The composition prominently features "9vor9" positioned on the right side. Donald Trump is the central figure, confidently holding a conductor's baton. He stands before a backdrop of the American flag and a vibrant, colorful chessboard setup. Several camera lenses are aimed at him, creating a dynamic and media-focused atmosphere, while the phrase "GREAT TELEVISION" appears boldly across the bottom.

Great Television statt Demokratie: Wie Trump die US-Politik TV-isisiert

Trump ist nun geraume Zeit zurück im Oval Office – und mit ihm ein mediales Dauerbombardement, das selbst erfahrene Beobachter überfordert. In unserem aktuellen 9vor9-Podcast diskutiere ich mit Lars genau diese Problematik: Wie sehr sind wir als Nachrichtenkonsumentinnen und -konsumenten, als Blogger und Podcaster und als Medien selbst zum Spielball von Trumps Aufmerksamkeitsstrategie geworden? Die Zahlen sind erschreckend – und die Methoden noch perfider.

Die Strategie der scheinbaren Transparenz: 129 Pressekontakte als Falle

Die Wissenschaftlerin Martha Joynt Kumar vom White House Transition Project hat eine bemerkenswerte Zahl ermittelt: Trump hatte in seinen ersten 100 Tagen 129 Interaktionen mit Reportern – so viele wie kein US-Präsident vor ihm. Fast zwei Pressekontakte pro Werktag. Klingt das nach Transparenz? Mitnichten. Es ist die perfekte Inszenierung für das, was Trump als „Great Television“ bezeichnet.

Diese scheinbare offene Kommunikation entpuppt sich als Falle. Während Joe Biden sich monatelang versteckte, überflutet Trump die traditionellen Medien und die sozialen Medien und damit uns alle systematisch mit seinen oft noch so abstrusen Thesen und Statements. 40 dieser Pressetermine fanden allein im Oval Office statt – die perfekte Kulisse für Reality-TV-Politik. Wie im Podcast richtig angemerkt: Wir springen über sein Stöckchen.

Absurde Verlautbarungen als Medienstrategie

Dass Trumps Kommunikationsstrategie gezielt auf Verwirrung setzt, zeigt sich an seinen skurrilen Thesen: Der „Golf von Amerika“ statt Golf von Mexiko, Kanada als 51. Bundesstaat der USA, die Übernahme Grönlands – notfalls mit militärischen Mitteln – und natürlich die „Windräder“ in Schottland, die angeblich „Europas Schönheit zerstören“. Diese Verlautbarungen sind kein Zufall: Sie funktionieren nach dem Zone-Flooding-Prinzip und Medien berichten weltweit über jeden noch so absurden Einfall. Mit 16 von 26 Interviews bei Fox News und anderen konservativen Medien kontrolliert er die Narrative.

Reality-TV meets Präsidentschaft: „This Great Television“

Trumps Karriere als Host von „The Apprentice“ war kein Umweg – sie war die Blaupause für seine Politik. Die Episode mit Selensky im Weißen Haus ist ein Paradebeispiel. Statt eines diplomatischen Gesprächs inszeniert Trump live eine Auseinandersetzung rund um Sicherheitsgarantien und Dankbarkeit – samt lauter Vorwürfen, Abbruch des Treffens und der Bemerkung: „Das wird großes Fernsehen geben.“

Für Trump zählt der „Thrill“ und die öffentliche Inszenierung, nicht das Ergebnis oder der Inhalt. Die Ratings und das TV-Format überlagern die reale Politik. Für Millionen Zuschauer weltweit gerät die Tragweite politischer Entscheidungen so in den Hintergrund. Politik wird zur inszenierten Show, Weltdiplomatie zum Staffelfinale, und die demokratische Debatte zur Kulisse für Einschaltquoten. „You’re so fired …“.

