Wild, kreuz und quer, rein subjektiv in der FAZ gelesen: Böse soziale Medien, Linksliberale sind schuld an allem, Digitalisierung und Merkel-Jahre – und, und, und …

Ich habe eine emotionale Beziehung zur Frankfurter Allgemeinen. Als Student und angehender Journalist durfte ich dank Dietrich Ratzke dort ein Praktikum in der Neue Medien-Redaktion – ja, gab es mal, da wurden BTX, Radio und Fernsehen „gemacht“ – absolvieren. Doch diesmal haben mir einige Journalisten der FAZ dem Samstag morgen versaut.

Herausgeber (!!) Holger Steltzner kommentiert auf Seite 1:

Bis vor kurzem bildeten Fakten die Grundlage für einen rationalen Diskurs. Heute ist das anders. Liegt das vielleicht daran, dass die Hysterie aus den sozialen Netzwerken, in denen sich alle ständig aufregen und Verschwörungstheorien besonders gut ankommen, auf die politischen Debatten des Landes überschwappt? Man darf Fakten als „Fake News“ verunglimpfen, solange man auf der „richtigen“ Seite steht.

über Kommentar zu Hartz-IV: Politik mit Flüchtlingskindern – FAZ

Und wieder sind die bösen sozialen Medien schuld. Ich kann es bald nicht mehr hören. Im 19. Jahrhundert war die Zeitungen schuld, die erstmals im Rahmen einer erkämpften Pressefreiheit Informationen und Meinung an ein breiteres Publikum verteilten. [Ironischerweise war (und ist heute teilweise noch) auf der nicht konservativen Seite die BILD-Zeitung schuld. Auch für mich, aber man muss sie ertragen.] Als das Radio aufkam, war es an der Verrohung der Informations- und Diskussionskultur schuld. Dann kam das Fernsehen, ein Teufelswerkzeug. Auch dieser neue Kanal war und ist wieder schuld. Besonders – laut Rechtspopulisten – die Öffentlich-Rechtlichen. Und jetzt natürlich die sozialen Medien.

Ich kann nur immer wiederholen, dass wir uns den Herausforderungen der sozialen Medien, die es zweifelsfrei gibt, stellen müssen. Nicht umsonst habe ich die Tage vom Würgegriff durch Kommerz auf der einen und Populismus und Stimmungsmache auf der anderen Seite geschrieben. Kommentare, wie die von Holger Steltzner, sind kontraproduktiv, fördern Vorurteile und halten Bürgerinnen und Bürger von den sozialen Medien fern. Genau das darf nicht passieren. Wir dürfen die sozialen Kanäle eben nicht den Populisten mit Fake News überlassen!

Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, das Web zu einem besseren Ort zu machen – Tim Berners-Lee, zitiert nach SPIEGEL ONLINE

Vielleicht sollte man durchaus auch einmal analysieren, wieviel Antwortung die klassischen Medien und Verlage an der teilweisen Verrohung der Diskussion in sozialen Medien zu tragen haben, weil sie sich dort eben nicht ausreichend engagiert und zu einer demokratischen Diskussionskultur beigetragen haben?

Mein Blut in Wallung gebracht hat dann auch der Beitrag von Philipp Krohn im Wirtschaftsteil der FAZ in „Die Lounge“. Er beklagt auf der einen Seite. dass sich Linksliberale abschotten und in ihrem Milieu verharren und dabei eine Lücke hinterlassen. Linksliberale verweigern und boykottieren – so verstehe ich Krohn – vermeintlich aus „Political Correctness“ Diskussionen über heikle Themen . Antisemitismus bei jugendlichen Muslimen werde deshalb nicht angeprangert. Frauenquote sei nicht diskutierbar. Es gipfelt in dem Satz:

Aber haben sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass es vielleicht genau deshalb AfD-Positionen geworden sind, weil sie von einem bornierten, scheinbar liberalen Großbürgertum als inakzeptabel und nicht verhandelbar diffamiert werden?

in FAZ; 24.11.2018, Link folgt, sobald verfügbar

In weiteren Absätzen werden die wohlsituierten Linksliberalen weiter hart rangenommen. Sie isolierten sich in Stadtteilen, quasi Elitevierteln, in denen untere Schichten und Migranten nicht anzutreffen seien. Krohn macht fast alle politischen Fässer auf, die derzeit aktuell sind.

