A modern digital art illustration depicting a frog sitting in a large metallic pot that glows with intense red-orange heat patterns and swirling streams of bright digital data instead of water. The pot radiates with cyberpunk-style neon edges and dramatic lighting, symbolizing rising temperature and mounting pressure. A floating holographic chart hovers beside the pot, displaying a sharp red upward curve with digital gridlines representing escalating costs, while a massive shadow-like Microsoft four-square logo projection dominates the background with overwhelming presence. On the left, a stylized polygon-network map of Germany glows softly, connected to the pot via blue data cables, and on the right, a similar network-style Europe map streams digital information toward the central scene, all set against a slightly dystopian atmosphere with cinematic lighting and strong contrast in 16:9 format.

Microsoft, Souveränität und der Frosch im Lizenzkessel #9vor9

9vor9 breit

Es gibt Gespräche, die bleiben hängen – nicht weil sie einfache Antworten liefern, sondern weil sie die Komplexität eines Problems offenlegen. So ein Gespräch hatten Lars und ich mit Axel Oppermann, Analyst und Microsoft-Experte, in unserer Podcast-Reihe 9vor9. Thema: Microsofts Dominanz in Deutschland, digitale Souveränität und die Frage, ob wir uns gerade wie der berühmte Frosch im langsam erhitzten Wassertopf verhalten. Spoiler: Es wird uns ungemütlich heiß.

Microsofts Macht in Deutschland

Microsoft ist in Deutschland längst mehr als ein Softwareanbieter. Es ist ein digitales Versorgungsunternehmen – ein Utility. Wie Gas. Wie Strom. Nur ohne Regulierer, ohne Preisbremse und ohne geopolitische Rückversicherung. Dieses Bild zieht. Denn Microsoft bestimmt nicht „nur“ Office, Teams oder Cloud-Architekturen. Es bestimmt die Rahmenbedingungen dafür, wie Unternehmen und Behörden arbeiten, welche Kostenstrukturen sie tragen und wie souverän – oder eben unsouverän – Deutschland und Europa digital agieren können.

Deutschland gehört zu den wichtigsten Microsoft-Märkten weltweit, mit geschätzten Umsätzen im zweistelligen Milliardenbereich – quer durch Branchen, von Unternehmen bis hin zu Kommunen, Landes- und Bundesbehörden. Wer in Deutschland IT sagt, kommt an Microsoft nicht vorbei – vor allem der Staat nicht, der seit Jahren hunderte Millionen in Lizenzen pumpt, ohne dass irgendjemand das mal wirklich konsolidiert auf den Tisch legt.

Der Frosch im warmen Wasser

Axel bringt ein Bild, das hängen bleibt: der Frosch im kalten Topf, in dem das Wasser langsam wärmer wird. Microsoft dreht an Lizenzmodellen, Abrechnungslogiken und vor allem an der technischen Verzahnung – von Office über Azure bis hin zu Copilot – und viele merken die steigende Temperatur erst, wenn sie schon gar sind. Fixpreis-Lizenzen werden schrittweise in verbrauchsbasierte Modelle überführt, Preiserhöhungen von bis zu 33 Prozent für bestimmte Nutzergruppen sind angekündigt.

Die Abhängigkeit von Microsoft ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines durchdachten strategischen Designs. Wer einmal in Teams, Azure und Copilot investiert hat, dem schwindelt nicht nur vor möglichen Wechselkosten. Es kommt die psychologische Hürde hinzu, die sich in der simplen, aber wirkmächtigen Frage manifestiert: „Warum überhaupt wechseln, wenn es doch funktioniert?“ – ein Gedanke, der IT-Entscheider in Unternehmen und Behörden tagtäglich davon abhält, Alternativen auch nur in Betracht zu ziehen.

Angeblich „Souveräne Cloud“: Haken gesetzt, Problem nicht gelöst

Axel trennt sauber zwischen Unternehmens- und Staatsperspektive – etwas, das in der öffentlichen Debatte zu selten passiert. Für Unternehmen ist „digitale Souveränität“ am Ende ein Kosten-Nutzen-Spiel: Investiere ich in Souveräne Cloud, zahle ich Strafen, oder nehme ich bewusst Risiken in Kauf und bilde Rückstellungen? Souveräne Cloud-Angebote wie Delos & Co. liefern Unternehmen vor allem eines – einen Haken im Auditbericht. Auf dem Papier ist man DSGVO-konform, BSI-konform, irgendwas-konform; in der Realität bleiben die grundsätzlichen Risiken von Datenabfluss und politischer Einflussnahme bestehen. Unternehmen zahlen für diese „Compliance-Beruhigung“ gerne 15–30 Prozent mehr, Kosten, die in anderen Märkten nicht anfallen.

