„Was, wenn Reiche recht hat?“, so lautet der Titel der t-online-Kolumne von Uwe Vorkötter, des ehemaligen Chefredakteurs der Stuttgarter Zeitung und der Berliner Zeitung, laut Autorenkasten „einem der erfahrensten Journalisten der Republik“. Er erklärt Katherina Reiche zur „Vernünftigen“. Ihre Kritiker? Die sind „hysterisch“, „grün-links“, ideologiegetrieben.
Selbst entlarvend seine verwendeten Quellen unter dem Artikel: wörtlich „Eigener freier Verstand, eigene Überlegungen.“ Keine einzige Zahl belegt, keine Studie zitiert, kein Faktencheck referenziert. Das sagt mehr über den Text als sein Inhalt. Trotzdem verdient er eine Replik – denn er verdichtet die Narrative, mit denen Reiche seit Monaten durchkommt, zu einer Märchenstunde für alle, die keine Lust haben, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen.
„Batteriespeicher gibt es noch nicht“ – doch, sie stehen vor der Tür
Vorkötters zentrales Argument: Ohne Gaskraftwerke keine Versorgungssicherheit, denn „große Batteriespeicher, die gibt es noch nicht“. Das ist die vielleicht bequemste Falschaussage in der gesamten Energiedebatte. Bei den Netzbetreibern liegen Anträge für über 500 Gigawatt Großspeicher vor. Die Bundesnetzagentur bestätigt, dass sich Batteriespeicher bereits heute am Markt refinanzieren – ohne jede Subvention. Weltweit übertrifft die installierte Leistung von Batteriegroßspeichern mittlerweile die aller Pumpspeicherkraftwerke zusammen.
Warum gibt die Speicher es noch nicht? Weil die Genehmigungen feststecken. Und die stecken fest, weil Reiches Ministerium sie nicht beschleunigt. Christian Stöcker formuliert es im Spiegel so: Reiche hat in ihrem eigenen Modell bis 2035 nicht mehr Großspeicher vorgesehen als heute. Das ist kein technisches Problem. Das sieht nach politischem Willen aus.
Mehr noch: Stöcker dokumentiert in einer weiteren Kolumne, dass Reiche Unternehmen mit Gaskraftwerken aktiv um Regulierungstipps gebeten hat, um Batteriespeicher zu blockieren. Mittlerweile hat sogar das Bundeskartellamt öffentlich Kritik geübt: Reiches Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz sei in Wahrheit nicht „technologieoffen“, sondern würde „Batteriespeicherprojekte faktisch von der Ausschreibung ausschließen“.
Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass Reiches Pläne die Energiewende 40 Milliarden Euro teurer machen könnten – für den Steuerzahler. Die Ministerin, die Vorkötter als „Vernünftige“ adelt, wird also von der obersten Wettbewerbsbehörde des Landes der Marktverzerrung zugunsten ihres ehemaligen Arbeitgebers bezichtigt. Davon liest man nichts bei Vorkötter.
Und dann plaudert er süffisant vom Gas-Robbi Robert Habeck, der ja auch wie Gas-Kathi Gaskraftwerke habe bauen wollen? Habeck plante zu seiner Zeit 12,5 Gigawatt Gaskraftwerke. Reiche wollte 20 bis 36 – fast das Dreifache. Die EU-Kommission hat sie zurückgepfiffen, weil Vizekommissionschefin Teresa Ribera das beihilferechtlich nicht durchwinken wollte.
Die selektive Buchführung des Elder Statesman

Vorkötter schreibt vom grünen Wunder, das Milliarden auffresse: 600 Milliarden Netzausbau, 20 bis 30 Milliarden Subventionen pro Jahr, 45 Milliarden für Gaskraftwerke über 15 Jahre. Klingt erdrückend. Aber es ist die Hälfte einer Bilanz, und zwar genau die Hälfte, die Reiche auch erzählt. Die andere Hälfte fehlt bei Vorkötter ebenso konsequent wie bei Reiche.
Fossile Energieimporte kosten Deutschland 76 bis 80 Milliarden Euro – jährlich. Bei aktuellen Hormus-Preisen weit mehr – 2022 waren es 140 Milliarden in einem einzigen Jahr. Umweltschädliche Subventionen für fossile Energien beziffert das Umweltbundesamt auf mindestens 65,4 Milliarden Euro pro Jahr – Diesel, Kerosin, Dienstwagen, Kohle. Die fossile Wirtschaft wird also mehr als doppelt so hoch subventioniert wie die Erneuerbaren. Und die 600 Milliarden für Netzausbau? Die verteilen sich über Jahrzehnte. Die fossilen Importkosten fallen jedes Jahr an. Vorkötter empört sich über die eine Zahl und verschweigt die anderen. Elder Statesman, einer der erfahrensten Journalisten? Hoppla.
