Der anklagende, oft weinerliche Ton in der Kritik an den sozialen Kanälen geht mir unterdessen ungemein auf die Nerven!

Die Tage bin ich über diese Aussagen zu sozialen Medien gestoßen, die zum Nachdenken anregen. Sascha Lobo definiert sie auf SPIEGEL ONLINE als Taktgeber von Öffentlichkeit, Politik und Privatleben. Die sozialen Medien, regional meist mehr oder weniger von einer Instanz beherrscht, emotionalisierten Anwender und Anwendergruppen. Die von Sascha zitierten Auswüchse in Entwicklungsländern, die über das Smart Phone in Kontakt mit sozialen Medien kommen, sind in der Tat schockierend.

Doch auch wir im „Westen“ sehen die Auswüchse. Richtig. Demagogen und Populisten nutzen das soziale Netz, schaffen Scheinwirklichkeiten, in denen sich Fake News, Fake Tweets und Teilwahrheiten verstärken und als Realität wahrgenommen werden. Trump macht es vor. Die deutschen Rechtspopulisten machen es vor. Und es gibt genug weitere Beispiele.

Sascha  setzt auf die junge Generation, von denen wir Ältere lernen sollten:

Millennials etwa betrachten soziale Medien nicht als Monokultur, sondern nutzen neugierig mehrere verschiedene Plattformen – wodurch die Macht und die Missbrauchbarkeit einzelner Unternehmen fast automatisch geringer wird. Immerhin.

über Soziale Medien: Das Realitätsgefühl ist die neue Realität – SPIEGEL ONLINE

Klingt eigentlich logisch. So kann man auch Christian Jakubetz interpretieren. Die junge Generation ist mit Netz und Smart Phone aufgewachsen und lebt dort, worüber wir nur reden?

Der womöglich wichtigste Unterschied dieser Generation zu uns Alten ist:  Während wir immer noch dem Gedanken nachgehen, dass wir ins Netz gehen, sind die Anderen ständig da. Sie leben im Netz.

über Medien und die digitale Deathroll – JakBlog

Doch ist ihr Verhalten und Leben im Netz wirklich so vorbildhaft? Was ist mit diesen Studienergebnissen, die die Nichtregierungsorganisation Campact und das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) für die Studie „Hass im Netz“ bei 1.200 hessischen Bürgern erfragt haben?

Die eigene politische Meinung wird im Internet aus Angst vor Herabwürdigung und Hass im Netz immer seltener geäußert. Nach einer repräsentativen Studie bekennen sich über die Hälfte der Hessen deswegen im Internet weniger zu ihrer persönlichen Einstellung zu politischen Vorgängen. Jeder dritte Hesse wurde bereits selbst Opfer von „Hassrede“ im Netz,

über Angst vor Hetze im Internet hat Folgen für Meinungsfreiheit – FAZ

Und es scheinen – so die Studie – genau die von Sascha zitierten junge Menschen von der Entwicklung betroffen zu sein: 69 Prozent der Befragten in der Gruppe zwischen 18 – bis 24 Jahren haben – so- die FAZ angegeben – , im Netz schon einmal bei politischen Themen beleidigt worden zu sein. 61 Prozent der Befragten rufen nach der Politik, die zu wenig gegen Hassreden im Internet tue.

Die Realität sei social, schreibt Sascha. Also: Twitter ist an Trump schuld. Der Brexit wurde durch Facebook verursacht. Und die Rechtspopulisten dominieren Meinung auf Facebook und organisieren über WhatsApp ihre Demos. Mir ist das zu einfach. Ja, die Demagogen nutzen die sozialen Medien für ihre Zwecke. Und auch dort gilt die alte Weisheit, dass negative Nachrichten und Themen immer besser gehen als positive.

Doch gibt es unzählige positive Wirkungen von sozialen Medien. Dass ich aber darüber mit vielen Freunden weltweit in Kontakt bin und an deren Leben teilhabe, ist halt unspektakulär. Die für mich positiven Protestbewegungen und Aufrufe gegen Klimawandel, Massentierhaltung und vieles andere mehr, die durch soziale Medien mehr Zulauf bekommen, sind nicht in dem Maße der Rede wert?

Ja, es gibt auf den sozialen Kanälen Hassreden, Shitsorms und Beschimpfungen. Aber genau wie wir Zeitungen, Radio und Fernsehen nicht einfach so den Radikalen überlassen haben, so dürfen wir auch soziale Medien nicht aufgeben und für alles Negative verantwortlich machen. Es reicht nicht, dass einige Journalisten wie beispielweise Dunja Hayali das tun (Übrigens für alle lesenswert ihre 12 Regeln gegen Hassreden). Es reicht nicht, dass wir auf die junge Generation zählen. Wir „Alten“ sind genauso gefragt, im Netz zu leben.

Ja, lieber Sascha, wir sind noch dabei Regeln und einen sinnvollen Umgang mit sozialen Medien zu entwickeln. Dabei experimentieren wir (natürlich) und es kommt zu Dingen wie dem Netzdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Ist auch normal, dass nicht alles perfekt ist und läuft. Wird es nie sein. Wir alle, Politik, Unternehmen und Wirtschaft, junge und ältere Menschen, müssen dran arbeiten.

Der anklagende, oft weinerliche Ton in der Kritik an den sozialen Kanälen geht mir unterdessen ungemein auf die Nerven. Die, nein wir, die auf Meinungsfreiheit, demokratische Grundwerte, auch kontroverse Debatten und einen gesitteten Umgang miteinander Wert legen, müssen auch in den sozialen Medien, auf Facebook & Co Flagge zeigen und Zivilcourage beweisen. Nur so geht es.

(Stefan Pfeiffer)

2 Kommentare zu „Der anklagende, oft weinerliche Ton in der Kritik an den sozialen Kanälen geht mir unterdessen ungemein auf die Nerven!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.