wie der Sieg im Pokal gegen Bayern München wechselten sich mit Niederlagen und großen Enttäuschungen ab. Man denke beispielhaft an die Niederlage im Pokal gegen Hannover 96. Erstmals schien das berühmte Blech in Reichweite, doch die Mannschaft – und Hütter – haben es vergeigt. Und natürlich gab es die Klatschen gegen Freiburg, Dortmund und den FC.

Bei allen Diskussionen um das Spielsystem, um Dreier- oder Viererkette. Die Balance hat in der Mannschaft einfach nur selten gestimmt. Vor allem die defensive Grundordnung hat nicht funktioniert und nur die Mannschaften sind wirklich erfolgreich, die gut verteidigen. Da nutzt das ganze hohe Pressing nichts. Ginter und Elvedi haben eine durchwachsene Saison gespielt. Gehört hat man sie selten, so von wenig Führungsspieler Matze Ginter. Oft erschienen sie lethargisch und sich widerstandslos in Niederlagen ergebend. Daneben hat das defensive Mittelfeld nicht funktioniert. Es fehlt der Abräumer, der Sechser, der als Staubsauger vor der Abwehr agiert. Den muss man nun unbedingt finden.

Der Charakter vieler Spieler

Neben zu vielen einfachen Gegentoren fielen noch eine Reihe weiterer Punkte auf. Die Mannschaft wirkte oft saft-, kraft- und willenlos. Viele Parteien wurden in der 2. Halbzeit vergeigt. Die Fans haben oft die berühmte Mentalität vermisst, dass Spieler kämpfen, dass Spieler sprinten und sich bewegen, dass Spieler einen Willen zeigen, sich gegen Niederlagen zu stimmen. Hütter hat es nie geschafft, die Mannschaft so einzustellen, dass über eine Weile kontinuierlich gespielt hat. Auf Siege und gute Spiele folgten immer wieder dramatische Leistungseinbrüche und Niederlagen. Und sorry, bei aller notwendigen Blutauffrischung, so schlecht ist der gegenwärtige Kader der Borussia nicht.

Nun muss ein Neustart gemacht werden. Muss, denn zwischen Trainer und Mannschaft stimmt es nicht. Hütter hat es nicht geschafft, „die Spieler“, vor allem die „Opinion Leader“ hinter sich zu versammeln. Mit einem Florian Neuhaus, der in dieser Saison sehr durchwachsen, defensiv oft enttäuschend gespielt hat, oder auch einem Christoph Kramer gab es Zerwürfnisse und Auseinandersetzungen. Schon relativ früh wurden von Spielern Informationen über Mängel im Training und schlechte Taktik an die Medien durchgesteckt. Das spricht gegen gewisse Spieler, aber auch gegen den Trainer und sein Team. Das sollte mal genauer beleuchtet werden, denn solche „Schwätzer“ braucht man in einer Mannschaft nicht.

Der neue Trainer

Nun ist klar, dass es einen neuen Trainer auf der Bank im Borussia-Park geben wird. Mein Favorit ist – und war schon am 20. April – Lucien Favre, idealerweise mit einem Assistenten Martin Stranzl. Ja, man kann die Vergangenheit nicht zurück holen und die Erwartungen des ganzen Umfelds wären natürlich groß. Doch Favre hat bewiesen, dass er Mannschaften eine Struktur geben kann und viele Spieler sagen, dass er sie individuell besser gemacht hat. Wichtig, wenn wir gerade an junge Spieler wie Joe Scally, Luca Netz, Manu Koné, Reiss, Conor Noss oder Jordan Beyer denkt. Doch auch einem Florian Neuhaus oder einem Manuel Friedrich könnte Favre gut tun. Natürlich gibt es auch Alternativen – beispielsweise einen Breitenreiter – für die Trainerbank, doch für zwei bis drei Jahre wäre Favre meine erste Wahl.

Die Spieler

Wer immer neuer Trainer wird, der wird viele junge Spieler mit Potential vorfinden. Doch daneben sind bis auf die bewährten Haudegen Yann Sommer, Lars Stindl, Patrick Herrmann oder Christoph Kramer viele Fragen im Kader offen. Wer wird gehen, wer wird kommen? Ramy Bensebaini will wohl nicht mehr in Gladbach spielen. Alasanne Plea, Marcus Thuram oder Breel Embolo sind ebenso mögliche Transfers wie auch Florian Neuhaus oder Jonas Hoffmann. Den ein oder anderen Transfererlös wird Roland Virkus brauchen, um neue Leute holen zu können. Denkt an den Sechser. Ich würde mich freuen, wenn ein Embolo, ein Neuhaus – trotz seiner Leistungen – und Hoffmann blieben, aber das sind meine frommen Wünsche.

Frisches Blut braucht es auch in der zweiten Reihe. Ein László Bénes und ein Keith Bennetts haben ihre Chancen gehabt und es einfach nicht geschafft. Connor Noss und Torben Müsel müssen sich in den kommenden Monaten ebenso beweisen wie Rocco Reiss. Wer wird kommen? Es geistern viele Namen durch das Netz oder durch Podcasts.

Die kommende Saison

Es wird spannend sein, wie Steffen Korrell und Roland Virkus agieren und welche Spieler sie holen (können). Max Eberl hat kein leichtes Erbe hinterlassen. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat er leider öfters daneben gelegen, in der Trainersuche und vielleicht auch in der Kommunikation mit Spielern. Das schmälert schon ein wenig seine Leistung bei der Borussia, aber natürlich bleiben vor allem seine Verdienste. Gefragt sind nun die Vereinsführung und die neue sportliche Führung mit dem Newbie Roland Virkus, die die Fohlen wieder ausrichten und neu aufstellen müssen.

Wie wird Gladbach nun in der kommenden Woche performen? Selten war es so schwer, das zu prognostizieren. Klar, der letzte Spieltag liegt gerade erst hinter uns, Transfers sind noch nicht in die ein oder andere Richtung getätigt, aber auch dann wird es schwer, etwas fundiert voraus zu sagen. Ich hoffe natürlich auf einen Neuanfang, vor allem dass die Mannschaft wieder Spaß macht. Dieser Spaß und vor allem die Identifikation haben in diesem Jahr leider oft gefehlt, für die Borussia, aber auch generell in einem immer mehr durchkommerzialisierten Fussball mit all seinen Auswüchsen besonders in England und Spanien. Etwas Hoffnung machen die Auftritte der Eintracht in Europa, der spannende Abstiegskampf in der Bundesliga und hoffentlich auch die Relegationsspiele.

Filed under: Buntes & Vermischtes

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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