Eine rote Rose bildet den Mittelpunkt eines schwebenden Karussells, dessen anthrazitfarbene Sitze mit Menschen besetzt sind und sich scheinbar unaufhaltsam im Kreis drehen. Zwei Personen werden aus der Bahn geschleudert, während die Wurzeln der Rose frei in der Luft hängen – ein Sinnbild für ein System, das den Boden unter den Füßen verliert. Das grüne SPF-Signet unten rechts setzt einen bewussten politischen Akzent in der ansonsten reduzierten, weißen Bildwelt.

SPD ohne Story: Warum ein neuer Vorsitz sie nicht rettet

Lange habe ich an diesem Text gefeilt und gezögert, ihn zu veröffentlichen. Ich habe mich ja schon öfters hier zur Lage der SPD geäußert. Warum also nochmals? Dann trat Christian Ehring bei Inas Nacht auf und sang über die Babyboomer, sein Song trägt den Titel „Seid nett zu Boomern”. Er endet mit einer bitteren Pointe: Er schließt (bei circa 10:40) seinen Song mit diesem Text: „Seid nett zu Boomern, denn sie wählen SPD und das macht keiner sonst mehr“. Wohl eine bittere Wahrheit, der ich mich als Boomer einfach stellen muss.

Also denn: Die SPD streitet mal wieder über ihre Führungspersönlichkeiten. Uwe Vorkötter fragt bei t-online, ob Manuela Schwesig den Vorsitz von Lars Klingbeil übernimmt. Andere bringen den rheinland-pfälzischen SPD-Spitzenkandidaten Alexander Schweitzer in Position. Derweil trägt das ZDF die Kritik an Klingbeil und Bärbel Bas zusammen. Die FAZ diagnostiziert einen Hang zum Masochismus, weil die Partei ihre Vorsitzenden immer wieder öffentlich angreift, ja demontiert.

Rechtspopulisten gewinnen, weil sie ein Bild liefern, das jeder sofort versteht. Mauer hoch, Problem weg. Falsch, aber solche einfachen „Lösungen” können sich viele vorstellen. Komplexe Probleme und Erklärungen? Eher schwierig, schwer verdaulich, aber leider ist unsere Welt komplex. Das wollen viele einfach nicht mehr hören.

Zieht eine Mauer rund um Deutschland beziehungsweise Europa, schmeißt die Ausländer raus, und dann wird alles gut. Großer Quatsch, der vor allem nicht funktioniert. Doch alle „Altparteien” haben mit diesen einfachen Versprechungen, Verdrehungen und Lügen zu kämpfen.

Was die AfD herausplärrt, ist simpel und in großen Teilen falsch: Ausländer raus, zurück in die Zeit vor dem Euro. Dass das ökonomisch kaum haltbar und teilweise schlicht dumm ist, scheint ihre Wählerinnen und Wähler nicht zu stören. Dass Parteichef Tino Chrupalla den Klimawandel einfach so leugnet, offenbar auch nicht. Migration ist für die AfD-Wählerschaft ohnehin längst mehr Symbol als Sachpolitik geworden — ein Sammelbecken für Kontrollverlust- und Statusängste, wie die Forschung zeigt.

Die einfachen „Lösungen“ und die „Altparteien“

Komplexität ist kein SPD-Problem allein. Auch die anderen „Altparteien“ müssen darauf eine Antwort formulieren. Über Komplexität habe ich mit Lars Basche und unserem Gast Harald Schirmer in einer #9vor9-Folge gesprochen: Wer eine komplexe Welt mit einfachen Antworten erklären will, verspricht, an Rädern zu drehen, die sich nicht zurückdrehen lassen. Die AfD und andere Rechtsextreme in Europa und den USA leben von genau diesem Muster — einfache Schwarz-Weiß-Bilder und ein Schuldiger, den man benennen kann.

Zwei Beispiele zeigen, wie weit das an der Realität vorbeigeht. In der Weltwirtschaft heißt die einfache Antwort: Zölle schützen die eigene Industrie. Trumps Handelspolitik zeigt das Gegenteil — Lieferketten sind global verflochten, Zölle treffen die eigenen Unternehmen genauso wie die vermeintlichen Gegner, am Ende zahlen Verbraucher über höhere Preise.

