Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent gewonnen. Zwei Drittel der AfD-Anhänger stimmen laut Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend diesem Satz zu: „Es ist mir egal, dass die AfD teilweise als rechtsextrem gilt, solange sie die richtigen Themen anspricht.“ Der Soziologe Hartmut Rosa hat in einem Interview mit der SZ (€) konstatiert: „Da sagen die Leute irgendwann: Dann bin ich halt ein Nazi.“
Das komme von einem weit verbreiteten Gefühl, dass man sofort als Nichtdemokrat oder eben Schlimmeres abgeurteilt werde, wenn man bei Themen wie Klimaschutz, Gendern, Impfen oder der finanziellen Unterstützung der Ukraine nicht der offiziell richtigen oder politisch korrekten Meinung sei. Irgendwann würden die Leute dann bockig.
Immer wieder hört man, dass die AfD-Wähler nicht pauschal in die rechte Ecke gestellt werden sollten. „Sie möchten nicht hochnäsig zurechtgewiesen, sondern mit ihren Anliegen und als Souverän ernst genommen werden“, schreibt Sven Türpe hier in einem Kommentar. Hartmut Rosas Deutung erklärt das Gefühl vieler Ostdeutscher.
Sie erklärt nicht, warum aus diesem Gefühl ein Kreuz bei einer gesichert rechtsextremen Partei folgt.
Sie erklärt nicht, warum Fakten und Wissenschaft geleugnet werden.
Sie erklärt nicht, warum eine kontroverse, aber faire Diskussion zwischen Menschen unterschiedlicher Meinung nicht mehr möglich scheint.
Zwischen „ich fühle mich bevormundet“ und „ich wähle Höcke, Weidel und Siegmund“ liegt eine bewusste Entscheidung. Mache ich also einen auf beleidigte Leberwurst und wähle eine Partei, die in großen Teilen gesichert rechtsextrem ist und unsere Demokratie beschädigen will? Wie kann ich eine Partei wählen, deren Programm – wenn es denn umgesetzt würde – in weiten Teilen den Interessen der einfachen Leute, also den eigenen Interessen, schaden würde?
Wie rechts denkt Deutschland?
Dass es dabei nicht nur um Trotz geht, zeigen erneut die Zahlen von Infratest dimap. Laut der Umfrage „Wie rechts denkt Deutschland?“ gibt es bei 18 bis 27 Prozent der AfD-Anhänger ein manifest rechtsextremes Weltbild, weitere 22 bis 25 Prozent gelten als ausgeprägt rechts. Zusammen also 40 bis 50 Prozent. Dem Staat nur Schlechtes zuzutrauen, schreibt Thomas Schmid, früher Herausgeber der Welt, sei im Osten weiter verbreitet als im Westen – in diesem zweifelhaften Sinn sei die frühere DDR eine deutsche Avantgarde.
„Sind alle AfD-Wähler rechtsextrem?“, fragt Christian Geyer in der FAZ. Und warum scheint es so vielen egal zu sein, dass sie Rechtsextreme, gar Nazis wählen? Schmid bringt die Schwelle, die derzeit viele überschreiten, auf eine Formel: Na und? Und er erklärt: Mag ja sein, dass in dieser Partei finstere Gestalten sitzen. Mag ja sein, dass im Programm Schlimmes steht. Na und? Schmid beschreibt das als stillen Vertrag: Die Partei verspricht Großes, die Wähler erlauben ihr dafür jede Rhetorik. Diese Wähler haben nicht bloß Frust abgeladen. Sie nehmen hin, wenn die demokratischen Regeln und unsere Demokratie an und für sich demoliert werden.
Doch werden die Wählerinnen und Wähler wirklich nicht ernst genommen? Ist das einfach die kommunikative Arroganz der regierenden Altparteien und deren Politikerinnen und Politiker? Sind es vor allem die Wessis, die hochnäsig über die Ossis hinweg regieren? Ja, viele Wessis mögen hochnäsig sein. Nicht zuletzt kommt unser Kanzler so rüber. Doch sind viele Wessis aus der politischen Mitte – so wie ich – mit der Regierung ebenfalls nicht zufrieden. Unzufriedenheit gibt es im Westen genauso, sie endet dort nur nicht bei 43,8 Prozent. Noch nicht. Hoffentlich nie.
Eine Wahl macht eine antidemokratische Partei nicht zu Demokraten
Michel Friedman zeichnet im beeindruckenden SPIEGEL-Spitzengespräch das Bild vom demokratischen Haus, in dem beliebig viele neue Parteien entstehen können, und vom antidemokratischen Haus daneben, in dem die AfD stecke. Zwischen beiden Gebäuden lasse sich keine Tür bauen, da die AfD das demokratische Haus zerstören wolle.