Unternehmen vs. Staat: Zwei völlig verschiedene Spiele

Während Unternehmen Kosten-Nutzen-Abwägungen treffen (z. B. „Lohnt sich eine souveräne Cloud-Lösung?“), hat der Staat eine andere Verantwortung: langfristige Sicherheit, geopolitische Handlungsfähigkeit, Schutz kritischer Infrastruktur und seiner Institutionen. Die Sperrung von E-Mail-Konten europäischer Richter durch Microsoft auf Geheis der US-Administration, ist nicht zu akzeptieren – auch wenn das Markus Söder in Bayern nicht zu stören scheint. „Ach, wer meine Daten haben will, kriegt sie sowieso“ ist keine Option, sondern politische Bankrotterklärung.

Axel bringt die Komplexität des Themas auf den Punkt: Souveränität ist kein einfaches „Ja oder Nein“, sondern ein vielschichtiges Spektrum, das sich in drei zentrale Ebenen unterteilen lässt – und bei dem Europa in jeder Hinsicht Nachholbedarf hat. Da ist zum einen die Autarkie, also die Fähigkeit, eigenständig und unabhängig Entscheidungen zu treffen, die wir hierzulande kaum besitzen. Dann die Autonomie, die operative Handlungsfähigkeit innerhalb globaler Strukturen, die wir teilweise haben sollten, ja müssen. Und schließlich die Souveränität im eigentlichen Sinne: die Macht, strategische Letztentscheidungen selbst zu treffen – ein Privileg, das Europa derzeit weitgehend abhanden gekommen ist.

Compute first: Warum europäische Unternehmen eigene Rechenzentren braucht

Ein Kernpunkt von Axel: Bevor wir über „die beste KI“ reden, müssen wir über Rechenleistung reden. Axels klare Ansage: „Compute Power ist das neue Öl“ – wer die Rechenleistung beherrscht, beherrscht die Zukunft. Rechenpower ist die neue Infrastruktur – vergleichbar mit Strom, Schienen, Autobahnen. Ohne Compute keine autonomen Autos, keine vernetzte Industrie, kein ernstzunehmendes KI-Ökosystem.

Doch während Europa noch diskutiert, haben andere längst Fakten geschaffen. Microsoft, AWS und Google errichten hierzulande Rechenzentren, nicht aus Großzügigkeit, sondern um langfristige Abhängigkeiten zu zementieren. Gleichzeitig verzichten europäische Konzerne wie VW oder dhl viel zu oft darauf, eigene Compute-Infrastrukturen aufzubauen – und geben damit nicht nur die Hoheit über ihre Daten, sondern auch über ihre KI-Entwicklung aus der Hand. Während Staaten wie die UAE oder Saudi-Arabien Milliarden in den Aufbau digitaler Kapazitäten investieren, bleibt Europa weitgehend tatenlos. 

Europa: FC Bayern oder Borussia?

Zum Schluss wurde es fast fußballerisch: Axel sagt, Deutschland und Europa müssten auftreten wie der FC Bayern – mit dem Ziel zu gewinnen –, während wir bisher eher spielen wie Borussia Mönchengladbach im Pokal: bloß nicht verlieren. Wer von vornherein sagt „Autonomie schaffen wir eh nicht“, hat schon verloren; das sickert in Köpfe, Budgets und Entscheidungen. Und ja, da waren wir uns einig: Deutschland allein wird weder autark, noch autonom, noch souverän – ohne eine strategische, geeinte EU bleiben wir digitaler Zulieferer und Datenspeicher von Gnaden anderer.​

Und jetzt?

