Zum Thema Homeoffice: 7 Jahre im Büro, on top mehr als 1 Arbeitsjahr auf der Straße und fünf mal rund um den Äquator gefahren

Ich habe sieben Jahre bei der FileNet GmbH gearbeitet. Mein Dienstsitz war Bad Homburg. Es gab zur damaligen Zeit (2000 – 2007) keine Homeoffice-Regelung. Die Strecke zwischen meinem Wohnort und der Dietrich-Bonhoeffer-Straße – der damaligen lokalen Zentrale – beträgt rund 67 Kilometer. Die Navigationssysteme gehen von einer durchschnittlichen Fahrzeit von 40 Minuten aus. Sieben Jahre also, durchschnittlich 220 Arbeitstage, ich habe – wenn man das hochrechnet – rund 123.200 Minuten im Auto auf der Straße verbracht, was 2.053 Stunden und circa 257 achtstündigen Arbeitstagen entspricht. Das entspricht bei jährlich durchschnittlich 220 Arbeitstagen also mehr als einem Arbeitsjahr, das ich alleine auf der Straße verbracht habe. Sieben Jahre bei FileNet angestellt plus für FileNet als Pendler auf der Straße …

filenet_km

Nun könnte man noch rechnen, wie oft ich die Erde mit meinen Diesel-Fahrzeugen umrundet habe. Am Äquator sind es wohl über 40.000 km, also mehr als fünf mal. Klar, ist nur eine durchschnittliche Rechnung und ist nur ein Zahlenspiel. Ich war auch – was es noch schlimmer macht – oft in Deutschland, Europa und den USA unterwegs und es gab natürlich auch mal Staus. Die Reisezeit und die abgerissenen Kilometer im Auto sind sicherlich noch höher. Hinzu kommen noch die Flugzeiten mit entsprechender Umweltbelastung. Oder um es mit Canned Heat zu sagen:

Well, I’m so tired of crying
But I’m out on the road again
I’m on the road again

Zu diesem Zahlenspiel wurde ich heute Morgen durch den Beitrag zur gerade wieder einmal entbrannten Diskussion um das pro und contra von Homeoffice in Beruf und Chance der FAZ vom 26. Januar 2019 animiert. Eine neue, für deutsche Verhältnisse durchaus fragwürdige US Studie* und der SPD-Vorstoß, Heimarbeit als Grundrecht gesetzlich zu verankern, heizen gerade wieder die Diskussion an. Um mir gleich die Butter vom eigenen Brot zu nehmen: Ich bin absoluter Verfechter des Homeoffice, glaube aber, dass der Mix von Homeoffice und Büro die richtige Lösung ist. Die Diskussion um Homeoffice versus Arbeiten im Büro geht zu oft am Thema vorbei. Meist ist es eine Spiegelfechterei.

Ich gebe zu, dass ich bei Tillmann Neuscheler’s Contra Homeoffice-Kolumne, Titel „Niemals Feierabend und kein Flurfunk“ ab und an geschmunzelt habe. Man erkennt doch Verhaltensmuster und Klischees wieder. Nicht umsonst habe ich meine Frau im Ohr: Du bist ja daheim, kannst also den Müll runter tragen oder mal schnell einkaufen. Und ja, es führt ab und an auch zu Diskussionen und Reibereien, aber insgesamt tragen wir beide (und unsere Kater) meine Heimarbeit mit viel Humor und sind dankbar, auch wenn diese Idylle wahrscheinlich irgendwann unverständlicherweise vorbei sein dürfte.

Und das mit dem Feierabend machen und dem Flurfunk, den man verpasst: Auch in der Zeit in Bad Homburg oder bei der Darmstädter MIS, wo ich im Büro gearbeitet habe, habe ich Überstunden abgerissen und nicht zu wenige. Die im Beitrag beschworene soziale Feierabendkontrolle hat da nicht funktioniert. Tja, der berühmte Flurfunk: „Wer nicht im Großraumbüro sitzt oder in der Kantine informiert wird, dem entgeht so einiges„, schreibt Tillmann Neuscheler. Ist vielleicht was dran, aber ganz ehrlich: Ich bin – glaube ich – froh, dass mir manches entgeht, was auf Ehninger Fluren so an Gerüchten herumgeistert.

