Es ist etwas im Busch. Ob es nachhaltig ist, kann ich derzeit nicht voraussagen, aber ganz offensichtlich denken viele Behörden, aber auch Unternehmen in Europa endlich darüber nach, unabhängiger von den Technologiegiganten aus den USA zu werden. Das spiegelt sich auch in einer Vielzahl von ausführlichen Berichten in den Medien wider. Thomas Kuhn dröselt die gegenwärtige Gemengelage in der Wirtschaftswoche auf.
Schlüsseljahr 2026?
Trotz aller weiterhin bestehenden Herausforderungen sieht er eine Chance, dass 2026 das Jahr wird, in dem Europa digitalunabhängiger wird:
Gut möglich also, dass der Wechsel des IStGH erst der prominente Auftakt war. Und dass 2026 das Jahr wird, in dem Europa beginnt, seine digitale Zukunft auf breiter Front selbst zu bauen – statt sie aus Redmond, Mountain View oder Seattle zu beziehen.
Angst vor dem „Kill Switch“ aus den USA erschüttert Europas IT-Markt, Thomas Kuhn, WiWo vom 3.2.2026
Der IStGH ist der Internationale Strafgerichtshof, der sich von Microsoft-Lösungen verabschiedet, nachdem die US-Administration Microsoft anwies, Konten von Richtern zu sperren. Doch Thomas Kuhn geht auch ausführlich auf die Hürden ein, die oft nicht überwunden werden. US-Konzerne wie Microsoft versuchen, ihre Dominanz durch aggressive Bündelpreise, die Office, Cloud, E-Mail und Kollaboration sichern, auszubauen. Europäische Anbieter treten dagegen meist modular an und wirken dadurch teurer, obwohl sie funktional konkurrenzfähig sind.
Deutschland ist zu lahma..schig
Hinzu kommt eine politische und administrative Blockade. Öffentliche Ausschreibungen sind häufig auf Hyperscaler zugeschnitten, digitale Souveränität taucht oft nicht einmal als Vergabekriterium auf. Gleichzeitig klafft eine Lücke zwischen politischen Sonntagsreden und realen Entscheidungen, etwa wenn trotz Souveränitätsrhetorik milliardenschwere Aufträge an US-Anbieter vergeben werden – siehe Bayern. Kuhns Befund ist eindeutig: Es wäre mehr möglich; Beispiele wie Dänemark oder Schleswig-Holstein belegen das. Was fehlt, ist der konsequente politische Wille, europäische IT-Lösungen systematisch zu bevorzugen und strategisch aufzubauen.
Und es werden natürlich auch Fehler bei der Einführung gemacht, wie beispielsweise Julian Staib am 17. Januar 2026 in der FAZ beschreibt. Lösungen wie LibreOffice, das in Schleswig-Holstein Microsoft Office ablöst, können nicht im Hauruck-Verfahren eingeführt werden. Es gehört ein Schulungs- und Coachingkonzept dazu, und man muss sich darüber im Klaren sein, dass natürlich Widerstände überwunden werden müssen, da Nutzerinnen und Nutzer an ihrer gewohnten Umgebung hängen.
Lücken schließen, statt zu lamentieren
Immer wieder wird zudem auf die sogenannten Fachverfahren verwiesen, die historisch mit den Microsoft-Produkten verwoben sind. Diese müssen auf offene Systeme umgestellt werden, das heißt, es muss neu programmiert werden. Das kostet natürlich Zeit und Geld. Jedoch stellt sich durchaus die Frage, ob sich diese Änderungen nicht auf mittlere Sicht rechnen. Mir scheint, dass diese Fachverfahren nur wieder eine der Entschuldigungen sind, nichts zu tun. Nichts tun ist einfach bequemer, und die Häppchen bei den Microsoft-Partys schmecken halt so gut.
Als eine weitere Ausrede, nichts zu tun, wird eine tiefere Integration der einzelnen Open-Source-Komponenten genannt. Zwar loben Behörden und Unternehmen die Leistungsfähigkeit einzelner Anwendungen wie LibreOffice, Nextcloud, Open-Xchange, Jitsi oder OpenTalk, wollen aber eine tiefere und nahtlosere Integration, wie Christian Wölbert in seinem Beitrag vom 18.1.2026 im Spiegel schreibt.
Gewünscht sind Komfortfunktionen, die Nutzer aus proprietären Ökosystemen kennen: Anhänge direkt aus der Cloud versenden, Videokonferenzen aus Termineinladungen heraus starten, anwendungsübergreifend suchen. Damit offene Lösungen im Verwaltungsalltag nicht als „Flickenteppich“ wahrgenommen werden, braucht es mehr verbindende Klammern zwischen den bestehenden Programmen. Auch die können geschaffen werden.
