Geht Deutschland digitaler aus der Krise heraus? Schön wäre es, aber …

Viele (sogenannte) Experten und Medien gehen davon aus, ja fordern, dass die derzeitige Krise dazu führt, dass sich die Digitalisierung beschleunigt, „dass die drastische digitale Druckbetankung größere Veränderungsbereitschaft anstößt.“ So wurde auch eine DMEXCO Trendumfrage unter 800 Digitalentscheidern (527 aus der DACH-Region, 305 international) durchgeführt, die nach ihrer Einschätzung befragt wurden. Die aktuell gerade gebeutelte Digitalbranche ist mehrheitlich der Meinung, dass die Pandemie das Tempo der digitalen Transformation beschleunigen wird.

Digitaler Wandel: Corona und die Digitalisierung – DMEXCO

Und sicher geht das deutlich über die doch sehr werkzeugorientierten Fragen zu Kommunikations- und Kollaborationsplattform oder Videoconferencing hinaus. Ja, diese Werkzeuge werden wohl bleiben, werden weiterhin genutzt und es liegt noch enorm viel Potential in einer besseren Benutzbarkeit und Nutzung der Tools. Und manche Dienstreise mag eingespart werden, wenn es doch per Videokonferenz geht. Doch wie hat es Ole Wintermann formuliert: Es droht auch ein konservativer Backslash, oft getrieben durch diejenigen, die den Status Quo bewahren wollen. Das sieht man gerade auch an den Diskussionen rund um Heimarbeit und Remote Working. Deshalb wäre ja auch ein Recht auf Homeoffice, wie es Hubertus Heil fordert, meiner Ansicht nach durchaus sinnvoll.

Überraschung: Digitale Abläufe können etwas bringen …

Bemerkenswert auf der Metaebene ist, dass sich das Tempo der digitalen Transformation beschleunigt und der Nutzen plötzlich viele deutlicher hervortritt, wie es Michael Kroker schreibt:

Die Corona-Pandemie führt vielen Unternehmenschefs die Vorteile digitaler Abläufe und Arbeitsmethoden erstmals völlig ungefiltert vor Augen. Selbst Skeptiker erkennen jetzt den Nutzer neuer Tools und Technologien.

Krokers RAM: Die Coronakrise ist ein Katalysator für die Digitalisierung in Deutschland! | Kroker’s Look @ IT

Traurig, dass es dazu einer solchen Krise bedurft hat. Derzeit muss an vielerlei Stellen umgedacht werden, müssen neue Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle umgesetzt werden, die viel stärker digitale Technologien nutzen. Wer sich nicht ändert, kommt in (noch) größere Probleme.

Es geht (auch lokal) digital mehr, als man denkt … wenn man es wirklich will

Es gibt bereits viele „kleine“, bemerkenswerte Beispiele, wie die Biohöfe und lokalen Buchhändler, die plötzlich einen Webshop haben und jetzt an die Haustür liefern. Und ich hoffe, dass es vielen kleinen Anbietern und dem Einzelhandel auch gelingt, sich mit entsprechenden Mehrwerten gegenüber den oft übermächtigen Wettbewerbern wie Amazon zu positionieren. Meine Frau hat es mir schon vor der Corona-Krise vorgemacht: Sie bestellt die Bücher bei der lokalen Buchhandlung, die sie jetzt in der Krise sogar an die Haustür liefert. Ich weiß, nicht überall kann das funktionieren, aber es geht auch lokal mehr, als man gemeinhin denkt. Wenn man es will und konsequent umsetzt.

Hoffentlich ist es auch ein Weckruf für und an diejenigen, die das Netz und damit einhergehende Digitalisierung bisher nicht als ernsthafte Plattform für ihr Geschäft ansehen. Nochmals Michael Kroker:

Firmen, die ihre Agilität durch digitale Transformation, durch die Automatisierung von Prozessen und durch das Ausschöpfen neuer digitaler Geschäftsmodelle bereits verbessert haben, werden die Krise besser meistern.

Krokers RAM: Die Coronakrise trennt bei den Unternehmen die Spreu vom Weizen! | Kroker’s Look @ IT

Arbeitsabläufe einfach mal ins Netz übertragen?