Horst Schulte fasst Friedmans Ausführungen so zusammen: Eine demokratische Wahl macht nicht automatisch jede gewählte Partei zu einer demokratischen Partei. Der Satz zerlegt das Totschlagargument vieler, das auch der CDU-Spitzenkandidat Schulze am Wahlabend so nonchalant hinlegte: Das ist Demokratie. Nein. Die Wahlurne ist der Anfang der Demokratie, nicht ihr Ende. Gewaltenteilung, Minderheitenschutz, freie Medien, Verfassungsgerichte gehören dazu und müssen von Demokraten respektiert werden. Deshalb macht diese Wahl die AfD auch nicht zu einer demokratischen Partei.
Denn sie wissen, wen sie wählen
Friedman spricht den Wählerinnen und Wählern zu, dass sie wissen und wollen, wen sie wählen. Genau deshalb macht er jeden AfD-Wähler verantwortlich, gerade jetzt in Sachsen-Anhalt. Wer wählt, trägt Verantwortung dafür, wen und was er wählt. Horst hat mir nach meinem letzten Beitrag vorgehalten, ich ginge zu glimpflich mit den AfD-Wählern um. Vielleicht ist dem so. Christian Bangel wird in der ZEIT deutlich. Wer diese Partei wähle, halte sich vielleicht für einen echten Demokraten, trage aber dazu bei, die Grundlagen des Gemeinwesens kaputtzuschlagen. „Nichts daran ist respektabel.“
Der Vertrauensverlust ist real, die Adresse ist falsch
Die AfD lebt vom Frust über die etablierte Politik, und dieser Frust reicht, wie Gregor Gysi bei Markus Lanz nüchtern feststellt, von der CSU bis zur Linken. Als Beispiel wählt er (natürlich) Friedrich Merz. Im Wahlkampf versprach der, an der Schuldenbremse werde nicht ein Millimeter gerührt. Kurz darauf tat er das Gegenteil. Die Schlussfolgerung vieler späterer AfD-Wähler: Siehst du, wir sind wieder belogen worden.
Genau daraus zieht die AfD ihre Kraft von unten gegen die da oben – und es trifft auch Parteien, die an der Sache gar nicht beteiligt waren. Vertrauensverlust erklärt, warum jemand seine alte Partei verlässt. Er erklärt nicht, wo er landet. Wer sich von Merz belogen fühlt, kann die Grünen wählen, die Linke, das BSW oder zuhause bleiben. In Sachsen-Anhalt haben sich 43,8 Prozent anders entschieden und rechtsextrem gewählt.
Deutschtümelei, das Märchen vom Früher
Doch was bietet die AfD als wirklich alternative Politik? Die AfD entwerfe laut Schmid Bilder altdeutscher Versöhntheit und rufe allen zu, ihre Herkunft adle sie. Sie verlange dafür nichts – keine Bildung, keine Anstrengung, keine Tat, nur Gefolgschaft in der Wahlkabine. Schmid nennt das Revolution zum Nulltarif. Deshalb funktioniert Ulrich Siegmunds Versprechen vom „alten, sicheren Deutschland“ so gut, und deshalb kann er im MDR die Neunziger als Freiheitsjahrzehnt verklären. In seiner Erzählung kommen die erschlagenen Migranten und Linken dieser Jahre nicht vor.
Die schlechte Laune hat die Seiten gewechselt
In Sachsen-Anhalt hat die schlechte Laune die Seiten gewechselt, schreiben Kersten Augustin und Stefan Reinecke in der taz. Lange galten AfD-Wähler als die Abgehängten, die jammern. Heute sind es die Parteien der Mitte, die erklären, was alles nicht geht, während die Rechtsextremen auf dem Volksfest Selfies mit Siegmund machen und „Alles wird gut“ plakatieren. Deshalb hat die AfD in Sachsen-Anhalt so viele Nichtwähler an die Urne gebracht wie nie.
Vorne stehen die Hüpfburgen und fahren die Simson-Korsos, beschreibt Robert Pausch in der ZEIT. Im Hintergrund bereiten sich ehemalige Kader einer 2009 verbotenen Nazi-Jugendorganisation auf Posten in der Staatskanzlei vor. Bei Markus Lanz rechnen Gregor Gysi und Nikolaus Blome durch, was ein AfD-Ministerpräsident allein über die Verwaltung tun kann: Zugang zu allen Landesdaten. Mittel streichen für gemeinnützige Vereine, die sich für Demokratie und gegen Rassismus einsetzen. Bildungspolitik per Verwaltungsakt. Das 100-Tage-Programm der AfD ist genau darauf gebaut, möglichst wenig Gesetzgebung, möglichst viel Verordnung. Den Rundfunkstaatsvertrag kann sie ohne Landtag nicht kündigen. Fast alles andere schon.
