Ein Netzwerk aus Tech-Milliardären verbindet eine gemeinsame Ideologie – und die reicht längst bis nach Deutschland. Peter Thiel knüpft die Fäden, sein Vordenker Curtis Yarvin will die Demokratie abschaffen, Marc Andreessen verklärt das zum „Techno-Optimist-Manifesto“, und Elon Musk treibt es als rassistischen Geburtenkult auf die Spitze. Am Ende steht ein Milliardär, der eine literarische Dystopie als Bedienungsanleitung liest – und das ist kein Zufall, sondern System.
Peter Thiels Netzwerk: Wie ein Milliardär deutsche Politik unterwandert
Peter Thiel wird gern als schrulliger Investor mit Vorliebe für Weltraumkolonien und Unsterblichkeitsfantasien abgetan. Das verkennt, was er tatsächlich aufgebaut hat: ein engmaschiges Geflecht aus Beteiligungen, Stiftungen und persönlichen Kontakten, das sich über Jahrzehnte in politische Machtzentren hineingearbeitet hat. In Frankfurt geboren, in den USA zum Vordenker eines libertären Autoritarismus geworden – Thiel hält von Demokratie erklärtermaßen nichts, träumt von CEO-geführten Inselstaaten außerhalb jeder staatlichen Kontrolle und hat mit JD Vance einen seiner engsten Zöglinge bis ins Vizepräsidentenamt gehievt.
Richtig brisant wird das erst durch ein aktuelles Datenleck, das regelmäßigen Kontakt zwischen Thiel und Unionsfraktionschef Jens Spahn offenlegt. Keine Randnotiz zu irgendeinem Hinterbänkler, sondern zur Spitze der Union. Dazu die Palantir-Präsenz in Österreich mit der früheren SPÖ-Politikerin Laura Rudas in prominenter Position, die Männerfreundschaft mit Sebastian Kurz, der nach seinem Politik-Aus direkt bei Thiel anheuerte.
Wer glaubt, Thiels Ideen von der Abschaffung des Wahlrechts für Frauen oder der Herrschaft einer CEO-Elite blieben folgenlose Gedankenspiele, hat die Architektur seines Netzwerks nicht verstanden. Diese Vision trägt sogar einen Namen: „The Sovereign Individual“, ein 1997 erschienenes Buch, zu dem Thiel persönlich das Vorwort schrieb und das den Rückzug einer globalen Elite aus dem demokratischen Nationalstaat predigt. Wie konsequent aus dieser Theorie inzwischen politische Praxis wurde, arbeitet der Journalist Gil Durán in seinem aktuellen Buch „The Nerd Reich“ heraus.
Wie tief diese Ablehnung reicht, zeigt ein Blick auf Thiels private Theologie: Bei Vorträgen in San Francisco und Rom kokettierte er zuletzt mit dem Begriff des „Katechon“ – dem biblischen „Aufhalter“ der Apokalypse, den laut FAZ-Rezensent Mark Siemons auch der Staatsrechtler Carl Schmitt und der russische Putin-Ideologe Alexander Dugin für sich beanspruchen.
Thiel spekuliert öffentlich, ob Greta Thunberg oder Alexandria Ocasio-Cortez Agentinnen des Antichristen seien, die mit Warnungen vor Klimakatastrophen und Künstlicher Intelligenz einen regulierenden Weltstaat herbeiführen wollten. Er begründet seine Furcht vor diesem Weltstaat ausdrücklich mit der drohenden Regulierung von Technologie, Finanzen und Hassrede im Netz – die Apokalypse als Argument gegen den Gesetzgeber.
Curtis Yarvin: Wie Thiels Vordenker Demokratie abschaffen will
Wenn Thiel das Geld und die Kontakte liefert, liefert Curtis Yarvin die Theorie. Der frühere Softwareentwickler hat sich zum ideologischen Guru der Techbro-Blase stilisiert, und sein Blog „Gray Mirror“ wird längst nicht mehr nur in einschlägigen Foren gelesen, sondern von der New York Times aufwärts beobachtet. Seine Kernbotschaft: Wahlen abschaffen, Mitbestimmung abschaffen, Kleinstaaten wie Aktiengesellschaften führen, in denen nur Anteilseigner etwas zu sagen haben. Dazu unwissenschaftlicher Rassismus und Fantasien einer Rekolonialisierung Afrikas.
