Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Wer Weimar mit unserer heutigen Situation und der Bedrohung unserer Demokratie in Deutschland durch die in weiten Teilen gesichert rechtsextremen AfD vergleicht, behauptet nicht, dass sich 1932 eins zu eins wiederholt. Er sucht nach Parallelen in einer politischen Entwicklung und nimmt historische Ereignisse als Warnung ernst. Genau das tue ich in diesem Blog und in Gesprächen seit Jahren, und ich sehe diese Parallelen heute deutlicher denn je. Da bin ich anderer Meinung als der von mir sehr geschätzte Historiker Heinrich August Winkler. In seinem Essay Zur Lage der. Republik – Warum der Vergleich zwischen AfD und NSDAP zu kurz greift in der FAZ (€) schreibt er: Wer die Berliner Republik von 2026 in die Nähe von 1932 rückt, weiß nicht, wovon er spricht.
Wer Heinrich August Winkler ist
Einem Heinrich August Winkler zu widersprechen, fällt schwer. Ich kenne seine Bücher seit meinem Geschichtsstudium. Er wurde 1938 in Königsberg geboren, lehrte in Freiburg und bis 2007 an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine Darstellung „Weimar 1918–1933“ gilt bis heute als Standardwerk zur ersten deutschen Demokratie. In „Der lange Weg nach Westen“ beschreibt er, wie Deutschland nach den Irrwegen des 19. und 20. Jahrhunderts zu einer westlichen Demokratie wurde. Im Historikerstreit der 1980er Jahre stellte er sich gegen Ernst Nolte, der die Verbrechen des Nationalsozialismus relativierte. Am 8. Mai 2015 hielt er im Bundestag die Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Winkler ist seit 1962 Mitglied der SPD. Wenn er vor falschen Weimar-Vergleichen warnt, spricht keiner, der die Gefahr von rechts kleinredet.
Was 1932 von 2026 trennt
In vielen Fakten hat Winkler recht. Im Sommer 1932 herrschten Massenelend und Massenarbeitslosigkeit, und vor Wahlen gab es blutige Straßenschlachten. Bei der Reichstagswahl im Juli stimmte die Mehrheit für NSDAP und KPD, also für zwei Parteien, die die Diktatur wollten. So weit sind wir nicht. Die Bundesrepublik hat stabilere Institutionen, ein Verfassungsgericht und eine Verfassung, die aus dem Scheitern von Weimar entstanden ist.
Aber die Unterschiede in den Verhältnissen heben die Parallelen im Verhalten nicht auf. Winkler zitiert selbst den Sozialdemokraten und früheren Reichsjustizminister Gustav Radbruch. Der schrieb 1930, die Demokratie sei in Gefahr, „nicht in erster Linie durch die Kraft ihrer Gegner, sondern durch die Schwäche ihrer Anhänger“. Genau diese Schwäche sehe ich heute wieder.
Die Parallelen, die mich warnen
Die erste Parallele: Eine Demokratie muss sich gegen Rechtsextremisten wehren, als Staat und als Bürgerinnen und Bürger. Die Weimarer Republik hat das zu spät und zu halbherzig getan. Ihre Feinde nutzten die Freiheiten, die sie ihnen ließ. Diesen Eindruck habe ich heute wieder. Wir nutzen nicht alle zur Verfügung stehenden Mittel, um Rechtsextremisten abzuwehren.
Die zweite Parallele beobachte ich mit wachsender Sorge. Konservative und Teile der Wirtschaft nähern sich den Rechtsextremen an. Auch das hatten wir schon. Im Januar 1933 glaubten Franz von Papen und die Deutschnationalen, sie könnten Hitler in einem Kabinett voller Konservativer einhegen. Sie haben sich geirrt. Was daraus folgte, wissen wir: Millionen Tote, eine Katastrophe für Europa und für Deutschland. Wer heute in der Union oder in Wirtschaftsverbänden über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachdenkt, sollte diese Geschichte kennen.
Warum ich für ein Verbotsverfahren bin
Winkler warnt vor einem Verbot. Scheitert der Antrag in Karlsruhe, triumphiert die AfD. Hat er Erfolg, verlieren alle AfD-Abgeordneten vom Bundestag bis zum Gemeinderat ihre Mandate, und vor allem im Osten droht eine Krise des Vertrauens in die Demokratie. Ich nehme diese Einwände ernst. Trotzdem bin ich seit Jahren für ein Verbotsverfahren. Die AfD ist in großen Teilen gesichert rechtsextrem. Sie biedert sich Putin an, und Trump, Musk und ihre Leute fördern sie. Das Verfahren hätte schon vor vielen Jahren eingeleitet werden müssen.
Das Grundgesetz kennt das Parteiverbot, weil seine Verfasser aus Weimar gelernt haben: Eine Demokratie muss sich nicht auf legalem Weg abschaffen lassen. Winkler beschreibt die AfD selbst als Partei, die Grundrechte, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz dem Willen der Mehrheit unterordnen will. Für mich reicht das, um die Partei in Karlsruhe prüfen zu lassen.
In einem Punkt stimme ich Winkler ohne Abstriche zu. Ein Verbot ersetzt nicht den politischen Streit. Die demokratischen Parteien müssen konkret zeigen, was das Programm der AfD im Alltag bedeuten würde. Und sie müssen ihre eigenen Versäumnisse aufarbeiten: die ungleichen Vermögen in Ost und West, die unterschätzte Integration nach 2015, die fehlenden bezahlbaren Wohnungen und eine Sprache, die viele Menschen nicht mehr erreicht. Verbotsverfahren und politische Auseinandersetzung schließen sich nicht aus.
Erneuerung der Volksparteien oder neue Partei
In meinem Beitrag zur Mitte habe ich Stimmen zitiert, die über eine neue Partei der Mitte nachdenken. Winkler geht in dieselbe Richtung. Die Union soll „konservativ“ als wertkonservativ verstehen, nicht als strukturkonservativ, und dem Anspruch der AfD widersprechen, die einzig wahre konservative Partei zu sein. Die SPD soll sozialliberal werden und sich an Chancen- und Generationengerechtigkeit orientieren. Gelingt beiden die Erneuerung nicht, erwartet Winkler, dass sich die Reformer aller verfassungstreuen Parteien zu einer neuen Sammelpartei zusammenschließen.
Die Bonner Republik hat aus Weimar gelernt, schreibt Winkler, die Berliner verlernt es gerade. Ich will nicht, dass kommende Generationen uns vorwerfen: Ihr habt nicht alles getan, um die Demokratie und unser Leben zu schützen.

Urheber: Werkstatt DER BEVÖLKERUNG – Weitere Informationen: https://derbevoelkerung.de/
Quellen & Leseempfehlungen
- Zur Lage der Republik: Warum der Vergleich zwischen AfD und NSDAP zu kurz greift — Heinrich August Winkler, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2026
- Ansprache zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs — Heinrich August Winkler, Deutscher Bundestag, 08.05.2015
- Denk ich an Deutschland in der Nacht – oder: Die Mitte — Stefan Pfeiffer, stefanpfeiffer.blog, 06.10.2026


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