Die Figur liegt genauso entspannt im Liegestuhl, doch über ihr schwebt nur eine einzige, dicht gefüllte Gedankenblase, in der sich mehrere kleine Symbole drängen: wegwischende Hand, rote Karte, Trillerpfeife (Nagelsmann/Klopp), Mikrofon (Weidel-Hayali), Ladestecker (Marco/E-Auto) und Hochzeitsturm (Darmstadt). Bild für „der ganze Urlaub war ein einziges Gedanken-Wirrwarr".

Während meines Urlaubs passiert: Wegtreten, rote Karten und eine Digitalstadt, die keine ist

Zwei Wochen Urlaub, nur ein Blog-Post und wenige Nachrichten, die ich auf Social Media gepostet habe. Nun ist der Urlaub leider vorbei. Und quasi nachträglich einige meiner Themen, einmal mehr kuratiert.


Merz, Döpfner und die Sache mit dem Wegtreten

Sollte sich zugetragen haben, was Stephan Lamby, Eva Quadbeck und Kristina Dunz im RND-Podcast „Wenn Sie wüssten…“ schildern, dann hätte Friedrich Merz Anstand und Haltung gezeigt, vor denen ich den Hut ziehen würde: Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner soll den Bundeskanzler im Vieraugengespräch zur Zusammenarbeit mit der AfD gedrängt haben. Merz habe dagegen gehalten: „Nur über meine Leiche.“ Daraufhin habe Döpfner den Raum mit den Worten „Das werden Sie noch bereuen“ verlassen.

Springer nennt die Geschichte eine „glatte Lüge“, die Bundesregierung schweigt, bewiesen ist nichts. Aber es ist bezeichnend: Eine potenzielle Ente muss herhalten, damit ich Merz für einen Moment als Verteidiger der Brandmauer feiern kann. Ebenso bezeichnend ist aber, dass ich Döpfner, der ein Medienimperium mit Bild, Welt und Politico kontrolliert, einen Satz wie „Das werden Sie noch bereuen“ zutraue. Ob das Treffen so stattfand oder nicht – dass diese Geschichte überhaupt plausibel klingt, ist das eigentliche Problem.

Doch Merz wäre nicht Merz, wenn er nicht kurz darauf wieder einmal durch sein Gepoltere die gerade bei mir gewonnene Sympathie wieder verspielt. Beim Landesparteitag der NRW-CDU in Düsseldorf fordert er „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!“ Man kann nicht glaubwürdig für Zusammenhalt werben und gleichzeitig alle, die Kritik äußern, zum Wegtreten auffordern. Genau diese Beliebigkeit zwischen Standhaftigkeit und Rechthaberei macht Merz so schwer einzuschätzen – und so leicht angreifbar.


Der Pate und sein Capo: Trump, Infantino und die rote Karte

Die Belgier haben die einzig richtige Antwort gegeben: „Overcome this“ an die Adresse von Donald Trump, garniert mit einem jubelnden Romelu Lukaku – Genugtuung nach einem 4:1, das mehr war als ein Achtelfinalsieg. Denn was rund um die Rote Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun passiert ist, zeigt in aller Deutlichkeit, wie tief die FIFA gefallen ist. Ein US-Präsident ruft den Fußball-Weltverband an, eine Sperre wird aufgehoben, und Gianni Infantino faselt hinterher etwas von unabhängigen Disziplinargremien. Das sind Mafia-Methoden – der Pate ruft an, der Capo pariert.

Und natürlich empören sich jetzt alle: Fußballfunktionäre, Verbände, auch der DFB. Nur ist Bernd Neuendorf dabei denkbar unglaubwürdig. Monatelang hat er sich an Infantino rangeschmissen, Kritik höchstens hinter vorgehaltener Hand geäußert – und jetzt, wo Trump den Skandal öffentlich gemacht hat, empört sich der DFB. Dabei ist das Prinzip nicht neu: Schon bei Cristiano Ronaldos Roter Karte hat die FIFA eine Sperre kleingerechnet, um ihren Star nicht vom Platz zu nehmen. Der Unterschied diesmal ist nur, dass sich Trump öffentlich brüstet und Infantino den Anruf sogar bestätigen muss.

