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Neuerlicher Strukturwandel der Öffentlichkeit: Lasst uns auf die wichtigen Dinge fokussieren und die notwendige Wehrhaftigkeit und sprachliche Stärke bewahren, gerade in den sozialen Medien

Der Aufmacher der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag ist am 10.9.2022 ein Beitrag von Jürgen Kaube unter dem Titel „Das Verlangen nach totaler Aufmerksamkeit“*. In diesem Artikel mixt er seine Meinung rund um, Karl May und Winnetou, um das N-Wort und Gendern mehr oder weniger mit einer Besprechung des neuen Buches von Jürgen Habermas: „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“, Berlin: Suhrkamp Verlag 2022. Seine Polemik rund um die genannten „Aufreger-Themen“ teile ich nicht, jedoch bin ich am zweiten Teil des Beitrags hängen geblieben, war doch „Der Strukturwandel der Öffentlichkeit“, der Klassiker von Habermas, ein zentrales Thema meines Studium und eigentlich einmal als Thema für dokotorale Untaten angedacht. In Strukturwandel der Öffentlichkeit behandelt Habermas die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert und der Auflösung von kritischem Publizismus durch die neuen Massenmedien inklusive der BILD-Zeitung und deren fragwürdige Methoden.

Im Beitrag paraphrasiert Kaube dann einige der Thesen von Habermas. die er in seinem Buch äußert, und die ich für durchaus erwähnenswert und zitierwürdig halte:

Was kommuniziert werden kann, wird nämlich kommuniziert, und was den Leuten durch Kopf und Gemüt geht, unterliegt keiner redaktionellen Filterung mehr. Das Internet ist ein riesiger Haufen unredigierter Texte und schwarmförmig stattfindender Themenangebote.

Karl May, Gendern und das N-Wort: Das Verlangen nach totaler Aufmerksamkeit

Laut Habermas erlaube nur eine professionell kuratierte Öffentlichkeit das Funktionieren der Demokratie. Davon seien wir unterdessen weit weg, so der Beitrag:

 … jeder, der reden kann, darf auch reden. Alle sind nun Autoren, und entsprechend fragmentiert ist die so entstehende Öffentlichkeit. Das bloße Behaupten steht neben der Recherche, die Reklame gibt sich als Argument aus, das Geschrei als Urteil, die Produkte der Öffentlichkeitsarbeit simulieren Journalismus, und alles erscheint gleich relevant.

Karl May, Gendern und das N-Wort: Das Verlangen nach totaler Aufmerksamkeit

Halten wir erst einmal fest, dass es ein Recht auf Meinungsfreiheit im Rahmen des Grundgesetzes gibt, auch auf den sozialen Medien. Diese Meinungen mögen einem nicht gefallen, aber in genanntem Rahmen sind sie ein Grundrecht, auch wenn sie einem nicht gefallen. Das fällt im Artikel hinten runter. Aber es ist auch wahr, dass die sozialen Plattformen die vorher nie gekannte Möglichkeit bieten, aus der sprichwörtlichen Dorfkneipe in eine Netzkneipe zu gehen und dort für eine größere Öffentlichkeit zu schwadronieren. Und die Mitglieder dieser Netzkneipen-Blasen schaukeln sich oft mit ihrer Meinung und Aufregung gegenseitig hoch und bestätigen einander. Für andere Meinungen und Argumente ist dann meist kein Ohr mehr offen. Die Bubbles und die darin engagierten Personen schotten sich ab und es kommt nicht selten vor, dass Fakten und sachliche Argumente als Lügen abgetan, ja diffamiert werden. Dies ist natürlich extrem bedenklich und kann durchaus gefährlich für unsere Demokratie werden.

Gefährlich ist auch- und da stimme ich Kaube zu -, dass große Teile der Parteien im Rahmen dieser Entwicklung vereinfachende Statements und Populismus vor sachliche Diskussion und Auseinandersetzung stellen. Dies ist nicht nur auf die radikalen Wirrköpfe beschränkt, wie wir gerade wieder beispielhaft an Herrn Söder feststellen müssen. Beängstigend, wenn mancher sogenannter bürgerliche Politiker auf den populistischen Zug aufspringt und lieber Bierzelt-konform über den Haarschnitt anderer Politiker schwadroniert, statt vernunftbasiert zu argumentieren. Das Gegröle des eigenen Parteitags und einer gewissen Öffentlichkeit ist wichtiger als die sachliche, politische Auseinandersetzung.