Man könnte das als Internet-Spinnerei abtun, wäre da nicht die Praxis. Musks „Department of Government Efficiency“ folgte sichtbar Yarvins Jahre altem Konzept, unter dem Kürzel RAGE die komplette Entlassung des Beamtenapparats zu propagieren. Aus der Theorie eines Blogs wurde Regierungshandeln. Und Yarvin bleibt nicht in den USA: Auftritte in Wien vor rechtsextremen Identitären, ein Vortrag im ehemaligen Haus der Hitlerjugend auf Einladung eines Orbán-nahen Thinktanks, Fotos mit AfD-Abgeordneten, Applaus vom österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner. Wer glaubt, diese Ideologie bleibe hinter dem Atlantik, hat Yarvins Kalender nicht gelesen.
Marc Andreessens Manifest: Wie Eugenik zum Techno-Optimismus wird
Marc Andreessen, einst Miterfinder des Webbrowsers Netscape, hat sich zu einem der einflussreichsten Ideologen des Silicon Valley entwickelt – und ist stolz darauf, niemals über sich selbst nachzudenken. „Null, so wenig wie möglich“, verkündete er kürzlich über seine Selbstreflexion, Therapie sei ohnehin nur eine Erfindung Freuds. Elon Musk sprang ihm postwendend bei: Selbstreflexion sei ein „Rezept für Elend“. Was wie Macho-Getue klingt, ist tatsächlich Programm.
Andreessens „Techno-Optimist-Manifesto“ lehnt soziale Gerechtigkeit ab, erklärt Nachhaltigkeitsinitiativen zu Feinden und fordert technologische Entwicklung ohne jede Regulierung – Ideen, für die er sich unter anderem bei Curtis Yarvin bedient, aber auch bei Filippo Tommaso Marinetti, dessen „Faschistisches Manifest“ später Mussolini als ideologisches Fundament diente. Explizit unterscheidet Andreessen zwischen „lebenswertem“ und „weniger wertvollem“ Leben. Kritische Medien begegnet er nicht mit Argumenten, sondern mit eigenen Kanälen, die den gewünschten optimistischen Blick verbreiten sollen, sobald die klassische Presse unbequeme Fragen stellt.
Wie systematisch das Geld dahinter fließt, zeigt eine aktuelle Fortune-Analyse von Sydney Lake: 433 Millionen Dollar sind bereits in die US-Midterms 2026 geflossen, 80 Cent von jedem Dollar an die Republikaner. Musk allein steuert rund 90 Millionen bei und kündigte laut Handelsblatt trotz seines öffentlichen Zerwürfnisses mit Trump an, über sein America PAC erneut massiv zu investieren – George Soros kommt mit rund 103 Millionen für die Demokraten nicht annähernd auf ein Gegengewicht. Das Ungleichgewicht ist kein Zufall, sondern die finanzielle Blaupause derselben Ideologie.
Elon Musks Geburtenkult: Wie Eugenik zur Geschäftsidee wird
Am konkretesten – und am verstörendsten – wird die Ideologie bei Elon Musk. Der reichste Mann der Welt inszeniert sich als Retter der Menschheit, der mit einer „Legion aus Nachkommen“ den Mars besiedeln will. Was harmlos nach Familiensinn klingt, ist bei genauerem Hinsehen strikt selektiv gedacht: Fortpflanzen sollen sich vor allem weiße, nicht-behinderte, finanzstarke Menschen – seinesgleichen eben. Wer arm ist, einer Minderheit angehört oder eine Person of Color ist, soll der Logik nach eben nicht dazugehören. Das Project 2025 der Heritage Foundation liefert dazu die politische Blaupause, mit Plänen zur Geburtenförderung und einer „National Medal of Motherhood“, die sprachlich näher am NS-Mutterkreuz liegt, als es der Name vermuten lässt.
Von Musks mindestens 14 Kindern soll er nur eines auf klassischem Weg gezeugt haben, der Rest entstand über künstliche Befruchtung mit sorgfältig ausgewählten Frauen – und einer erklärten Präferenz für Söhne. Frauen werden in diesem Weltbild zu Werkzeugen degradiert, ihre Selbstbestimmungsrechte offen infrage gestellt. Und ausgerechnet Jens Spahn schließt diesen Kreis. Öffentlich argumentierte er gegen Leihmutterschaft. Privat nahm er sie selbst in Anspruch. Verankert ist er tief im selben Thiel-Netzwerk, das diese Ideologie trägt. Bitterer lässt sich diese Serie kaum schließen.
