Das Bild zeigt ein grünes, gleichberechtigtes Netzwerk aus Redaktionen und Bürgern, verbunden durch klare Linien als Symbol demokratischer Öffentlichkeit. Über diesem offenen Geflecht zieht eine große, dunkle Wolke auf, aus der rote, dramatische Blitze in Richtung der Knoten einschlagen. Sie steht für Desinformation, Fake News und algorithmisch verstärkte Angriffe auf freie Meinungsäußerung. Trotz der Bedrohung bleibt das Netzwerk sichtbar stabil – ein visuelles Spannungsfeld zwischen Offenheit und systemischer Gefahr.

Freies Bloggen, Podcasten, Publizieren ist Teil demokratischer Öffentlichkeit #Replik

Gunnar Sohn, mit dem ich viele Projekte während meiner Zeit bei IBM gestemmt habe, nimmt meinen Beitrag zum #Bloggerschnack zum Anlass, um über folgendes Thema zu granteln: Untergräbt „Publizieren aus Spaß“ – wie ich meine Motivation zum Bloggen und Podcaster, in meinem Beitrag unter anderem genannt habe – professionelle Publizistik? Nehmen ich und andere Hobbyblogger und -podcaster freien Publizisten und vielleicht sogar professionellen Medien gar die Butter vom Brot, weil wir kostenlos das liefern, von dem die Publizistinnen und Publizisten leben? Tragen wir gar zu einer strukturellen Erosion bei?

Publizistik und Medien ökonomisch unter Druck

Professionelle, kritische Publizistik steht ökonomisch unter Druck. Ich weiß sehr genau, wovon ich spreche. Mein Studium habe ich „damals“ zu Teilen als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung „finanziert“. Finanziert in Anführungsstrichen, denn das Zeilengeld war ein Hungerlohn. Lediglich Fotos haben sich damals wirklich bezahlt gemacht. Dieser Hungerlohn und unglückliche Umstände während meines Praktikums bei der FAZ Neue Medien Redaktion haben schließlich dazu geführt, dass ich dem schnöden Mammon erlegen und in der IT-Branche als Journalist, PR-Verantwortlicher und Marketer gelandet bin.

Geblieben ist über die Jahre meine Leidenschaft zu texten, Podcasts und Videoclips zu produzieren. Wie oben erwähnt konnte ich diese Leidenschaft auch zusammen mit Gunnar ausleben. Der CIO Kurator oder das IBM Live Studio während der Corona-Zeit und auf den letzten beiden CeBITs habe ich in bester (nostalgischer) Erinnerung.

Jetzt bin ich nur noch privat Blogger und -podcaster aus Spaß und Passion. Ok , etwas mehr als Spaß ist dazugekommen – gleich mehr zu diesem Aspekt. Selbstverständlich kann ich nur für mich sprechen, aber ich vermute, dass das, was ich beschreibe, für viele Bloggerinnen, Podcaster und unabhängige Publizierende gilt.

Öffentlichkeit war nie ausschließlich professionell

Demokratische Öffentlichkeit bestand nie nur aus bezahlten Redaktionen. Das kann ich mit bestem Wissen und Gewissen auf Basis meines Studiums rund um die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit – Habermas lässt grüßen – feststellen. Neben professionellem Journalismus gab es immer politische Flugschriften, Vereins- und Initiativenpublikationen, Leserbriefe oder zivilgesellschaftliche Magazine

Das Netz hat diese Formen des Publizierens nicht erfunden – es hat sie sichtbarer und zugänglicher gemacht. Wenn heute Bürgerinnen und Bürger bloggen oder podcasten, ist das zuerst einmal kein Angriff auf professionelle Publikationen und Autoren, sondern eine Fortsetzung dieser Tradition unter digitalen Bedingungen. Diesem Wettbewerb müssen sich die Profis stellen.

Blogs und Podcasts müssen nicht kommerziell sein, sondern …

„Gute Inhalte gibt es umsonst“ – die These vom „Preissignal“ unterstellt Wettbewerbsabsicht. Doch viele nicht-kommerzielle Formate wie mein Blog oder der Podcast #9vor9, den ich mit Lars Basche produziere, verfolgen keine Marktlogik. Wir verkaufen keine Anzeigen, generieren keine Sponsoring-Deals, ersetzen sicher keine Redaktionen und oder streben Marktanteile und Reichweite an.

Die Podcasts und Blogbeiträge entstehen aus intrinsischer Motivation, ja, aus Spaß am Texten und Diskutieren, aus politischem Engagement und aus dem Wunsch, Themen einzuordnen und gerade unseren Freundes- und Bekanntenkreis zu informieren. Ja, auch die Lust am Dialog und an der Diskussion kommt dazu. Außerdem der Aspekt, durch Schreiben und Sprechen die eigene Gedankenwelt zu sortieren und zu reflektieren. Das gilt zumindest für mich – und vermutlich für viele andere, die ihre Inhalte ohne Geschäftsmodell veröffentlichen.

