A digital abstract composition in the style of Kandinsky, with flowing forms and geometric patterns that create an organic network structure. At the center is a glowing "SaveSocial" and "SoSollWeb" text, which dissolves into DNA-like structures. There are strong, contrasting colors. In the background, there are mathematical fractals.

Gute Nachbarschaft, Spaß haben, interessante Inhalte und Leute – nur dann wird es was mit #SaveSocial und #SoSollWeb

#SoSollWeb, so hat Annette Schwindt ihre „nennen wir es Blogparade“ betitelt, die noch bis zum 31. März 2025 läuft. Viele Bloggerinnen und Blogger haben schon mitgemacht, und nicht wenige haben ein Loblied auf das Fediverse, auf dezentrale Strukturen und offene, standardisierte Schnittstellen gesungen. Auch ich habe das hier im Blog oft getan und werde das wohl auch weiter tun.

Nicht nur auf Technik schauen

Doch vielleicht muss unsere Blase, in der wir uns vor allem auf Mastodon und im Fediverse bewegen, nicht nur auf die Technik schauen und die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer einnehmen, damit die sozialen Medien jenseits der asozialen Netzwerke erfolgreicher werden. Die Gründe, warum negative, polarisierende Beiträge so „erfolgreich“ sind, liegen nicht nur in den Algorithmen der Plattformen, sondern auch in der menschlichen Psychologie.

Der Spaßfaktor

Doch was sind Faktoren, was sind positive Faktoren jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie und des „Negativity Bias“, die sozialen Netzwerken erfolgreich machen könnten? Was können wir in den „alternativen“ sozialen Kanälen tun, damit diese erfolgreicher werden und einen validen Gegenpol zu den Hassverbreitungs- und Lügenplattformen bilden?

Dirk von Gehlen hat hier in seinem lesenswerten, unfertigen Beitrag fünf unfertige Gedanken für ein anderes Internet niedergeschrieben, die mich inspiriert haben. Netze müssen nicht nur technisch funktionieren, sie müssen Spaß machen, schreibt er! Ich füge mal einige meiner unfertigen Überlegungen und Erinnerungen hinzu.

Da musste ich an meine Anfangszeiten und meine Begeisterung für soziale Netzwerke denken. Was hat mir „damals“ Spaß gemacht, als ich mit Twitter, Facebook und anderen Tools angefangen habe?

Nachbarschaft

Mir hat Spaß gemacht, mich mit Bekannten und Freunden weltweit zu vernetzen und mitzubekommen, was bei ihnen privat los ist. Ja, damals haben beispielsweise mein Kollege Michael aus Kalifornien und meine Kollegin Graziella auf Facebook geschrieben, was sie am Wochenende gemacht haben, welchen Ausflug sie unternommen oder was sie gekocht haben.

Ja, genau solche banalen Dinge haben wir unschuldig, vielleicht naiv und ohne Bedenken geteilt und gegenseitig kommentiert. Wir hatten am sozialen Leben der Freunde über das Netz Anteil, und es hat sich damals für mich gut angefühlt. Und ja, ich vermisse das durchaus. Ich würde gerne wissen, was unsere Freunde Monique und Ludger auf ihrer Lodge bei Jo-Burg so treiben und wie es ihnen geht. Diese heute so unschuldig erscheinende Art, über das Netz am Leben der Freunde teilzuhaben und sie direkt in der (virtuellen) Nachbarschaft zu haben, ist zumindest für mich verlustig gegangen.

Nachbarschaft ist ein gutes Stichwort. Ich bin nach einiger Zeit, in der ich Facebook boykottiert habe, zurück auf Facebook gegangen. Warum?

  • Um zu testen, ob ich dadurch mehr Leserinnen und Leser für meine Blogbeiträge gewinnen kann, in denen ich über das Netz, soziale Medien und demokratische Grundwerte aufklären, inspirieren und diskutieren möchte.
  • Um Informationen aus meiner Nachbarschaft hier in Ewwerscht zu erhalten. Ich würde gerne wissen, was hier los ist, was die Menschen und mich umtreibt. Das bekomme ich sonst nirgendwo, nicht mehr in der Lokalzeitung und im lokalen Blättchen.

Treiben wir es weiter: Meine Frau, die generell mit sozialen Medien nicht sehr viel am Hut hat, ist Mitglied in der NaBu-Community oder beim Streuobstwiesen-Verein und versichert mir, auf Facebook für sie interessante und relevante Informationen zu bekommen. Was ist hier der Trigger? Geografische Nähe, Nachbarschaft und Interesse an einem bestimmten Thema. Dies sind Motive, die viele Freunde und Bekannten nennen. So etwas findet man derzeit wohl eher selten im Fediverse. Und wenn, müssen wir uns die Frage stellen, ob die Angebote für „Normalos“ zu konsumieren, also benutzerfreundlich und intuitiv zu bedienen wären.

Farmville: Zusammen spielen

Ich oute mich: Wer erinnert sich noch an den Farmville-Hype auf Facebook? Bei diesem Online-Spiel haben wir unsere virtuellen Farmen bewirtschaftet und das Spiel gemeinsam mit unseren Freunden genossen. Ich habe damals Farmville gespielt, aber auch noch kritischere Geister wie Jörg aus Hannover waren dabei. Ein solch unschuldiger Spaß, ist der heute noch denkbar?

