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Ruhe, bitte! Die Aufmerksamkeitsgesellschaft ist eine Ablenkungsgesellschaft – brand eins

Vergangene Woche habe ich auf der DNUG einen Vortrag über den E-Mail-Wahnsinn gehalten. Nachdem Benedikt Müller und ich die Problematik geschildert und unsere neuen technischen Ansätze (IBM Verse) präsentiert hatten, schloss ich mit den weichen, nicht technischen Faktoren und sprach über das Recht, einmal nicht always on zu sein. In Unternehmen solle akzeptiert sein, dass man auch mal 3-4 Stunden die E-Mail und andere Kanäle ausschaltet, um konzentriert zu arbeiten. Einer der Zuhörer bemerkte sinngemäß, ob man denn quasi wahnsinnig sei und seinen Job gefährden wolle. Motto: So etwas geht heute nicht. Man muss allseits bereit sein, immer sofort antworten, besonders wenn die Chefs was wollen.

Zu der Problematik passt dieser  brillanter Artikel von Wolf Lotter. Einige Zitate, die mir besonders gut gefallen:

Es heißt, wir leben in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft, aber das ist vielleicht einfach nur einer der vielen Flüchtigkeitsfehler, die uns beim Multitasking so passieren. Die Aufmerksamkeitsgesellschaft ist in Wahrheit eine Ablenkungsgesellschaft. Aktionismus rückt an die Stelle von überlegtem Tun. …

So geht es in den Organisationen meist nicht darum, sich auf eine Problemlösung zu konzentrieren, sondern fleißig den Bestand zu erhalten und seine eigene Beschäftigung zu legitimieren. Viel reden, wenig sagen und noch weniger tun. … Für Problemlösen ist kein Platz mehr auf der Agenda. Meetings und Events folgen ebenfalls zunehmend diesem Muster. Man redet über Probleme, man löst sie nicht. …

Es heißt gelegentlich, dass die sozialen Medien die Ursache für diese Entwicklung seien – doch das ist albern. … Das folgt einem weiteren Missverständnis der Ablenkungsgesellschaft: dass alles gut wird, wenn man sich nur mal ausspricht. Doch das ist falsch. Besser wird es nur, wenn man sich ausspricht und dann das Problem ernsthaft anpackt. Das ist etwas anderes. …

Führungskräfte, die Innovation wollen und damit neue Erfolge, müssen also zuallererst für Ruhe und neue Ordnung sorgen. Doch da sind die meisten erst am Üben. Dabei ist das Recht darauf, sich konzentrieren zu können, eine elementare Grundlage der Wissensgesellschaft. …

Konzentrieren wir uns auf uns. Meine Aufmerksamkeit gehört mir. Und zwar ganz.

via Ruhe, bitte! – brand eins online.

Filed under: Digitaler Arbeitsplatz, Kommunikation & Zusammenarbeit, Digitalisierung & Wirtschaft

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.