Aus der Vogelperspektive blickt man auf ein riesiges, nahezu leeres Stadion, dessen graue Ränge einen grünen Fußballplatz umschließen, auf dem statt eines Balls eine überdimensionierte rote Kappe liegt. Die Stadionfassade wird von goldenen Dollarzeichen getragen und wirkt wie ein Monument für Kommerzialisierung und finanzielle Interessen. Am Rand feiern zwei kleine Anzugfiguren – eine kahl, die andere mit orangefarbenen Haaren und roter Kappe – einander zugewandt, während sie den leeren Zuschauerrängen demonstrativ den Rücken kehren.

WM 2026: The Show Must Go On — mit einem faden Beigeschmack

Nun läuft sie also, die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und Trumps USA. The show must go on, 39 Tage lang: Auftakt im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, Eröffnungsspiel, Mexiko gegen Südafrika. Am Freitag das erste Spiel der USA. Am heutigen Sonntag tritt die deutsche Mannschaft an. Diese WM ist für mich eine andere. Sie ist die Fortschreibung und der vorläufige Höhepunkt der Kommerzialisierung durch die FIFA. Und sie zeigt, wie ein Autokrat wie Trump dem Sport die Regeln diktiert.

Als ob das nicht reicht: 48 Mannschaften, 104 Spiele, 39 Tage — ein Turnier, das Infantino und die FIFA so lange aufgeblasen haben. Dass dabei sportlich sinnlose Gruppenspiele entstehen, in denen zwei von drei Teams weiterkommen, stört offenbar niemanden, der am Geschäft beteiligt ist.

Und der Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, den die FAZ ausführlich beschreibt, ist das sichtbarste Zeichen dafür, was rund um die WM schief läuft: Artan stand auf der offiziellen FIFA-Schiedsrichterliste, besaß ein gültiges US-Visum — und wurde trotzdem am Miami International Airport von einem Beamten der Einreisebehörde abgewiesen. Was dabei wenig Beachtung findet: Bei den WMs in Russland 2018 und Katar 2022 galten Akkreditierungen und Tickets gleichzeitig als Einreisedokument — eine Schutzregelung, die die FIFA für diese WM schlicht nicht durchgesetzt hat.

Drei Jahre kein Mikrofon — und dann das

Infantino hatte die „inklusivste WM der Geschichte“ versprochen. Das Versprechen war gebrochen, noch bevor ein Ball rollte. Dasselbe gilt für iranische Spieler, denen das Gastrecht verweigert und deren Ticketkontingent gestrichen wurde. Die FIFA teilt dazu mit, sie könne Einreiseentscheidungen der USA nicht überstimmen — was insofern bemerkenswert ist, als Infantino monatelang nicht müde wurde zu betonen, wie eng seine persönliche Beziehung zur US-Regierung sei.

Drei Jahre lang hatte Gianni Infantino keine richtige Pressekonferenz mehr abgehalten, und als er einen Tag vor dem Eröffnungsspiel das Schweigen brach, war die Botschaft eindeutig: Es gibt für ihn schlicht nichts zu bedauern. Die hohen Ticketpreise, gegen die bereits die Staatsanwaltschaften in New Jersey und New York sowie der Generalstaatsanwalt Kaliforniens ermitteln, seien eben marktüblich in den USA. Infantinos Reaktion: „Wir sind sehr relaxed.“

Klinsmann, Hoeness und das große Schulterzucken

Relaxt ist wohl auch Bernd Neuendorf, der DFB-Präsident, der den FIFA-Friedenspreis für Trump noch schönredete. Er bezieht für seinen Sitz im FIFA Council 250.000 Dollar im Jahr — was erklären könnte, warum seine Kritikfähigkeit gewisse Grenzen hat.


Wir glauben an die verbindende Kraft des Sports und an die weltweite Wirkung, die eine Fußball‑Weltmeisterschaft entfalten kann.

Stellungnahme des DFB-Präsidiums vom 30.1.2026

Und natürlich werden die bekannten Nasen nicht müde zu erklären, dass es um Fußball geht, nicht um Politik. Wir stimmen unisono mit Rainhard Fendrich ein: Es lebe der Sport Er ist gesund und macht uns hort Er gibt uns Kraft, er gibt uns Schwung Er ist beliebt bei oid und jung.

Jürgen Klinsmann, der die USA seit Jahren als Wahlheimat bewohnt, hat bei Maischberger unmissverständlich erklärt, Nationalspieler sollten keine politischen Botschaften senden: „Du gehst nicht als Athlet oder als Mannschaft in ein Land, um irgendwelche politische Botschaften rüberzubringen. Das gehört sich nicht. Das macht man einfach nicht.“ Uli Hoeness wiederum hat Boykottforderungen als „symbolpolitischen Blödsinn“ bezeichnet. Immerhin hat er Infantinos Trump-Annäherung als „deplatziert“ eingestuft — aber dennoch für die Teilnahme plädiert. Die Liste solcher Aussagen lässt sich fortsetzen. So ist die Position des deutschen Fußball-Establishments, von Watzke bis Völler.