Wird Deutschland in fünf Jahren weniger abhängig von Microsoft sein? Meine Antwort in der Sendung war klar: eher abhängiger – weil Strategie, Wille und Durchsetzungsfähigkeit fehlen, auf politischer Ebene wirklich gegenzusteuern. Macron und Merz reden über „by European“ und landen doch wieder bei „by French“, „by German“, „by Spanish“ – ein Europa der Partikularinteressen, während USA und China strategisch ihre Compute- und Cloud-Positionen ausbauen.​

Lars fragt zum Abschluss, ob Deutschland in fünf Jahren abhängiger von Microsoft sein wird. Axel windet sich ein wenig. Er vermutete, dass der „fleischessende Freund aus München“ in fünf Jahren mehr Abhängigkeit von Microsoft haben werde, als jemand in Schleswig-Holstein. Meine Antwort ist leider klar: Der politische Wille und die Durchsetzungskraft für eine europäische Gegenstrategie fehlen. Also werden wir abhängiger sein. Warum fangen wir nicht endlich an, über eigene Compute-Power, echte europäische Alternativen und eine gemeinsame digitale Außenpolitik zu reden – und zu handeln?

Mein Fazit

Was bleibt nach dem Gespräch?

  • Microsoft macht seine Sache gut.
  • Die Abhängigkeit ist selbstverschuldet.
  • Europa hat die Mittel – aber (noch) nicht die Strategie.
  • Compute (Rechenpower) ist der Schlüssel zur digitalen Zukunft.
  • Und wenn wir nicht beginnen, strukturiert zu handeln, werden wir in fünf Jahren nicht weniger, sondern massiv stärker abhängig sein – von Microsoft, AWS, Google und den geopolitischen Launen der USA.

Die Rolle von Stadtmagazinen am Beispiel der Darmstädter Fratz & Vorhang Auf | Mit Gast Sandra Russo #9vor9 – Die Digitalthemen der Woche

Stadtmagazine gelten oft als Relikt aus der Print-Vergangenheit – und sind doch vielerorts fester Bestandteil des kulturellen Alltags. In dieser Ausgabe von 9vor9 sprechen wir über die Rolle, Relevanz und Zukunft lokaler Magazine am Beispiel der beiden Darmstädter Titel „Vorhang Auf“ und „Fratz“. Zu Gast ist Sandra Russo, Mitarbeiterin beim Stadt- und Kulturmagazin Vorhang Auf und Herausgeberin des regionalen Familienmagazins Fratz. Gemeinsam besprechen wir, wie Stadtmagazine entstehen, wie sie sich finanzieren, warum sie für Kultur, Community und lokale Identität wichtig sind – und wie das Spannungsfeld zwischen Print und Digital heute konkret aussieht. Es geht um Lokaljournalismus jenseits der Tageszeitung, um kostenlose Magazine, Verteilung, Anzeigenmodelle, Online-Ergänzungen und die Frage, welche Rolle solche Formate künftig noch spielen können. Eine Episode über Nähe, Relevanz und den Wert lokaler Perspektiven – weit über Darmstadt hinaus. fratz, das Familienmagazin für Darmstadt / Südhessen: https://fratz-magazin.de/ Vorhang Auf: https://vorhang-auf.com/ —– Wir freuen uns über Feedback, gerne auch auf Mastodon oder LinkedIn und nun auch auf Threads: Stefan https://mastodon.social/@DigitalNaiv https://bsky.app/profile/digitalnaiv.bsky.social https://www.linkedin.com/in/stefanpfeiffer/ https://www.threads.net/@stefanpfeiffer.blog Lars https://mastodon.social/@larsbas https://bsky.app/profile/larsbas.bsky.social https://www.linkedin.com/in/lars-basche/ https://www.threads.net/@larsbas

Das Kurzvideo zum Thema:

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2 Antworten zu „Microsoft, Souveränität und der Frosch im Lizenzkessel #9vor9”.

  1. Handelsblatt-Artikel vom 8.12.2025: Microsoft hebt Preise für Bürosoftware um bis zu 33 Prozent an – Kaum ein Jahr ohne Preiserhöhung: Microsoft verlangt von Firmen für Programme wie Office mehr. Der Konzern verweist auf neue Funktionen. Experten vermuten dahinter eine bestimmte Strategie. Christof Kerkmann > https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/software-microsoft-hebt-preise-fuer-buerosoftware-um-bis-zu-33-prozent-an-01/100181349.html

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  2. Schleswig-Holstein zeigt der Abhängigkeit von Microsoft die kalte Nordseebrise: Statt Lizenzgebühren fließt Geld jetzt in offene Software und digitale Souveränität. Über 25 000 PCs wechseln zu Open Source – und sparen Millionen. Ein Modell für andere Bundesländer? | heiseonline
    #OpenSource #DigitalSouveränität #Verwaltung

    https://www.heise.de/news/Adieu-Microsoft-Schleswig-Holstein-setzt-auf-Open-Source-und-spart-Millionen-11105389.html

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