Wir dürfen die Demokraten im Osten nicht allein lassen
Ein Finanzminister in Schwaben will einer möglichen AfD-Regierung in Magdeburg am liebsten das Geld streichen, und dem westdeutschenü Bürgertum reißt der Geduldsfaden: Wir zahlen den Soli, und dann wählen die Faschisten? Die taz nennt das eine Zeitreise in die neunziger Jahre – der erziehungsberechtigte Westen droht dem verstockten Ost-Kind mit Entzug des Taschengelds. Verstehen kann ich es. Doch bedient es die Spaltung, von der die AfD lebt: Deutsche gegen Migranten, Ost gegen West.
Berthold Kohler, einer der Herausgeber der FAZ, fragt in seiner Kolumne Fraktur, ob wir Wessis die Ossis auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit überhaupt aufhalten sollten. Oxit. Als Satire lustig-gruselig. Doch die Pointe trifft eben nicht nur die AfD. Sie sagt Ossis, wo AfD-Wähler gemeint sind. Diese Verschiebung ist das Geschäft der Rechtsextremen, Ost gegen West. Wer sie bedient, arbeitet ihnen zu. Wir dürfen nicht die Demokratinnen und Demokraten in Sachsen-Anhalt vergessen und diese mit AfD-Leuten und Wählern der AfD gleichsetzen. Auf keinen Fall!
Es ist und bleibt ein sehr dickes Brett, das gebohrt werden muss. Und das übrigens ganz sicher nicht nur im Osten. Auch in den westlichen Bundesländern ist das Jammern groß, sobald es an Reformen geht und jemand etwas von seinem Stück Kuchen abgeben soll. Da unterscheiden wir uns nicht so sehr, wie uns manche glauben machen wollen. Sicher. Im Osten mögen noch die Erfahrung der DDR und die Wendezeit zu einem speziellen Staatsverhältnis aus Verachtung, Ducken und Versorgungserwartung geführt haben.
Was bedeutet es für unser Land, wenn eine Partei demokratisch gewählt wird, die zugleich im Verdacht steht, die Demokratie zu gefährden? Was muss eine wehrhafte Demokratie in einem solchen Augenblick tun? Wo endet das Aushalten? Wo beginnt die Pflicht? Zum zivilen Widerstand?
Markus Feldenkirchen im SPIEGEL-Spitzengespräch mit dem Publizisten Michel Friedman
Was können wir also tun?
Was können – und müssen – wir also tun. Oder: Was ist der Werkzeugkasten, so groß wie ein Hangar, wie es Nils Minkmar schreibt. Ich denke, wir müssen parallel an verschiedenen Stellen gegenhalten.
Gysi macht bei Lanz einen wichtigen Punkt. Er redet von Präsenz. Die AfD stehe immer schon auf dem Marktplatz, wenn die anderen noch aufbauen. Wer früher seinen Rentenantrag nicht verstand, ging ins Bürgerbüro der PDS; heute geht er ins Bürgerbüro der AfD. Das Spiel wurde von unten gewonnen, zurückgewinnen lässt es sich auch nur von unten. Das ist mühsamer als jede Brandmauer-Debatte und wahrscheinlich wirksamer als jeder Faktencheck.
Aber es braucht auch ein Zielbild, das Sinn stiftet, eine Vorstellung davon, wie dieses Land in zehn Jahren aussehen soll. Genau dieses Feld haben die demokratischen Parteien vernachlässigt. Eine Heilserzählung wie „Alles ist möglich“ können und wollen Demokraten nicht liefern. Weiter so wird nicht funktionieren. Wir haben zu lange über die AfD geredet statt über unsere eigenen Themen. Es braucht auch ein Sinnbild der funktionierenden, demokratischen Mitte und eines unabhängigen Europas. Und nein, ich glaube nicht daran, dass die, die in der Mitte stehen, bald ziemlich einsam sein könnten, wie es Julia Löhr und Johannes Pennekamp in der FAZ schreiben.
Und ich denke, dass insbesondere die Politikerinnen und Politiker keine andere Wahl haben, als ihre Kommunikation zu ändern. Wir haben bei #9vor9 darüber gesprochen. Merz und anderen, auch der SPD, wird immer wieder vorgeworfen, vor der Wahl das eine zu versprechen und danach das komplett andere zu tun, siehe das Thema Schuldenbremse. Hier hilft meiner Ansicht nach nur Ehrlichkeit: Wir mussten das tun, weil … Man muss den Wählerinnen und Wählern die Wahrheit zumuten und erklären.