Es ist kein Hexenwerk
Solche Integrationen sind machbar, es ist kein Hexenwerk. Und es ist etwas, an dem sicherlich das ZenDiS, das Zentrum für digitale Souveränität, mit seiner OpenDesk-Suite arbeitet. Aber auch hier gilt: Man muss investieren wollen. Die derzeitigen Budgets, die beispielsweise in das ZenDiS fließen, erscheinen lächerlich im Vergleich zu den Millionen, die an Microsoft gezahlt werden. Das Investitionsvolumen für eine tiefere Integration der Komponenten scheint mir vergleichsweise überschaubar, besonders dann, wenn sich Bund, Länder, Kommunen und europäische Staaten zusammentun. Doch mit warmen Worten schafft man diese Integrationen und Komfortfunktionen halt nicht oder zu spät.
Ob es Kommissionen richten?
Immerhin schafft die Trump-Administration das, was die deutsche und europäische Verwaltung über Jahrzehnte nicht hinbekommen hat: Sogar der deutsche Bundestag denkt über Alternativen nach, wie Stefan Krempl am 02.02.2026 auf heise online berichtet. Eine fraktionsübergreifende Kommission will die Abhängigkeit von US-Tech-Giganten wie Microsoft endlich abstreifen und setzt auf „digitale Souveränität“. Nach Jahren des Comfort-Zwangs mit Microsoft 365 und Windows soll die digitale Infrastruktur des Parlaments neu gedacht werden – mit europäischen Alternativen, eigener Cloud-Architektur und Open-Source-Software. Die Absicht ist klar: Parlamentarische Arbeit soll nicht länger vom Wohlwollen oder gar geopolitischen Interessen großer US-Konzerne abhängen.
Doch zwischen Anspruch und Alltag klafft eine politische Realität, die skeptisch stimmt: Manche Vorschläge wirken wie „Souveränitäts-Washing“, weil sie weiter auf US-Dienste setzen. Das Ganze erinnert momentan mehr an ein IT-Audit als an eine echte Befreiungsbewegung. Es wird sich bald zeigen, ob nur einmal mehr durch eine Kommission Papier produziert wird, oder ob die politischen Parteien es ernst meinen. Sicher ist nur, dass die Lobbyisten von Microsoft und den anderen Tech-Bros in Berlin und Brüssel wahrscheinlich noch nie so am Rotieren waren.
Frankreich macht es vor
Einmal mehr scheint Frankreich konsequenter und entschlossener zu sein, sich von den Abhängigkeiten zu lösen. Bis 2027 sollen 200.000 Beamte mit einer Open-Source-basierten Videokonferenzlösung arbeiten, die Microsoft Teams und Zoom ablöst, berichtet heise am 27.1.2026. Genau solche Entscheidungen vermisse ich in Deutschland.
Jörg Schieb bringt es meiner Ansicht nach in seinem Beitrag vom 20.1.2026 auf den Punkt. Viele sind einfach zu bequem. Natürlich können wir kurz- und mittelfristig nicht komplett auf amerikanische Dienste verzichten, aber wir sollten Alternativen kennen, aufbauen und nutzen. Hier habe ich deutliche Zweifel am deutschen Willen beziehungsweise am Willen einer Vielzahl von Politikerinnen und Politikern der etablierten Parteien, die doch oft den Anschein erwecken, mit den Tech-Bros verbrüdert zu sein. Wir können und sollten uns am französischen Nachbarn oder auch an Dänemark orientieren und versuchen, sukzessive gesamteuropäische Lösungen zu entwickeln.
Unabhängigkeit professionell angehen
Die von den Kritikern genannten Schwächen, also Integration in Fachverfahren, funktionale Erweiterungen und Integration von Produkten, sind eine reine Willens- und Ressourcenfrage. Herumlamentieren hilft nicht weiter. Stattdessen sollten die Themen professionell angegangen und gemanagt werden. Es sollte angesichts der Ereignisse klar sein, dass wir nicht weiter bequem in einer vermeintlichen Komfortzone verharren oder uns bequem zurücklehnen können.
Gerade jetzt, wo Microsoft eine neue Abhängigkeit durch den eigenen CoPilot zu schaffen versucht, ist der Zeitpunkt gekommen, den Umstieg einzuleiten. Und aus meiner Sicht ist es durchaus sehr sinnvoll, signifikant Mittel in deutsche und europäische Entwicklungen zu investieren, statt Millionen von Euro an die Tech-Bros zu überweisen, die Donald Trump hofieren und auf dessen Befehl zweifelsohne springen würden. Wir bauen dadurch in Europa eigenes Know-how auf, holen technologisch auf, schaffen und sichern Arbeitsplätze. Man muss nur wollen, bereit sein, auch Hürden und Probleme zu überwinden, einen realistischen, mittelfristigen Plan haben. Wenn nicht jetzt, wann dann?


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