Die Moral von der Geschichte: Infantino bleibt im Amt. Er hat, wie der Kicker vorrechnet, rund 110 der 211 FIFA-Mitgliedsverbände aus Afrika, Asien und Südamerika hinter sich – genug für eine satte Mehrheit, gegen die auch ein geschlossenes Europa nicht ankommt. Die Empörung verpufft also folgenlos, und genau das ist die eigentliche Botschaft: Wer genug Stimmen jenseits Europas „organisiert“, wird trotzdem im Amt bleiben. Diese Blaupause – Regelbruch plus Mehrheitsbeschaffung – wird Schule machen, bei der FIFA und vielleicht darüber hinaus.


Nagelsmann, der Unbelehrbare – und Klopps Härte

Julian Nagelsmann ist Geschichte, und Jürgen Kaube hat in der FAZ genau den Satz geschrieben, den ich meinem Freund Frank schon vor dem Debakel geschickt habe: Nagelsmann mag ein versierter Fußballexperte sein, er ist aber auch ein beratungsresistenter, kritikunfähiger Besserwisser mit einer Arroganz, die zum Problem geworden ist. Kaube bringt es auf den Punkt, wenn er von „Maximen eines dünnhäutigen Besserwissers“ schreibt: Jede Gegenmeinung nervt Nagelsmann, jeder Befund, der nicht in sein System passt, wird zu Quatsch erklärt. Am Ende hat ihn genau diese Unbelehrbarkeit das Amt gekostet, garniert mit einer Abfindung, die als Trostpflaster für die eigene Sturheit reicht.

Jetzt soll es Jürgen Klopp richten, und ich gebe zu: Ich bin auch dafür, wie fast alle. Aber der Hype ist mir – noch – ein bisschen zu groß, und ein Detail lässt mich zögern. Bei RB Leipzig hat Klopps globales Kompetenz-Team maßgeblich an der Trennung von Ole Werner mitgewirkt – obwohl Werner mit Platz drei das Saisonziel erfüllte und einen Punkteschnitt von 1,95 ablieferte.

Watzke pusht Klopp ins Amt, Neuendorf macht begeistert mit, und ich hoffe, dass daraus die Wiederbelebung wird, die der drittklassige deutsche Fußball dringend braucht. Mats Hummels sprach immer wieder von der Kompromisslosigkeit, der Härte und dem absoluten Siegeswillen von Jürgen Klopp. Diese Haltung mag Werner den Job gekostet haben. Schauen wir mal, wie er den Job als Bundestrainer ausfüllt, würde der Kaiser sagen.


Zwei „Wahrheiten“, ein Interview: Weidel, Hayali und die Bubble

Ein Interview war das nicht, was Dunja Hayali und Alice Weidel im heute journal geführt haben – es war der Versuch eines Interviews. Weidel antwortete nicht, sie wich aus, warf Hayali „Framing“ vor und verlangte allen Ernstes „mal ’ne vernünftige Frage“. Der ZDF-Faktencheck im Nachgang zeigt, wie unseriös dieser Vorwurf war: Die Formulierung „in Teilen rechtsextrem“ ist juristisch gedeckt, fünf Landesverbände sind vom Verfassungsschutz gesichert rechtsextrem eingestuft, und Weidels Behauptung, es gebe den Verfassungsschutz in keiner anderen westlichen Demokratie, ist schlicht falsch – MI5, DGSI und FBI lassen grüßen. Hayali blieb dabei ruhig und sachlich. Das war, angesichts dessen, was ihr gegenübersaß, eine journalistische Meisterleistung.

Und doch: Wir freuen uns immer wieder wie Bolle über jedes Gespräch, in dem AfD-Vertreter argumentativ auseinandergenommen werden – und die Partei legt in den Umfragen trotzdem immer weiter zu. Genau das ist der wunde Punkt. Denn während im öffentlich-rechtlichen Raum ein Faktencheck den nächsten widerlegt, erzählt man sich in der rechten Blase im Netz eine komplett andere Geschichte: Dort hat Weidel angeblich „zerlegt“, verliert Hayali den Überblick über ihr eigenes Framing und widerspricht sich „binnen Sekunden zweimal selbst“. Zwei Parallelwelten, eine sachliche, eine jenseits von Fakten und Wahrheiten – und wer in der lebt, will von der Widerlegung in der anderen schlicht nichts wissen. Diese Bubble-Bildung ist längst wichtiger als jede Sachargumentation.