Das Klimaschutzgesetz als „Anmaßung“ – wessen eigentlich?
Vorkötter kritisiert, das Klimaneutralitätsziel 2045 sei „juristisch vorgegeben“ statt politisch verhandelt, eine „Anmaßung“. Das Gesetz wurde 2021 vom Bundestag verabschiedet – politisch, mit den Stimmen der Union. Es war die Regierung Merkel, die es nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sogar verschärfte. Die Grünen stimmten damals dagegen, weil es ihnen nicht weit genug ging.
Die RWI-Umfrage, die am selben Wochenende wie Reiches FAZ-Gastbeitrag erschien, zeigt übrigens: 71 Prozent der Deutschen halten Klimaneutralität für richtig oder weitgehend richtig. 69 Prozent der Befürworter wollen explizit, dass Deutschland eine Vorreiterrolle übernimmt. Nur 13 Prozent lehnen das Ziel ab. Ist das ein „grün-linkes Milieu“ Selbst entlarvend seine verwendeten Quellen unter dem Artikel: wörtlich „Eigener freier Verstand, eigene Überlegungen.“oder eher breiter gesellschaftlicher Konsens?
„Ob 2045 oder 2050 ist fürs Weltklima irrelevant“ – der bequemste aller Relativismen
Vorkötter treibt es noch bunter: Ob Deutschland 2045 oder 2050 klimaneutral werde, sei „für das Weltklima irrelevant“. Das klingt erst einmal nach gesundem Menschenverstand. Ist aber ein Denkfehler, denn erstens ist Deutschland historisch einer der größten CO₂-Emittenten. Zweitens steigert jedes Jahr Verzögerung die Kosten der Transformation und vertieft den Lock-in in fossile Infrastruktur. Die langfristigen LNG-Verträge, die Reiche gerade mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko abschließen will, binden Deutschland weit über 2045 hinaus an Gas.
Drittens – und das ist der Punkt, den Stöcker im Spiegel am schärfsten macht: Wer das Tempo drosselt, verliert nicht nur Klimaschutz, sondern industrielle Wettbewerbsfähigkeit. In Spanien bestimmt Gas nur noch 15 Prozent der Zeit den Strompreis. In Italien sind es 89 Prozent. „Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit iranischen Ölschocks umgeht“, titelte die Financial Times. Reiche steuert Deutschland Richtung Italien, nicht Richtung Spanien.
Das „Investitionsbremsegesetz“ und das Heizungs-Desaster
Wer wie Vorkötter Reiches Heizungsgesetz als „Umsetzung eines Wahlversprechens“ verklärt, sollte lesen, was die Fachwelt dazu sagt. Das Gebäudemodernisierungsgesetz, das das Kabinett bereits durchgewunken hat, wird von praktisch allen Seiten zerlegt. Der Nationale Normenkontrollrat – ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung – nennt es eines der „handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben“, die ihm in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks kritisiert fehlende Planungssicherheit. Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt vor „erheblicher Verunsicherung und Investitionszurückhaltung“. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sieht die Gefahr, dass „Investitionen verzögert und volkswirtschaftliche Kosten nachhaltig erhöht werden“. Der Bundesverband Geothermie spricht von „zusätzlicher Verunsicherung bei Verbrauchern, Industrie und Handwerk“.
Und wer ist positiv gestimmt? Genau einer: der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches – der zentrale Verband der deutschen Gaslobby. Er schwärmt von „dringend benötigter Planungssicherheit“ und „Bezahlbarkeit“. Stöcker kommentiert das in seiner Kolumne zum „Investitionsbremsegesetz“ trocken: Reiche vertrete definitiv Interessen – aber nicht die der Wählerinnen und Wähler. Das Gesetz erlaube sogar, dass nach 2045 – dem gesetzlichen Datum für Klimaneutralität – noch fossile Heizungen betrieben werden dürfen. In Dänemark ist der Einbau solcher Heizungen seit 2013 verboten. Vorkötter nennt das „soziale Marktwirtschaft statt ökologische Planwirtschaft“. Nun ja …
„Hysterische Kritiker“ – oder parteiübergreifender Widerstand?
Am meisten stört mich Vorkötters Framing: Wer Reiche kritisiert, sei Teil einer „Anti-Reiche-Koalition“ aus „Linken, Grünen und den meisten Medien“. Das teilt jemand aus, der ganz offensichtlich keine Lust hat, sich mit den Sachargumenten auseinanderzusetzen. Die Kritik an Reiche kommt nicht aus einer ideologischen Ecke – sie kommt aus der Breite.