Womöglich ist es für sie wichtiger, welches Bild ihr Personal in den Medien abgibt. Das Interesse daran, komplexe Fragen gedanklich zu durchleuchten, dürfte seit jeher auf eine überschaubare Zahl von Bürgern beschränkt gewesen sein, die Politiker wollen aber von allen gewählt werden.

Karl May, Gendern und das N-Wort: Das Verlangen nach totaler Aufmerksamkeit

Wir befinden uns in einer sicherlich ernsten Situation, die angesichts der wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen in diesem Herbst noch schwieriger und aufgeregter werden könnte und dürfte. Besonders die Radikalen von Links und Rechts werden die Aufgeregtheit noch weiter befeuern, in den sozialen Medien, aber auch auf der Straße. Nicht nur die sozialen Plattformen, auch viele „normale“ Medien tragen ihren Teil zur Hysterie bei. BILD gibt es immer noch und man agiert ebenso geschmack- und verantwortungslos wie vor Jahren. Eben solches Verhalten von Politikern – bewusst nicht gegendert – habe ich gerade erwähnt. Aber werden wir die Zeit zurückdrehen können und war früher wirklich alles besser? Wir kriegen den Geist und die Möglichkeiten sozialer Medien und der entsprechenden Öffentlichkeiten nicht mehr in die Flasche. Und waren die Zeiten früher besser? Wohl eher nicht, wenn wenn wir in die deutsche Geschichte und die Manipulationen der Öffentlichkeit blicken.

Besonders in den sozialen Medien tun diejenigen, die für freie Meinungsäußerung stehen, eine offene Gesellschaft und eine streitbare Demokratie wollen, gut daran, einerseits klar und deutlich Flagge gegen Schwurblerinnen und Schwurbler zu zeigen, andererseits auch nicht auf jede Provokation aufzuspringen und jedes Thema als weltbewegend „hochzusterilisieren„. Das ist sicherlich in unserer so aufgeregten Gesellschaft manchmal schwierig, jedoch fand ich gerade in den letzten Wochen viele Diskussionen „over the top“, unnötig, vergleichsweise irrelevant bis peinlich. Statt sich den fraglos wichtigen Themen der Zeit zu widmen, werden populistisch motivierte Aufgeregtheitsbubbles konstruiert und dabei verlieren wir leider den so dringend notwendigen Fokus. Lasst uns auf die wichtigen Dinge fokussieren und die notwendige Wehrhaftigkeit und sprachliche Stärke, wenn nötig Lautstärke bewahren, gerade in den sozialen Medien. Sie gehen nicht mehr weg und sind zum Guten und Schlechten Teil unserer Gesellschaft und Demokratie. Und ja, ich weiß, dass das, was einem wichtig erscheint, sehr individuell sein mag. Aber beispielsweise der Klimawandel und der Ukraine-Krieg mit allen Folgen haben für mich sicher eine andere Bedeutung als manches vermeintlich relevante Thema.

* Leider hinter der Paywall der FAZ

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Filed under: Journalismus & Öffentlichkeit, Netzpolitik & die große Politik, Soziale Medien & "das Netz"

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... arbeitet in Communications bei Kyndrl Deutschland, dem weltweit führenden Anbieter zum Management kritischer IT-Infrastruktur. Den gelernten Journalisten hat seine Leidenschaft für das Schreiben, Beobachten, Kommentieren und den gepflegten Diskurs nie verlassen. Diese Passion lebt er u.a. in seinem privaten Blog StefanPfeiffer.Blog oder auch als Moderator von Liveformaten wie #9vor9 - Die Digitalthemen der Woche und Podcasts aus. Digitalisierung in Deutschland, die digitale Transformation in der Gesellschaft, in Unternehmen und Verwaltung oder die Zusammenarbeit am modernen Arbeitsplatz sind Themen, die in leidenschaftlich bewegen. Vor Kyndryl hat Pfeiffer in der IBM im Marketing in unterschiedlichen internationalen Rollen gearbeitet. Seine weiteren beruflichen Stationen waren FileNet und die MIS AG. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“. 

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