Mal wieder wird in „der Blogosphäre“ diskutiert, warum es denn scheinbar oder offensichtlich nur ältere Bloggerinnen und Blogger gibt, die ihr „Relikt aus der Web-2.0-Urzeit des Internets pflegen“. Wo sind die Jungen? Haben wir uns zusammen mit Thomas Riedel auch auf dem Bloggertreff auf der re:publica 2025 gefragt. Wenn es sie gibt, dann bloggen sie zumindest mal nicht so, wie wir es seit gefühlten, teilweise realen Jahrzehnten kennen.
Sie nennen sich nicht Blogger
Ich glaube, sie kämen auch gar nicht auf die Idee, sich Blogger zu nennen. Sie werden eher als Creator oder Influencerinnen und Influencer bezeichnet oder einfach als YouTuber oder TikToker. Ein Blog kann heute ein Vlog (Video-Blog) sein. Vor allem aber: Die Inhalte sind kürzer, meist sind es Reels und Shorts, um die 60 Sekunden, oft dynamisch geschnitten, nicht die Textwüsten, die ich beispielsweise oft produziere und die schon mancher traditionellen Leserin, manchem traditionellen Leser zu lang sind.
So wie in fast jeder Generation hat sich verändert, wie junge Menschen Medien (und Informationen) konsumieren. „Ich glotz TV“, wir Älteren kennen noch den Song von Nina Hagen. Lineares Fernsehen hat meine Generation (und die davor) geprägt. Und natürlich habe ich noch den Satz meiner Eltern in den Ohren, dass wir nicht so viel vor der Glotze sitzen, mehr draußen sein sollen. Waren wir dann auch meistens.
„Ich glotz TV“: In jeder Generation hat sich Medienkonsum geändert
Heute kritisieren wir natürlich, wie denn junge Leute gefühlt den ganzen Tag das Smartphone in der Hand und endlos Kurzvideos anschauen können, die ihnen die bösen Chinesen und die vielleicht noch böseren Amis über undurchschaubare Algorithmen zuspielen. Ja, auch ich finde das nicht gut, aber wir müssen uns mit einem veränderten Medienkonsum der Jüngeren auseinandersetzen. Und natürlich sollten wir versuchen, sie an längere Videoformate jenseits der 60 Sekunden, an Podcasts, Beiträge in Mediatheken, an Hörbücher und „richtige“ Bücher heranzuführen.

Generationen wurden und werden ver-BILD-et und verblödet
Doch ganz ehrlich: Zurückdrehen werden wir das Rad nicht mehr. Und lasst uns bitte nicht in den Fehler verfallen, alle jungen Leute als verblödet darzustellen. Nur zur Erinnerung: Viele in unserer Generation und die davor haben täglich die BILD gelesen, ein Blatt, das schon immer Halbwahrheiten abgesondert und Springer-konform manipuliert hat. Auch in den 60er, 70er Jahren bis heute wurden und werden „die Leute“ ver-BILD-et und verblödet. Einige von uns haben noch zu gut „Der Aufmacher“ von Wallraff, erstmals 1977 erschienen, in Erinnerung, in dem „die journalistischen Methoden“ von Springer offengelegt wurden. Geändert hat sich seitdem daran nichts.
Eine ähnliche Verblödung und Manipulation finden wir natürlich auf TikTok, YouTube und Instagram. Noch schlimmer. Die Eingangsschwelle, Hass, Hetze und Lügen an Mann und Frau zu bringen, ist durch die asozialen Medien und Algorithmen deutlich niedriger geworden. Auf den Plattformen treiben sich Ideologen und Radikale herum, die ihre Weltanschauungen mehr oder weniger ungehindert verbreiten, da die Tech-Bros es für Zensur halten, radikale, demokratiefeindliche Inhalte zu moderieren und zu sperren. Das ist sicherlich ein Punkt, an dem „die Politik“ und wir alle dranbleiben müssen.
Doch zurück zum Informationskonsum der jüngeren Generation. Wir können und müssen Teile kritisch sehen, von den Lügenvideos der gerade genannten radikalen Spinner und rechtsextremer Parteien bis zu KI-generierten Inhalten und Fake News. Sicherlich gibt es auch manch einen, der auf der „Creator-Welle“ mitsurft, der nicht gerade ein Ausbund an sachlicher Information ist.
Wir haben damals die BRAVO gelesen – heute schaut man Reels und Shorts
Aber hey, auch wir hatten damals die Bravo. Auch heute fungieren „Junk News“ (Tiervideos, Influencer-Geschwätz, Memes) als neuer „Klebstoff der Öffentlichkeit“. Diese Inhalte bieten jungen Menschen eine gemeinsame unterhaltende und emotionale Grundlage, die klassische Nachrichten oft vermissen lassen.