Erst vor wenigen Tagen haben sich auf der Energieministerkonferenz auf Norderney die Bundesländer einstimmig – auch die CDU-regierten – für einen konsequenteren Ausbau der Erneuerbaren ausgesprochen und sich damit explizit gegen Reiches Pläne gestellt. Über 5.300 Unternehmen haben einen Wirtschaftsappell unterschrieben. Das Bundeskartellamt kritisiert ihr Gesetz. Das Umweltbundesamt rechnet 40 Milliarden Mehrkosten vor. Der Normenkontrollrat zerlegt ihr Heizungsgesetz. Ich lasse hier die vermeintlich links-grün-versiffeten Medien und Organisationen raus. Die Kritik ist breiter Konsens aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Bundesbehörden.
Wie fossile Narrative salonfähig werden – ein Muster
Wer verstehen will, wie Vorkötters „eigener freier Verstand“ zu denselben Schlüssen kommt wie Reiches Pressestelle, sollte Christian Stöckers jüngste Spiegel-Kolumne über fossile Propaganda lesen. Das Muster ist immer dasselbe: Ein fossiler Knotenpunkt platziert ein Narrativ. Rechte Medien verstärken es. Vermeintlich seriöse Kommentatoren greifen es auf, waschen es und machen es salonfähig – bis es als „gesunder Menschenverstand“ durchgeht.
Vorkötters Kolumne ist ein Lehrbuchbeispiel. Er übernimmt Reiches Framing – Systemkosten, Dunkelflaute, unbezahlbare Energiewende – ohne eine einzige Zahl zu prüfen, ohne eine einzige Gegenquelle zu zitieren. Die Bequemlichkeit von Kolumnisten, die keine Lust haben, ihre Prämissen zu überprüfen. Oder wie Stöcker es formuliert: „Irgendwas bleibt immer hängen.“
Vorkötter nennt Reiche „die Vernünftige“. Ich nenne es Wunschdenken ohne Quellenarbeit. Reiche ist nicht die mutige Reformerin, die dem Zeitgeist die Stirn bietet. Sie ist eine ehemalige Eon-Managerin, die Argumente aus Konzernpapieren übernimmt, ihre Fachabteilungen per E-Mail-Durchsuchung kontrolliert, Kernaufgaben an externe Berater für 9.000 Stunden jährlich auslagert und sich von einer PR-Agentur beraten lässt, deren Mehrheitseigner einer der größten fossilen Finanzinvestoren der Welt ist. Und wer Reiches FAZ-Gastbeitrag gelesen hat, erkennt in Vorkötters Kolumne ein Echo: dieselben Narrative, dieselben Auslassungen, dasselbe Muster. Nur diesmal als Meinungskolumne statt als Ministeriums-Ghostwriting. „Eigener freier Verstand“ reicht da leider nicht. Gerade als Journalist braucht man Fakten und zuverlässige Quellen.
Quellen & Leseempfehlungen
- Uwe Vorkötter (t-online): Katherina Reiche – Warum die Wirtschaftsministerin vielleicht recht hat
- Christian Stöcker (Spiegel): Reiches Pläne müssten eigentlich „Investitionsbremsegesetz“ heißen
- Christian Stöcker (Spiegel): So vergeigt die Union ein weiteres Zukunftsprojekt
- Christian Stöcker (Spiegel): So funktioniert fossile Propaganda heute
- Volksverpetzer: Wie Reiche mit falschen und irreführenden Zahlen täuscht
- Table Media: Faktencheck – Wie die Wirtschaftsministerin die Energiewende schlechtrechnet
- Table Media: Auffallende Ähnlichkeiten zwischen Reiche-Papier und Lobby-Forderungen
- Katherina Reiche (FAZ): Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik – Gastbeitrag vom 07.04.2026
- Nina Scheer (FAZ): Was Ministerin Reiche unterschlägt, verschweigt und unterlässt
- FAZ: Die Mehrheit der Deutschen will ein klimaneutrales Land (RWI-Umfrage)
- Transparency International: Die Lobby-Ministerin?
- Correctiv: Faktencheck zu Reiches Abregelungs-Behauptung
- Tagesspiegel: Hat Katherina Reiche ihre Pläne von RWE und Eon abgeschrieben?
- Bundeskartellamt: Stellungnahme zum StromVKG
- taz: Reiche muss ihre Gas-Pläne eindampfen
- pv magazine: Über 500 Gigawatt Netzanschlussanfragen für Batteriespeicher
- Handelsblatt: Berater sollen Wirtschaftsministerium 9.000 Stunden jährlich helfen
- Die Zeit: Reiche holt zwei Kommunikationsagenturen
- Energieministerkonferenz Norderney: Länder stellen sich einstimmig gegen Reiche
- Stefan Pfeiffer: Die Lobby-Ministerin rechnet schön – Reiches dreister Angriff auf die Energiewende


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