In der gleichen Ausgabe der FAZ vom 26. Januar ist im Rhein-Main-Teil ein Beitrag zum Coworking-Anbieter Sleeves-Up unter der Überschrift „Gefragt sind vor allem Einzelbüros„. Da musste ich natürlich grinsen und an die vielen Großraumbüros denken, die ja nach damals aktuellen Trends und Studien eingerichtet wurden. Und sorry, ich stehe dazu: In einem offenen Großraumbüro ist es extrem schwer, Lärm und Ablenkung auszublenden und konzentriert an einem Thema zu arbeiten. Punkt. Wer es also ernst nimmt mit agilem Arbeiten im Büro, müsste diese massiv umgestalten und umbauen lassen.

Und ja, es macht durchaus Sinn, sich zu Projektbesprechungen vor Ort im Büro zu treffen, sich in der richtigen Arbeits- und Workshopatmosphäre auszutauschen und so gemeinsam kreativer und produktiver zu sein. Das ist nun mal kein Entweder-Oder, sondern ich komme wieder auf das Thema Mix zurück. Und da bin ich voll bei Nadine Bös, die im besagten Teil der FAZ die Pro Homeoffice-Fahne, besser „gut funktionierende Hybrid-Modelle, die die Vorteile beider Welten verbinden: Ruhige Arbeitstage zu Hause, ohne Meetings und ständige Unterbrechungen, und kommunikative Arbeitstage vor Ort mit den Kollegen“ hoch hält, inklusive Kaffeeklatsch mit Kolleginnen und Kollegen. Auch Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung, der am neuen D21 Digital Index 2018/2019 mitgearbeitet hat, schreibt: „‚Eine ‚Lösung für Alle‘ kann es nicht geben. Dennoch sollten sie [die Unternehmen] natürlich Endgeräte und digitale Services im gleichen Maße für Frauen und Männer sowie unabhängig von der Hierarchieebene anbieten … Auf diese Weise könnten viele Themen gleichzeitig – Pendlerwahnsinn, Fahrverbote, Verdichtung der Arbeit, Vereinbarkeit von Privat- und Arbeitsleben – adressiert und im Sinne aller Beteiligten gelöst werden.

Und ich möchte auch nochmals ausdrücklich auf die Bedeutung von Homeoffice für Teilzeitkräfte hinweisen. Vielen Frauen und Männern, die in unserem ach so kinderfreundlichen Deutschland ihren Nachwuchs betreuen und erziehen wollen, sind auf Heimarbeit angewiesen. Sie per order mufti ins Büro zu beordern, zwingt sie zur Entscheidung: Kind oder Job. Das verstehe ich nicht unter Diversity und Gleichberechtigung.

Hier nochmals leicht modifiziert meine 10 Thesen zu Heimarbeit vom Februar 2017:

