Ein einzelner Verkaufsstand aus hellem Holz, geometrisch-flach dargestellt, auf dem statt üppiger Ernte nur drei kleine Objekte liegen: eine Zwiebel, eine Tomate, eine Feige, weit auseinander platziert auf sonst leerer Fläche. Über dem Stand ein stilisiertes Flammensymbol in Anthrazit und einem kleinen Rot-Akzent, das sich am oberen Bildrand ausbreitet, ohne den Stand direkt zu berühren. Der Hintergrund ist reinweiß, der Boden unter dem Stand in flächigem Grün gehalten, als Rest von Fruchtbarkeit.

Was ein leerer Marktstand im Bordeaux über Europas Sommer erzählt

„Ihr seid heute Zeugen vom Ende einer Welt.“ Das sagte Hervé, ein Biobauer in den Sümpfen zwischen Bordeaux und Lacanau, im Juli zum Journalisten und Publizisten Nils Minkmar. Die Hitze hatte Hervés Ernte verbrannt, er hatte kaum etwas zu verkaufen, ein paar Zwiebeln, wenige Tomaten, reife Feigen — Feigen kündigen den Spätsommer an, hier lagen sie Mitte Juli auf dem Tisch. Wochen später musste Hervé selbst vor dem Feuer fliehen. Minkmar hat das in seinem Newsletter „Der siebte Tag“ aufgeschrieben, mitten aus Lacanau-Océan. Sein Text hat mich gepackt und ich empfehle ausdrücklich, das Ihr ihn lesen solltet.

116.000 Hektar, 224.000 Evakuierte, drei tote Feuerwehrleute

In Frankreich haben die Brände nach Angaben des Pariser Innenministeriums 116.085 Hektar zerstört, laut Berichten allein rund um Bordeaux 42.000 Hektar, so viel wie die Fläche Bremens. 224.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, 126 Feuerwehrleute wurden verletzt. In Spanien brannte es um Madrid, in Ávila und Toledo, in Castellón stehen 10.000 Hektar in Flammen; seit Jahresbeginn zählt das Land 207.000 Hektar brennender Erde. Minkmar schätzt die Wärmeleistung des Feuers in der Gironde auf mehrere hundert Gigawatt, vergleichbar mit Dutzenden großer Kernreaktoren.

Doch sein Text gibt auch Hoffnung. Menschen können zusammenstehen und einander helfen, wenn es darauf ankommt: ein Bürgermeister, der nachts mit Bauunternehmern und Waldbesitzern eine Feuerschneise schlagen lässt, eine Präfektin, die per Direktalarm auf jedes Handy funkt, Nachbarn, die sich daran halten. „Zusammenhalt war da. Vertrauen, Respekt, Pragmatismus“, schreibt Minkmar über ein Land, an dessen Talkshows und Parteienstreit er sonst verzweifelt. In Frankreich starb bei diesem Feuer kein Mensch.

Auf Facebook kommt davon nichts an

Doch es brannte und brennt nicht nur in Frankreich und Spanien. Wer diesen Blog liest, hat vielleicht mitbekommen, dass wir uns auf Kreta sehr wohl fühlen. Zweite Heimat ist vielleicht zu viel gesagt, aber das ehemalige Fischerdorf Georgioupoli ist für uns mehr als eine kleine Zuflucht. Wenn wir dort sind, entspannen wir uns sofort. Das Geschehen auf Kreta und in Georgioupoli verfolgen wir auch über Facebook.

Dort las ich dann auch über das Feuer bei Rethymno, das sich, angefacht von Sturm, rasch ausbreitete — die Feuerfront wuchs auf 15 Kilometer. Zwei Feuerwehrleute verloren im dichten Rauch die Orientierung und wurden von den Flammen eingeschlossen. Der Ferienort Agia Galini wurde geräumt, rund 6.000 Urlauber mussten weg. Auch im „Second Home“ brannte und brennt es also.

Nils Minkmar nimmt in seinem Newsletter sehr kritisch Stellung zu den sozialen Medien wie Facebook. Er brandmarkt die Netzwerke in der Katastrophe als „reine Gerüchteschleudern“, und er hat wohl weitgehend recht. Bei Strom- oder Netzausfall bleibt vom digitalen Zauber ohnehin nicht viel, dann helfen Radio, Lautsprecher und das Gespräch am Gartenzaun. Die Plattformen, die uns seit zwanzig Jahren erzählen, sie verbänden die Welt, scheinen im Ernstfall keine belastbare Auskunft zu liefern. Stattdessen fokussieren sie auf das, was liefern Reichweite produziert: den lautesten Unsinn. Wer sich im Notfall darauf verlässt, ist verlassen.