Dass sich dahinter mehr verbirgt als Musks individuelle Marotten, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 1909: Was Musk mit SpaceX zelebriert – schneller, höher, weiter als heiliges Prinzip –, hat der italienische Futurist Filippo Tommaso Marinetti hundert Jahre zuvor vorgedacht, wie der Publizist Björn Hayer in der Frankfurter Rundschau herausarbeitet. Marinettis Manifeste feierten den soldatischen, aus Stahl gebauten Mann, forderten offen die „Verachtung der Frau“ und beschworen die „erneuernde Kraft“ der eigenen Rasse durch Fortpflanzung – dieselbe Verbindung von Technikkult, Männlichkeitsideal und rassischer Selektion, die bei Musk heute wiederkehrt. Marinetti gilt nicht zufällig als früher Vordenker des Mussolini-Faschismus.
Musk liest Neuromancer falsch: Wie aus Warnung ein Businessplan wird
Es passt ins Bild, dass ausgerechnet Musk sich in der Literatur ständig missversteht. William Gibsons „Neuromancer“ beschreibt seit 42 Jahren eine Dystopie: eine Welt, in der Konzerne mächtiger sind als Staaten, in der Milliardäre nach Unsterblichkeit streben und Rechenzentren im All errichtet werden. Was Gibson als Warnung schrieb, behandelt Musk als Bauanleitung. Als im Rahmen seines Prozesses gegen OpenAI eine E-Mail über Neuralink-Experimente öffentlich wurde, beschrieb Musk selbst die Elektronik als kompakt genug, um „plan in der Schädeldecke“ zu liegen – „sehr trippy, genau wie Neuromancer“.
Genau darin liegt die erschreckende Pointe dieser ganzen Serie. Thiels Netzwerk, Yarvins Anti-Demokratie-Theorie, Andreessens Eugenik-Manifest und Millionen-Spenden, Musks Geburtenkult – all das ist exakt die konzernbeherrschte, ungleiche, entmenschlichte Welt, vor der Science-Fiction-Autoren seit Jahrzehnten warnen. Der Unterschied zwischen Warnung und Bauplan war für diese Männer offenbar nie besonders groß. Sie hatten das Buch. Sie haben es als Anleitung gelesen.
Epilog: Ein Buch, das die Punkte verbindet
Wer nach dieser Serie noch tiefer einsteigen will: Gil Durán zeichnet in „The Nerd Reich“ exakt dieses Netzwerk nach – von Thiel über Andreessen bis Musk – und zeigt, wie aus Silicon-Valley-Rhetorik von Freiheit und Disruption eine Blaupause für digitalen Feudalismus wurde. Seine These deckt sich mit der dieser Serie: Demokratien werden heute seltener gestürzt als vielmehr durch Kapital, Code und das Versprechen der Innovation ausgehöhlt.
Quellen
- Claudia Zettel: Netzwerk-Meister: Der lange Arm des Peter Thiel, Golem
- Wie gründe ich einen Kult? Leak enthüllt Mitglieder von Peter Thiels Geheimnetzwerk, Der Standard
- Claudia Zettel: Curtis Yarvin: Peter Thiels Einflüsterer auf Europatour, Golem
- Claudia Zettel: Marc Andreessen: Roh ist der Bro, Golem
- Sydney Lake: Billionaire donors and the 2026 midterms, Fortune
- Tech-Milliardär Musk hilft bei Kongresswahl wieder Trumps Republikanern, Handelsblatt
- Claudia Zettel: Elon Musk: Der rassistische Geburtenkult der Tech-Elite, Golem
- Christian Stöcker: Neuromancer: Wer verstehen will, was Elon Musk nicht versteht, muss dieses Buch lesen, Spiegel
- Gil Durán: The Nerd Reich, Simon & Schuster
- Mark Siemons: Thiel, Dugin, Schmitt und die apokalyptische Verschwörung, FAZ
- Björn Hayer: Silicon-Valley-Elite und der Futurismus: Herrlich der Krieg, überflüssig die Geschichte!, Frankfurter Rundschau


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