In der Energiepolitik heißt die einfache Antwort: Sanktionen gegen Russland aufheben, dann sinken die Strompreise. Tatsächlich hängen die Preise von einem globalen Gasmarkt ab, vom Netzausbau, von Jahrzehnten unterlassener Investitionen. Eine Ursache allein erklärt nichts — und Chrupallas Klimaleugnung macht die Gemengelage nicht einfacher.

Die Soziologin Céline Teney teilt die AfD-Wählerschaft laut ZEIT in drei Typen: konservative Hardliner mit rund 67 Prozent, für die praktisch nur Migration zählt — auch wenn die Asylzahlen sinken; radikal-rechte Autoritäre mit etwa 20 Prozent, die autoritären und antisemitischen Positionen zuneigen; und moderate Konservative mit knapp 13 Prozent, die laut Teney tatsächlich noch erreichbar sind — und noch vergleichsweise positiv auf die SPD blicken.

Verlorene Wähler

Doch wohin sind die SPD-Wählerinnen und -Wähler tatsächlich abgewandert? Das zeigt die Wählerwanderung der Bundestagswahl 2025 von tagesschau.de: Die SPD verlor 3,58 Millionen Stimmen an andere Parteien und gewann nur 370.000 zurück, macht unterm Strich ein Minus von gut 3,2 Millionen. Der größte Abnehmer war aber nicht die AfD, sondern die Union — sie zog der SPD zweieinhalbmal so viele Wähler ab. Zusammengerechnet gingen an Linke und BSW sogar mehr Stimmen als an die AfD.

Die SPD verlor 2025 also nicht in erster Linie nach rechts, sondern in alle Richtungen gleichzeitig, mit der Union als größtem Nutznießer. Real ist der Strom von der SPD zur AfD trotzdem: 720.000 Stimmen. Nur ist er nicht der Hauptmotor des AfD-Erfolgs — die AfD gewann allein aus dem Nichtwählerlager 1,81 Millionen und von der Union 1,01 Millionen, jeweils mehr als von der SPD.

Die SPD hat große Teile ihrer klassischen Wählerschaft verloren: Arbeiter, Facharbeiter, Menschen in Schicht und Produktion. Als Partei der einfachen Leute punktet sie schon lange nicht mehr. Das eigentliche Problem sitzt tiefer als jeder Personalwechsel an der Parteispitze. Die Wechsel haben bisher absolut nichts bewirkt.

Nahles, Schulz, Gabriel, die Doppelspitze Esken und Walter-Borjans, derzeit Bas und Klingbeil — jetzt sind Schwesig und Schweitzer im Gespräch. Die eine muss ihre eigene Landtagswahl erst noch bestehen, der andere hat seine in Rheinland-Pfalz bereits verloren. Nach jedem Wechsel Hoffnung, danach dieselben oder noch schlechtere Umfragewerte.

Der Blick auf den Vorsitz greift einfach zu kurz. Der SPD fehlt nicht nur eine charismatische Person an der Spitze. Ihr fehlt eine Erzählung. Ein Narrativ, das zwei Dinge gleichzeitig leistet: sich klar von den einfachen Antworten des rechten Rands abgrenzen und gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger verstehen und erreichen. Nein, ich spreche nicht vom Hunderte Seiten langen Parteiprogramm. Darum gehe es nicht.

Derzeit nimmt niemand ein einfach zu verstehendes, emotionales Narrativ der SPD wahr, und die Zeit in den vielen Koalitionen verwischen das Profil der SPD immer weiter. Auch mit einem Kanzler Scholz blieb unklar, wofür die Partei im Kern steht. Wer ständig Kompromisse verwaltet, zeigt selten Kante. Und wer keine Kante zeigt, verliert genau die Wähler, die klare Haltung suchen. Die Leute haben von vermeintlich leeren Versprechungen und hohlen Phrasen die Nase voll.