Twitter damals: Informationen schneller bekommen

Was sind weitere Faktoren, die mich motiviert haben und motivieren, soziale Kanäle zu konsumieren und mich gar dort zu engagieren? Twitter – Newbies mögen es kaum glauben – war für mich eine zentrale Informationsquelle. Ich habe dort über Jahre hinweg für mich interessante und wichtige Anregungen und Nachrichten bekommen. Das waren keine Fake News, sondern meist Informationen und Diskussionen in und aus meinem Netzwerk, das ich über viele Jahre auf- und ausgebaut hatte. Es waren Informationen und Anregungen, die ich nicht selten zuerst auf Twitter bekommen habe, aus dem weltweit über 5.000 User umfassenden Follower-Netzwerk, also denjenigen, denen ich gefolgt bin und die mir gefolgt sind.

Und noch eine weitere Motivation, mich in sozialen Kanälen zu bewegen. Mir hat es Spaß gemacht (und macht es Spaß), neue Werkzeuge und Kanäle auszuprobieren. Ich bin als ehemaliger Journalist in dieser Beziehung einfach neugierig und experimentierfreudig, manchmal auch naiv. Ich probiere aus, auch jetzt noch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz – und falle dabei auch durchaus mal auf die Nase.

Make social social again

Nachbarschaft, soziale Nähe, Austausch, Informationen schnell und exklusiv(er) zu erhalten, Neugier, all das sind motivierende Faktoren in einem sozialen Netzwerk. Ich glaube, das sind einige Faktoren, die wir dringend bedenken müssen, wenn wir über und diskutieren. Das kommt in unserer Nerd- und Techie-Diskussion fast immer zu kurz.

Wenn wir keine soziale Atmosphäre und keine weiteren wertvollen Inhalte ins Fediverse bekommen, wird es nichts mit einem auf Basis des Fediverse werden. Wir brauchen Diskussionen und Austausch zu wissenschaftlichen Themen. Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk sollte wie schon oft gefordert seine Inhalte im Fediverse anbieten, die Nutzerverwaltung seiner Mediatheken auf die Fediverse umstellen. Wir müssen endlich einige Medien und Verlage rüber bekommen.

Institutionen, Behörden, Parteien, Städte, die Bundesregierung und Kommunen sollten dort ihre Inhalte zur Verfügung stellen. Ich weiß, es ist schon einiges passiert, aber es braucht noch deutlich mehr. Und warum sollten Sportvereine, Lilien- oder Gladbach-Fans nicht auch dort präsent sein? Warum kopieren wir nicht das Konzept von Bluesky mit sogenannten Starter Packs und Listen zu gewissen Themen, um Newbies einen möglichst einfachen Einstieg zu ermöglichen?

… an vielen kleinen und großen Rädchen drehen

Nicht zuletzt müssen wir Leuchttürme, „Influencer“ und Thought Leader „rüber kriegen“, um dadurch mehr Nutzerinnen und Nutzer zu gewinnen und eine kritische Masse zu erreichen. Wenn mal der Satz fällt, ah, der oder die sind ja auch da und ich finde da interessante Infos zu Themen, die mich interessieren, lustige Sachen, meine Nachbarn und Freunde und – last but not least – Hass und Hetze werden konsequent wegmoderiert, dann besteht eine Chance. Es muss also an vielen kleinen und größeren Stellschrauben gedreht werden. Dazu zählt natürlich auch, dass die Tools im Fediverse einfacher und benutzerfreundlicher werden. Es gibt viel zu tun, und es muss jetzt angepackt werden.

Mal schauen, vielleicht reiche ich genau zu dem Thema einen Vorschlag für die re:publica ein. Und vielleicht mag ja die oder der eine bei einer Diskussion mitmachen. Wir dürfen nicht nur eine Techie- und Nerd-Diskussion führen. Wir müssen mehr Leute abholen.


* Negativity Bias: In den meisten sozialen Netzwerken lässt sich ein klares Muster erkennen: Negative und polarisierende Nachrichten verbreiten sich deutlich schneller und häufiger als positive Inhalte. Dieses Phänomen wird als „Negativity Bias“ bezeichnet, wobei Nutzer 1,91-mal häufiger negative Nachrichtenartikel teilen als positive. Nach Untersuchungen ist dieser Effekt besonders auf Facebook ausgeprägt – dort werden negative Artikel sogar 98% häufiger geteilt.

Comments

2 Antworten zu „Gute Nachbarschaft, Spaß haben, interessante Inhalte und Leute – nur dann wird es was mit #SaveSocial und #SoSollWeb”.

  1. […] Pfeiffer, Gute Nachbarschaft, Spaß haben, interessante Inhalte und Leute – nur dann wird es was mit #sa… (19. Februar […]

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  2. […] Stefan Pfeiffer glaubt an eine Rettung. Eine digitale Welt, die sich dem Zugriff der Tech-Oligarchen…Eine Öffentlichkeit, die sich aus der Reichweite von X, Facebook und Threads ins Fediverse flüchtet und dort eine bessere, menschlichere Version von Social Media erschafft. Doch das ist Wunschdenken. […]

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