Doch sollten wir ebenfalls akzeptieren, dass es Talente gibt, die durchaus bemerkenswerte Inhalte produzieren. Und ja, ich nenne ganz bewusst Rezo (der deutlich länger war und ist als 60 Sekunden), und er ist nicht allein. Produzieren Rezo und Co immer Inhalte, die klassischen journalistischen Kriterien gerecht werden? Nein. Wird mehr polarisiert, Meinung geäußert, emotional kommuniziert? Ja.
Nabelschauen in der Blogosphäre
Doch tun wir das nicht auch in unseren Blogs? Sind wir da immer neutral und sachlich? Bestimmt nicht. Oft im Gegenteil. Kindergartendiskussionen wie, ob es „das Blog“ oder „der Blog“ heißt, gibt es in der Blogosphäre seit Jahrzehnten. Ich erinnere mich, dass ich Oliver vor über 20 Jahren heftig zurechtgewiesen habe, als ich damals „der Blog“ sagte. Manche Nabelschau innerhalb der Blogosphäre kann ich nicht so wirklich ernst nehmen. Das erinnert mich sehr stark an die Diskussionen um das einzig wahre, reine und zu hundert Prozent korrekte Fediverse.
Sie nennen es nicht „bloggen“
Doch zurück zu meinem Punkt. „Die Jüngeren“ bloggen meiner Ansicht nach anders und nennen es auch nicht mehr so. Auch dort gibt es solche und solche Creators. Manche liefern durchaus Qualität, andere produzieren Einheitsbrei und Schlimmeres. Das gab es schon immer – man denke an prominente Blogger, die plötzlich ganz nach rechts abgebogen sind. Heute ist es wie erwähnt eben noch einfacher, plakative Parolen und Inhalte über die sozialen Medien zu verbreiten, da die Algorithmen Aufregung und Polarisierung bevorzugen.
Respekt für „gute“ Creators
Nein, ich finde es nicht gut, dass die „Creators“ vor allem die asozialen Plattformen mit den gerade beschriebenen Mechanismen benutzen und würde mir wünschen, es gäbe alternative Plattformen (wie eben Blogs, die einem selbst gehören). Trotzdem glaube ich, dass wir die Creators respektieren sollten, die sich Mühe geben und sehenswerten Content produzieren. Das sind für mich irgendwie auch Bloggerinnen und Blogger – oder eben Creators.
Vielleicht braucht es hier einen neuen Begriff, oder wir lassen es halt einfach so nebeneinander stehen. Und bezüglich der Plattformen: Es gibt auch bei den Jüngeren durchaus Bewegungen, die sich weg von den sozialen Plattformen bewegen wollen. Lasst uns das beobachten.
Austausch zwischen älteren Bloggerinnen und Bloggern und „den Jungen“ erwünscht
Viel wichtiger als eine Begriffsdiskussion ist aber aus meiner Sicht, dass Jüngere uns Bloggerinnen und Blogger, die Inhalte, die uns wichtig sind, wahrnehmen. Ich habe mich deshalb entschieden, zu unserem Podcast #9vor9 und zu meinen Blogbeiträgen das ein oder andere 60 Sekunden-Video selbst zu produzieren und zu veröffentlichen. Und ja, es kommt dabei auch KI zum Einsatz, mit der beispielsweise die Visuals zu meinen Texten erstellt werden. Die Videos werden auch noch über die berüchtigten Plattformen „ausgespielt“, weil ich vermeintlich nur dort – hier auf YouTube – „die Jüngeren“ erreiche.
Und ich sag Euch noch was: Das Ganze machte richtig Spaß und es überrascht mich, wie viel man von dem, was man verbreiten möchte, in 60 Sekunden packen kann. Und das dritte „und“: Vielleicht geht ja doch die ein oder andere, die sich eines meiner Shorts oder ein Reels anschaut, auf meinen Blog, liest den Text oder hört sich unseren Podcast an. Das wäre schon was.
Werde ich es durchhalten, die Videos zu produzieren? Weiß ich nicht, denn es ist schon Aufwand und es kommen oft nicht die Bilder heraus, die ich gerne hätte. Ginge auch, würde aber mehr Aufwand und wahrscheinlich eine kostenpflichtige Software benötigen. Erst einmal werde ich dabei bleiben und neue Videos erstellen. Und natürlich bin ich offen, von „den Profis“ zu lernen.
Klicks im Blog über Facebook – Klicks über Shorts & Reels
P.S. Ich kann es mögen oder nicht: Laut meiner WordPress-Statistik kommen die meisten Leute über Facebook auf meinen Blog, noch immer nach Google. Ich hatte Facebook mal verlassen, bin aber zurückgekehrt, um meine Bekannten zu erreichen, die sonst nie auf meinen Nischenblog geschaut hätten. Es scheint zu funktionieren.
Einen ähnlichen Trend kann ich allerdings noch nicht bezüglich meiner Videos feststellen. Da scheinen die Viewer eher auf den entsprechenden Plattformen zu verharren. Natürlich ist meine Reichweite auch bescheiden, aber ich freue mich über den ein oder anderen Ausreißer, der vierstellige Viewer-Zahlen erreicht.


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