Streich sagt das Richtige — und sitzt trotzdem im ZDF-Studio

Immerhin hat Christian Streich im Kicker-Interview klare Worte gefunden – wer auch sonst: „Eine solche Inszenierung von wenigen Menschen an der Macht, die sich dann teilweise noch die Behauptung erlauben, sie würden demokratische Werte schützen, ist natürlich eine Unverfrorenheit, die einen sprachlos macht.“ Und was er über die Ticketpreise sagt — „pervers, Profitmaximierung um jeden Preis und eben auf Kosten vieler Menschen“ — trifft es ebenfalls.

Und Streich ist bei weitem nicht allein im Studio. Michael Hanfeld hat in der FAZ das Team treffend beschrieben: Zwei Moderatoren, fünf Experten — unablässig am Reden, am Erklären, am Einordnen, als ob die schiere Sendemenge das Turnier besser mache. Nicht nur im ZDF ist das so. Die. ganze deutsche Journaille steckt im gleichen Dilemma: Man weiß, dass die WM aufgebläht, überteuert und politisch kompromittiert ist — und redet trotzdem täglich darüber. Nun halt auch Streich, bei dem ich aber noch Hoffnung habe.

Thomas Müller bringt es mal wieder auf den Punkt. Er kommentiert mit Kloppo bei MagentaTV. Quelle: Goal.de

Wie viele andere Fußballfans schätze ich Streich sehr, als Trainer, auch als politischen Menschen, als jemanden, der in einer Branche voller Gleichgültigkeit regelmäßig Haltung zeigt. Ja, er sitzt gleichzeitig als einer von fünf Experten im ZDF-Studio, das für diese WM sündhaft teure Senderechte eingekauft hat, macht also ebenso irgendwie mit. Das ist ein Dilemma, in dem sich fast alle befinden. Mich eingeschlossen, wenn ich dann doch das ein oder andere Spiel schaue.

Noch etwas trübt meinen Blick auf das deutsche Team — ich gestehe es als einer von Millionen Hobbybundestrainern: Nagelsmann hat mit Neuer und Sané zwei Entscheidungen getroffen, die ich schlicht nicht nachvollziehen kann. Manuel Neuer mit 40 Jahren als Nummer eins, während Oliver Baumann eine starke Saison gespielt hat. Und Leroy Sané im Kader, obwohl er seit Monaten keine überzeugende Leistung mehr gezeigt hat — da fragt man sich, ob der Name mehr zählt als die Form. Ich weiß, der Bundestrainer kennt Mannschaft und Spieler besser. Aber das ist das Schöne am Fußball: Man darf es trotzdem falsch finden.

Gehört das Spiel noch uns Fans?

Jürgen Kaube, Herausgeber der FAZ, erwähnt zurecht, dass die Weltmeisterschaft schon seit Längerem in Ländern stattfindet, die autoritär oder diktatorisch regiert werden. Es setzt sich in den USA „nur“ fort mit absoluter Ertragsmaximierung. Die Skala der Korruption und des Abwiegelns von Kritik sei ein Kontinuum, das von starker bis zu schwacher Verlogenheit reiche.

Kaubes eigentliche Schlussfolgerung ist ernüchternd: Wer will, dass sich irgendetwas ändert, braucht den wirtschaftlichen und politischen Misserfolg dieses Turniers. Noch meldet der amerikanische Hotel- und Gaststättenverband, dass fast 80 Prozent seiner Mitglieder in WM-Spielorten Buchungen weit unter den Prognosen melden und das Turnier intern als „Nicht-Ereignis“ bezeichnen.

Das kann sich aber auch schnell ändern, denn es kann schnell passieren, dass die Faszination des Spiels stärker ist als die Abscheu vor seinen Umständen. Streich hat das so formuliert: „Wem gehört eigentlich das Spiel? Allen! Und ich bin einer davon. Soll ich mir das jetzt alles, diese Freude an diesem tollen Spiel, das weiterhin so die Menschen auf der Welt verbindet, vermiesen lassen wegen einiger weniger?“ Zumindest bleibt bei mir ein sehr fader Beigeschmack.


St. Pauli-Präsident in New York – und siehe da …

Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und DFB-Vize, hat Anfang des Jahres die Boykottdebatte angestoßen — und dafür durchaus von mancher Seite Applaus bekommen. Nun ist er nach New York gereist, zum „German House of Soccer“, hat die pulsierende Metropole per Fahrrad erkundet, viele Besucherinnen und Besucher in vielen Trikots bewundert, und hat seine früheren Aussagen etwas revidiert: Einen Boykott habe er „nie gefordert“, nur nach Roten Linien gefragt. Den Fall Artan und die 500 Elfenbeinküste-Fans ohne Einreisevisum nannte er immerhin beim Namen. Wer sich an das Sommermärchen erinnert, weiß, dass eine WM mit enthusiastischen Fans eine ganz besondere Atmosphäre entfalten kann. Das ändert aber nichts an der Abzocke durch die FIFA und den Aktionen der Trump-Administration. Das sollte auch Göttlich klar kommunizieren.


Quellen & Leseempfehlungen

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