Die Medien-Falle: Zwischen Kritik und Komplizenschaft

Die Zahlen sind erschreckend: Laut Washington Post verbreitete Trump in seiner ersten Amtszeit 30.573 falsche oder irreführende Aussagen. Das entspricht durchschnittlich 21 Falschbehauptungen pro Tag. In seiner zweiten Amtszeit setzt sich diese Entwicklung fort – CNN dokumentierte bereits über 100 weitere Falschaussagen in den ersten 100 Tagen.

Gleichzeitig bestraft er unabhängige Medien: Es ist nicht Einzelaktionismus, sondern pure Absicht. In der zweiten Amtszeit schaltet Trump Pressedienste ab, wirft Reporter aus dem Weißen Haus und lädt „News-Broker“, Influencer und rechte Podcaster ins Zentrum der Macht ein. Die Associated Press? Raus, weil sie beim „Golf von Mexiko“ nicht mitspielt.

Die New York Times und CNN dürfen ihre Büros räumen, Platz machen für YouTube-Populisten und MAGA-Tweeter. Pressefreiheit als Gnadenakt – wer brav berichtet, bekommt Zugang, der Rest wird ignoriert oder verklagt. Das Wall Street Journal darf nicht mehr in der Air Force One mitfliegen, nachdem es über Trumps Epstein-Verbindungen berichtete. Wer zu kritisch ist, muss mit Rufmord, Klagen und Ausschluss rechnen.

Truth Social: Die eigene Propaganda-Maschine

Während andere auf X oder Facebook angewiesen sind, hat Trump mit Truth Social seine eigene Medienplattform geschaffen. Nach seiner Sperrung von Twitter und Facebook gründete er 2022 diese „alternative“ Plattform. Mit rund 5 Millionen aktiven Nutzern ist sie zwar klein im Vergleich zu den Giganten, aber perfekt als Echo-Kammer für MAGA-Botschaften geeignet. Hier kann Trump ungefiltert seine Narrative verbreiten – ohne Fact-Checker, ohne Widerspruch, ohne Korrektive.

Systematische Wissenslöschung: 8.000 Regierungsseiten verschwunden

Was quasi parallel stattfindet und mindestens genauso perfide ist: Trump löscht systematisch Wissen. Mindestens 8.000 Regierungswebseiten wurden bereits gelöscht oder verändert. Klimadaten der NOAA verschwinden, medizinische Informationen werden zensiert, sogar historische Aufnahmen wurden entfernt. Das Data Rescue Project versucht verzweifelt, diese Daten zu retten. Begriffe wie „Diversität“, „Gleichheit“ oder „Frau“ stehen auf einer Verbotsliste – Wissen wird ideologisch gesäubert.

Die Trump-Marke: Selbstvermarktung als Geschäftsmodell

Trump hat verstanden, was Marketing-Experten längst erkannt haben: Er ist selbst die Marke. Er nutzt seine politische Position konsequent zur Selbstvermarktung. Von Truth Social über „Trump Mobile“ bis zur Kryptowährung „$TRUMP“ – alles wird monetarisiert. Seine Söhne verkaufen Handytarife („The 47 Plan“ für 47,45 Dollar monatlich – eine Anspielung auf Trump als 47. und 45. Präsident), während er im Oval Office mit Geschäftsfreunden prahlt: „Der hier hat 2,5 Milliarden gemacht und der hier 900 Millionen.“ Die Grenze zwischen Amt und Geschäft verschwimmt systematisch – ethische Bedenken sind zweitrangig, wenn Milliarden winken.

Die deutschen Trump-Nachahmer: AfD und die Gefahr der Normalisierung

Die AfD hat sich systematisch Trumps Methoden abgeschaut: Mit über 2.500 Fake-Accounts, der Diffamierung etablierter Medien als „Lügenpresse“ und der gezielten Nutzung rechtsextremer Kanäle perfektioniert sie das Zone-Flooding-Prinzip für Deutschland. Besonders perfide übernimmt sie auch Trumps Anti-Windkraft-Rhetorik und diskreditiert die Energiewende als „Projekt grüner Eliten“.