Ceuta zeigt, was kommt

Während Südeuropa brannte, gelangten nach Schätzungen 50.000 bis 60.000 Menschen binnen weniger Tage von Marokko in die spanische Exklave Ceuta, eine Stadt mit knapp 85.000 Einwohnern und weniger Fläche als der Frankfurter Flughafen. Mindestens 67 Menschen starben dabei. Fast alle kehrten inzwischen zurück, weil sich keine Aussicht auf Weiterreise ergab. Italien setzte Schengen gegenüber Spanien vorübergehend aus, 22 der 27 Staats- und Regierungschefs verlangten eine Sondersitzung, Friedrich Merz unterschrieb mit. Jetzt liegt vor Ceuta eine 500 Meter lange schwimmende Barriere.

Barrieren, Bojen, Sondersitzungen. Über die Ursachen sprach kaum jemand. Wer Hervés leeren Verkaufstisch verstanden hat, versteht auch, warum in Regionen ohne Sozialversicherung und ohne funktionierenden Staat niemand sitzen bleibt, wenn die Ernte ausfällt. Kriege, Terror, Dürre, Missernten und unbewohnbare Landstriche in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten treiben Menschen in die Flucht. Solange wir dort nicht an den Ursachen ansetzen, wird kein Zaun hoch genug sein und keine Barriere lang genug.

Wer das Klima leugnet, baut nur höhere Zäune

Donald Trump und die AfD ziehen den umgekehrten Schluss. Den Klimawandel gibt es nicht, also braucht es keine Klimapolitik, nur mehr Abschottung. Die AfD schreibt in ihrem Grundsatzprogramm, CO2 sei kein Schadstoff, sondern unverzichtbar für alles Leben. Trump hat die USA zum zweiten Mal aus dem Pariser Abkommen geführt und nennt die Erderwärmung seit Jahren einen Schwindel. Beide verkaufen Zäune als Lösung für ein Problem, dessen Ursache sie bestreiten. Das ist Symptomverwaltung mit Stacheldraht.

Und wer glaubt, das sei ein Problem des Südens, sollte Tobias Rüther in der FAZ lesen. Er beschreibt einen Donnerstag, an dem in Berlin 37 Grad gemessen wurden und anderswo im Land 40, an dem die Chiemgauer Alpen brannten und Hubschrauber über ausgetrocknete deutsche Äcker patrouillierten. Es war der Earth Overshoot Day, der Tag, an dem wir die Jahresration dieses Planeten aufgebraucht hatten. In Berlin sollen derweil 40 alte Bäume an der Torstraße fallen, damit vier Spuren für Autos bleiben.

Minkmar zitiert am Ende die Göttin Athene aus Nolans „Odyssee“, die Odysseus fragt, was genau er an den göttlichen Botschaften nicht verstanden habe. Heute würde sie wohl sagen: Verbrennt weiter alles Fossile, und Godzilla wacht auf. Apocalypse now. Was ist daran schwer zu verstehen? Ich habe darauf keine bessere Antwort als Minkmar. Was hilft, steht in seinem Text: Wissenschaft, Kooperation, Mut, Anstand — und europäische Zusammenarbeit, denn auch die Bundeswehr half in der Gironde. Hervé hat die Situation beschrieben, an seinem leeren Verkaufstisch, in einem Satz.

Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikel wurde KI eingesetzt.

Quellen & Leseempfehlungen

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2 Antworten zu „Was ein leerer Marktstand im Bordeaux über Europas Sommer erzählt“

  1. […] Was ein leerer Marktstand im Bordeaux über Europas Sommer erzählt […]

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  2. Ich fürchte, wir befinden uns immer noch am Anfang einer Flüchtlingswelle, die vom Klimawandel ausgelöst wird und deren Dimensionen wir uns nicht einmal in unseren schlimmsten Träumen vorstellen können. In meinen beiden Artikeln zum Thema habe ich dieses Motiv (fehlende Lebensgrundlage durch den Klimawandel) nicht einmal erwähnt, obwohl genau das mein erster Gedanke gewesen ist. Allerdings schienen mir für diesen speziellen Fall die anderen Gründe „ausreichend“, um dieses Geschehen zu begreifen.

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