Ein aktuelles Beispiel: das Sommerinterview

Wie sehr dieses Defizit im Alltag wirkt, zeigte Klingbeils Sommerinterview bei Sat.1 Mitte August. Simon Strauß urteilt in der FAZ vernichtend über eine halbe Stunde Frage-Antwort-Pingpong ohne jede Substanz: Klingbeil will die AfD politisch stellen, das Rentensystem irgendwann reformieren, kleine und mittlere Einkommen entlasten — Sätze ohne Neuigkeitswert. Auf die wachsende Kritik an seiner Parteiführung antwortet er nur, auch einem neuen Vorsitz würde es schwerfallen, die SPD aus der Krise zu holen.

Am Ende bleibt ein einziger Satz hängen: „Ich will den Sozialstaat fit für die Zukunft machen.” Kein Bild, keine Richtung, nur eine Floskel. Strauß spitzt das in seiner Überschrift zu: Nach diesem Interview wähle auch der letzte Arbeiter die AfD. Zwölf Prozent in bundesweiten Umfragen — das ist der Preis für Sätze, die niemand mehr hören und glauben kann und will.

Was stattdessen helfen könnte

Reine Zahlen und Fakten dagegenzusetzen hilft deshalb wenig. Einfache Antworten schlagen komplizierte Wahrheiten — genau das Muster, das ich eingangs beschrieben habe.

Nicht nur die SPD braucht mehr als die immer gleichen Versprechungen, die viele nicht mehr glauben und keiner mehr hören will. Der Politikwissenschaftler Johannes Hillje rät den Parteien zu mehr Emotionen und einer positiven Zukunftserzählung. In seinem Buch Mehr Emotionen wagen (Piper) führt er das aus: Demokratische Kräfte wirkten oft blutleer und technokratisch, während Populisten Wut ebenso wie Hoffnung für sich beanspruchten.

Reine Sachlichkeit hat als Gegenstrategie versagt — Emotionen gehören in den Dienst der Demokratie, nicht der Radikalen. Ebenso eindeutig fällt der Befund zur Gegenstrategie aus: Wer versucht, die AfD rechts zu überholen oder ihr die Themen wegzunehmen, scheitert. Nachahmung ist also keine Option — was einige in der CDU/CSU noch immer nicht verstanden haben.

Willy Brandt hatte mit der Ostpolitik genau das. Wandel durch Annäherung — ein Satz, den auch Menschen verstanden, die sich sonst nicht für Außenpolitik interessierten. Eine mögliche Positionierung liegt heute nahe: gegen Trump, gegen Putin, für mehr Eigenständigkeit — ein unabhängiges Europa als Gegenmacht, Förderung der eigenen europäischen Wirtschaft, statt teures Gas von den USA einzukaufen oder sich in der Informationstechnologie abhängig zu machen.

Ob Wählerinnen und Wähler das goutieren? Ich weiß es nicht, aber es wäre eine klare, emotional eindeutige Positionierung. Vermutlich zieht das Gegen — gegen Trump, gegen Putin — sogar stärker als das Für der Unabhängigkeit. Doch wird dies genügen? Selbst eine stringente Erzählung schützt nicht automatisch vor sinkenden Umfragewerten, wie das Beispiel Robert Habeck zeigt, der vor allem von der Springer systematisch demontiert wurde. Doch was ist die Alternative für die SPD? Weiter vor sich hin dümpeln. Weiter so geht nicht mehr, glaube ich.

Offenbach: es geht doch

Ein neues emotionales und für die Wählerinnen und Wähler verständliches Narrativ entfaltet seine Kraft natürlich nicht im luftleeren Raum. Es braucht eine glaubwürdige Instanz, die es vermittelt, dazu Vertrauen und Nähe. Da sind wir dann wieder bei den Führungspersönlichkeiten. Ihr fehlt nicht nur die Erzählung. Ihr scheint auch jemand zu fehlen, der sie glaubwürdig verkörpert und Nähe herstellt — das Gegenteil von Klingbeils Sommerinterview.

Dass es anders geht, zeigt ausgerechnet die einstige Krisenstadt Offenbach — und das muss ich als Darmstädter schreiben. Oberbürgermeister Felix Schwenke wurde vor zwei Jahren mit 70 Prozent wiedergewählt, seine SPD holte bei der Kommunalwahl im März 35 Prozent — 16 Punkte vor der CDU. Die AfD kam auf 3,4 Prozent, wie die FAZ berichtet.