Wie wir im Podcast warnen: Die größte Gefahr liegt darin, dass auch demokratische Parteien der Mitte zu populistischen Mitteln greifen könnten – wenn etablierte Politiker beginnen, Windräder zu verteufeln oder mit Halbwahrheiten um Stimmen zu buhlen, ist der Weg zur vollständigen Trumpisierung der deutschen Politik nicht mehr weit. Unser eindringlicher Ratschlag: Wehret den Anfängen. Jede Normalisierung populistischer Rhetorik schwächt die demokratische Kultur.

Unsere Verantwortung als Podcaster und Blogger

Trump hat ein System perfektioniert, in dem kritische Medien, wir als Blogger, Podcaster und Influencer, trotzdem zu Verstärkern seiner Botschaften werden. Ist das alles Strategie oder sind es einfach nur emotionale Ausbrüche, durch die er seine Statements stakkatohaft in die Öffentlichkeit feuert? Wir wissen es nicht, der beschriebene Effekt ist so oder so da.

Was bleibt für uns? Zunächst die ehrliche Selbstreflexion: Sind wir Teil des Problems? Wer jeden Trump-Tweet kommentiert, wird zum Mitspieler in seinem Reality-TV-Szenario. Aber Ignorieren ist auch keine Option – denn Trump setzt seine Drohungen meist um.

Die Lösung liegt in der Methode: Weniger Empörungsmanagement, mehr Faktenchecks. Weniger „Great Television“, mehr substanzielle Analyse. Und vor allem: den Unterschied zwischen Show und Substanz bewahren, auch wenn die Grenzen täglich verwischen.

Fazit: Mediendemokratie in Gefahr

Trumps Medienspektakel ist mehr als politisches Theater – es ist ein systematischer Angriff auf die Informationsgrundlage der Demokratie. Mit scheinbarer Transparenz, eigenen Propagandakanälen und systematischer Wissenslöschung schafft er eine Parallelrealität.

Unser Podcast zeigt: Wir müssen uns der eigenen Rolle bewusstwerden. Nicht jede Steilvorlage verwandeln, nicht jeden Skandal kommentieren – aber die Mechanismen offenlegen und die Fakten gegen die Show verteidigen.

Donald Trump und die Medien: Strategie, Show, Manipulation, Missbrauch, alles zusammen #9vor9 – Die Digitalthemen der Woche

In dieser Folge von 9vor9 sprechen wir darüber, wie Donald Trump Medien und soziale Netzwerke für seine Zwecke (aus)nutzt – und wie Journalistinnen und Journalisten und auch wir alle damit umgehen sollten. Wir gucken uns aktuelle Studien an, sprechen über aktuelle Beispiele des ganz normalen Kommunikationswahnsinns des US-Präsidenten und versuchen, soweit wir das einschätzen können, einen Vergleich zwischen den USA und Deutschland zu ziehen beim Umgang mit Populisten.

Zwischen Show und Verantwortung: Unsere Empfehlungen

Wer sich mit Trump, Medien und dem „tvisierten“ Politikbetrieb ernsthaft auseinandersetzt, erkennt die Gefahren und die Faszination. Für uns Podcaster und Blogger heißt das:

  • Kritisches Hinterfragen statt bloßer Kommentierung: Die Linie zwischen Analyse und Teilnahme am Spektakel ist dünn.
  • Nicht jedes Drama kommentieren: Manchmal ist Durchzug wirkungsvoller als Empörungsmanagement.
  • Fakten vor Ratings: Politik ist mehr als „Great Television“. Unsere Verantwortung.ist, die Substanz zur Bühne zu machen.
  • Reflexion der eigenen Rolle: Medieninszenierung instrumentalisiert uns – umso wichtiger ist es, die Mechanismen offenzulegen und die eigene Teilnahme zu hinterfragen.
  • Klare Begriffe, klare Haltung: Reality-TV, „Great Television“, Showmanship – das sind keine abwertenden Metaphern, sondern reale Machtinstrumente der Gegenwart.


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