Wenn Weidel für nächstes Jahr Neuwahlen prophezeit und sich schon als stärkste Kraft sieht, dann speist sich diese Aussage nicht aus Interviewleistungen, sondern aus einer Parallelöffentlichkeit, die sich gegen jede Widerlegung immunisiert hat. Die Maske ist längst gefallen, wie es der Blogger Jürgen Lieser formuliert.


Marco, das E-Auto und die Blase, die Fakten nicht durchlässt

Irgendwo zwischen Springer und Blasenbildung reihe ich ein Gespräch ein, das ich im Urlaub geführt habe. An der Theke unserer Strandbar bei Stelios habe ich mit Marco gesprochen, den ich nun seit knapp vier Jahren kenne. Marco ist Harley-Fahrer und düst seit Jahren mit seiner Maschine durch Europa. Irgendwie sind wir auf das Thema E-Auto gekommen und ich konnte förmlich sehen, wie Marco Puls bekam.

Es gehe doch gar nicht und es sei eine Unverschämtheit, dass „die Regierung“ die Bevölkerung zum E-Auto zwingen wolle. Er habe gar nicht das Geld dafür, habe keine Chance zu laden und außerdem könne er sich ein E-Auto nicht leisten. Seine Karren würde er immer für maximal 2.000 € kaufen und dafür bekomme man kein E-Auto.

Dass sich Leute mit wenig finanziellem Spielraum kein E-Auto leisten können, ist unbenommen und da kann ich Marco nur zustimmen. Woher kommt aber die Aussage, dass alle gezwungen werden sollen, E-Auto zu fahren? Richtig ist, dass E-Autos subventioniert werden (aber noch immer nicht für normale Verdiener bezahlbar sind). Auf absehbare Zeit kann (und muss) mancher also weiter Verbrenner kaufen. Als ich dann sagte, dass das doch gar nicht Frage stehe, beruhigte sich das Gespräch. Hier habe ich wieder den Eindruck gewonnen, dass sich Emotionen in einer Blase hochschaukeln und Fakten gar nicht durchdringen. Es ist schwierig.


Groupwise raus, Microsoft rein: Darmstadts verpasste Chance

Während im Darmstädter Stadtparlament SPD, CDU, Uffbasse und FDP ihr „Bündnis für Darmstadt“ ohne Mehrheit verkünden und Grüne wie Volt auf der Gegenseite stehen, reißt Oberbürgermeister Hanno Benz mitten in diesem Chaos eine ganz andere Entscheidung an sich: die künftige E-Mail-Plattform der Stadt. Ausgerechnet während sein Digitaldezernent Klötzner im Urlaub ist, entzieht Benz ihm das Projekt und scheint die Entscheidung für Microsoft 365 voranzutreiben.

Dass das alte Groupwise-System unbedingt abgelöst werden sollte, steht außer Frage. Dass die IT-Abteilung der Stadt nicht gerade gut aussieht, ist wohl auch richtig. Dass aber eine Stadt, die sich „Digitalstadt“ nennt, ein Uralt-System gegen die nächste, noch tiefere Abhängigkeit von einem US-Konzern tauscht, ist eine fatale Fehlentscheidung.

Schleswig-Holstein oder das ZenDIS mit openDesk zeigen, dass souveräne, quelloffene Alternativen zu Microsoft längst praxistauglich sind – Fachverfahren hin, Fachverfahren her. Wer trotzdem Microsoft wählt, kauft sich nicht nur in gerade erst kräftig erhöhte Lizenzpreise ein, sondern auch in Exchange, Cloud und absehbar Copilot – eine Kette von Abhängigkeiten, aus der eine Kommune kaum mehr herauskommt.

Jenseits der Frage rund um den Führungsstil des Oberbürgermeisters bleibt der Befund: SPD und Digitalkompetenz finden auch in Darmstadt nicht zueinander. Eine Stadt, die sich Digitalstadt nennt und sich zugleich sehenden Auges tiefer in die Abhängigkeit von Microsoft begibt, betreibt keine Zukunftsstrategie, sondern demonstriert Verantwortungslosigkeit mit Ansage. Digitale Souveränität entscheidet sich nicht in Sonntagsreden, sondern in genau solchen Beschaffungsentscheidungen – und Darmstadt verspielt sie gerade.

Fediverse-Reaktionen

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