Schwenkes Rezept ist im Kern das, was diesem Text bisher fehlte: Er verspricht nur, was er halten kann, und sagt das auch so. Kein neues Hallenbad, weil das Geld für laufende Kosten fehlt — stattdessen Geld für Schultoiletten, offen kommuniziert, auch gegenüber Bürgern, die sich lieber ein saniertes Schlagloch vor der Haustür gewünscht hätten. Er holt Unternehmen in die Stadt, obwohl ihm das eigene Umfeld davon abriet, lieber auf klassische SPD-Themen zu setzen.

Und er spricht Migration direkt an, in einer Stadt mit fast 70 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund: konsequent abschieben, wer sich nicht an Regeln hält, dafür mehr Akzeptanz für die, die bleiben. Für die Stimmung geht er regelmäßig in die Kneipen der Stadt — Nähe, nicht nur Botschaft.

Die hessische SPD-Generalsekretärin Josefine Koebe nennt für solche Erfolge drei Zutaten: beliebte Bürgermeister, junge engagierte Parteimitglieder und eine Kandidatenaufstellung, die Wählermilieus über Jahre gezielt aufbaut statt sie kurz vor der Wahl anzusprechen. Ein Sozialdemokrat bringt den tieferen Konflikt der Partei auf den Punkt: „Die einen wollen Mehrheiten auf Parteitagen, die anderen wollen gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen.” Vor Ort gewinnt meist die zweite Fraktion — pragmatischer, migrationspolitisch klarer, weniger links als Landes- und Bundespartei.

Die Lehre aus Offenbach ist fast banal: Menschen ernst nehmen, weniger Worthülsen und Floskeln, nur versprechen, was man auch hält. Genau daran krankt die Bundes-SPD. Ob sich das von der Kommune auf die Bundespolitik übertragen lässt, bezweifelt auch der Offenbacher OB Schwenke — ein Kanzler kümmert sich nicht um Schlaglöcher, sondern um Trump und Rentenpolitik. Aber das Prinzip dahinter, Glaubwürdigkeit durch Begrenzung statt durch Versprechen, könnte ein weiteres wichtiges Element sein, das der Bundespartei fehlt.

Erst die Erzählung, dann der Name

Ob eine neue SPD-Story bessere Zahlen bringt, kann niemand wirklich wissen. Aber ohne Erzählung bleibt jeder neue Vorsitz ein Gesicht ohne Auftrag. Es würde helfen, da bin ich überzeugt.

Meine allzu nostalgische Bindung an diese Partei habe ich hier schon beschrieben, in meinem Rückblick auf Brandt und Schmidt und in meiner Bilanz zu den Wahlen 2026. Nostalgie ersetzt aber keine glaubwürdige Erzählung. Auch ich habe keine fertige Lösung. Aber ich schlage eine andere Reihenfolge vor: erst die Erzählung, die sich gegen einfache Antworten stellt, verständlich bleibt und glaubwürdig vermittelt wird, dann die Person oder Personen an der Spitze. Solange die SPD diese Reihenfolge umdreht, diskutiert sie über den Fahrer, während niemand weiß, wohin die Fahrt gehen soll.

Und wenn die SPD nicht bald reagiert, könnte ihr auch das drohen, was der FDP passiert. Der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Und um zu Christian Ehring zurück zu kommen: Baby Boomer wie ich werden nicht jünger und viele von ihnen sind frustriert und treffen gerade falscher Wahlentscheidungen gegen unsere Demokratie. Die Uhr tickt.

Quellen & Leseempfehlungen

Fediverse-Reaktionen

Posted

in

by

Comments

Eine Antwort zu „SPD ohne Story: Warum ein neuer Vorsitz sie nicht rettet“

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Regelmäßig informiert bleiben?
StefanPfeiffer.Blog

Jetzt abonnieren, um informiert zu bleiben und alle Beiträge im Zugriff zu haben.

Fortfahren