Bloggen über politische Themen ist kein ökonomischer Akt

In meinem Fall – und auch hier spreche ich zunächst für mich – kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Ich publiziere bewusst in diesen angespannten Zeiten wieder politischen Themen, was ich lange Zeit nicht getan habe. Rechtsextreme Kräfte, demokratiefeindliche Narrative und strategische Desinformation nutzen digitale Plattformen sehr professionell. Auf ausgewählten Plattformen – wie beispielsweise mit meinem 60Sekunden-Experiment auf TikTok oder YouTube – nicht präsent zu sein, hieße, Räume kampflos zu überlassen.

Das gilt für mich explizit nicht für die Hass-, Kinderpornographie- und Populismusplattform X. Die braucht man eben nicht, um zitierfähig zu sein. Wenn man als Politiker oder Politikerin, als Wirtschaftsführerin oder Wirtschaftsführer etwas zu sagen hat und relevant ist, wird man auch jenseits von X zitiert. Alles andere ist ein Mythos, oft befeuert von sogenannten Social Media-Experten. Oder will mir jemand erzählen, dass Truth Social jenseits von Trump wirklich relevant ist und zitiert würde?

Ich empfinde es als demokratische Verantwortung, Flagge zu zeigen. Diese Haltung speist sich auch aus meinem Studium über das Scheitern der Weimarer Republik, in der demokratische Kräfte zu lange glaubten, die Extreme würden sich schon nicht durchsetzen. Das ist keine monetär motivierte Marktintervention. Das ist politische Einmischung als Bürger. Und ich bin sicher: Viele, die heute bloggen oder podcasten, tun das nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern aus ähnlicher Motivation.

Aufklärung im eigenen Umfeld ist sicher kein Ersatz für Journalismus

Ein weiterer Beweggrund – der vermutlich ebenfalls viele betrifft – ist Aufklärung besonders im eigenen persönlichen Umfeld. Themen wie Digitalisierung, Plattformökonomie, Künstliche Intelligenz und Algorithmen sowie Desinformation sind sind komplex. Viele Menschen in meinem Bekannten- und Freundeskreis nutzen digitale Systeme täglich, ohne ihre Mechanismen wirklich zu verstehen.

Wenn Blogger oder Podcaster wie ich hier einordnen, erklären, zugänglich machen, ersetzen sie keinen professionellen Journalismus oder investigative Recherche. Wir übersetzen, kommentieren, diskutieren – oft über unseren persönlichen Zugang. Das ist digitale Bürgerbildung.

Professionelle Publizistik und zivilgesellschaftliche Stimmen sind keine Gegensätze

Ich teile die Sorge, dass kritische Publizistik und guter Journalismus finanzierbar bleiben muss. Aber daraus folgt nicht, dass nicht-kommerzielle Stimmen in Blogs oder Podcasts problematisch sind. Demokratische Öffentlichkeit besteht aus mehreren Ebenen wie professionellem Journalismus, wissenschaftlicher Expertise, zivilgesellschaftlichen Initiativen und eben individuelle Meinungsäußerung. Wenn wir freie Publizistik primär deuten, dass wir Publizistinnen und Publizisten die Butter vom Brot nehmen, verengen wir demokratische Öffentlichkeit auf ihre ökonomische Dimension.

Die eigentliche Bedrohung kommt doch nicht von freien Bloggern

Wenn professionelle Publizistik, wenn journalistische Medien heute unter Druck stehen, dann primär durch andere Kräfte wie Plattformkonzerne, die Werbemärkte abschöpfen, algorithmische Aufmerksamkeitslogiken, Desinformationsnetzwerke, KI-generierte Masseninhalte oder täuschend echte Fake-Bilder und Fake-Videos.

Hier liegt die systemische Gefahr. Nicht beim Blogger mit vergleichsweise lächerlicher, begrenzter Reichweite. Nicht beim Podcast, der entsteht, weil es uns Spaß macht. Die Erosion entsteht dort, wo Aufmerksamkeit auf Geschäftsmodelle trifft, die Wahrheit, Sorgfalt und Einordnung nicht belohnen – sondern Emotionalisierung und Reichweite.

Wenn wir über „Preiserosion“ sprechen, müssen wir über Big Tech sprechen.
Wenn wir über „De-Professionalisierung“ sprechen, müssen wir über KI-Content-Farmen und automatisierte Desinformation sprechen. Das sind die Akteure, die Standards unterlaufen. Das sind die Kräfte, die Vertrauen systematisch beschädigen.

Schlussgedanke

Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist eine andere: Wie sichern wir verlässliche Information in einer Welt, in der Plattformlogik, KI-Generierung und Desinformation schneller wachsen als jede Redaktion? Darauf sollten wir unseren analytischen Fokus richten. Nicht auf diejenigen, die sich als Bürger einmischen. Oder Spaß haben am Texten und Podcaster.

Ich kann nur für mich sprechen – und vielleicht für einige andere, die ähnlich arbeiten. Freies Bloggen, Podcasten oder Kommentieren ist kein Ersatz für professionellen Journalismus. Es ist auch nicht dessen Hauptproblem.

Professionelle Publizistik braucht tragfähige finanzielle Modelle. Unbedingt. Aber demokratische Öffentlichkeit braucht auch engagierte Bürger, die nicht schweigen. Die (mit Anstand und moralischem Kompass) granteln und kontrovers diskutieren. Das ist kein Widerspruch. Es ist – im besten Fall – arbeitsteilige Demokratie.

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