  1. Homeoffice und mobiles Arbeiten können heutzutage nicht mehr abgeschafft werden, ohne dass ein Arbeitgeber große Risiken eingeht. Viele Talente, jung oder älter, wird man nicht für ein Unternehmen gewinnen können, das kein Homeoffice oder kein mobiles Arbeiten anbietet. Heimarbeit zu erlauben und fördern, ist auch ein Teil von Familienpolitik, Familienfreundlichkeit und Diversity
  2. Gerade auch in Berufen und Unternehmen, in denen man international über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg zusammen arbeitet, ist ein Ruf nach Präsenzpflicht in Büros abstrus, denn …
  3. … Reisezeit, Staus auf der Autobahn, Warten auf das Einsteigen am Flughafen oder Warten auf einen verspäteten Zug sind verplemperte Lebenszeit und verursachen Stress.
  4. Man sollte also bewusst und mit gutem Grund reisen, weil die reale Kaffeeküche oder das gemeinsame Mittagessen wertvoll für den sozialen Kontakt zwischen Kolleginnen und Kollegen sind. Und mancher Karriere schadet es nicht, dass ein Chef regelmässig das Gesicht eines Mitarbeiters sieht.
  5. Wahr ist aus meiner Sicht auch, dass reale Treffen vor Ort von Projektteams in der Regel produktiver sind als Telefon- oder Videokonferenzen. Viele solcher Telefonmeetings sind eine Pest und verplemperte Arbeitszeit, was nicht am Medium Telefon sondern an falscher Organisation und falsch verstandener Anwesenheitspflicht liegt.
  6. Konzentriert im kleinen und überschaubaren Team vor Ort zusammen zu arbeiten, ist ein probates Mittel, Projekte besser zu managen. Das ist schon lange bekannt, jedoch wurden in vielen Unternehmen solche internen Projekttreffen in den vergangenen Jahren aufgrund anfallender Reisekosten sinnigerweise untersagt, Reisen nur dann erlaubt, wenn externe Kunden und Partner involviert waren. Jetzt plötzlich Anwesenheitspflicht auszurufen, lässt auf ganz andere Motive denn Produktivität schliessen.
  7. Viele heutige Büros sind für effizientes Arbeiten nicht geeignet. Wer wie oben beschrieben viele Stunden am Telefon verbringt, verzweifelt in den heutigen Großraumbüros, in denen es nie genug „Quiet Rooms“ gibt. Auch sind viele Bürolandschaften für kreative Projektarbeit nicht wirklich eingerichtet. Nicht umsonst mieten mehr und mehr auch große Unternehmen ihre Projektteams in CoWorking Spaces wie bei Design Offices ein, wo flexible Projekt- und Arbeitsräume für unterschiedlichste Tätigkeiten zur Verfügung gestellt werden.
  8. Wir werden weiter moderne Werkzeuge zur Kommunikation und Zusammenarbeit brauchen, die vor allem auch mobiles Arbeiten und Kommunizieren synchron und asynchron unterstützen. Die Tools müssen aber noch wesentlich einfacher und komfortabler zu bedienen werden, um endlich Produktivitäts- und Projektmanagementkillern wie E-Mail und Dateianhängen Herr zu werden.
  9. Doch es nicht nur eine Tool-Frage: Lasst Eure Mitarbeiter nicht dumm sterben, sondern unterrichtet und „coached“ sie darin, wie sie die heutigen Werkzeuge besser nutzen können. Ja, die Tools sind alle durch die Bank verbesserungsfähig bieten aber durchaus heute schon eine Menge sinnvoller Funktionen. Nur kennen sie Erna und Otto Normalangestellte/r nicht, weil sie/er nie eine vernünftige Schulung erhalten hat.
    Vieles wird geschult, nicht aber das tägliche Arbeitswerkzeug oder wie man sich in der täglichen Arbeit organisiert. Ich glaube, dass nicht nur Schulungen benötigt werden. Es müsste ein Coaching-Konzept entwickelt werden, über das laufend weitergebildet wird. Hier liegen aus meiner Sicht riesige Potentiale.
  10. Und mein letzter Punkt: Arbeitswelten von heute und morgen brauchen eine Vertrauenskultur. Wer noch immer auf „Command and Control“ und Hierarchien setzt, hat die Zeichen der digitalen Transformation verpasst. Dass, was Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche derzeit beim Daimler versucht  – Hierarchien einzureissen und auf Schwarmorganisation umzustellen – ist meiner Ansicht nach wegweisend. In ein solches Konzept gehören auch Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsplatz.

(Stefan Pfeiffer)

* Es gibt durchaus viele andere Studien mit anderen Ergebnissen: Neue Stanford-Studie: Heimarbeiter sind deutlich produktiver

 

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