Meine Beobachtung als jemand, der seit Jahren mit einer Hildegard Hamm-Brücher, einem Gerhard Baum, einem Klaus von Dohnanyi sympathisiert hat und sich selbst als linksliberal bezeichnen würde, ist, dass die Linksliberalen sicher nicht mehr in der FDP daheim und zu finden sind. Auch bei der SPD wird es leider dünne. Und andere sind apolitisch geworden. Da bin ich noch am ehesten bei Krohn. Doch viele sind wohl zu den Grünen gegangen und finden dort eine neue Heimat. Nur mach bitte nicht die Linksliberalen für mangelnden politischen Diskurs und fehlende konstruktive, öffentliche Diskussion, ja gar für das Erstarken der AfD verantwortlich. Da gibt es viele andere, gewichtigere Gründe.

Für diese Meldung kann die FAZ nichts. Hat mir aber auch den Morgen nicht besser gemacht. Der „Spiegel“ hat mal wieder recherchiert und den Münchener Milliardär August von Finck als potentiellen Förderer der AfD identifiziert. Ich habe ja hier schon kommentiert.

Im Zuge der Spenden-Affäre der AfD gibt es offenbar neue Hinweise auf einen Finanzier. Laut dem „Spiegel“ und der Schweizer Wochenzeitung „WOZ“ soll der bayrische Unternehmer August von Finck, der in der Schweiz lebt, die rechte Partei unterstützt haben.

über AfD: Unterstützung vom Münchener Milliardär August von Finck? – FAZ

Und zum versöhnlichen Ende: Lesenswert finde ich die Analyse von Eckart Lohse und Markus Wehner über Die Merkel-Jahre und die Digitalisierung, die über Angie und uns hereingebrochen ist – und für die sie nichts kann, aber zu spät reagiert hat. Blicken wir zurück:

Als Angela Merkel vor dreizehn Jahren, am 22. November 2005, zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, war die Welt noch eine andere. Es gab noch kein iPhone und auch kein iPad. Das bekannteste Smartphone trat seinen Siegeszug erst zwei Jahre später an, das entsprechende Tablet kam erst 2010 auf den Markt.

Auch Facebook auf Deutsch existierte noch nicht, ebenso wenig Whatsapp oder Instagram. Deutschland war eine digitale Wüste.

über 13 Jahre Merkel: Wie sich Deutschland gewandelt hat – FAZ

Der Beitrag ist leider noch nicht komplett online verfügbar (derzeit kostenpflichtig). Ich finde ihn bemerkenswert, weil die Autoren die 13 Merkel-Jahre Revue passieren lassen und vor allem auf die Geschwindigkeit der Veränderung eingehen. Ich stimme nicht mit jeder Analyse überein, doch einige Kernsätze

Doch keine Veränderung der Merkel-Jahre springt buchstäblich so ins Auge wie die Digitalisierung. …

Das Netz ist allgegenwärtig, und zwar immer und bei allen. …

Vor allem die sozialen Netzwerke haben das Alltagsleben sehr vieler Menschen durchdrungen.  … Der Online-Handel und damit der Niedergang von Einkaufsläden nebst ihrer sozialen Funktion breitet sich lawinenartig aus. …

Das weite Teil des Berufs- und Privatlebens sich ins Netz verlagert haben, verschafft den Menschen enorme Vorteile. Ebenso sorgt es aber für Entgrenzung, vor allem aber Beschleunigung.

über 13 Jahre Merkel: Wie sich Deutschland gewandelt hat – FAZ

Lesenswert und diskussionswürdig, der Beitrag. Mir scheint, dass Angela Merkel und die Bundesregierung erst in der jetzigen Legislaturperiode endlich zum Thema Digitalisierung in vielen ihrer Aspekte aufgewacht ist und initiativ wird. Nochmals: Für die Digitalisierung kann Angela Merkel sicher nichts, aber sie hätte wesentlich früher agieren müssen.

So, bevor ich mich weiter aufrege, verzichte ich auf Kommentare zum desolaten Zustand von Bundeswehr und Deutscher Bahn, zweier Vorzeigeikonen Deutschlands, die mehr als starke Risse bekommen haben. Ich reagiere mich lieber gleich beim Sport ab. In diesem Sinne schönes Wochenende!

(Stefan Pfeiffer)

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