Sie werden die Krise aber nur dann meistern, wenn sie diese eigentlich lange bekannte Regel beherzigen:

Digitalisierung darf weiterhin nicht missverstanden werden als Aufgabe, althergebrachte Arbeitsabläufe einfach eins zu eins ins Internet zu übertragen – sonst ist die Gefahr groß, dass sie schlicht scheitert.

Technik macht widerstandsfähiger – auch gegen Pandemien – Alexander Armbruster in der FAZ

Im Bereich Medizin ist der Weckruf angesichts der Pandemie beispielsweise besonders deutlich zu vernehmen. Ob es nun die Sprechstunde per Videoanruf ist oder ob Wearables wie die Apple Watch zur Überwachung manchmal gar lebenswichtiger Werte eingesetzt werden und gar Leben retten (können), die Betreuung der Patienten wird sich verändern. Und bestehende Initiativen wie die elektronische Kranken- und Patientenakte dürften hoffentlich nicht nur in der Wahrnehmung einen Schub bekommen.

Vielleicht gelingt es ja doch noch, eine COVID-19-App einzuführen, die nicht „missbraucht“ wird. Und ja, nicht nur, aber gerade in solchen Einsatzgebieten ist das Thema Datenschutz und Datensicherheit ganz besonders wichtig, muss immer wieder kontrolliert und hinterfragt werden. Ich bin bei denjenigen, die wirkungsvollen Datenschutz nicht als Nachteil, sondern als Wettbewerbsvorteil ansehen.

Es geht nicht um Technologie: Es geht darum, Chancen pro Einsatzgebiet zu identifizieren

Genau wie in der Medizin muss man sich die Chancen der Digitalisierung spezifisch nach Branche und Einsatzgebiet ansehen und bewerten. Kontaktloses Bezahlen wird nun auch in Deutschland (endlich) viel normaler und wahrscheinlich viel akzeptierter. Die Blockchain-Technologie ist wieder da, besonders um Lieferketten nachvollziehbar zu machen. Das reicht vom Bedürfnis von immer mehr Konsumenten, zu wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen, bis zur Nachvollziehbarkeit wichtiger, weltweiter Lieferketten in vielerlei Bereichen.

Kann es den europäischen Weg in der Digitalisierung geben?

Es gibt viele Branchen und Anwendungsgebiete, in denen jetzt Technologien eine wichtige Rolle spielen können und werden. Dabei sollte immer auch das Hirn eingeschaltet bleiben. Macht es betriebswirtschaftlich Sinn? Ist es sicher? Diese Diskussionen wird man führen müssen, ohne dabei zu viel Zeit zu verlieren. Es könnte durchaus einen eigenständigen europäischen Weg im Umgang mit Technologie zwischen dem chinesischen und amerikanischen Ansatz geben, wenn sich die Europäer zusammenreißen. Und bei allen visionären Ideen und Flugtaxen dürfen wir auch die ganz banale Infrastruktur nicht vergessen. Das Netz, die Bandbreite muss da sein. Auch wenn „das Netz“ überraschenderweise in dieser Krise doch ganz gut funktioniert hat, brauchen wir mehr Bandbreite in der Fläche bis zur letzten Milchkanne. Denn auch dort, an der Milchkanne wird digitalisiert werden. Experten gehen davon aus, dass gerade in der Landwirtschaft enorme Potentiale schlummern.

Kommt der Swingback? Auch im Willen zur Veränderung

Die Chancen sind da. Doch schließen möchte ich mit einem Zitat von Guido Mingels, der im Spiegel neun Thesen aufgestellt hat, was die Coronakrise für die Techindustrie bedeutet:

Trotz aller krisenbedingten Veränderungen sollte man nie die Beharrungskräfte des Status quo unterschätzen. Es ist auch möglich, dass sich durch die Coronakrise viel weniger verändern wird, als alle gerade mutmaßen, fürchten, hoffen …

Corona-Krise: Wie sich die Techindustrie jetzt verändert – DER SPIEGEL

Ich persönlich hoffe, dass wir alle wirklich die Chancen ergreifen, uns auf den angesprochenen europäischen Weg zwischen China und Amerika begeben. Eigentlich hat Europa, hat Deutschland keine Wahl. Eigentlich …

(Stefan Pfeiffer)

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