Gysi hat bei Lanz auch den Satz gesagt, der durchs Netz geht: Wenn wir die Entwicklung stoppen wollen, müssen wir die AfD inhaltlich widerlegen, nicht nur beschimpfen. Richtig. Nur hat das Widerlegen bisher nicht geklappt, oft weil einfach nicht zugehört wird und vielen alles egal ist, das Gefühl zählt. Aber wie sagt Gysi: Müssen wir das Gefühl ernst nehmen, wenn jemand das Gefühl hat, die Erde sei eine Scheibe?
Trotzdem, auch wenn es schwer ist, müssen die Demokratinnen und Demokraten bei Fakten und Wissenschaft bleiben, diese verteidigen. Selbst wenn viele nicht mehr zuhören wollen. Das gehört zur demokratischen Etikette. Eine Demokratie muss annehmen, dass der Wähler der Vernunft zugänglich ist, Augenmaß besitzt und mitfühlen kann. Auch wenn das nach der Wahl vom 6. September noch schwerer fällt.
Eine Alternative dazu gibt es für Demokratinnen und Demokraten nicht. Also: streiten statt sortieren, dasein statt beschimpfen, und den Leuten die Verantwortung für ihr Kreuz nicht abnehmen. Und ich stehe dazu, dass wir trotzdem weiter klare Kante zeigen müssen. Demokratinnen und Demokraten müssen sich wehren. Wir sollten endlich ein Verbotsverfahren gegen die AfD zumindest prüfen. „Alles muss geprüft werden, was das Grundgesetz erlaubt“, so auch Nils Minkmar. Dass man deren Wähler nicht weiter ausgrenzen dürfe, ist ein Totschlagargument. Sie grenzen sich selbst aus – siehe oben.
Ich möchte nicht, dass unsere Kinder und Kindeskinder einmal fragen, warum habt ihr euch nicht gewehrt, warum habt ihr nicht mehr getan. Diese Fragen hat meine Generation unseren Großvätern und Großmüttern nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt. Nie wieder!
Ich lasse der nächsten Generation – solange ich kann – keinen Trümmerhaufen zurück. Ich hatte wunderschöne Jahrzehnte der Freiheit und ich habe sie genossen. …
Michel Friedman im SPIEGEL-Spitzengespräch mit Markus Feldenkirchen
Ich kann diese Freiheit so spüren und solange ich kann, werde ich wie Sisyphos dafür werben. Man mag mich für bescheuert dazu halten oder naiv. Das kann auch ein Kompliment sein.
Quellen & Leseempfehlungen
- Entzaubert sich die AfD an der Macht? Michel Friedman im Spitzengespräch — DER SPIEGEL, 08.09.2026
- Demokratie ist mehr als eine Wahlurne — Horst Schulte, 09.09.2026
- Na und? Mit der Wahl in Sachsen-Anhalt nähert sich ein Kapitel deutscher Geschichte ihrem Ende — Thomas Schmid, 09.09.2026
- Demokratie: „Da sagen die Leute irgendwann: Dann bin ich halt ein Nazi“ — Hartmut Rosa im Interview, Süddeutsche Zeitung (€)
- Sind alle AfD-Wähler rechtsextrem? — Christian Geyer, F.A.Z., 10.09.2026
- Schwarz-blau – ist das Deutschlands Zukunft? — Julia Löhr, Johannes Pennekamp, F.A.Z., 12.09.2026
- Merz nach Wahl-Debakel in Sachsen-Anhalt: Kriegt der Kanzler die Kurve? — Tagesanbruch, t-online, 10.09.2026
- 6 Lehren aus der Landtagswahl: Gut gelaunter Rechtsextremismus — Kersten Augustin und Stefan Reinecke, taz, 07.09.2026
- Fraktur: Soll man die Ossis wirklich aufhalten? — Berthold Kohler, F.A.Z., 11.09.2026
- Pressefreiheit in Sachsen-Anhalt — Mohamed Amjahid, taz, 08.09.2026
- Kommentar zum AfD-Sieg: Der Ernstfall ist jetzt — Robert Pausch, DIE ZEIT, 09.09.2026
- AfD-Wähler: Nichts daran ist respektabel — Christian Bangel, DIE ZEIT, 09.09.2026
- Gregor Gysi über die Wut der Wähler in Sachsen-Anhalt — Markus Lanz vom 9. September 2026 — ZDFheute, 10.09.2026
- Gregor Gysi bei „Markus Lanz“: Demokratie attraktiver machen — ZDFheute, 10.09.2026
- Der siebte Tag: Kaffee an der Spree — Nils Minkmar, 13.09.2026
- Was tun gegen Nazis? — neunmalsechs, 09.09.2026
- 44 Prozent AfD: Schweigen ist keine Option mehr — Stefan Pfeiffer, 08.09.2026
- Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Blogschau — Stefan Pfeiffer, 09.09.2026


Kommentar verfassen